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Update: 27.04.2017, 08:08 Uhr

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Private Retter unter Druck




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Von Michael Ortner

  • Immer mehr Flüchtlinge kommen über das Mittelmeer nach Italien. NGOs fühlen sich von der EU im Stich gelassen.

"Ärzte ohne Grenzen" rückte 2016 zu 200 Einsätzen aus. - © MSF

"Ärzte ohne Grenzen" rückte 2016 zu 200 Einsätzen aus. © MSF



Rettungsschiffe von privaten Organisationen wie die "Sea Eye" stoßen an das Ende ihrer Kapazitäten.

Rettungsschiffe von privaten Organisationen wie die "Sea Eye" stoßen an das Ende ihrer Kapazitäten.© reuters/Darrin Zammit Lupi Rettungsschiffe von privaten Organisationen wie die "Sea Eye" stoßen an das Ende ihrer Kapazitäten.© reuters/Darrin Zammit Lupi

Wien. Froschgrün, 26 Meter lang und 60 Jahre alt. So lässt sich die europäische Seenotrettung im April 2017 auch beschreiben. In diesen Tagen nähert sich der ehemalige Fischkutter "Sea Eye" bis auf rund 36 Seemeilen der libyschen Küste. Das Schiff des gleichnamigen deutschen Vereins ist von Malta aus zu seiner vierten Mission aufgebrochen, um in Seenot geratenen Flüchtlingen zu helfen. An Bord: Neun Mann Besatzung, davon ein Arzt, mehrere hundert Rettungswesten, Rettungsinseln, Wasser und Notproviant. Ein mickriges Arsenal für tausende Flüchtlinge, die in überfüllten Schlauchbooten und wackligen Holzkähnen auf das offene Meer geschickt werden.

Laut UN-Flüchtlingshilfswerk sind heuer bis 25. April 44.059 Menschen über das Mittelmeer nach Europa gekommen. Der Großteil von ihnen, 36.000, flüchtete von Libyen nach Italien auf der zentralen Mittelmeerroute. Das sind 43 Prozent mehr Menschen im Vergleich zum Vorjahr, heißt es von der Grenzschutzagentur Frontex. Mehr als 1000 Menschen sind bei ihrer Flucht seit Jahresbeginn ums Leben gekommen.

Ziemlich sicher werden es heuer noch mehr werden. Denn mit der warmen Jahreszeit steigt auch wieder die Zahl der Flüchtlingsboote. Dass sich die Situation bereits jetzt zugespitzt hat, zeigt ein Vorfall am Osterwochenende. Die Schiffe mehrerer Hilfsorganisationen waren mit einer ungewöhnlich hohen Zahl an Flüchtlingsbooten konfrontiert. So auch die "Sea Eye", deren Crew mehr als 80 Stunden im Einsatz und am Ende ihrer Kräfte und Kapazitäten war. Den Notrufen aus der Seenotleitstelle MRCC (Maritime Rescue Coordination Centre) in Rom kam das Schiff kaum noch hinterher.

Grauenhafte Szenen

Im Logbuch schreibt Kapitän Thomas Nuding später: "So kam es zu grauenhaften Szenen, da Menschen neben unseren Schlauchbooten schwammen und panisch schrien, während wir versuchten, Frauen und Kleinkinder an Bord unserer Schlauchboote springen zu lassen und die Menschen im Wasser nicht alle bergen konnten." Zeitweise befanden sich mehr als 280 Menschen an Bord der "Sea Eye", die damit hoffnungslos überladen war. Am Ostermontag musste der Kutter schließlich ein Notsignal absetzen, da sich der Zustand der Flüchtlinge an Bord verschlechterte. Die Retter wurden so selbst zu Geretteten.

Grund dafür ist das Ende der italienischen Seerettungsmission "Mare Nostrum" im Oktober 2014. Seither sind weniger staatliche Rettungsschiffe vor den Gewässern Libyens unterwegs. Die Aufgabe der Erstrettung wird häufig den privaten Organisationen überlassen. "Es sind zu wenige Retter unterwegs. Staatliche Schiffe betreiben keine aktive Suche, denn sie helfen erst, wenn sie gerufen werden", beklagt Hans-Peter Buschheuer, Sprecher des Vereins "Sea Eye" gegenüber der "Wiener Zeitung".

Ganz gleich, wo in internationalen Gewässern ein Boot oder Schiff in Seenot gerät, jedes Schiff ist zur Rettung verpflichtet. "Das wird von den Schleppern ausgenutzt", sagt Völkerrechtler Gerhard Hafner. Davon, dass die Schlepper dies zum Vorteil nutzen, ist auch Frontex-Sprecherin Izabella Cooper überzeugt. Die Behörde hat festgestellt, dass immer mehr Flüchtlinge auf die Boote gequetscht werden. Waren es 2014 noch 90 Personen, so befinden sich heuer fast doppelt so viele auf einem Boot der gleichen Größe. Schlimmer noch: Oft wird ihnen gerade noch so viel Benzin in den Tank gegeben, um libysche Hoheitsgewässer, also alles außerhalb von zwölf Seemeilen, zu verlassen. Außerdem wurden Schlepper beobachtet, die den Flüchtlingskähnen - sobald sie von Rettern entdeckt wurden - den Motor eilig abmontierten. So könnten ihn die Schlepper noch einmal verwenden.

Zwölf private Rettungsschiffe

Während die insgesamt zwölf Rettungsschiffe von privaten Hilfsorganisationen vor allem nahe der libyschen Küste unterwegs sind, wo die meisten Notrufe von Flüchtlingen abgegeben werden, erstreckt sich das Einsatzgebiet von Frontex von Algerien bis zur Türkei über den gesamten Mittelmeerraum. Elf Schiffe, zwei Helikopter und drei Flugzeuge stehen der Mission "Triton", die auf "Mare Nostrum" folgte, zur Verfügung. Neben der Rettung von Flüchtlingen besteht die Hauptaufgabe aber auch in der Grenzsicherung- und Überwachung. Auf Schlepper hat es hingegen die EU-Operation "Sophia" abgesehen, die mit fünf Schiffen und sechs Hubschraubern ausgestattet ist. Ihr Mandat läuft noch bis 27. Juli 2017.

Neben "Sea Eye" hat auch "Ärzte ohne Grenzen" zwei Schiffe im Mittelmeer im Einsatz. Im laufenden Jahr haben beide bisher 6502 Menschen gerettet. "Wir müssen dort präsent sein, wo lebensrettende Hilfe gebraucht wird", sagt "Ärzte ohne Grenzen"-Sprecher Florian Lems. Eigentlich wäre dies die Hauptaufgabe von Frontex und der EU. "Wir haben das Gefühl, dass Frontex nicht dort ist, wo Hilfe gebraucht wird", sagt Lems.

Die Hilfsorganisationen kämpfen indes noch an einer anderen Front. Vor wenigen Tages warf die Staatsanwaltschaft von Catania den Helfern vor, mit libyschen Schleppern zusammenzuarbeiten. "Wir haben Beweise für direkte Kontakte zwischen manchen NGOs und Schleppern aus Libyen", sagte Staatsanwalt Carmelo Zuccaro der italienischen Zeitung "La Stampa". Im Visier der Behörden stehen kleine Organisationen wie die maltesische "Moas" oder der Verein "Sea Eye", nicht jedoch "Ärzte ohne Grenzen" oder "Save the Children". Anschuldigungen wie diese gab es bereits in der Vergangenheit. Neu ist jedoch der Vorwurf, dass die Retter mit Leuchtfeuern auf ihre Boote aufmerksam gemacht haben sollen. Zudem hätte Zuccaro Informationen über Anrufe aus Libyen an die privaten Organisationen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-26 18:30:09
Letzte Änderung am 2017-04-27 08:08:33



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