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Österreichs Jugend ist im Jiu Jitsu Weltklasse – doch eine Lobby fehlt dem nicht-olympischen Sport

Die heimlichen Weltmeister

Roland Riegl (l.) und Sebastian Vosta kämpfen bei der EM um Gold. Foto: E. Riegl

Roland Riegl (l.) und Sebastian Vosta kämpfen bei der EM um Gold. Foto: E. Riegl

Von Elisabeth Corazza

Aufzählung Jiu Jitsu EM ab 29. Mai in Wien.
Aufzählung Kleiner Judo- Bruder ganz groß.

Wien. Sebastian Vosta und Partner Roland Riegl sind ein perfekt eingespieltes Team. Wenn der etwas kleinere 15-jährige Vosta seinem gleichaltrigen Freund mit einem Satz und beiden Beinen an den Hals springt, wehrt dieser in Sekundenschnelle den Angriff ab. Mit einem lauten, grimmigen Aufschrei wird Vosta zu Boden geworfen und knallt auf die harte Matte. Plastikmesser, Stöcke und Fäuste wirbeln durch die Luft und treffen auf den Gegner, der eigentlich der Partner ist. Für die Zuschauer wirkt der Show-Kampf so realistisch wie in einem Krimi.

Österreichs Jugend ist in der Kampfsportart Jiu Jitsu Weltklasse. Für die Europameisterschaft am 29. und 30. Mai in Wien befinden sich die jungen Athleten bereits in Siegeslaune, denn sie haben trotz geringer medialer Aufmerksamkeit und finanzieller Mittel die besten Chancen auf Gold.

In Deutschland ist Jiu Jitsu eine der beliebtesten nicht-olympischen Sportarten. In Österreich findet die aus Japan stammende Kampfsportart meistens nur in Bezirksblättern Erwähnung, wenn die jungen rot-weiß-roten Kämpfer von einem Bewerb irgendwo in der Welt in ihre Heimatgemeinden Gablitz, Pressbaum oder Eichgraben nach Hause kommen – nicht selten mit Welt- und Europameistertiteln.

Jugend auf Goldkurs

"Das, was unsere Schulkameraden im Fußballsport nicht schaffen, haben wir schon mehrfach erreicht. Wir vom Pressbaumer Verein stellen Welt- und Europameister", sagt der Gablitzer Schüler Sebastian Vosta, der gemeinsam mit seinem Kampf-Partner Roland Riegl Samstag und Sonntag im Wiener Dusika-Stadion zum EM-Titelverteidigungskampf in der U18-Klasse antreten wird. "Wir rechnen mit dem ersten Platz, der Goldmedaille", hofft der drahtige Bursche mit wuscheligem Blondschopf und Siegeslaune.

Auch die beiden 19-Jährigen Vera Bichler und Marcus Haider, die Zwillinge Mirnesa und Mirneta Becirovic sowie das Kampfpaar Nikolaus Bichler und Philippe Bleyer gelten in ihren Klassen als Favoriten.

Doch die Lorbeeren wollen hart erkämpft sein. Mindestens dreimal wöchentlich, vor Wettkämpfen fast täglich, trainieren die Mädchen und Burschen in der Turnhalle der Pressbaumer Volksschule unter der Leitung von Nationaltrainer Robert Horak. Vor und bei Meisterschaftskämpfen sind es oft die Eltern wie Eva Riegl, die die meiste Organisationsarbeit leisten und dabei auch finanziellen Aufwand betreiben. Denn finanzstarke Lobby steht in Österreich keine hinter dem Sport.

Wie Dancing Stars

Dabei hat Jiu Jitsu auch in Österreich eine mehr als hundertjährige Tradition. 1905 wurde die japanische Kampfsportart auch hierzulande als Wettkampfsport entdeckt. Heute gibt es bundesweit etwa 6000 Mitglieder in 122 Vereinen und insgesamt 332 Dan-Träger. "Wir sind auf einem guten Weg, neben den populäreren Kampfsportarten wie Karate und Judo einen eigenständigen Platz zu finden. Was mir an Jiu Jitsu so gefällt, ist die Vielfalt und der Selbstverteidigungsaspekt. Wir arbeiten mit Elementen aus verwandten Disziplinen wie Karate, Judo und Aikido. Der Weg zu den Medaillen ist gepflastert mit Training und Disziplin", erklärt die Studentin Vera Bichler.

Am Wochenende entscheiden die fünf Kampfrichter und der Mattenrichter über die Leistungen der Jiu-Jugend aus 25 Nationen im Duo-System. "Beim Wettbewerb kommt es darauf an, wie perfekt die Sportler auf die Anweisungen des Mattenrichters reagieren und den von ihm verlangten Wurf, Griff, Schlag oder Angriff mit einer Waffe ausführen. Es treten jeweils zwei Paare aus unterschiedlichen Ländern gegeneinander an. Etwa 20 Techniken müssen perfekt beherrscht werden. Entscheidend sind Schnelligkeit, Kontrolle und Perfektion", erklärt Eva Riegl. "Wir haben die Würfe und Schläge tausende Male geübt und beherrschen sie wie im Schlaf. Das ist wie Dancing Stars", sagt Vosta.

Jiu Jitsu hat neben Kampfgetümmel und Mattentanz auch profane und alltagstaugliche Aspekte: Viele österreichische Polizeibeamte sind selbst Dan-Träger und trainieren mit der extrem dynamischen Kampfsportart Jiu Jitsu ihre Angriffs- und Selbstverteidigungsstrategien für den Ernstfall. Auch Frauen sollen so Selbstverteidigungsstrategien beigebracht werden und das Selbstbewusstsein stärken.

Ob etwa Vera Bichler ihre Kenntnisse auch schon im Ernstfall anwenden musste? "Wenn man so einen Sport trainiert, bekommt man ein ganz bestimmtes Auftreten, eine Haltung, die signalisiert: ‚Vorsicht, ich bin kein Opfer‘. Damit wird man in der Regel nicht angegriffen. Aus unserer Runde gab es bisher kaum jemanden, der Jiu-Jitsu-Technik außerhalb des Turnsaals anwenden musste – und das ist gut so."



Printausgabe vom Mittwoch, 26. Mai 2010
Online seit: Dienstag, 25. Mai 2010 16:43:00

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