50 Grad Hitze, Wasserknappheit und Krankheit prägen den Alltag in den Flüchtlingslagern der Westsahara
Erholung vom vergessenen Krieg
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Das Lagerleben in der Sahara ist kein Kinderspiel. Foto: „Ferien vom Krieg“
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Von Stefan Melichar

Westsahara-Kinder machen in Österreich "Ferien vom Krieg".

Kein Ende des Territorialkonfliktes in Sicht.
Wien. Mana Abdullah schaut mit großen Augen den Pinguinen im Schönbrunner Tiergarten beim Plantschen zu. Denn Pinguine hat sie noch nie gesehen – daheim in ihrem Flüchtlingslager gibt es keinen Zoo. Und das ist noch das geringste Problem.
Mana ist acht Jahre alt und gerade auf Urlaub in Österreich. Sie ist zum ersten Mal weg von daheim, weg von Afrika, weg aus dem Lager. Karin Scheele organisiert seit 2002 die Aktion "Ferien vom Krieg". Dabei bekommen jeden Sommer zehn Kinder aus dem Gebiet der Westsahara die Möglichkeit, zwei Monate in Österreich zu verbringen. Es ist ein Urlaub von Hitze, Elend und Krankheit.
Mana ist in einem Flüchtlingslager an der Grenze zwischen Algerien und Marokko zur Welt gekommen. Insgesamt leben rund 160.000 Saharauis in fünf solcher Camps. Dies ist das Resultat eines mehr als dreißig Jahre zurückreichenden und noch immer ungelösten Konflikts, der heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist.
Konflikt seit 1975
Im Zuge der Entkolonialisierung trat Spanien 1975 das Gebiet der Westsahara gegen den Willen der dort lebenden Bevölkerung an Marokko ab. In der Folge kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen der saharauischen Unabhängigkeitsbewegung Frente Polisario und der marokkanischen Armee. Viele Saharauis sind nach Algerien geflohen, wo sie seither in Flüchtlingslagern leben. Seit 1991 ist ein Waffenstillstand in Kraft. Ihre "politische Wut" über die "Unfähigkeit der internationalen Gemeinschaft, den Westsaharakonflikt zu lösen", sei auch die Triebfeder ihres Engagements, erklärt Scheele, im Brotberuf übrigens Europaabgeordnete der SPÖ. Ihre 15 bis 20 Mitarbeiter sind ehrenamtlich tätig, was den finanziellen Aufwand der Aktion in Grenzen hält. Die Reisekosten der Kinder von etwa 8000 Euro werden mittels Spenden beglichen.
Nayat Hamdi, die Vertreterin der Frente Polisario in Österreich, begleitet heute die Kinder bei ihrem Ausflug in den Zoo. Für die jungen Urlauber ist es ein spannender Tag, schließlich kennen sie aus dem Lageralltag nur Kamele, Schafe und Ziegen. Die Flüchtlingslager liegen in einem besonders unwirtlichen Gelände. Deshalb wären die Menschen dort von Hilfslieferungen abhängig, erklärt Hamdi.
Leben ohne Perspektive
Hamdi selbst ist Psychologin, arbeitet jedoch wie die meisten gut ausgebildeten jungen Saharauis nicht in ihrem Beruf. Sie ist politisch für ihr Volk tätig. Das große Ziel der Saharauis ist ein eigener Staat. Dies ist laut Hamdi, die einzige Zukunftsperspektive für die Lagerbewohner.
Doch das versteht Mana natürlich alles noch nicht. Ihr gefällt es in Österreich gut. Sie und die anderen Kinder sind neu eingekleidet worden. Angekommen sind die meisten mit nicht viel mehr, als sie auf dem Leib trugen. Und diese Sachen sind abgetragen gewesen und wohl schon von vielen Geschwistern benutzt worden.
Jetzt haben die kleinen Urlauber modische kurze Hosen oder Röckchen und bequeme Sandalen an. Darüber hinaus sind sie in einem heimischen Krankenhaus durchgecheckt worden. "Es geht darum, dass die Kinder nicht auch noch die heißesten Monate des Jahres im Lager verbringen müssen", erläutert Scheele. Das würde auch das Lagerleben entlasten, das von Wasserknappheit geprägt ist. Immerhin kann es im Sommer bis zu 50 Grad heiß werden.
Das Trinkwasser muss zudem in Tankwagen in die Lager gebracht werden, weil das Wasser aus dem Boden salzhaltig ist. Pro Person stünden – laut deutschem Global Aid Network – täglich nur eineinhalb Liter Wasser für Trinken, Kochen und Waschen zur Verfügung. Gerade in der Wüste ist das viel zu wenig.
Sorge um Aggression
Dass "Ferien vom Krieg" aktiv Frieden stiften könne, glaubt die Organisatorin nicht. Auf die Frage, ob man nicht Gäste von beiden Seiten des Konfliktes, also saharauische und marokkanische Kinder einladen könnte, erklärt Scheele, dass das zwar theoretisch denkbar, praktisch aber schwer durchzuführen sei.
Mit Besorgnis nimmt sie die steigende Aggression im marokkanischen Teil der Westsahara wahr. Seit Mai 2005 gibt es dort vermehrt Demonstrationen für die Unabhängigkeit der Region. Gleichzeitig werde auch immer häufiger innerhalb der Frente Polisario eine Rückkehr zum Kampf diskutiert. "Wir werden aber immer von Gewalt abraten", erklärt die Politikerin.
Mana geht bei ihrem Österreichurlaub am liebsten schwimmen. Manchmal hat sie ein bisschen Heimweh, auch wenn sie tapfer ist und nicht weint. In einer Woche wird sie wieder zu Hause sein – bei ihrer Mutter, der Kindergärtnerin, und ihrem Vater, dem "Kämpfer". Aber auch zurück bei Hitze, Elend und Krankheit. Die Blumen und Bäume, die sie im Urlaub gesehen hat, werden angesichts der Realität des Lagers nach und nach aus ihrem Gedächtnis verschwinden. Aber die Erinnerung an den Sommer in Österreich wird bleiben: An den Sommer ohne Krieg.
Zum Thema
Dossier: Konflikt in der Westsahara
Printausgabe vom Donnerstag, 24. August 2006
Update: Donnerstag, 24. August 2006 11:28:00