Die Mailänder Scala drohte einem ihrer größten Fans mit rechtlichen Schritten: Web-Tagebuch unter Beschuss
Die Bloggerin von Mailand oder: Über die Nutzlosigkeit der Vorsicht
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Der italienische Amtsschimmel reitet: Die Scala piesackt eine Bloggerin mit juristischen Mitteln. Foto: epa/Emmevi
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Von Stephan Burianek

Mailänder Scala kämpft gegen einen Fan des Hauses im Internet.

Blog berge Verwechslungsgefahr mit Scala-Homepage.
Mailand. Die Anzahl privater Internet-Tagebücher ist durch explosionsartige Verbreitung längst unüberschaubar geworden. Dennoch verfügen einige dieser Weblogs (kurz "Blogs") mittlerweile über Leserkreise, die den Vergleich mit etablierten Medien nicht zu scheuen brauchen.
Ähnlich verhält es sich mit dem Blog von "Opera Chic" (kurz "OC"). Hinter dem Internet-Pseudonym verbirgt sich eine in Mailand lebende Kunststudentin (28) aus den USA, die ihren bürgerlichen Namen geheim halten möchte. Sie gründete den Blog gerade einmal vor sieben Monaten und kann nach dieser kurzen Zeit auf eine beeindruckende internationale Lesergemeinschaft verweisen.
"Wappenähnlichkeit"
Als zahlende Besucherin schreibt sie über nahezu alle Veranstaltungen an der Mailänder Scala. Neben diesen Erlebnisberichten versorgte sie ihre Leser bislang auch mit Bildern, die die Opernfreundin im Inneren des altehrwürdigen Piermarini-Baus aufgenommen hat.
Im Gegensatz zu anderen Kulturinstitutionen, die die kostenlosen Blogs längst als willkommenes neues Marketinginstrument erkannt haben und fördern, reagierte die Mailänder Scala gar nicht "lieto". Vor zwei Wochen erhielt OC einen Brief der Scala-internen Rechtsabteilung, in dem ihr mit einer Unterlassungsklage gedroht wurde.
Der Grund: ihr Blog-Logo sähe jenem der Mailänder Scala zu ähnlich, Benützer könnten ihre Seite mit der offiziellen Scala-Homepage verwechseln. Auf besagtem Blogger-Logo prangte unter dem Scala-Wappen in Riesenlettern der Schriftzug "Opera Chic", und darunter: "I’m a young American woman who lives in Milan".
Auch Bilder müssen fort
Das Logo wurde – trotz augenscheinlich niedriger Verwechslungsgefahr – sofort geändert. Aber die Rechtsabteilung verlangte noch mehr: alle Bilder, die im Gebäude aufgenommen wurden, mussten gelöscht werden. Im Gebäudeinneren gilt schließlich striktes Fotografierverbot. Wie sinnvoll und exekutierbar diese Regelung in einer Zeit ist, in der fast jeder Opernbesucher den Fotoapparat automatisch in seinem Mobiltelefon integriert hat, sei dahingestellt.
Nur am Rande sei hier erwähnt, dass offenbar nirgendwo in der Stadt Mailand – nicht einmal in der Scala selbst – Postkarten mit einem Bild des Auditoriums zu kaufen sind – und sich Opernbesucher damit unweigerlich die Frage stellen, wessen Copyright hier eigentlich geschützt werden soll.
Ausschlaggebend für das harte Vorgehen des italienischen Opernhauses mag die eine oder andere heftige Formulierung gewesen sein, mittels derer OC häufig ihre zutiefst subjektive Sichtweise darlegt.
Harte Kritik als Grund?
So erklärte sie ihren Blog etwa zur "Harnoncourt-freien Zone" (mit dem Verweis auf dessen Interpretation von Mozarts Opern) oder ritt regelmäßige Angriffe gegen das streitbare Sänger-Duo Angela Gheorghiu und Roberto Alagna. Eines ist in der Debatte klar: wer Texte und Bilder im Internet öffentlich zugänglich macht, ist den gleichen Regeln wie etablierte Printmedien unterworfen.
Doch die Juristen der Scala zwangen OC, auch jene Bilder verschwinden zu lassen, die von der Presseabteilung zu Werbezwecken kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Womit sich manche bereits fragen dürften: Wer rettet das Scala-Management eigentlich vor sich selbst?
Weblog unter http://operachic.typepad.com
Printausgabe vom Mittwoch, 20. Juni 2007
Update: Mittwoch, 20. Juni 2007 10:37:00