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Halbkonzertante Premiere an der Staatsoper

Faust unter schlechtem Stern

Von Georg Leyrer / WZ Online / APA

Die erste Premiere der Staatsopern-Saison, Gounods "Faust", stand wahrlich unter keinem guten Stern: Regisseur Nicolas Joel ist schwer erkrankt, sein szenisches Konzept hat sein Assistent Stephane Roche umgesetzt. Und Kristina Siegel musste die Entwürfe des verstorbenen Ausstatters Andreas Reinhardt verwirklichen. Auf die Bühne kam eine Inszenierung, die die Narben ihrer überaus problematischen Entstehung sichtbar trägt.

Doch die schattenreiche szenische Umsetzung war in musikalisches Licht getaucht: Dirigent Bertrand de Billy und das Staatsopernorchester faszinierten mit einer Überfülle an Wohlklang, und als Faust und Marguerite stand mit Roberto Alagna und Angela Gheorghiu ein Ausnahmepaar auf der Bühne. Ein gemischter Abend.

Fast könnte man meinen, die streckenweise fahle Beleuchtung solle verstecken, was auf der Bühne passiert. Vor eher minimalistischen Bildern - zentral waren überdimensionale Kuben, die momentweise geschickte Raumlösungen boten - schnurrte eine Aufführung ab, die kaum Anhaltspunkte für das Auge lieferte und wegen der Genese der Inszenierung schwierig zu kritisieren ist.

Man lernte: An Mephistos Walpurgisnacht dürfen nur diejenigen teilnehmen, die bei der "Rocky Horror Show" wegen zu geringer Schrägheit nicht genommen worden sind (und man weiß nicht so recht, ob die auf- und abfahrenden Galgen mit aufgehängten Puppen lustig oder ernst gemeint waren). Sonst war kaum was da: Eine Parkbank, eine Orgel, eine Flugmaschine - und Sänger, die sich oft in dieser Leere verloren. Was auf der Bühne szenisch passierte, war nur begrenzt staatsoperntauglich.

Man soll es aber auch nicht überbewerten: Dass kaum so etwas wie eine Regie zu spüren gewesen ist, ist dem Staatsopernpublikum herzlich egal. Vor allem weil das, was letztendlich großteils mit dem Gestus einer halbkonzertanten Aufführung auf die Bühne kam, nicht vom Musikalischen ablenkte. Und bei Sängern und Orchester blieben kaum Wünsche offen - einzig und ausgerechnet Gheorghiu sang in der zentralen Rolle des Werkes unter den Erwartungen. So sehr sie in jenen Momenten strahlte, wo die Marguerite ins emotionale Extrem kippt und damit die Stimme Gheorghius sich als Zentrum des Geschehens freisingen konnte, musste man an anderen, weniger prominenten Stellen die Ohren ordentlich spitzen: Die rumänische Sopranistin, auf deren Wunsch in der Premierenspielserie das Duett mit Siebel (Michaela Selinger) weggelassen wurde, war teilweise stimmlich auf Standby.

Ihr Ehemann abseits bzw. Verführer auf der Bühne, Roberto Alagna, erfüllte die hohen Erwartungen an die Traumbesetzung durchgängiger: Er bot Schmelz und Schmerz, Strahlen und traumhafte Stimmkontrolle und erntete ausführlichen Jubel. Und de Billy, ein intimer Kenner dieser Oper, hat die schwere Last geschultert, die Produktion in Eigenregie zu retten. Was auf der Bühne fehlte, kam aus den Graben: Ein reiches Bilderwerk an Leidenschaften und Liebeszauber, volle Farbschattierungen und dramatische Ausbrüche. Und de Billy stand ein hochkonzentriertes Orchester gegenüber, das wohl ebenso wusste, dass die Premiere an der Kippe steht, wenn die musikalische Umsetzung nicht passt: ein Vorzeigeabend für das Staatsopernorchester.

Und auch für das Sängerteam: Adrian Eröd, der den ursprünglich vorgesehenen Boaz Daniel als Valentin ersetzte, war schlichtweg großartig, seine Sterbeszene der berührendste Moment des ganzen Abends. Kwangchul Youn war ein stimmlich starker Mephistopheles, dessen Darstellung aber unter den Beschränkungen von Gounods Sicht des teuflischen Gegenspielers von Faust litt: Mehr Taschenspieler als geistiges Schwergewicht, mehr Komödiant als Verführer ist dieser Mephistopheles, aber Youn fand keinen Weg, dieser Sicht Form zu geben. Wie überhaupt die Personenführung des ganzen Abends zu kurz kam.

Und so ignorierte das Publikum ein Abschlussbild, das in anderen Zusammenhängen als im Opernkontext durchaus kontroversiell angesehen werden hätte können (Marguerite steht zur musikalischen Beschwörung des wiederauferstandenen Jesus selbst in Erlöserpose da). Wohlwollend ignoriert wurde im Schlussapplaus auch das Team, das die Ideen von Regisseur und Ausstatter auf die Bühne gebracht hat. Dafür umso heftigerer Jubel für de Billy, Alagna und auch Gheorghiu.

"Faust" von Charles Gounod

Aufzählung Inszenierung: Stephane Roche nach einem szenischen Konzept von Nicolas Joel
Aufzählung Musikalische Leitung: Betrand de Billy
Aufzählung Mit: Roberto Alagna (Faust), Angela Gheorghiu (Marguerite), Kwangchul Youn (Mephistoheles), Adrian Eröd (Valentin)
Aufzählung Weitere Aufführungen an der Wiener Staatsoper: 14., 17., 20., 23., 26. 10.

Sonntag, 12. Oktober 2008 11:26:29

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