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Erstmals ist Richard Wagners "Ring des Nibelungen" in Los Angeles zu sehen, Regie führt Achim Freyer

Auf die Bühne gemalte Opernbilder

Mehr als nur originelle Kostüme: Bei "Rheingold" verbergen sich die Sänger in der Regie von Achim Freyer hinter lebensgroßen Figurinen-Schablonen. Foto: LA Opera/Monika Rittershaus

Mehr als nur originelle Kostüme: Bei "Rheingold" verbergen sich die Sänger in der Regie von Achim Freyer hinter lebensgroßen Figurinen-Schablonen. Foto: LA Opera/Monika Rittershaus

Von Stephan Burianek

Aufzählung Da soll noch einmal jemand behaupten, dass sich in Los Angeles alles um den Film dreht: Mehr als 100 Museen, Galerien und Bildungsinstitute widmen sich derzeit im Rahmen des "LA Ring Festivals" dem Schaffen von Richard Wagner, wobei die daraus erwachsenen Symposien und Ausstellungen thematisch weit gefasst sind.

Da auch Gastronomiebetriebe in das Festival eingebunden sind, können Wagner-Fans vor dem Dorothy Chandler Pavilion, dem Sitz der LA Opera, bei bayerischem (nein, nicht fränkischem) Weißbier in Stimmung kommen, bevor sie sich in die Klangwelten des "Rings des Nibelungen" begeben. Beachtlich viele Besucher zogen es während des ersten von drei Zyklen vor, die jeweiligen Einführungsvorträge zu besuchen. Mehr als 1000 Zuhörer hatte der Dirigent James Conlon an jedem der vier Abende, als das gespannte Publikum mit Tonbeispielen in die kurz darauf folgende Handlung einführte.

Stückweise in zwei Saisonen aus der Taufe gehoben

Wie international üblich, waren die Teile des "Rings" im Laufe von zwei Saisonen stückweise aus der Taufe gehoben worden. Für die szenische Realisierung zeichnet der in Europa von vielen bereits in Pension geglaubte Regie-Altmeister Achim Freyer verantwortlich. Was in Los Angeles für Kontroversen sorgte, würden einige Wagnerianer in Europa gerne sehen, nämlich eine Handlung nahe am Text und frei von gesellschaftspolitischen Fragestellungen, intellektuellen Neudeutungen und psychologischer Durchleuchtung.

Die Kraft von Freyers Inszenierungen liegt stets in den intensiven Bildern, die der bildende Künstler auf die Bühne zu "malen" versteht. Die Sänger freut das freilich wenig, denn ihnen bleibt hinter Schwellköpfen oder sonstigen Masken nur wenig mimischer Spielraum. Der stark abgeschrägte Bühnenboden stellt zudem ihren Gleichgewichtssinn auf die Probe. Glücklicherweise stellt ihnen Freyer rettende Plattformen zur Verfügung, auf denen sie sich von ihren Spaziergängen erholen können.

In den ersten beiden Teilen des "Rings" – also im "Rheingold" und in der "Walküre" – übernehmen Doppelgänger auf der mittigen Drehbühne mittels bühnenwirksamer Choreographien weite Teile des Handlungsverlaufs, während sich die Sänger hinter lebensgroßen wie kopflosen Figurinen-Schablonen verbergen. Faszinierend sind nicht nur die höchst originellen Kostüme, sondern auch die wunderbare Mischung aus simplen theatralischen Bildvorgängen und modernster Technik. Puppen sind in dieser Hinsicht Freyers große Leidenschaft: Auf Fäden lässt er sie Steigleitern erklimmen, und Alberich schrumpft er zu Loges Handpuppe. Der Humor bleibt bei alledem nicht auf der Strecke. Den vermeintlich fürchterlichen Drachen in "Siegfried" würde man nur allzu gerne kuscheln.

Das Bild steht bei Freyer ganz klar über dem Ton

Bei aller Bilderpracht ist Freyer auch ein Meister der Abstraktion: Leuchtende Leuchtstoffröhren ersetzen nicht nur Schwerter und Speere, sondern thematisieren auch die zeitlichen Dimensionen des Werks. Freyer stellt im wahrsten Sinne des Wortes das Bild über den Ton, denn der Orchestergraben ragt unter die Bühne hinein und ist großteils durch schwarze Tücher abgedeckt. Dies soll angeblich weniger als Referenz zu Bayreuth verstanden werden als vielmehr verhindern, dass Licht aus dem Orchestergraben auf die Gaze fällt, die das Bühnengeschehen leicht diffus erscheinen lässt und darüber hinaus Projektionen ermöglicht. Regelmäßig zerbricht auf ihr das spiralenförmige Ring-Symbol.

Dies geschieht zumeist beim Entsagungsmotiv, das von einem höchst motivierten Orchester unter der Leitung von Musikchef James Conlon intoniert wird. Es wäre unfair, dieses Orchester, dessen Mitglieder in der Zeit außerhalb ihres Opernengagements mit der Einspielung von Filmmusik beschäftigt sind, mit Wiener oder Bayreuther Verhältnissen zu vergleichen. Und dennoch ist beachtlich, welch präzise spielenden Klangkörper Conlon in den letzten Jahren zu formen imstande war, sieht man von einem missglückten ersten "Walküre"-Akt ab. Mit der "Götterdämmerung" pochte das Orchester schließlich intensiv und vielschichtig an die Pforte der Weltklasse.

Untergang der Götter und ein mächtiges Schlussbild

Davon waren auch die Sänger nicht weit entfernt. Aus einer verlässlichen Besetzung ragte der herrlich breit-düstere Vitalij
Kowaljow (Wotan) ebenso hervor wie der nicht nur darstellerisch mitreißende Arnold Bezuyen (Loge) und der auffallend energische Eric Halfvarson (Hagen). Der größte Jubel wurde zweifelsohne dem Hausherrn Placido Domingo (Siegmund) zuteil, der trotz seiner kürzlichen Operation neben Michelle DeYoung (Sieglinde) eine gute Figur machte. Souverän wenngleich unter ihren Möglichkeiten sang Linda Watson (Brünnhilde), während ihr Bühnen-Liebhaber John Treleaven (Siegfried) den hohen Erwartungen nicht gerecht wurde.

So mancher wünschte sich nach dem Untergang der Götter einen Neubeginn. Allein das märchenhafte Schlussbild der "Walküre" samt Feuerzauber lohnt einen Flug nach Los Angeles.

Aufzählung Oper

Der Rind des Nibelungen
Von Richard Wagner
Joachim Freyer (Regie)
James Colon (Dirigent)
Mit Placido Domingo, Linda Watson, Michelle DeYoung u. a.
Los Angeles Opera
http://www.laopera.com
Wh. 8. bis 16. Juni; 18. bis 26. Juni



Printausgabe vom Mittwoch, 09. Juni 2010
Online seit: Dienstag, 08. Juni 2010 16:10:00

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