Starres Licht
Von Helene Kurz
Zustand: Verzweifelte Absurdität. Diagnose: Pathologische Trauer. Das Studierende-Theater macht sich im "dietheater Künstlerhaus" auf die Reise durch eine zersplitterte Seele.
Das Stück "4.48 Psychose" der englischen Dramatikerin Sarah Kane ist eine Aneinanderreihung von Wortketten und Monologen. Unterschiedliche Textbruchstücke sind darin hart aneinandergesetzt: Tagebuchartige Zustandsbeschreibungen, nüchterne Auflistungen von Psychopharmaka, wütende Anklagereden gegen diese deprimierende Welt und gegen das eigene Ich. Das ist der Rhythmus des Wahnsinns.
Mit beeindruckender formaler Konsequenz hat Regisseurin Carina Riedl die Textfragmente inszeniert und drei Figuren aus dem Textwust gefiltert, die sich in und über einem weißen Guckkasten bewegen. Sie werfen ihre Sätze in den Raum, tasten sich in synchronen Bewegungen vorwärts. Die beiden Frauenfiguren (Sophie Prusa und Sophie Zwölfer) liefern einen packenden Spiegel des inneren Chaos: Zerrissen, zerfetzt, zerfleddert, zerbombt.
Das minimalistische Bühnenbild (Maria Pavlova) und die gezielte Beleuchtung (Robert Hirner) unterstützen das Gefühl von Depression und Schmerz.
Die Inszenierung geht einem nicht mehr aus dem Kopf. Jeder findet ein Stück von sich selbst darin wieder. Vor allem mit den beiden Frauenfiguren kann sich das Publikum identifiezieren.
4.48 Uhr ist jene Zeit zwischen Nacht und Morgen, in der man, von Medikamenten unbeeinflusst, zum klaren Denken fähig ist. Gleichzeitig wohnt diesem Augenblick ein großer psychotischer Anteil inne, es ist "ein Moment von Klarheit vor der ewigen Nacht". Um diese Zeit geschehen auch die meisten Selbstmorde: "Luke öffnet sich, starres Licht." Vorhang auf. Aus.
Was Wer Wo Wie
4.48 Psychose (Drama von Sarah Kane, 1999)
Carina Riedl (Regie)
Sophie Prusa, Sophie Zwölfer, Martin Thomas Pesl
Wh.: 18., 19. November
dietheater Künstlerhaus
01/587 05 04
Packend.
Freitag, 18. November 2005 17:06:37
Update: Freitag, 18. November 2005 17:16:00