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Europäische Normen zur Erdbebensicherheit bremsen Dachboden-Ausbau

Stadtverdichtung ohne Klotz am Dach

Zwei drückende Dachgeschoße in der Favoritenstraße. Foto: Hans Haider

Zwei drückende Dachgeschoße in der Favoritenstraße. Foto: Hans Haider

Von Hans Haider

Aufzählung Wer in Wiens Straßen steil nach oben schaut, kann über historistischen Fassaden neue architektonische Spitzenlösungen entdecken – so in der Praterstraße stadtauswärts rechts in der Mitte und am Eck Getreidemarkt-Mariahilferstraße. Oft wurde jedoch in den Dachzonen auf Teufel komm raus Volumen geschunden. Die Beatrixgasse überragt ein viergeschoßiger Dachbodenausbau. Nun endlich ist aus der Wiener Dachboden-Blase die Pressluft heraußen. Grobe, unproportionierte, hybride Aufbauten auf Gründerzeithäusern sind passé. Seit Frühjahr 2008 heißt Favorit "Dachboden light".

Die Vereinheitlichung von Baunormen in Europa erzwang eine genauere Beachtung der Erdbebensicherheit. "Light" bedeutet Leichtbauweise und maximal zwei Etagen, wobei die obere nur die Hälfte der Wohnfläche der unteren und das Dach einen Neigungswinkel von 45 Grad haben soll. Die Baupolizei schluckt jedoch auch phantasievoll-asymmetrische Varianten dieser Norm als "unmaßgebliche Änderung". Für den "Dachboden light" genügt, dass sich die statischen Verhältnisse nicht verschlechtern. Wer mehr oder schwerer ausbaut, braucht jedoch eine statische Durchrechnung des ganzen Hauses und muss die Dachbodenlast bis auf das Fundament hinunter abstützen. Das ist teuer und in bewohnten Häusern den Mietern kaum zumutbar. Die Regel, kurz gefasst: Die Statik im zusätzlich belasteten Altbau muss dasselbe leisten wie in einem totalen Neubau.

Der "Dachboden light" ist ein Kompromiss, zu dem Behörden, Kammern und Wissenschafter sich zusammengerauft haben. Er genügt der Wiener Politik. Denn damit ist die "Stadtverdichtung" in Gang gehalten, welche Wohnraum schafft ohne neue Infrastruktur, wie sie der Siedlungsbau an den Stadträndern erfordert. Bewohnte Dachzonen schaffen mehr Stadt, wo sie schon vorhanden ist. Und manche dringend nötige Sanierung des Altbestands könnte ein Hausbesitzer nicht finanzieren ohne den Verkauf seines Dachbodens an einen Verwerter.

Viele Wohnhäuser entsprechen nicht

Wie lange aber werden die Gründerzeithäuser mit ihrem Ziegelmauerwerk, ihren Tram- und Dippelbaumdecken halten? Heutiges Bauen ist auf eine Nutzung von nur 50 Jahren ausgerichtet. 1880 bis 1918 wurden viele Spekulationsobjekte billig gebaut und an der damals schon respektablen Bauordnung vorbei. Der Festigkeit von Mörtel kann heute nicht vertraut werden, weil oft beim Kalk gespart wurde. Die Fachkompetenz ist in der TU Wien im Institut für Hochbau und Technologie konzentriert – bei Professor Andreas Kolbitsch, welcher in diesem Jahrzehnte währenden Normen-Vereinheitlichungsprozess Alfred Pauser abgelöst hat. Laut "Eurocode 8" müssen 475 Jahre zurück alle markanten Erdbeben in die lokale Norm hineingerechnet werden. Beim schwersten ("Neulengbacher Erdbeben") stürzten am 15. September 1590 die Türme der Minoriten- und Schottenkirche zum Teil ein, es entsprach 6,0 auf der Richter-Skala.

Runde 30 Prozent der Wiener Wohnhäuser entsprechen nicht dem unter österreichischer Beteiligung festgeschriebenen "Eurocode 8". Eine Zeitbombe tickt. Bauträger, Bauobjektsentwickler sehen sich in ihren ökonomischen Perspektiven plötzlich beschränkt. Zum Beispiel weil sie vor Jahren ein Wohnhaus gekauft haben und einen Dachausbau vorbereitet haben.

Ziviltechniker tragen volle Verantwortung

Die Baupolizei bewilligte zwar das Projekt, doch für die Einhaltung der Erdbebennormen müssen die planenden Architekt oder Ziviltechniker gradestehen. Ihnen sind in einem Merkblatt vom 31. März 2008 die Pflichten genau vorgeschrieben. Dagegen laufen nun die Bauträger Sturm. Ihr Sprecher, Hans Jörg Ulreich, grantelte in einer Gratiszeitung: "Das ist überschießende Vorsicht der Baupolizei. Denn der EU ist der Wiener Dachbodenausbau blunzen." Ulreich saß am Verhandlungstisch, als "Eurocode 8" für Wien adaptiert wurde. Er behauptet, 400 Dachbodenausbauten seien in Wien derzeit blockiert.

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Vier Etagen mehr in der Beatrixgasse. Foto: Hans Haider

Der Konflikt Schönheit vs. Sicherheit vs. ökonomischer Nutzen ist schwer auflösbar. Wo Dachböden ausgebaut werden, will die Immobilienbranche möglichst viele vermietbare Quadratmeter gewinnen. Darum bekommen wohlgeordnete Gründerzeit-Fassaden zumeist plumpe Formen und Materialien auf ihr krönendes Gesims gedrückt. Das Neue "erschlägt" optisch das Alte.

Städtische Förderungsgelder haben den Dachbodenausbau beschleunigt und zu einem guten Geschäft gemacht. Ist über den Dachbodenausbau nicht Kassa zu machen, werden für Altbauten in

Ensembleschutzzonen Abbruch-Anträge gestellt mit Berufung auf technische Mängel oder wirtschaftliche Gründe, die einer Sanierung zuwiderlaufen.

Technisch lässt sich jeder Altbau sanieren, etwa indem Betonsäulen in den Ziegelmauern versteckt werden. Ein solcher Aufwand ist wohl nur für besondere Baudenkmale vertretbar. Das billig seriell

gebaute Gründerzeit-Wien an beiden Seiten des Gürtels wird langfristig ersetzt werden müssen. Wien wird anders.

Printausgabe vom Freitag, 06. November 2009
Online seit: Donnerstag, 05. November 2009 16:24:00

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