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Was gute literarische Titel ausmacht, wie diese zustande kommen und wer dabei ein Wörtchen mitzureden hat

Die Suche nach dem idealen Titel

Jede Menge Titel buhlen um Aufmerksamkeit – doch welcher macht schließlich neugierig?  Foto: dpa/Boris Roessler

Jede Menge Titel buhlen um Aufmerksamkeit – doch welcher macht schließlich neugierig? Foto: dpa/Boris Roessler

Von Klaus Huhold

Aufzählung Franzobel: "Titel soll süßes Konzentrat vom Text sein."
Aufzählung Amanshauser: "Bin froh, wenn der Lektor eingreift."

Wien. So manch ein literarischer Titel kann Rätsel aufgeben: Die Leser von Bohumil Hrabals Erzählung "Tanzstunden für Erwachsene und Fortgeschrittene" fragten sich etwa, wo denn diese Tanzstunden vorkommen. Doch irgendwann löste der tschechische Autor das Rätsel auf, berichtet sein Übersetzer Franz Peter Künzel in einem Text. Hrabal erzählte, dass er die Passage, die sich auf den Titel bezog, auf Anraten des Lektors aus dem Buch gestrichen hatte, und schließlich vergaßen Lektor, Korrektor und Autor, den Titel zu ändern.

Durch Zufall wurde somit eine der Binsenweisheiten der Titelvergabe unterlaufen: Dass der Titel Bezug zum Text haben soll. Doch was macht einen Titel zu einem guten? "Er soll wie ein Konfekt, wie ein süßes Konzentrat vom Text sein, das neugierig macht", meint der Schriftsteller Franzobel.

Der Programmleiter für deutschsprachige Literatur beim S. Fischer Verlag, Oliver Vogel, nennt ein weiteres spezielles Kriterium, das seiner Ansicht nach auf literarische Titel zutreffen sollte: Diese können ruhig ein wenig geheimnisvoll sein. Als Beispiel nennt er "Pazifik Exil" von Michael Lentz. Pazifik assoziiere man nicht mit Exil. Das Geheimnis verberge sich in der Sekunde, die man braucht, um über die ungewöhnliche Wortkombination nachzudenken. "Das reicht schon, um auf den Titel neugierig zu machen."

Doch bis der ideale Titel gefunden ist, kann der Weg ein mühsamer sein: Im Idealfall bringt zwar der Autor einen Vorschlag, den der Verlag sofort akzeptiert. "Doch es passiert auch, dass der Autor selbst nicht genau weiß, was er möchte", berichtet die Leiterin des Deuticke Verlages, Martina Schmidt.

Marketingabteilung nimmt Einfluss

Daraufhin mache der Autor gewöhnlich mehrere Vorschläge, über die dann beraten werde. Ein gewichtiges Wort haben dabei auch die Marketingabteilung und die Vertreter mitzureden. Würden diese Einwände gegen einen Titel vorbringen, werde dieser in 90 Prozent der Fälle zurückgezogen, berichtet Schmidt.

Zudem kann es passieren, dass der Verlag mit dem Vorschlag des Autors nicht ganz einverstanden ist. So erzählt der Schriftsteller Martin Amanshauser, dass er eines seiner Bücher eigentlich "Vorletztes Jahr war alles so einfach" nennen wollte. Dann kam vom Verlag der Vorschlag "Chicken Christl". Am Anfang habe er noch gedacht, dass der Titel wie ein Witz klinge, zudem beziehe er sich nicht einmal auf eine Hauptfigur, erzählt Amanshauser. Es sei viel diskutiert worden, und schließlich konnte er sich mit "Chicken Christl" anfreunden. Man müsse sich von den eigenen Ideen auch trennen können, sagt Amanshauser. Und generell sei er froh, "wenn der Lektor eingreift, der denkt sich ja etwas dabei".

Ob es aber nicht leichter sei, als arrivierter Autor seine eigenen Vorstellungen durchzusetzen? Dieser Frage liegt laut Amanshauser, der bisher bei Deuticke und dem Christian Brandstätter Verlag publizierte, eine falsche Vorstellung zugrunde. Nämlich die vom jungen Autor als Individualgenie, das plötzlich dem "bösen kapitalistischen Betrieb gegenüber steht". Doch dem sei nicht so – der Verlag treffe seine Entscheidungen nicht im Geheimen oder am Autor vorbei.

Konflikt zwischen Bernhard und Unseld

Außerdem gilt mehreren arrivierten Literaturverlagen zufolge eine Faustregel: Es gibt keinen Titel gegen den Willen des Autors.

Dies kann durchaus zu Konflikten führen. So erzählt der Cheflektor des Suhrkamp Verlages, Raimund Fellinger, dass sich der ehemalige Verleger Siegfried Unseld gegen den Titel "Verstörung" von Thomas Bernhard ausgesprochen habe. Unseld meinte, der Titel sei zu düster, würde abschrecken, der Autor bestand trotzdem darauf. Schließlich verkaufte sich das Buch bei seinem Erscheinen tatsächlich nicht sonderlich gut, weshalb Bernhard dem Verlag Vorwürfe machte . . .

Doch generell könne der Titel es einem Buch nur leichter oder schwerer machen, er sei aber nicht entscheidend für den Erfolg, erklärt Vogel. Auf die Frage, was dann entscheidend sei, gibt er die denkbar einfachste Antwort: "Das Buch. So platt es klingen mag, ein schlechtes Buch verkauft sich nicht."

Printausgabe vom Samstag, 26. April 2008
Online seit: Freitag, 25. April 2008 17:16:26

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