Weblogger können das Geschehen in der Welt beleuchten - oder sich selbst ins Rampenlicht stellen
Tagebuch im Internet
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Weblogs: Himbeersoda, Politik und Tsunami. illuscope
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Von Konstanze Walther

"Journalismus von unten" und Alltagsgeschichten.

Firmen wollen sich transparent geben.
Wien. Montags gebackene Hühnerkeule mit Erdäpfelsalat, dienstags Käsebrote und ein Schokoriegel, am Donnerstag Selchfleischknödel mit Sauerkraut und Himbeersoda. "Matla" schreibt täglich über sein Mittagessen, nachzulesen ist sein Menü unter http://mittagessen.viennablog.at. Das Thema mag orchideenhaft sein, die Wahl des Mediums ist es nicht: Immer mehr Menschen bloggen im Internet, wobei sich Inhalte und Qualität von Blog zu Blog stark unterscheiden. Bei aller Verschiedenheit lassen sich grob zwei Gruppen von Weblogs einteilen: Persönliche Berichte, gleichsam ein Ersatz für das altbekannte Tagebuch – mit dem großen Unterschied, dass sie von Fremden gelesen werden sollen – und Berichte über öffentliche Themen.
In den USA machen letztere immer mehr den herkömmlichen Medien Konkurrenz, da sie durch ihre ungefilterte Information eine Alternative zu den Meinungen innerhalb der Medienkartelle sind. Skeptiker warnen allerdings: Blogs könnten ungeprüft falsche Fakten wiedergeben, die sich dann wie ein Lauffeuer im Netz ausbreiten.
Allerdings übernehmen Journalisten oft auch Inhalte oder Ideen aus Weblogs: Besonders dankbar war man über Blogs mit Augenzeugenberichten bei der Tsunami-Katastrophe oder nach dem Hurrikan Katrina aus dem überflutenen New Orleans. Damals schrieben viele "normale" Bürger Erlebtes in ihr Blog und stellten Fotos dazu. Im Großraum New Orleans ansässige Blogger mutierten nicht nur zu Katastrophen-Reportern, sie organisierten auch die Suche nach Vermissten und Hilfsmaßnahmen. Die traditionellen Medien verwerteten das Material.
Wechselbeziehung
Dan Gillmore (http://bayosphere.com/blog/dangillmore), Kolumnist bei den "San Jose Mercury News", sieht zwischen Weblogs und Journalismus die Chancen einer symbiotischen Wechselbeziehung. Er verlinkt sein Blog mit Zeitungsartikeln, schreibt seine Meinung zur US-Tagespolitik und forderte im Eintrag vom 11. Jänner einen verbreiteten "Bürgerjournalismus": Wenn Veranstaltungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit (der Medien) abgehalten werden, so sollten doch die Teilnehmer selbst darüber berichten. Sogar Unternehmen nützen Blogs, um ein positives Image und Transparenz zu vermitteln. IBM hat seine Mitarbeiter aufgefordert, Blogs zu führen. Gleiches tun Microsoft und Sun.
Viele Blogger führen aber ganz einfach Tagebuch über Details aus dem private Leben: Nadja (http://alltagsgschichten.viennablog.at) tippt in ihrer Mittagspause über das Ende von Beziehungen oder Blind-Date-Erfahrungen. Thomas (http://atnonik.viennablog.at.) schreibt täglich über seine Hepatitis-C-Therapie. "Früher berichtete ich darüber nur in einem Motorrad-Forum. Da das aber nicht für jedermann einsehbar war, und viele Freunde von mir über den Erfolg der Therapie auf dem Laufenden gehalten werden wollten, habe ich mich entschieden, das Ganze öffentlich zu machen", erzählt er über seine Beweggründe.
Keine Vereinsamung
Barbara O. (http://rosabrille.viennablog.at) wiederum hat einen "journalistischen Anspruch" und ruft zur feministischen Weltverbesserung auf. "Ich weiß allerdings, dass ich meine Gedanken in der Form nie in einer Zeitung bringen könnte", sagt sie. Denn das von ihr Besprochene sei "bestenfalls ein Randthema in normalen Medien". Angetrieben von ihrem "absoluten missionarischen Eifer" suchte sie nach einer Plattform, um ihre Theorien über den Unterschied Mann/Frau in die Welt hinauszutragen. Barbara wurde im Internet fündig.
"Das Web ist in dieser Hinsicht einzigartig", analysiert der Wiener Experte Thomas N. Burg. Denn statt zur Vereinsamung vor dem Computer, wie sie vor einigen Jahren befürchtet wurde, komme es zu einer Vernetzung von Menschen, die sonst mit ihrer Meinung allein wären. Burg: "Wenn es weltweit sieben Gleichgesinnte gibt, finden die sich übers Internet."
Blogs: Gemeinsam ist nur der „Zugang zum Web“
(wak) Die unendlichen Weiten und unzensierten Nischen des Internets bieten jedermann die Möglichkeit öffentlich und ungebremst seine Meinung kundzutun. Eine inzwischen schon fast traditionelle Methode dafür ist das „Weblog“ (der Name entstand aus der Verschmelzung der Worte „Web“ und „Logbuch“) oder auch nur „Blog“ genannt, dessen Erstellung dank spezieller Software einfach und unproblematisch ist.
„Inzwischen gibt es wohl 50 Millionen Blogs, wenn man die unlesbaren chinesischen mitzählt“, schätzt der Wiener Thomas N. Burg, selbst begeisterter Weblogger (http://randgaenge.net) und seit 2003 Ausrichter von internationalen Jahrestreffen der Blog-Gemeinschaft. „Viele werden allerdings schnell wieder aufgegeben.“ Eine derartige Masse bringe die Heterogenität: Laut Burg gebe es unter den Weblogger nicht viel mehr Gemeinsamkeiten, als „dass sie alle Zugang zum Internet haben.“
Donnerstag, 19. Jänner 2006 13:56:54