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Abzug der Sowjets 1955: "Für Schachszene katastrophal"

Wiener Museumsstücke
Illustration
- „Warten auf Molotow“. Sowjetische Besatzungssoldaten beim Schachspiel am Flughafen Vöslau, 14. Mai 1955.

„Warten auf Molotow“. Sowjetische Besatzungssoldaten beim Schachspiel am Flughafen Vöslau, 14. Mai 1955. (© Harry Weber)

Von Johann Werfring

Am 14. Mai 1955, einen Tag vor der Unterzeichnung des Staatsvertrages, wurde auf dem sowjetischen Flughafen in Vöslau der Außenminister der UdSSR, Molotow, erwartet. Der österreichische Fotograf Harry Weber hielt die Ereignisse im Vorfeld der Vertragsunterzeichnung auf künstlerische Weise fest. Unter anderem entstand das Foto "Warten auf Molotow". Zwei Offiziere spielen mit sichtlichem Vergnügen Schach, während im Hintergrund ein Flugzeug landet. Die Fotografie ist derzeit im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek im Rahmen der Ausstellung "Die junge Republik" zu sehen.

Inspiriert durch dieses bemerkenswerte Zeitdokument gingen wir der Frage nach, ob die Schach-Supermacht Sowjetunion während der Besatzungszeit in Österreich auf den Denksport Einfluss nahm. Um die Hintergründe der nachkriegszeitlichen Schachszene Österreichs zu verstehen, muss man wissen, dass die Machtergreifung der NSDAP in Österreich und der 2. Weltkrieg diesbezüglich eine entscheidende Zäsur darstellten. War Österreich zuvor noch eine internationale Schachgroßmacht gewesen, so änderte sich dies ab 1938 schlagartig. Eine Reihe von österreichischen Meistern setzte sich ins Ausland ab, andere kamen in Konzentrationslagern ums Leben. Der jüdische Schachklub Hakoa hatte anno dazumal nicht wenige starke Spieler in seinen Reihen gehabt. Nach dem Krieg war das Potenzial sehr stark herabgesetzt.

Wie der Wiener Schachspieler und -historiker Michael Ehn erläuterte, erwies sich die sowjetische Besatzungsmacht zwischen 1945 und 1955 als große Förderin des österreichischen Schachsports. Schon kurz nach dem Krieg fand in Wien ein größeres, von der "Österreichischen Zeitung" veranstaltetes Turnier statt, bei dem die Russen alles zur Verfügung stellten, was benötigt wurde: den Turniersaal, die Garnituren und auch die Preise. Ebenso wie die Sowjets in diesem Fall im Palais Larisch in der Johannesgasse Platz geschaffen hatten, stellten sie 1947 für das große Carl-Schlechter-Gedenkturnier das edle Ambiente des Palais Coburg in der Inneren Stadt zur Verfügung. Eine gute Zusammenarbeit mit den Russen habe es auch bei den Carl-Schlechter-Turnieren in den Jahren 1949 und 1951 gegeben, sagt Ehn. 1953 kam es sogar zu einem offiziellen Wettkampf mit der UdSSR, bei dem Österreich allerdings mit 17,5 zu 2,5 unterlag.

Präsident im Österreichischen Schachbund (ÖSB) war damals Josef Hanacik, der schon vor dem Krieg im österreichischen Arbeiterschach eine Rolle gespielt hatte. Sein großer Gegenspieler war der Präsident des bedeutenden Schachklubs Hietzing, Dr. Wilfried Dorazil. Letzterer erklärte im Interview für diesen Beitrag: "Hanacik war Kommunist und hat mich mehrfach in der sowjetischen Botschaft als Russenhasser vernadert. Zum Glück haben ihm die Sowjets nicht geglaubt." Im übrigen sei der ÖSB damals sehr stark von Kommunisten unterwandert gewesen. Ob die freundliche Unterstützung des österreichischen Schach durch die Sowjets damit zusammenhing, lässt sich heute nur schwer klären. Jedenfalls habe sich deren Abzug im Jahr 1955 "katastrophal auf die österreichische Schachszene ausgewirkt", zumal von nun an für größere Veranstaltungen nicht einmal Turniersäle aufgetrieben werden konnten, versichert Ehn, der seine Aussagen über die Sowjets auch mit entsprechendem Bildmaterial belegen kann.

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Die junge Republik. Alltagsbilder aus Österreich 1945–1955. Ausstellung im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek (bis 31. 10), 1010 Wien, Josefspl. 1, Di–So: 10–18, Do bis 21 Uhr.

Samstag, 03. September 2005 14:46:58
Update: Montag, 03. Oktober 2005 12:12:00


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