Wiener Zeitung Neu in der Linkmap:
 
  Wiener Zeitung Homepage Amtsblatt Homepage LinkMap Homepage Wahlen-Portal der Wiener Zeitung Sport-Portal der Wiener Zeitung Spiele-Portal der Wiener Zeitung Dossier-Portal der Wiener Zeitung Abo-Portal der Wiener Zeitung Suche Mail senden AGB, Kontakt und Impressum Das Unternehmen Benutzer-Hilfe
 Politik  Europa  Kultur  Wirtschaft  Computer  Wissen  extra  Panorama  Wien  Meinung  English  MyAbo 
 Chronik Verkehr  Skurriles  Briefmarke  Archiv  Partnerbörse  Webcams  Reise  Wetter  Speisen bestellen 
Eltern wollen ihre kleine Tochter vor der Zwangseinschulung in Deutschland bewahren

Auf der Flucht vor der Schule

Madeleines „böser“ Blick, der die Nachbarn so irritiert, liegt an ihrer schweren Behinderung, erklärt Mutter Corinna. „Aber wenn es ihr gut geht, lacht sie.“  Foto: privat

Madeleines „böser“ Blick, der die Nachbarn so irritiert, liegt an ihrer schweren Behinderung, erklärt Mutter Corinna. „Aber wenn es ihr gut geht, lacht sie.“ Foto: privat

Von Mathias Ziegler

Aufzählung Schwerbehinderte Fünfjährige zieht nach Österreich um.
Aufzählung Muss die Republik das deutsche Sozialsystem ersetzen?

Wiesbaden. Ihr fünfter Geburtstag am 28. Juni wurde von Madeleines Eltern groß gefeiert. In dem kleinen Haus in Bad Elmstal im deutschen Hessen gab es Geschenke und Kuchen, dass Madeleines Herz nur so lachte – zumindest sind Corinna und Matthias Zeppich davon überzeugt, dass sich ihre Tochter gefreut hat. Aussprechen kann Madeleine ihre Gefühle nicht. Bei ihrer Geburt hat sie nämlich einen schweren Hirnschaden durch Sauerstoffmangel erlitten, der vor allem ihre Motorik beeinträchtigt.

Trotz ihrer schweren Behinderung soll die Fünfjährige im September eingeschult werden. "Wir haben bereits ein Schreiben von der Schule bekommen: Da Madeleine vor dem 30. Juni 2002 geboren ist, muss sie schon im sechsten Lebensjahr in die Schule gehen", berichtet ihr Vater. "Den monotonen Alltag würde sie aber nicht überstehen", warnt ihr Kinderarzt Olaf Marzian. Das bestätigten auch mehrere andere Ärzte.

Weil die Behörden aber auf der Schulpflicht beharrten, bleibe der Familie nichts anderes übrig, als nach Österreich zu flüchten, sagt Matthias Zeppich. Hier gäbe es vor allem die Möglichkeit eines Hausunterrichts statt des Schulbesuchs. Eine Praxis, die in Österreich gar nicht so selten ist. Allein in Wien werden 300 Kinder daheim unterrichtet. "Nach den Gründen fragen wir eigentlich nie", sagt eine Mitarbeiterin des Wiener Stadtschulrats.

Kanzler schaltet sich ein

In Deutschland gibt es diese Alternative bisher nur in seltenen Ausnahmefällen. "Wir haben mit verschiedenen deutschen Ministerien gesprochen und alle sagten uns, dass Madeleine auf jeden Fall im Herbst in die Schule kommen muss – und sei es im Krankenwagen", erzählt Matthias Zeppich. Zwar erklärte eine Mitarbeiterin des zuständigen hessischen Kultusministeriums auf Anfrage der "Wiener Zeitung", dass behinderte Kinder erst mit sieben Jahren eingeschult würden – spätestens dann ginge das Ganze aber wieder von vorne los, fürchtet Madeleines Vater.

Da der Vater ohnehin alle Hände voll damit zu tun hat, die fünfjährige Madeleine und ihren kleinen Bruder Marvin zu versorgen, will er sich nicht auf einen langen Rechtsstreit mit den deutschen Behörden einlassen. Und so hat die Familie in Österreich um Hilfe gebeten – und von höchster Stelle bekommen: Bundeskanzler Alfred Gusenbauer persönlich hat das Bürgerservice beauftragt, die Zeppichs in ihrer neuen Heimat zu unterstützen.

Madeleine, derzeit in der höchsten Pflegestufe, würde nach dem Umzug nicht mehr von den deutschen Sozialbehörden unterstützt. Die Republik Österreich müsste dann also dort eingreifen, wo das Sozialsystem des Nachbarstaates offenbar versagt.

Dass sie ihre alte Heimat verlassen wollen, hat neben der Schuleinschreibungs-geschichte auch noch einen anderen Grund: "Wir werden in unserer Siedlung gemobbt", erzählt Madeleines Mutter Corinna.

Mobbing in der Heimat

Weil die Kleine aufgrund ihrer Behinderung oft "komisch" dreinschaue, würden sich die Nachbarn über ihren "bösen Blick" mokieren. "Sie wollen uns rausekeln." Dabei sei Madeleine eigentlich ein aufgewecktes, fröhliches Kind. "Sie hat nur eine eingeschränkte Motorik und kann sich fast nur durch ihre Mimik verständlich machen", berichtet ihr Vater. Hunger oder Durst zeigt sie durch Nuckeln an der Unterlippe an. "Ihre Flasche kann Madeleine nicht selbst halten, auch ohne Hilfe aufrecht zu sitzen schafft sie nicht."

Unter Umständen könnte eine komplizierte Operation in einer Spezialklinik zumindest Ansätze einer Heilung bringen. "Nur würde Madeleines schwache Lunge das nicht überstehen", fürchtet der Vater. Und so versucht er, das Leben seiner Tochter möglichst erträglich zu machen. "Natürlich schwebt immer die Angst mit, dass sie eine ihrer häufigen Lungenentzündungen nicht überlebt."

Schwieriger Umzug

Und jetzt muss sie den Umzug nach Österreich verkraften. Wobei ein großes Problem noch zu lösen ist: "Wir müssen eine leistbare Erdgeschoßwohnung finden, wo Madeleines ganze Sachen Platz haben", sagt ihr Vater. Schließlich hängt die Kleine mehr oder weniger ständig am Sauerstoffgerät und braucht zudem ihr Steh-Liege-Brett zur Stabilisierung, ihren großen Wickeltisch und ihr 400 Kilo schweres Pflegebett. "An Angeboten mangelt es uns nicht und auch die Leute hier in Österreich waren bei den ersten Besichtigungen sehr nett zu Madeleine. Nur waren die Objekte bisher leider alle zu teuer."

Die Wohnungssuche ist derzeit das größte Problem der Zeppichs. Denn, so Walter Wotzel vom Sozialministerium, der mit Madeleines Fall betraut wurde: "Wir werden die Familie in allen sozialen Fragen unterstützen, um die neue Wohnung muss sie sich allerdings selbst kümmern."

Printausgabe vom Dienstag, 07. August 2007
Online seit: Montag, 06. August 2007 16:29:07

Dossiers

Kampfhunde

Wiener Zeitung - 1040 Wien · Wiedner Gürtel 10 · Tel. 01/206 99 0 · Impressum · AGB