Thomas Glavinic spielt in seinem neuen Roman selbst die Hauptrolle
"Wer meine Bücher ablehnt, lehnt mich ab"
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Thomas Glavinic schont sich selbst nicht. Foto: Strasser
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Von Julia Urbanek

Thomas Glavinic im Gespräch über sein Buch "Das bin doch ich".

Der Schriftsteller über Identitäten, Kulturpromis und Kritiker.
"Wiener Zeitung": Ihre Romanfigur in "Das bin doch ich" heißt wie Sie Thomas Glavinic. Und Sie müssen ständig darauf hinweisen, dass es zwischen dem echten und dem fiktionalen Thomas Glavinic sehr wohl Unterschiede gibt. Ist Ihnen das schon lästig?
Thomas Glavinic: Vielleicht bin ich naiv, aber ich ging davon aus, dass das Wort "Roman" auf dem Cover zumindest einen Hinweis darauf geben würde, um welche Art von Text es sich handelt.
Es kommen Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny, Robert Menasse oder der Rabenhof-Leiter im Buch vor - glauben Sie, dass manche das Buch aus einer Lust an Kultur-Society kaufen?
So berühmt sind die meisten Personen nicht, die im Buch als Figur vorkommen, oder zumindest einige davon nur in Wien bekannt. Es würde mich jedenfalls wundern, würde das die Leute in Scharen in die Buchhandlungen treiben.
Es hat aber unbestritten einen gewissen Reiz, dass die Romanfigur Thomas Glavinic heißt und Ihr Freund Daniel Kehlmann deren Freund ist.
Mein Roman ist auch ein Spiel mit Identitäten. Wenn man eine Ich-Erzählung schreibt, wird man ohnehin immer gefragt, ob oder inwie weit sie autobiografisch ist. Ich wollte dieses Spiel weitertreiben. Autor und Ich-Erzähler heißen gleich – und sind trotzdem nicht ident.
Bereuen Sie es manchmal, dass Sie sich da so ins Spiel gebracht haben. Wenn Leute fragen: "Du, machst Du das wirklich so?"
Noch halte ich’s aus. Wenn man sich auf diese Weise aus dem Fenster lehnt, muss man mit solchen Fragen und Reaktionen rechnen. Solange es fair bleibt, ist es ok.
Einen gewissen Exhibitionismus muss man als Schriftsteller ja sowieso haben. Ihre Nebenfiguren haben den womöglich nicht - wie haben die realen Vorbilder, Familie oder Freunde, darauf reagiert, im Buch vorzukommen?
Das ist ein heikler Punkt. Mir war wichtig, in diesem Buch niemand anderem wehzutun. Ich habe einigen realen Personen, denen Romanfiguren nachempfunden sind, manche Textstellen vorgelegt. Auch habe ich einige Fassungen entschärft. Ich wollte ja niemanden kränken oder beschädigen. Der einzige, der nicht geschont werden soll, ist der Ich-Erzähler, in diesem Fall zugleich der Autor.
Wie reagieren Deutsche oder Schweizer auf den Roman, die nicht die Naschmarktszene oder die Kulturcliquen kennen?
Aus meiner Sicht bislang recht erfreulich! Für Leser aus Zürich oder Hamburg ist es eben nicht spektakulär, dass ein bestimmter Stadtrat vom Gulasch und der guten Luft in Wien spricht, sie interessiert nicht der Name, sondern die Funktion, und so soll es sein. Vielleicht ist es mit zunehmender geografischer Entfernung von Wien leichter zu bemerken, was mir an diesem Roman besonders wichtig war. Dass es ein Buch über Verletzlichkeit ist, über Angst, aber auch über Alltagsverrücktheit.
Nach den dunklen Welten von Ihrem letzten Roman "Die Arbeit der Nacht" kam dieser Roman fast wie selber, konnte man lesen, als eine Art Verarbeitung. Wie lange haben Sie daran geschrieben?
14 Monate. Dinge, die leicht wirken, erfordern meistens doch recht viel Arbeit.
Die Romanfigur Thomas Glavinic klagt über weniger Erfolg als Freund Daniel Kehlmann...
Darüber klagt er nicht so sehr. Er fürchtet mehr, einen Freund zu verlieren. Es ist keine ganz leichte Situation, wenn zwei Menschen durchschnittlich erfolgreich sind und sich bei einem die Dinge plötzlich rasant positiv entwickeln. Solche Ereignisse beschränken sich ja nicht auf Autoren, das gibt es in jedem Büro, in jeder Firma, im Alltag, überall. Man wünscht einem Freund Erfolg, aber man wünscht ihn sich selbst auch. Wie geht man mit dem Erfolg des anderen um?
Es geht aber auch um die Angst zu Versagen?
Ja, und um Erfolgshunger und Ehrgeiz. Das sind einige der Emotionen, die nicht wenige Schriftsteller umtreiben. Natürlich hat wohl kein Autor etwas gegen hohe Auflagen und tolle Kritiken zu seinen Texten einzuwenden. Trotzdem, ich wünsche mir mediale Aufmerksamkeit für meine Bücher, nicht zwingend für mich. Ich selbst finde Bekanntheit oder gar Berühmtheit nicht so verlockend. Doch gehört es zum Beruf des Schriftstellers dazu, in der Öffentlichkeit zu stehen.
So wie jetzt gerade...
Genau das bereitet mir Probleme, gerade jetzt wieder. Das hat nichts mit positiven oder negativen Kritiken zu tun. Es ist das unangenehme Gefühl, dass ein mehr oder minder zutreffendes Bild der eigenen Person unkontrolliert medial vertausendfacht wird.
Das haben Sie aber mit diesem Buch heraufbeschworen.
Ja, aber nicht aus Kalkül. Ich musste dieses Buch eben schreiben, so wie die fünf anderen zuvor auch. Es gibt eine innere Notwendigkeit zum Text, die mögliche persönliche Konsequenzen in den Hintergrund treten lassen. Ich würde meine Tante verkaufen für einen guten Roman. Okay, das ziehe ich zurück, ich mag meine Tante sehr, und natürlich gibt es Grenzen. Ich will niemand anderem schaden. Mich darf ich aber nicht schonen. Da muss ich jetzt durch, doch das Buch ist es mir wert gewesen.
Sie erfinden mit jedem Buch eine neue Form, wie schaffen Sie den eigenen Stil weiter zu tragen. Und: Was kommt als nächstes?
Ich hoffe doch sehr, dass ich meinen eigenen Stil habe, ich verändere nur den Duktus. Die Geschichte sagt mir, wie sie erzählt werden will. Mein nächstes Buch wird bedauerlicherweise wieder sehr dunkel.
Für "Die Arbeit der Nacht" wurden Sie nicht für den Buchpreis nominiert, was auch Thema von "Das bin doch ich" ist, mit dem Sie nun nominiert sind. Wäre es nicht grotesk, wenn Sie genau mit diesem Buch den größeren Erfolg feiern?
Im Literaturbetrieb ist nun wirklich vieles grotesk. Ich kriege den Buchpreis natürlich nicht, schon deswegen nicht, weil in diesem Jahr so viele gute Bücher erschienen sind.
In einem Interview haben Sie gesagt: "Der Buchpreis nützt dem Autor nichts"...
Er sei denn, er gewinnt. Der Sieger verkauft 200.000 Exemplare und mehr. Der auf dem theoretischen zweiten Platz verkauft vielleicht 10.000. Ich mache mir darum keine Gedanken, mir ist es egal.
"Wer meine Bücher ablehnt, ist des Teufels, sagt Ihre Romanfigur. Was sagen Sie?
Das unterschreibe ich. Meine Bücher – das bin ich. Vielleicht bin ich unreif, charakterschwach, kindlichnarzisstisch, aber: Wenn jemand meine Bücher ablehnt, lehnt er mich ab.
Das soll’s ja auch geben. Es geht also ums Geliebtwerden.
Ich vermute, leider ja. Es gibt differenzierte Auseinandersetzungen mit Texten: Jemand kann mir sagen, er findet dieses und jenes im Detail suboptimal, da lasse ich gern mit mir reden. Aber wenn jemand alles, was ich schreibe, grundsätzlich in Frage stellt, ja ablehnt, dann..
...ist er des Teufels?
Mindestens!
Die "Wiener Zeitung"-Beilage "Extra" bringt in ihrer heutigen Ausgabe eine Rezension
von Thomas Glavinics Buch "Das bin doch ich".
Printausgabe vom Samstag, 01. September 2007
Update: Samstag, 01. September 2007 13:11:00