Sprache im Computer-Chat hat sich blitzartig zu Metasprache entwickelt
Wortschatz geht verloren
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Statt mit vollständigen Sätzen wird zunehmend mit Kürzeln kommuniziert. Foto: corbis
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Von Petra Tempfer

Rechtschreibregeln werden nicht mehr beherrscht.

Gruppenspezifische Dialekte führen zu Konflikten.
Wien. "Bok, blub, wayne" – nur wer die Chattersprache versteht, weiß, was diese Kürzel bedeuten: "Back on keyboard (bin zurück am Computer), mir ist langweilig, wen interessiert’s?" Durch die Kommunikation über den Computer oder das Mobiltelefon mit Abkürzungen, Symbolen und englischen Ausdrücken hat sich eine eigene Metasprache entwickelt, die zunehmend zum Verlust des deutschen Wortschatzes führt.
"Im Chat werden jegliche Rechtschreibkonventionen außer Kraft gesetzt", sagt dazu Helmut Gruber vom Institut für Sprachwissenschaften in Wien. Diese Art der Kommunikation über elektronische Medien vereine nämlich die geschriebene und die mündliche Sprache. "Sie basiert auf der direkten Übertragung von dialektalen Ausdrücken in die Schrift", erklärt Gruber, "wobei überdies alles kleingeschrieben wird."
Dadurch gehen laut Experten nicht nur immer mehr Worte der deutschen Sprache verloren, "außerdem können sich daraus Rechtschreibschwächen entwickeln." Schulpsychologin Mathilde Zeman vom Wiener Stadtschulrat ortet noch gravierendere Auswirkungen. "Sprachgefühl und die grammatikalischen Regeln des gesamten Satzbaus werden nicht mehr beherrscht", warnt sie.
Dass Schülern die schriftliche deutsche Sprache zunehmend spanisch vorkommt und sich das auf deren Rechtschreibung auswirkt, kann Renate Gonaus, die am Bundesrealgymnasium Tulln Deutsch unterrichtet, bestätigen. "Die Verschiebung des Wortschatzes in Anglizismen geht sogar soweit, dass Duden und österreichisches Wörterbuch um englische Ausdrücke der Computersprache erweitert worden sind", sagt sie und schlägt die Worte "einloggen" und "downloaden" nach.
Während diese mit Hilfe eines Wörterbuches übersetzt werden können, werden gewisse Kürzel ausschließlich von Eingeweihten verstanden. "Zu den international gängigen Ausdrücken der Chattersprache kommen gruppenspezifische Zeichenkombinationen", erklärt Gruber, "was zu einer ‚Ingroup-Kommunikation‘ führt."
Keine Diskussionen
Diese speziellen Dialekte, die nur innerhalb einer Gruppe verstanden werden, spielen Schüler laut Zeman gerne gegeneinander aus. Bei Konflikten würden dem anderen unverständliche Kürzel verschickt, die mangels verbaler Kommunikation häufig zu Missverständnissen führen. "Durch falsche Interpretationen kann der Kontakt zwischen den Schülern schließlich ganz abbrechen", meint die Psychologin, "ohne ein Problem jemals verbal ausdiskutiert zu haben." In solchen Fällen kann es passieren, dass auf dem Telefon-Bildschirm eines Schülers plötzlich ":-p" erscheint – womit ihm symbolisch die Zunge gezeigt wird.
Dass sich junge Menschen seit jeher einer eigenen Sprache bedienen, um einander etwas mitzuteilen, ist sowohl Zeman als auch Gruber bewusst. Allein die Schnelligkeit der Verbreitung und deren Dokumentation durch die elektronischen Medien sei ein völlig neuartiges Phänomen.
Diesem kann Franz Gschwandtner, Professor für Deutsch und Geschichte an der Theresianischen Akademie, auch etwas Positives abgewinnen. "Aufgrund des übergreifenden Anglizismus ist die Fremdsprachenkompetenz um vieles höher", meint er, "und die Schüler lernen, spielerisch zwischen den unterschiedlichen Sprachebenen herumzuspringen."
Printausgabe vom Freitag, 08. Mai 2009
Online seit: Donnerstag, 07. Mai 2009 17:22:00
Kommentare zum Artikel:
18.05.2009 23:00:16 Metasprache?
Eine Metasprache ist eine Sprache über eine Sprache. Hier ist wohl ein Jargon gemeint.
Ron
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14.05.2009 23:12:22 Auweia 4
[Zu den beiden abschließenden Absätzen] Sie zeigen, wie überflüssig die vorherigen Absätze eigentlich waren. "Allein [!] die Schnelligkeit der Verbreitung und deren Dokumentation durch die elektronischen Medien sei ein völlig neuartiges Phänomen." Mit anderen Worten: Wir kommen nicht hinterher, wir verstehen es nicht, deswegen ist es erstmal schlecht für unsere Kinder! "[U]nd die Schüler lernen, spielerisch zwischen den unterschiedlichen Sprachebenen herumzuspringen." So ganz ohne Sprachgefühl. Eigentlich erstaunlich.
Michael
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14.05.2009 23:11:56 Auweia 3
[Zu Absatz 4 und 5] Um Himmels willen, was sucht das englische Wort einloggen im deutschen Duden? Man sollte dieses Schandwerk boykottieren und stattdessen Wörterbücher kaufen, in denen nur gute deutsche Wörter stehen, so wie Fenster, Tafel, Politik, Konzert, Violine, Orchester, Giro-Konto, Streik, Bundesrealgymnasium oder Sprachverfall.
[Zu Abschnitt 6] Oh nein, die früher so ausgeprägte Diskussionskultur unter Frühpubertierenden geht verloren! Anstelle eines von Angesicht zu Angesicht ausgesprochenen Nänänänänä oder Ach f*ck deine Mudda wird die Diskussion heutzutage durch ein Smiley rüde abgebrochen. So eine Ingroup-Kommunikation sollte verboten werden -- also, die Sache an sich natürlich, nicht das Wort, das ist ja auch so schön deutsch.
Michael
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14.05.2009 23:10:32 Auweia 1
[Zu Absatz 1] Nun, auch die Sprache von Jägern, Metzgern, Seeleuten, Chemikern, Wirtschaftswissenschaftlern oder Linguisten (usw.) ist außerhalb dieses Kreises eher unverständlich. Oder die Sprache von Golfspielern, Autoschraubern oder leidenschaftlichen Hobbygrillern. Gruppensprachen haben das so an sich. Dialekt, wie es im Aufsatz steht, ist im übrigen kein passender Terminus für dieses Phänomen. Und eine Metasprache ist Sprache über Sprache -- und ein Sprechen über Sprache kann ich bei den im Artikel aufgeführten Beispielwörtern nicht erkennen. Mein erster Eindruck ist, daß aufgrund ihrer Empörung über chattende Jugendliche (der Schritt zum Amoklauf ist da schließlich nicht mehr weit) vor allem der Wortschatz der Autorin gelitten hat. Aber weiter.
Michael
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08.05.2009 14:41:55 Dazu kommt
die zunehmende Unfähigkeit, einen Text - spätestens nach dem zweiten Absatz - sinnerfassend zu lesen .
mike
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