Ein Mann sieht Lego
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„INRI/ERNA“, Lego, Teetasse und Künstler, 2005. Foto: Carolin Heider, VBK Wien
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Von Claudia Aigner

Manfred Erjautz – für seine Legopistole braucht man einen Waffenschein. Und was er erst mit einem Post-it anstellt! Daneben kann sich Kolumbus mit seinem Ei brausen gehen.
10 Uhr 30, eine Tür im sechsten Bezirk geht auf. Und schon überwältigt mich die Enttäuschung. Da schaut‘s ja gar nicht AUS wie in einem unaufgeräumten Kinderzimmer. Am Boden liegt überhaupt nix herum von dem Legozeugs. Na ja, immerhin: Im Regal stehen ein paar Spielzeugkräne. Das also ist die Wirkungsstätte vom berüchtigten "Mag. Legostein"!
Dass das zugleich das Labor vom Dr. Frankenstein ist, bleibt vorerst noch unterhalb meiner Wahrnehmungsschwelle, an diesem bewegenden Freitag im Februar (vor allem der Manfred Erjautz hat sich bewegt, ist hin- und hergewuselt, um dauernd etwas aus den diversesten Winkeln seines Ateliers hervorzuzerren). Noch kenne ich also das Geheimnis dieser perfekt als Durchschnittstisch getarnten Arbeitsfläche NICHT, den dunklen Mechanismus, den mir der Erjautz ja erst gut zwei Stunden später melodramatisch, mit dem Fuß, vorführen wird. Ganz ohne Scheu trete ich an den unverdächtigen Tisch heran (wie Rotkäppchen ans Bett von der Großmutter), nehme arglos Platz. Im Hintergrund streiten sich derweil die Montagues und die Capulets in voller Orchesterstärke um Romeo und Julia. Ah, Tschaikowsky! ( "Sonst hör ich Mahler." )
"Erjautz – das kommt von ,Rjave è ‘. Slowenisch is des. Und des haaßt so viel wie ,braunes Pferd‘. ROSTbraun." Rostbraunes Pferd? Das ist ja wie bei den Indianern! Rostbraunes Pferd schleppt jetzt eine mysteriöse große Schachtel an: "Des is meine Kindheit." Oh, die ist ja eine Monokultur, seine Kindheit! Bis oben hin voll mit Legokästen aus den 70er Jahren. Allesamt leer. "Die sind olle gebaut und stehn bei mir zu Hause." Gelegentlich kauft er, der 1966 in Graz Geborene, freilich auch die Kindheit anderer auf. ( "Die Kinder sind erwaxn gewordn und jetzt gibts Kiloware." ) Hamstert säckeweise Legosteine (denen er sonst oft einzeln im Internet "nachstellen" muss). Für seine unorthodoxen Bauvisionen. Denn wo andre Erbsen addieren, zählt er genoppte Steinderln.
Sein "zweiter Legofrühling" ist damals beim Bruno Gironcoli an der Akademie ausgebrochen, in der Meisterschule für Bildhauerei. "Du liegst zu Hause vorm Fernseher, und dann, stott irgendwelche Chips zu essen oder so, hob i herumgspüt." Das klingt jetzt schlüpfriger, als es wahrscheinlich gewesen ist. Obwohl: Schusswaffen (und eine solche, konkret: die Kopie der Handfeuerwaffe von den New Yorker Polizistinnen, war das Erstlingswerk dieses neuerlichen "Lego-Erwachens") gelten ja gemeinhin als Metaphern der erektilen, projektilen (schießwütigen) Männlichkeit. James Bond leidet, so gesehen, an Priapismus.
"Zweck woa eigentlich dieser Oabeit, an Banküberfall verübm zu können." Ungläubig frag ich lieber nach, ob ich mich nicht eh verhört hab: Wie? Noch amal. – "Einen BANKÜBERFALL verübm zu können." – Äh . . . DAMIT?! – "Ja." - Und Sie ham das dann tatsächlich . . . nein, Sie hams NICHT gmacht. - "Doch." Hobbypsychologen werden ihm nun einen Peter-Pan-ich-will-einfach-nicht-erwachsen-werden-Komplex attestieren. Mit einem Hauch von Charles Bronson: Ein Mann sieht Lego (und da sind ja auch ROTE Steine darunter).
Bankraub mit Legopuffn
Im Endeffekt wurde es dann doch nix mit der Bank (zwecks Drehens eines Videos aus der Sicht der Überwachungskamera). Weil der befreundete "Komplize" abgesprungen ist. "Jedenfois is der Bankangestellte dann tatsächlich überfallen worden bzw. woa VERWICKELT in eine Geschichte und WOLLTE dann aus verständlichen Gründen nimma." Also hat der Erjautz eine SELBSTGEBASTELTE Bankfiliale ausgeraubt. "Zum Beispü dieser Streifmvorhang do hintn, diese Lamellentrennwände, des san Klopapierstreifm."
Der Erjautz stürmt mit der Legopuffn zum Schalter, mit einem leeren Lego-Sackerl, und kriegt ein volles retour. Ist wie das Ausleben einer Verzweiflungsfantasie. Beschaffungskriminalität. Um sich die Legospielsucht zu finanzieren. Diese Steine können schließlich sauteuer sein – Legosteine sind trotzdem nicht "a girls best friend".
Und die Firma Lego im dänischen Billund war auch nicht gerade kooperativ. Hat gemeint, diese bedenkliche Waffenproduktion zu unterstützen, wäre nicht mit der Firmenphilosophie vereinbar. Und das, obwohl der Erjautz fließend Legosteinisch spricht: "Also des is a Einserstein. Weil er ein Nopperl hat. Da gibts a spezielle Sprache." Triumphierend hält mir der Erjautz jetzt brisantes Fotomaterial hin. Wo ein Lego-Gründervater mit eindeutigem Handzeichen drei Smith & Wesson bestellt? Schlimmer: Neben einer alten Spielzeugpistole liegt Munition mit der kompromittierenden Aufschrift "Lego". Na bumm.
"Bumm!" macht seine erste echt gefährliche, wahrhaft ballistische Krachen auch. Die "TK 1". Ein richtiger Schießprügel, den er gemeinsam mit seinem Bruder Thomas Köhler, einem Büchsenmacher, entwickelt hat. Dagegen gilt für seinen elektrischen Stuhl ( "Der is in ana Vitrine. Damit ma si NED draufsetzt" ) ja geradezu die Unschuldsvermutung. Die "TK 1": "Im hinteren Bereich hat sie einen Batteriekastn, der liefert Strom zu an klan Motor, dieser kleine Motor bewegt ein Schneckengetriebe, und dieses Schneckengetriebe stößt auf a Kohlensäurepatrone. Des haaßt, auf a Gas eigentlich. Diese Patrone verwendet ma für Schlagobers zum Beispü. Und die beschleunigt diesen klanen Legostein." Folglich: Peng! (Oder: Plop!)
Dann die Sache mit der Kirche. Ministriert hat er zwar nicht, dafür aber einschlägig MATURIERT. In Religion. Und so kam es irgendwann dazu, dass ein Priester (der Gustav Schörghover von der Jesuitenkirche in Wien) Messgeschirr bei ihm geordert hat, mit dem nachher allen Ernstes 2004 zu Pfingsten das Hochamt zelebriert worden ist. "Es is plötzlich gaunz wos anderes, wenn jemand um deine Skulptur geht und sie mit Weihrauch – umnebelt."
"Also den Kelch hob i DO. I bring dos her. DES is der Kelch." Schockschwerenot! Wär ich nicht einstmals evangelisch gewesen, ich hätt‘ mich reflexartig bekreuzigt. Oder die Finger apotropäisch überkreuzt (Hinweg, Lego!). Trinken tut man da nämlich aus einem Legohäuschen ohne Dach. Jessasmarandjosef! Als nächstes schneidert einer eine Kasel aus der Sponge-Bob-Fanbettwäsche! Als mir der Monsignore-Otto-Mauer-Preisträger Erjautz dann aber alles plausibel erklärt hat, besonders wieso die Patene für die Hostie von einem LKW getragen wird (weil es sich beim LKW um einen Fischtransporter handelt, und Fisch ist beinharte christliche Ikonografie!), da hatte ich auf einmal vollstes Verständnis.
Auf dem Cover der allerletzten Ausgabe von "Kunst und Kirche" erschafft der Erjautz übrigens als Demiurg, genauer: als Tee-miurg, extrem patschert eine Tasse Tee. "I moch an pimpign Schöpfungsakt nach und potz die gonze Zeit." Versenkt mit einem Lego-Kran in den päpstlichen Farben Teeblätter im Häferl (von jenem grünen Tee, der herauskäme, würde man in genau dem Moment, wo ich mit ihm zusammensitze, seine Nieren auswringen). Eine Persiflage soll das sein. Auch auf den Geniekult. "Genie, des GIBTS ned. Es gibt möglicherweise nur ,Genie zwischendurch‘." (Das legendäre Waschmittel.)
Plötzlich tritt er unterm Tisch (oje, das Ding "entpuppt" sich jetzt) zünftig auf ein Pedal, als wollte er eine Luftmatratze mit einem Blasebalg aufpumpen. Schluss mit lustig. Die Platte hebt sich rasant, sicherheitshalber zieh ich mein Kinn zurück. "Des is a Krankenhausbett, a umgebautes." Richtig. Da sind Rollen unten. "Und da NÄH i obm dann a." ICH hab hingegen NICHTS zu befürchten, hantiert er doch bloß mit den Gliedmaßen von Schaufensterpuppen herum, die er appetitlich frankensteinisch zusammensetzt, mit einer Ganzkörperstrumpfhose überzieht und früher auch noch mit Logos übersät hat. Eine ist gar Mutter geworden. Das war wie "Maria mit dem Jesusknaben".
Und wenn sein wiederverwendbarer, klimawandelresistenter Permanentschneemann (aus Marmor, hält womöglich so lang wie Michelangelos David) nicht religiös ist, dann weiß ich auch nicht. Der sinniert im Hof des Grazer Priesterseminars in ein Lackerl hinein ( "a Swimmingpool-Technik mit SO ana Pumpm" ). Grübelt am ehesten über die Vergänglichkeit des Seins. Weil: Eine Neuinterpretation des Narziss-Themas wird‘s ja wohl nicht sein. (Der selbstverliebte Schneemann träumt davon, sich im Frühling, wenn er schmilzt, mit seinem eigenen Spiegelbild aufs flüssigste zu vereinen.) Die Autoerotik der Schneemänner? Das wär’ etwas ZU pikant, in einem Priesterseminar. Insgeheim ist der weiße Kerl ein Selbstporträt. Nicht dass die Ähnlichkeit frappierend wäre. Der Schneemann ist ja mehr der pyknische Konstitutionstyp, während der Erjautz zum Athleten tendiert, aber: Gleich GROSS sind die zwei. Einen Meter 72.
Das Post-it des Erjautz
Zur Erbauung löst der Erjautz nun souverän eine Preisfrage der Menschheit (jedenfalls jener Menschheit, die keine ANDERN Sorgen hat): Wie stellt man ein gelbes Papierl auf eine Seitenkante? (SEINE Antwort auf das Ei des Kolumbus: Das Post-it des Erjautz.) Einfach unten, die Mittelachse entlang, ein Stückerl einreißen und den einen Post-it-Schenkel nach vorn, den andern nach hinten biegen. Und schon steht es. Vor Staunen bleiben mir fast die Augäpfel stecken.
2001 gab es einen "Vorfall" im Leben des Manfred Erjautz. Da hat er im Kennedy-Center in Washington unter den Blicken der höchsten politischen Prominenz ( "die EU hod duat a Skulpturenausstellung veranstaltet" ) das Rednerpult gestürmt. Allerdings nicht, um seine 15 Minuten Berühmtheit einzufordern. "Nach den offiziellen Reden bin i do rauf, und a Freund konnte grod zwa Fotos mochn, und dann bin i von Sicherheitsbeamtn runtergrissn worden." Warum "runtergrissn"? "Na: i hob nix GSOGT!" "Silent Lecture" hieß die Aktion. Demonstrative Artikulationsverweigerung vor einem Mikrofon wird in Amerika anscheinend als Terroranschlag auf die Redefreiheit gewertet.
Apropos Beamte: Seine Sechs-Minuten-Handschellen, die sechs Minuten nach dem Anlegen automatisch aufspringen, sind NICHT sein Beitrag zur Vermeidung von Engpässen wegen der vielen Festnahmen heutzutage (damit das Arretierungsutensil schnell wieder frei wird). Und es hat auch nichts mit "humaner Verhaftung" zu tun, dass es da obendrein eine "Paniköffnung" gibt. "Weil sechs Minuten dauern lang." Stimmt. In sechs Minuten können die Kastelruther Spatzen, eine berüchtigte Lederhosencombo, in Überlänge "Im Brunnen unsrer Träume" tuten und bl. . . blubbern.
"I hätt suin Flugzeugpilot wean" , bekennt der Erjautz. Wie der Vater ( "der mir jedn Obmd Geschichten erzählt hod, wie ma a Flugzeug steuert und wie ma landet. Und, da bin i ma ziemlich sicher, das hätt i damois KÖNNEN" ). Ja, aber: wieso dann ausgerechnet Künstler? Bevor er antwortet, nimmt er einen tiefsinnigen Schluck grünen Tee: "Is eh sowos Ähnliches wie Fliegen. Kamma AUCH obstüazn." AUCH wieder wahr.
Claudia Aigner
hat Germanistik und Kunstgeschichte studiert und lebt als Journalistin in Wien.
Printausgabe vom Samstag, 10. März 2007
Online seit: Freitag, 09. März 2007 17:12:00