Der Dirigent Herbert von Karajan, der vor 100 Jahren geboren wurde, hat niemanden kalt gelassen – Analyse einer langen Auseinandersetzung.
Klangschön oder inhaltsleer?
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Herbert von Karajan hatte zwar als Dirigent eine perfekte Schlagtechnik, pflegte aber einen Stil, der seinen Kritikern als zu geglättet erschien. Foto: Siegfried Lauterwasser
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Der Maestro in Aktion. Foto: Votava
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Von Edwin Baumgartner

Herbert von Karajan polarisiert. Bis heute. Wer behauptet, bei Karajan objektiv zu sein, sagt zumindest die Unwahrheit.
Karajan wird bis heute abgöttisch verehrt oder kategorisch abgelehnt. Dabei werden Verehrer wie Gegner zu Opfern von Karajans Charisma. Seine Selbstinszenierung als Hohepriester eines schönheitsschwangeren Musikkults zählt für beide Seiten mehr als seine Klang-Ergebnisse.
Eine schnelle Karriere
Geboren wurde Herbert von Karajan am 5. April 1908 in Salzburg als Sohn eines Arztes, zu dessen Vorfahren Griechen gehörten, die im Dienst sächsischer Könige gestanden und geadelt worden waren. Herbert von Karajan erwies sich als Wunderkind am Klavier, studierte aber nach der Matura, neben Musikwissenschaft, auch noch drei Semester Maschinenbau, ehe er sich endgültig einer Ausbildung als Dirigent zuwandte, die er in Wien bei Alexander Wunderer und Franz Schalk erhielt.
Am 22. Jänner 1929 debütierte Karajan mit dem Mozarteum-Orchester in Salzburg und wurde daraufhin zu einem Probedirigat ins Stadttheater Ulm eingeladen. 1930 wurde er Erster Kapellmeister am Ulmer Stadttheater und beim Philharmonischen Orchester der Stadt Ulm. 1935 wurde Karajan in Aachen der jüngste Generalmusikdirektor (GMD) Deutschlands.
Und hier beginnen die Auseinandersetzungen um die Person Karajan. Zweifellos gehört er zu den interessantesten jungen Dirigenten dieser Zeit. Ebenso zweifellos macht er seine Karriere aber im Umfeld der NSDAP. Bereits am 8. April 1933 tritt Herbert von Karajan in Salzburg der Hitler-Partei bei, seine Mitgliedsnummer: 1 607 525. Im März 1935 tritt er in Aachen der Hitler-Partei nochmals bei, seine Mitgliedsnummer: 3 430 914. Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland entdeckt die NSDAP-Zentrale in München die doppelte Mitgliedschaft und datiert nun den zweiten Parteibeitritt auf den 1. Mai 1933 zurück. Michael H. Kater schreibt in seinem Buch "Die missbrauchte Muse" von einem weiteren Parteibetritt Karajans in Ulm. Wenn das stimmt, wäre der Dirigent der Hitler-Partei sogar dreimal beigetreten.
Karajan-Befürworter versuchen, diese Parteibeitritte durch Zwänge wegzudiskutieren, denen ein junger Künstler am Beginn seiner Karriere nicht ausweichen konnte. Dabei übersehen viele, dass es sich vielleicht doch weniger um Zwänge als um die Versuchung handelte, um jeden Preis Karriere zu machen. Karajan selbst gab übrigens stets nur seinen Aachener Parteibeitritt zu. An seiner flapsigen, von keiner Distanzierung berührten Begründung, für die Aachener GMD-Stelle hätte er auch einen Mord begangen, stoßen sich freilich nur Karajan-Gegner.
Rivalitäten
Sie sehen auch Karajans Aufstieg im Dritten Reich als lupenreine Partei-Karriere. Zwar trug er kein Parteiabzeichen, war aber – allerdings weitgehend ohne eigenes Zutun – ein Nutznießer der in Berlin ausgetragenen Rivalität zwischen Joseph Goebbels, dem die Reichsmusikkammer unterstand, und dem kulturinteressierten Luftwaffen-Oberbefehlshaber Hermann Göring. Goebbels und Göring trugen ihren Konflikt auf der von der Staatsoper unter den Linden auf der einen, und den Berliner Philharmonikern auf der anderen Seite begrenzten Berliner Kultur-Spielwiese aus.
In beiden Institutionen herrschte Wilhelm Furtwängler, der Favorit von Goebbels. Göring gelang es, über seinen Vertrauten Heinz Tietjen, seines Zeichens Leiter der Lindenoper, Karajan ein Engagement an der Staatsoper zu verschaffen, mit dem Ziel, den jungen, dynamischen Dirigenten näher an das Imperium des alternden Furtwängler heranzuführen.
An der Berliner Staatsoper debütiert Karajan 1938 mit Ludwig van Beethovens "Fidelio", und nach Richard Wagners "Tristan und Isolde" jubelt die gleichgeschaltete "Berliner Zeitung" vom "Wunder Karajan" . Zu Problemen kommt es dann bei Wagners "Meistersingern von Nürnberg": Karajan dirigiert auswendig. Rudolf Bockelmann singt den Hans Sachs – und schmeißt einen Einsatz, was auch für den in der Führerloge sitzenden Adolf Hitler hörbar ist. Dem erbosten Führer wird mitgeteilt, der Fehler sei ein Resultat von Karajans Auswendig-Dirigieren. Damit sinkt Karajans Stern bei Hitler. Die erhoffte GMD-Stelle in Dresden bekommt Karl Elmendorff, und die Berliner Philharmoniker bleiben fest in der Hand Furtwänglers, der aus seiner Aversion gegen den selbstsicheren Newcomer kein Hehl macht. Immerhin wird Karajan zum Staatskapellmeister der Staatskapelle Berlin ernannt.
Konflikte und Krisen
Einen weiteren Dämpfer bekommt Karajans Ansehen bei den Nationalsozialisten, als er 1942 die Textilerbin Anita Gütermann zu seiner zweiten Frau nimmt. Anita Gütermann hat einen jüdischen Großvater und gilt somit nach den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 als "Mischling zweiten Grades". Dass es deshalb jedoch zu einem tiefgreifenden Konflikt zwischen der Parteiführung und Karajan gekommen wäre, oder er sogar aus der Partei ausgetreten sei, wie es seine Verehrer behaupten, ist unwahrscheinlich. In Karajans Partei-Papieren findet sich nichts, was auf einen solch lebensgefährlichen Schritt hindeuten würde.
Karajan ist in dieser ganzen Zeit weder Antisemit noch glühender Nationalsozialist. Er ist Karrierist. Er nützt geschickt jede Möglichkeit.
1946 wird ihm wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft ein Berufsverbot erteilt, das aber schon 1947 wieder aufgehoben wird. Es scheint, dass auch die Siegermächte nicht auf Karajan verzichten wollen. Bereits 1948 wird er Direktor und Ehrenmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, was 1949 auf Lebenszeit verlängert wird. 1948 debütiert er an der Mailänder Scala, 1951 dirigiert er bei den Bayreuther Festspielen, kommt nach 1952 allerdings nicht mehr dorthin, weil er Wieland Wagners modernen Regiestil ablehnt. 1955 ist Karajan am Ziel seiner Wünsche: Er wird Chefdirigent der Berliner Philharmoniker auf Lebenszeit.
Das hat er dem Berliner Kultursenator Joachim Tiburtius zu verdanken, der bei Karajan angefragt hatte, ob er bereit sei, nach dem Tod Furtwänglers (1954) die für 1955 geplante USA-Tournee des Orchesters zu übernehmen. Karajan sagte unter der Bedingung zu, dass er sie nur als designierter Chefdirigent des Orchesters übernehmen würde. Tiburtius akzeptierte. Und hielt auch an Karajan fest, als es in den USA anlässlich der Tournee zu wütenden Protesten gegen Deutschland und gegen Karajan persönlich kam.
Die weiteren Stationen der Karriere Karajans sind allgemein bekannt: 1948 bis 1968 ist er ständiger Gast an der Mailänder Scala, wo er dirigiert und inszeniert, 1957 wird er künstlerischer Leiter der Wiener Staatsoper, die er nach politischen Konflikten 1964 verlässt. 1956 bis 1960 ist er künstlerischer Leiter der Salzburger Festspiele, deren Direktorium er bis 1988 angehört und deren eigentlicher Mittelpunkt er ist. 1967 gründet er die Salzburger Osterfestspiele.
Geschmacksfragen
Seit dieser Zeit scheiden sich die Geister nicht nur an Karajans unsauberer politischer Vergangenheit, sondern auch an seinem Musizierstil. Während alle Berichte über den jungen Karajan von einem glühenden, nahezu exzessiven Musizieren sprechen, pflegt er nun zunehmend einen geglätteten Stil. Der Perfektion wird der Ausdruck untergeordnet.
Dabei versteht es Herbert von Karajan, die Tugenden des deutschen Kapellmeistertums mit neueren Bestrebungen zu verbinden. Er hat eine perfekte Schlagtechnik, sein opulenter Klang mit betont weichen Einsätzen bleibt immer durchsichtig, das Orchester ist ausbalanciert homogen. "Perfekte Klangschönheit" rühmen seine Befürworter, seine Gegner jedoch nennen seinen Stil einen "inhaltsleeren Schönheitskult".
Dass Karajan zu diesem Schönheitskult tatsächlich neigt, steht außer Diskussion. So nimmt er beim Tänzer Harald Kreutzberg Bewegungsunterricht, um auf dem Podium eleganter zu wirken, und lässt bei seinen Konzertaufzeichnungen für das Fernsehen mitunter auch jene Bläser die Instrumente an die Lippen führen, die gar nicht spielen, weil es seiner Meinung nach optisch eben besser wirke.
Zweifellos ist Karajan aber auch jener Musiker, der für die Tonträgerindustrie eine treibende Kraft war. Er, der zeitlebens eine kindliche Freude an der Technik behielt (dass er einen Pilotenschein machte und auch selbst flog, beweist dies ja auch), nützte stets die neuesten Aufnahmemethoden – und wurde nicht müde, sein Repertoire mehrfach einzuspielen, wenn eine technische Verbesserung auch eine klangliche Verbesserung versprach.
Seine Gegner merken in diesem Zusammenhang freilich an, dass Karajan primär das Mainstream-Repertoire bediente, seinen Namen aber nicht zur Förderung Neuer Musik nützte. Doch das stimmt so nicht ganz. Herbert von Karajan dirigierte sogar ziemlich viel Neue Musik, ehe ihm im höheren Alter das Lernen zunehmend schwer fiel. Es gab jedoch kein Werk der Neuen Musik, für das er sich wirklich mit Nachdruck einsetzte.
Karajan und Orff
Ein charakteristisches Beispiel dafür ist die Uraufführung von Carl Orffs "Trionfi", bestehend aus "Carmina burana", "Catulli Carmina" und "Trionfo di Afrodite", am 14. Februar 1953 an der Mailänder Scala. Neu waren der "Trionfo" und die Zusammenstellung als Triptychon. Karajan wollte selbst inszenieren und dirigieren. Er kalkulierte die Vorbereitungszeit schlecht, war aber nicht bereit, die Uraufführung zu verschieben oder einem anderen Dirigenten zu übertragen. Statt dessen kürzte er die "Catulli Carmina" auf ihren Mittelteil zusammen und brachte im "Trionfo" weitere Kürzungen an.
Als 1973 bei den Salzburger Festspielen Orffs letztes Werk, "De temporum fine comoedia", uraufgeführt werden sollte, verlangte Karajan abermals, das Werk zu dirigieren, obwohl er zwischen 1953 und 1973 kein Werk Orffs, nicht einmal das Standard-Repertoirewerk "Carmina burana" aufgeführt hatte. Abermals verlief die Aufführung nicht zu Orffs voller Zufriedenheit, aber es gab diesmal wenigstens keine Kürzungen, und August Everding hatte im Bühnenbild Günther Schneider-Siemssens eine überzeugende Inszenierung erarbeitet.
Karajans Kult um die eigene Person, den seine Befürworter nach seinem Tod, am 16. Juli 1989 in Anif, auf seine dritte Frau, das ehemalige französische Fotomodell Eliette, übertragen haben, ist eine weitere bizarre Facette, die nur eines bestätigt: Dass die Person Karajan bei Befürwortern wie Gegnern vielleicht eine wesentlichere Rolle spielt als der Musiker Karajan. Es wäre an der Zeit für eine objektive Würdigung dieses Mannes. Was das Jubiläums-Jahr jedoch bisher hervorgebracht hat, ist nichts Neues: Devotion und harsche Ablehnung.
Vielleicht kann man aber Herbert von Karajan auch gar nicht anders begegnen.
Quellen:
Robert C. Bachmann: Karajan. Anmerkungen zu einer Karriere. Econ Verlag, Düsseldorf 1983.
Michael H. Kater: Die missbrauchte Muse. Europa Verlag, München 1998.
Richard Osborne: Une vie pour la musique. L'Archipel, Paris 1999.
Werner Thärichen: Paukenschläge. Furtwängler oder Karajan. Henschel, Berlin 1991.
Peter Uehling: Karajan. Eine Biographie. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2006.
Printausgabe vom Samstag, 05. April 2008
Online seit: Freitag, 04. April 2008 13:59:00
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