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Artikel aus dem EXTRA LexikonPrint this

Die Lust an den trivialen Vergnügungen der Heftchenliteratur ist ungebrochen – ungeachtet aller ästhetischen und moralischen Bedenken

Ein Stück vom Glück

Don Quijote erfüllt seine Phantasie mit den Gestalten der Ritterromane. 
Bild: Gustave Doré, 1863

Don Quijote erfüllt seine Phantasie mit den Gestalten der Ritterromane.
Bild: Gustave Doré, 1863

Die Verlage verwenden sehr viel Sorgfalt auf die graphische Gestaltung der Hefte. Foto: ©Bastei/Koveck-NORMA

Die Verlage verwenden sehr viel Sorgfalt auf die graphische Gestaltung der Hefte. Foto: ©Bastei/Koveck-NORMA

Von Christina Zoppel und Andreas Walker

Man bekommt sie meistens am Kiosk und sicherlich in jeder Bahnhofsbuchhandlung. Ihre Auflagen gehen in die Zigtausende. Sie werden von Massen gelesen und spielen in der offiziellen Literaturrezeption doch kaum eine Rolle. Hingegen werden Groschenhefte gern als trivial abgekanzelt, und wer sich zu ihnen bekennt, dem wird vorgeworfen, der Realität entfliehen zu wollen.

Die Geschichte der Heftromane ist, was nicht verwundert, Teil der Geschichte des Kampfes gegen "Schmutz und Schund" in der Literatur. Noch in den 1950er Jahren empfanden staatliche Obrigkeiten einige Hefte als derart gefährlich, dass Gesetze zum Schutz der Bevölkerung, vor allem der Jugend, vor solcherart verbreiteter Unsitte und geistiger Verrohung erlassen wurden: in Deutschland 1953 und in Österreich sogar schon 1950 mit dem "Gesetz über die Bekämpfung unzüchtiger Veröffentlichungen und den Schutz der Jugend gegen sittliche Gefährdung" durch gewisse Groschenromane, Comics und Filme.

Verderbliche Lektüre

Das berühmteste Opfer der vermeintlich schädlichen Trivialliteratur erfand schon Miguel de Cervantes mit seinem Don Quijote. Wegen der exzessiven Lektüre von Ritterromanen vergisst der Junker immer öfter zu essen, zu schlafen und vernachlässigt die Verwaltung seines (dahinschwindenden) Vermögens. Schließlich zieht Don Quijote auf seinem Klepper Rosinante und mit einer Barbierschüssel als Helm durch die Lande, um gegen Riesen zu kämpfen, die eigentlich Windmühlen sind, um Edelfrauen zu erobern, die lieber Dorfmädchen bleiben wollen, und um etliche andere phantastische Abenteuer zu bestehen.

Die Ritter- und Schauerromane des 16. Jahrhunderts sind sozusagen die Ahnherren der Groschenliteratur. Daneben wurden viele alte, teils antike Sagen und Märchen überliefert. Sie kamen als billige Einblattdrucke oder Broschüren auf Jahrmärkten in Umlauf. Während der Aufklärung in Vergessenheit geraten, haben die Romantiker der Biedermeierzeit diese sogenannten "Volksbücher" zu neuem Leben erweckt und damit den späteren Siegeszug der Heftromane vorbereitet.

Trotz Gesetzen gegen die Broschüren, "die Ausgeburten einer scheußlichen Phantasie" , die "die Einbildungskraft mit Hirngespinsten füllen" (aus einer österreichischen Zensurvorschrift von 1810), war die Trivialliteratur nicht unterzukriegen. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts waren die massentauglichen Hefte fast überall in Europa und Nordamerika verbreitet und erhielten ihre bis heute gängige Bezeichnung: Groschenheft, Groschenroman, auf Englisch Dime Novel oder Penny Dreadful . Denn längst konnte nicht mehr nur die Elite der Gesellschaft lesen und die Modernisierung der Drucktechniken ermöglichte riesige Auflagen zu mäßigen Preisen. Seit über 150 Jahren sind die Groschenhefte ein einzigartiges Phänomen der Schriftkultur. Sie sind die geheimen Bestseller der Unterhaltungslektüre.

Seit damals hat sich an den Sujets der Heftliteratur nicht viel verändert. Am stärksten gefragt sind Geister- und Gruselgeschichten, Abenteuer-/Westernromane und natürlich Liebesgeschichten. Später kamen Kriminalromane und Science-Fiction-Hefte dazu. "Perry Rhodan" (Pabel-Moewig-Verlag) umfasst inzwischen über 2400 Nummern und gilt mit über einer Milliarde verkaufter Hefte als der auflagenstärkste Science-Fiction-Titel weltweit. Die Kriminalfälle des "G-Man Jerry Cotton" verkauften sich bisher über 850 Millionen Mal, die "Silvia"-Liebesromane 418 Millionen Mal. Erfolgreich sind auch die Western-Serien "G.F. Unger" und "Lassiter" sowie der Grusel-Dauerbrenner "Geisterjäger John Sinclair".

Alle diese Hefte erscheinen bei einem der Marktführer der leichten Lesestoffe, dem Bastei-Lübbe-Verlag. Über die despektierliche Bezeichnung "Schundheftchen" haben sich diese Titel längst hinweggesetzt, nicht zuletzt dadurch, dass sie sich in unserer Lesekultur seit Jahrzehnten so kontinuierlich wie unauffällig breit machten.

Plakative Titelbilder

Gemeinsam ist der Groschenliteratur der letzten 50 Jahre das handliche A5-Format, der Umfang von 64 Seiten, die vierzehntägige Erscheinungsweise und atmosphärisch-plakative Titelbilder. Die Gestaltung des Umschlags hat sich bei einigen Serien seit Jahrzehnten kaum verändert. Die treuen Lesergemeinden schätzen die Stiltreue ihrer jeweils bevorzugten Heftserien, optisch wie inhaltlich. Gut und Böse sind – sei es nun eine Liebes- oder eine Abenteuergeschichte – leicht voneinander zu unterscheiden und Männer und Frauen erfüllen – mit Ausnahmen, die sich dann entsprechende Schwierigkeiten einhandeln – stereotype Rollenbilder. Der Sprachstil ist in der Regel schlicht, dialogreich und hintergrundarm. Nur wenige Serien, etwa die Fantasy-Serie "Maddrax" und "Perry Rhodan", bilden Ausnahmen, da sie einer durchgängigen, komplexen Storyline folgen.

In den Einzelheften prescht allerdings auch bei diesen beiden Serien stets ein zentraler Handlungsstrang durch haarsträubende Abenteuer, Kämpfe oder amouröse Missverständnisse auf das unausweichliche Finale zu: das Happy End. Das Gute siegt, die Herzen, die zusammen gehören, finden zusammen, Übeltäter werden bestraft.

Eine ordentliche Brise Utopie durchweht die Groschenromane aller Genres. "Märchen" nannte die Grande Dame des Frauenromans, Hedwig Courths-Mahler (1867-1950), ihre Geschichten. Nicht die historische Realität, sondern Gefühle, Familie und sozialer Aufstieg stehen im Mittelpunkt.

Die in Aussicht gestellte Chance, Glück und Harmonie zu erlangen, hat nichts von ihrer Anziehungskraft verloren. In den aktuellen Liebesromanen wiederholt sich der alte Wunschtraum immer aufs Neue, oft symbolträchtig inszeniert in der paragöttlichen Sphäre des Arztes, der physische und auch psychische Leiden heilt. "John Sinclair" und "Zamorra" kämpfen gegen ganze Reiche des Bösen, die die irdische Ordnung bedrohen. Dana Frost, der Captain der "Sternenfaust", streitet für eine "erstrebenswerte Zukunft" . Der unsterbliche Perry Rhodan setzt sich für eine kosmische Ordnung ein und bekämpft das Chaos, das sich in sogenannten "Negasphären" manifestiert.

Das Urbild Atlantis

Den Vorläufer dieser erträumten Wunschwelt findet man in Atlantis. Platon hat die Insel ausführlich im "Kritias" beschrieben. Atlantis ist dort sowohl Utopie wie Dystopie. Nach dem ökonomischen und sozialen Aufstieg setzt sich bei den Atlantern der menschliche Anteil vor dem göttlichen durch und sie beginnen zu entarten. Zeus beschließt daraufhin den Untergang der Insel. Obwohl es als sicher gilt, dass Atlantis im Wesentlichen eine Erfindung Platons war, hat dies Forscher und Entdecker nicht davon abgehalten, nach dem "Nicht-Ort" zu suchen. Aristoteles verlegte ihn ans andere Ende der Welt, was Columbus inspiriert haben soll, Richtung "Indien" aufzubrechen. Auch etliche literarische Nachfolger waren von der Möglichkeit einer Insel der Glückseligkeit fasziniert. Thomas Morus gab mit seinem "Staatsroman" "Utopia", der seinen Zeitgenossen einen (sozial-)kritischen Spiegel vorhalten sollte, einer eigenen literarischen Gattung den Namen, und Francis Bacon taufte seine Utopie gleich "Neu-Atlantis."

Begrifflich geht Atlantis auf Herodot zurück, der in seinen "Historien" ein Volk am Atlasgebirge beschreibt, die Atlanten. Die Heftserie "Maddrax" spielt mit diesen "historischen" Bezügen. Maddrax ist im 26. Jahrhundert angesiedelt und durchsetzt mit Motiven und Figuren aus der Geschichte seit dem Altertum bis zu aktuellen politischen und medialen Ereignissen. Nach einer verheerenden Katastrophe im 21. Jahrhundert herrschen in Zukunft – von wenigen Oasen abgesehen, die wiederkehrend Gegenstand von Machtkämpfen sind – chaotische Zustände. Einige dieser Oasen sind auf verschiedenen Plattformen angeordnete Wolkenstädte, die über Afrika schweben. Bei einem nächtlichen Spaziergang sagt ihr Kriegsminister Pierre de Fouché, der seinen Kant offensichtlich gelesen hat: "Der gestirnte Himmel über mir und der lärmende Dschungel unter mir – das inspiriert mich zu den besten strategischen Gedankenspielen." Afrika ist in "Maddrax" Wiege der Menschheit, ein Ort der Gefahr und zugleich einer der fragilen Utopie. Allerdings ist an die Stelle des moralischen Gesetzes der wilde Dschungel getreten.

Der Reiz der Groschenhefte liegt aber nicht nur in der Kraft zu Visionen von Liebe und Glück oder einer neuen, besseren Welt. Vielmehr ruht ihr Erfolg auf dem Prinzip der Wiederholung ein und desselben einfachen Schemas und, nicht zu vergessen, auf der Zerstreuung. Durch sie lenkt man sich vom "mannigfaltigen Elend des menschlichen Lebens" ab, meinte Blaise Pascal.

Das Gros der zeitgenössischen Literatur gehört mittlerweile zur Kategorie "reine Unterhaltung", aber unsere liebste Freizeitbeschäftigung ist fraglos das Fernsehen. Die Grenze zwischen den Medien ist fließend. Seit Jahren adaptiert das Fernsehen Heftserien für sein Programm ("Der Bergdoktor", "Dr. Stefan Frank – Der Arzt, dem die Frauen vertrauen"). Andererseits wirken TV-Serien wie "Star Trek" oder "MacGyver" auf die Heftromane ein, etwa auf "Sternenfaust" oder "Maddrax".

Um diesen seit acht Jahren erscheinenden Titel entwickelt sich gerade ein ähnlicher Hype wie um die Serie "Perry Rhodan", die seit 1961 an einem weitverzweigten "Perryversum" bastelt. Beide Serien werden teilweise, was recht ungewöhnlich für den Groschenheftsektor ist, nicht unter Pseudonymen publiziert. Perry Rhodan ist so salonfähig, dass der Tod seines langjährigen österreichischen Autors Ernst Vlcek im April 2008 sogar vielen bürgerlichen Zeitungen, von der Wiener "Presse" bis zur "Neuen Zürcher Zeitung", einen Nachruf wert war. Auch der österreichische Kabarettist Leo Lukas gehört seit einigen Jahren zum Autorenkollektiv.

Das ewige Thema Liebe

Diese Kultserien dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass nach wie vor die Liebe das dominierende Sujet der Groschenhefte ist. Neben traditionsreichen Serien wie "Silvia", diversen Adels-, Arzt- und Heimatromanen aus deutschen Federn drängen vermehrt Übersetzungen englischsprachiger Autoren auf den umkämpften Markt. Im Hamburger Cora Verlag erscheinen in umfangreicherer Buchform die Serien "Julia", "Bianca" oder "Baccara". "Julia" wird weltweit vertrieben und gilt als erfolgreichste Liebesromanserie überhaupt. Allein in Deutschland wurden davon 120 Millionen Exemplare verkauft. Thematisch spannt sich das Liebes-Genre von in der Gegenwart angesiedelten, spritzigen Topf-findet-Deckel-Geschichten über erotische und historische Romane bis zu solchen mit Thriller-, Horror- und Mystery-Elementen.

Laut einer repräsentativen Umfrage ist den Lesern und Leserinnen bei der Lektüre durchaus klar, dass sie es hier nicht mit der Wirklichkeit zu tun haben. Es ist eben die Variation ein und desselben ansprechenden Themas, das sie immer wieder von Neuem genießen, wie einen Tagtraum.

Trivialliteratur sei reine Fluchtlektüre zur Verdrängung des Alltags, behaupten ihre Kritiker. Das Vorurteil, man könne durch anspruchslose Storys und Unterhaltung, sei es in der Literatur oder im Fernsehen, verblöden und den Bezug zur Realität verlieren, ist nicht zu beweisen. Dennoch haftet der Heftliteratur hartnäckig der Nimbus des Minderwertigen an, und das liegt nicht allein an der billigen Aufmachung und am schlichten Stil. Wegen der mangelnden Innovation auf inhaltlicher Ebene befürchten Skeptiker, die Leser seien zunehmend bereit, sich mit (gesellschaftlichen) Missständen widerstandslos abzufinden. Über den Groschenheftrand hinausgesehen, ließe sich dieser Verdacht freilich auf den Großteil unserer Unterhaltungsangebote ausdehnen.

Gerhard Melchert vom Kelter Verlag, einem weiteren Groschenheft-Marktriesen (Serientitel: "Dr. Norden", "Patricia Vandenberg", "Gaslicht", "Irrlicht", "Wyatt Earp" etc.), führt die momentan fabelhaften Umsätze der Branche auf die Krisenstimmung zurück – und bestätigt damit Pascals gut 300 Jahre alte Sentenz. Seit dem Angriff auf die New Yorker Twin Towers herrsche bei vielen Menschen Angst und Sorge, meint Melchert. "Aus diesem Gefühl heraus entsteht die Sehnsucht nach einem Stück heiler Welt. Und wir verkaufen heile Welt, eine Welt, die noch in Ordnung ist."

Wenn diese Romanheftwelt vorübergehend nicht in Ordnung ist, gibt es jedoch Helden, die das ändern, die wieder Klarheit zwischen Schwarz und Weiß schaffen oder die ein widerspenstiges Liebespaar vor idyllischer Alpen- oder Schlosskulisse zueinander bringen. In unübersichtlichen Zeiten scheint das Bedürfnis nach klaren Strukturen und Beziehungen, nach tiefen und wahren Gefühlen zu wachsen. Diese Ansicht stützt sich auf die bisherigen zwei großen Erfolgsphasen der Groschenhefte zu Beginn des 20. Jahrhunderts und nach dem Zweiten Weltkrieg, beides Umbruchszeiten.

Dies erklärt jedoch kaum die ungebrochene breite Akzeptanz der lang als proletarisch und kleinbürgerlich abgestempelten Groschenliteratur. Eine Umfrage des Kölner Instituts für Massenkommunikation in der Schweiz, Österreich und Deutschland lieferte überraschende Ergebnisse: Romanheftleser finden sich in allen gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen, in vielen Berufen und unabhängig vom Bildungsniveau. Gruselstorys und Krimis werden von beiden Geschlechtern gelesen, alles, was mit Liebe zu tun hat, vorwiegend von Frauen, Western und Science Fiction bevorzugt von Männern. Die Heftlektüre bietet Kurzweil, im Zug, im Park, zwischen zwei Mahlzeiten, ohne den Anspruch intellektuellen Höhenflugs. Gleichwohl zeugen die Kommentare und Vorschläge, die viele Leser an die Redaktionen ihrer Lieblingsstorys schicken, von reger Anteilnahme am Schicksal "ihrer" Serie und dem einzelner Figuren. Und sie werden ebenso aktiv in Internetforen weiterdiskutiert.

Gegenentwürfe

Thomas Morus’ Entwurf einer idealen Gesellschaft in Utopia ist ein soziopolitisches Lehrstück. Cervantes’ ursprünglich als Parodie auf die Ritterromane geplantes Buch gerät zur Sinnfrage nach Ideal und Realität, deren Wahrnehmung und "Echtheit" ebensowenig zu trauen ist. Die Groschenhefte – handeln sie nun von Glück und Liebe oder vom Kampf und Sieg des Guten über das Böse – sind mehr als sentimentale, überschaubar geordnete Gegenentwürfe zu unserer Lebenswelt, die immer öfter als komplex, chaotisch und egoistisch empfunden wird. Sie sind utopische Paradigmen, skizzierte Musterwelten, die uns 64 Seiten lang gefangen halten. In ihnen sucht man jedesmal aufs Neue für einen Moment das Vertraute, in dem man sich geborgen und heimisch fühlt.

Dies hindert die meisten Leser aber nicht daran, dem "realen" Geschehen gegenüber wach und kritisch zu sein. "Ja, aber heißt es nicht glücklich sein, wenn man durch Zerstreuung erfreut werden kann?" , fragte Pascal sich und seine Leser bescheiden. Wir wissen, dass ein Stück vom Glück doch nur die Sehnsucht nach mehr davon weckt.

Christina Zoppel, geboren 1971, lebt und arbeitet als freie Autorin und Lektorin in Berlin.

Andreas Walker, geboren 1971, lebt und arbeitet als Philosoph und Autor in Berlin.

Printausgabe vom Samstag, 26. Juli 2008
Online seit: Freitag, 25. Juli 2008 17:05:37

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