Ein Besuch in der galizischen Stadt Drohobycz, der Heimat des polnischen Schriftstellers Bruno Schulz, der 1941 von den Nationalsozialisten ermordet wurde
Ein Visionär aus der Provinz
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Alfred Schreyer, der letzte Jude in Drohobycz.Foto: Gornikiewicz
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Von Maria Gornikiewicz
Drohobycz, eine Kleinstadt in den Vorkarpaten, im ehemaligen Ostgalizien. Bis 1918 war dies die äußerste Peripherie des Habsburgerreiches.
Dann wurde Drohobycz (wieder) polnisch, heute gehört es zur Ukraine. Die Geschichte des Ortes kann man bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen, als hier Salzvorkommen entdeckt wurden. Bei einem Brand im 17. Jahrhundert wurde die Kirche zerstört. 1656 ließen die Bürger eine Holzkirche im byzantinischem Stil (ohne Nägel) errichten, die sie mit Salz bezahlten. Diese Hl. Georgskirche war früher russisch-orthodox, wurde später uniert, und ist jetzt griechisch-katholisch. Es gibt nur sieben derartige Holzkirchen in der Ukraine, zwei davon in Drohobycz. Neben der zweiten befindet sich heute eine Kochsalzfabrik.
Später hat in Drohobycz und Umgebung der Run auf Erdöl begonnen, 1880 gab es 36 Ölgesellschaften. Damals nannte man die Hauptstadt der ruthenischen Zwiebelbauern "galizisches Pennsylvanien". (Der Wiener Nordbahnhof wurde übrigens als erstes öffentliches Gebäude der Hauptstadt mit Petroleum aus Drohobycz beleuchtet.) Die neuen Kapitalisten haben damals einen eigenen Stadtteil mit Synagoge und Wäscherei aufgebaut, ein Villenviertel ist heute noch erhalten.
Natürlich gibt es in Drohobycz auch einen Rynek , einen rechteckigen Ringplatz, mit Rathaus. Auf der einen Seite stehen Biedermeierhäuser, auf der anderen wurden sie abgerissen und mit Russenhäusern bestückt.
Der "letzte Mohikaner"
Der Witwer Alfred Schreyer aus Drohobycz sucht im berüchtigten Wald von Bronica die Erinnerung an seine Mutter, die hier von den Nazis ermordet wurde. Auf das Täfelchen mit ihrem Namen legt er ein Stück Mazzes. Sein Vater ist in einem KZ vergast worden. Er sei "der letzte Mohikaner", meint der sechsundachtzigjährige Schreyer, der letzte Jude in Drohobycz, der überlebt hat. Schreyer erzählt, dass es einmal sechs Synagogen in Drohobycz gegeben hat, zwei kann man noch sehen, eine im Jugendstil wurde zur Sporthalle umfunktioniert, doch die älteste Synagoge Galiziens verfällt, nachdem die Russen sie als Möbellager benützt haben und später Zigeuner darin hausten. Wenigstens das Dach konnte man inzwischen sanieren.
In die heutige Sporthalle wurden damals die Juden getrieben, mehr als 11.000 Menschen wurden von den Nazis erschossen. Vor ungefähr 17 Jahren hat ein Mann namens Wilhelm Pepper aus Israel (seine Mutter war unter den Opfern) die Einfassung der Massengräber mittels elf bis dreißig Meter langer Grabplatten und einen Gedenkstein finanziert. Davor waren die Massengräber nur mit Erde bedeckt und umzäunt. Die Metallplatte und ein Judenstern aus Metall sind ziemlich bald gestohlen worden.
Ein Ukrainer hat hier in seinem Haus in Drohobycz einen Bunker gebaut und 47 Juden versteckt, und zwar genau gegenüber der Reitschule von der SS. Alle 47 Juden haben überlebt.
Dichter und Lehrer
Nur am 19.11.1942 ist ein Mann auf offener Straße von einem Gestapo-Mann erschossen worden, der Grund dafür war eine Rivalität zweier Nazi-Bonzen. Es war der Zeichenlehrer von Herrn Schreyer, Bruno Schulz.
Der Dichter, Maler, Zeichner, Kunsterzieher Bruno Schulz, geboren am 20. 7. 1892 in Drohobycz, war einer der großen Visionäre der europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Ein Klassiker der Avantgarde. Seine Bücher wurden nach seinem Tod in 26 Sprachen übersetzt. Im ehemaligen Kaiser Franz Josef-Gymnasium, das davor ein jüdisches Waisenhaus gewesen war, lehrte Schulz von 1924 bis 1941. Dort ging Schreyer in die Schule.
Heute gibt es im Schulgebäude (jetzt eine Pädak) einen Gedenkraum mit Büste und einer Bildergalerie von Bruno Schulz. Schreyer nennt den Dichter mit Hochachtung ein Universalgenie, das seinen Schülern auch Märchen erzählt hat, und zwar in polnischer Sprache. Aber Bruno Schulz hat auch sehr gut deutsch gesprochen und manchmal auch deutsch geschrieben. Er hat sogar Entwürfe zu seinem Buch "Die Zimtläden" in Deutsch verfasst, weil er sich im deutschsprachigen Ausland mehr Beachtung erhoffte. Deutsch war die Amtssprache und die Sprache der Intellektuellen. Im Elternhaus von Schulz ist polnisch gesprochen worden, auf dem Markt und in den Geschäften wurde auf Jiddisch gehandelt.
Angrenzend an die kleine Galerie soll seine Werkstatt gewesen sein. Es gibt dort auch einen Teil des grafischen Werkes und eine Plastik von Schulz zu sehen. Er hat in diesem Haus vertretungsweise sogar Chemie und Physik unterrichtet. Obwohl er, der Sohn eines jüdischen Textilhändlers, eigentlich Maler werden wollte, nach dem Abitur (an eben dieser Schule) in Lemberg und Wien Architektur studiert hat und später an der Akademie der Bildenden Künste in Wien eingeschrieben war.
Aber durch Krankheiten und den Tod des Vaters waren die finanziellen Verhältnisse so miserabel, dass er den Lehrberuf ergreifen musste. Der Höhepunkt seiner Karriere war sicher, als er 1936 mit dem "Goldenen Lorbeer" der polnischen Akademie für Literatur ausgezeichnet worden ist. Heute gibt es in Drohobycz eine Bruno Schulz-Gasse und alle zwei Jahre ein Bruno Schulz-Festival (das nächste 2010). Heuer hat bei diesem Anlass der Musiker und Sänger Alfred Schreyer Geige gespielt. Die Musik ist sein Jungbrunnen, sagt er.
Der große Erzähler Schulz hat für die Nachwelt die Atmosphäre des jüdischen Schtetls eingefangen, kurz bevor es zum geschäftigen Zentrum der ergiebigsten Ölfelder des Kronlandes Galizien wurde. Der erzählende Schulz-Sound enthält lyrische Sprachexplosionen und ist durchaus kafkaesk. Mitunter treibt er sonderbar schaurige Blüten. Zum Beispiel, wenn das missgestaltete und blödsinnige Mädchen Tluja geschildert wird, das im Sommer auf einem Bett am Misthaufen ausharrt:
"Die Luft über diesem Gerümpelhaufen, in der Glut außer Rand und Band geraten, von den Blitzen glitzernder, durch die Sonne erzürnter Pferdefliegen durchschnitten, knisterte und knackte wie unsichtbare Rasseln und reizte bis zum Wahnsinn. Tluja sitzt zusammengekauert inmitten von gelbem Bettzeug und Lumpen. Von ihrem großen Kopf steht das schwarze Haar in Büscheln ab. Ihr Gesicht lässt sich zusammenziehen wie der Balg einer Ziehharmonika. Alle Augenblicke legt eine weinerliche Grimasse diese Ziehharmonika in tausend Querfalten, und das Erstaunen zieht sie wieder auseinander, glättet die Falten, enthüllt die Schlitze der winzigen Augen und das feuchte Zahnfleisch mit den gelben Zähnen unter der rüsselartigen, fleischigen Lippe."
Schulz und Kafka
Bruno Schulz muss (insgeheim) um 1925 zu schreiben begonnen haben. "Die Zimtläden" konnten erstmals 1933/34 erscheinen. Damals gab es eine "Dreieinigkeit" von polnischen Schriftstellern: Stanislaw Ignacy Witkiewicz, Witold Gombrowicz und Schulz, welche die Richtung des "Phantastischen Realismus" vorgaben. Tagebuchnotiz Gombrowicz’: "Schulz: der sich in der Form verliert – ein ertränkter Verrückter."
Bruno Schulz schätzte Franz Kafka, Josef Roth und Thomas Mann. Mit Mann verband ihn ein reger Briefwechsel, weil Schulz den deutschen Nobelpreisträger bat, sich für die Veröffentlichung der Erzählung "Die Heimkehr" einzusetzen. Leider ist die Korrespondenz verloren gegangen.
Man vermutete lange Zeit, dass Schulz Kafkas "Prozess" ins Polnische übersetzt hat. Aber in Wahrheit hat das seine Verlobte unter Bruno Schulzens Namen getan.
Trotz seiner künstlerischen Eigenständigkeit wäre die Existenz des Schriftstellers Schulz ohne Kafka unmöglich gewesen. Im Nachwort zur ersten deutschen Ausgabe von "Die Zimtläden" (übersetzt vom mittlerweile verstorbenen Josef Hahn) meinten François Bondy und Andrzej Wirth: "Die Ähnlichkeit in der Biographie beider, ihre jüdische Abstammung, das zwischen Faszination und Ablehnung oszillierende Verhältnis zum Vater wie auch die Angst vor den Zwängen bürgerlicher Daseinskonventionen ließ im Schaffen dieser Schriftsteller ein gemeinsames Klima aufkommen."
Man kann die Erzählungen von Bruno Schulz getrost als "Prosadichtung" bezeichnen, als Lyriker und Zeichner hat er die Welt phantastisch verwandelt. Sein Zyklus "Die Zimtläden" seien aus dem Briefwechsel mit der Kunsthistorikerin Deborah Vogel entstanden, schrieb Schulz einmal einer Freundin. Geschichten in einer Atmosphäre des Verschwiegenen und Geheimnisvollen, in der sich Umstürzlerisches vollzieht, und die Erlebnisse aus der Kindheit des Autors enthalten.
In Schulzens Grafiken gibt es ein immer wiederkehrendes Thema: masochistische Selbsterniedrigung und erotische Unterwerfung (der Männer).
Das tragische Ende
Im Juli 1941 ist Drohobycz von deutschen Truppen besetzt worden. Der berüchtigte "Referent für Judenfragen", SS-Kommandant Felix Landau, hielt sich Schulz "wie einen Sklaven" (so Schreyer), ließ sich von ihm das Kinderzimmer seiner Dienstvilla mit Märchenbildern ausstatten. Danach musste Schulz auch die Wände der Reitschule und das Gestapo-Kasino bemalen. Trotzdem wurde er 1941 ins Drohobyczer Ghetto überstellt. Kurz danach kam er zu Tode, wegen eines Streits unter Gestapo-Leuten. (Alfred Schreyer kommentiert den Vorfall zynisch mit: "Erschießt du meine Juden, erschieß ich deine Juden!") An dem Tag, an dem er ermordet wurde, wollte Schulz seine Flucht einleiten. Falsche Papiere waren schon vorbereitet.
Es wird berichtet, dass es dem Schulz-Forscher Jerzy Ficowski und dem Dokumentarfilmer Benjamin Geissler zu danken ist, dass im Februar 2001 die Fresken in der Villa Landau unter mehreren Anstrichen freigelegt und identifiziert worden sind. (Mehr dazu in Geisslers Film "Bilder finden".) Schreyer erzählt, dass er sie gefunden hätte. Mittlerweile wurden die von der ukrainischen Regierung unter Denkmalschutz gestellt. Ein Teil davon wurde in die Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem gebracht, den anderen Teil besitzt das Landeskundliche Museum in Drohobycz.
Literatur:
Bruno Schulz: Die Zimtläden. Neu aus dem Polnischen übersetzt von Doreen Daume. Carl Hanser Verlag München/ Wien 2008, 232 Seiten.
Jercy Ficowski: Bruno Schulz – Ein Künstlerleben in Galizien (1892 – 1942). Hanser Verlag Wien/ München 2008, 185 Seiten.
Kurt Scharr: Die Bukowina. Erkundungen einer Kulturlandschaft. Ein Reiseführer. Böhlau Verlag Wien 2007, 155 Seiten.
Doreen Daume liest am 15.11. aus ihrer Übersetzung der "Zimtläden": "Literatur im Herbst", Odeon Theater, Taborstraße 10, 1020 Wien, 16.00 Uhr.
Maria Gornikiewicz, geboren 1943, lebt und arbeitet als Journalistin und Fotografin in Wien.
Printausgabe vom Samstag, 15. November 2008
Online seit: Freitag, 14. November 2008 15:14:00
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