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Artikel aus dem EXTRA LexikonPrint this

Kritische Anmerkungen zu jenem Sprachgebrauch, den man zwar "politisch korrekt" nennt, der aber in vielen Aspekten sehr verlogen ist

"Das darf man nicht mehr sagen"

Von Peter Stiegnitz

Vor über einem halben Jahrhundert, im Jahr 1958, flog ich zu einer Tagung der Internationalen Sozialistischen Studenten nach Westberlin.

Ich musste fliegen, weil ich als ungarischer Flüchtling des Jahres 1956 nicht durch das Staatsgebiet der DDR fahren konnte. An die Tagung selber kann ich mich nicht mehr erinnern; jedoch an eine kleine Begegnung. Wir besuchten einen "Nightclub". Harmlos, wie damals alles noch war, wurde ein Orangen-Wettessen unter den Gästen – allesamt Tagungsteilnehmer – veranstaltet. Während alle anderen "Junggenossen" ihre Orangen höchst artig, meist mit einem Taschenmesser schälten, riss ein Student aus Israel in Sekundenschnelle die Schale von der Frucht, und genauso schnell hatte er die Orange verspeist.

Das Markanteste an diesem Abend war aber nicht der "Blitzerfolg" unseres israelischen Genossen, sondern eine kleine Szene danach. Vom Nachbartisch herüber gratulierte ein unterlegener Orangenesser dem Sieger mit den Worten: "Glückwunsch, Jude!" Ich wollte ob dieser offensichtlichen Beleidigung aufspringen, doch da hielt mich der Israeli zurück und sagte: "Was willst du, er hat recht: ich bin ein Jude. Na und?"

Wirken des Zeitgeistes

Heute, ein halbes Jahrhundert später, wäre so eine Szene in Deutschland oder in Österreich undenkbar. Und das, obwohl Juden "Juden" geblieben sind. Im Sinne einer heute weit verbreiteten verlogenen "Politischen Korrektheit" (PC) würde man in so einem Fall dem munteren Gratulanten einer gesetzlich verbotenen "Wiederbetätigung" zeihen.

Weshalb ich diese "Politische Korrektheit" für verlogen halte, möchte ich im Folgenden darlegen. Vorher aber noch ein Wort zu der soziologischen Grundlage, welcher die PC entsprungen ist. In den Ländern der "Ersten Welt", wozu ich die ehemaligen kommunistischen Staaten aber nicht zähle, widerspricht den (trotz Finanzkrisen immer noch stabilen) politischen und wirtschaftlichen Tatsachen das vor allem durch die Medien gesteuerte verunsicherte Selbstbild der Bevölkerung. Da wir im Abendland (im Gegensatz zu den islamischen Ländern) erbarmungslos unsere Tradition auf dem progressiven Altar des Zeitgeistes geopfert haben, fallen wir – nunmehr ohne kulturellen Halt – immer tiefer in eine pessimistische Generalstimmung.

Die großen Profiteure dieser kollektiven Verunsicherung und des individuellen Pessimismus sind die Bewahrer des Zeitgeistes, die eifrig am abendländischen Ast, auf dem wir sitzen, sägen. Diese Bewahrer, die unsere Welt (als Geburtshelfer für Totgeburten) von der Wiege bis zur Bahre (als Totengräber unseres Sicherheitsbedürfnisses) begleiten, sind die großen Nutznießer der von ihnen erzeugten pessimistischen Weltdarstellungen. Oder anders gesagt: Sie sind in Personalunion Produzenten und Verkäufer des heute grassierenden Kulturpessimismus.

Warum halte ich die "Politische Korrektheit" für verlogen und reihe sie in die Kategorie der Kollektivlügen ein? Weil alles, was den psychologischen Grundbedürfnissen der Menschen widerspricht oder sie sogar leugnet, als Lüge bezeichnet werden kann. Was halten Sie von dem folgenden Zitat? "Ich bin der Meinung, dass das deutsche Volk jetzt endlich und besser und mehr als bisher ein selbstverständliches, ruhiges, ausgeglichenes, aber unerschütterliches nationales Selbstbewusstsein braucht, seinetwegen, aber auch der Völker Europas wegen."

Ein Bürger des heutigen Deutschland, dessen kollektive Uniform immer noch das Büßerhemd ist, der diesen Satz hört, ist vermutlich überzeugt, dass sich hier ein Neonazi geäußert hat. Weit gefehlt. Der Autor dieses Satzes war Kurt Schumacher, der erste Nachkriegsvorsitzende der SPD. (Zitiert aus seiner Broschüre "Deutschlands Forderung: Gleiches Risiko, gleiches Opfer, gleiche Chancen!" aus dem Jahre 1946.)

Während die politisch korrekte historische Analyse der NS-Machtergreifung 1933 in Deutschland vor allem den Konservativen und dem Großkapital die Hauptschuld daran gab, war Kurt Schuhmacher ganz anderer Meinung: "...ohne die Haltung der Kommunisten wäre das Versagen des deutschen Parlamentarismus und damit die Möglichkeit für die Nazi, an die Regierung zu kommen, nicht gegeben gewesen".

Einfluss aus den USA

Die Geschichte der "Politischen Korrektheit" ist uralt, sie kam aus den Vereinigten Staaten nach Europa und war ursprünglich religiös begründet. Im Jahre 1793 legte der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten (im Fall eines Bürgers namens Chisholm gegen den Staat Georgia) unter anderem fest, dass ein Eid nicht auf den Staat, sondern auf das Volk abzulegen sei, da der Staat "zwar das edelste Werk des Menschen, der Mensch selbst jedoch das edelste Werk Gottes ist".

Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts erfand die amerikanische Bürgerrechtsbewegung den Schlachtruf "politically correct". Im Kampf gegen echte, aber auch bloß angebliche Diskriminierung von Minderheiten haben Linke, Schwarze und Feministinnen vehement eine Änderung des allgemeinen Sprachgebrauchs verlangt, um jede Art von verbaler Diskriminierung auszumerzen.

Wie in nahezu allen revolutionären Bewegungen, war auch der Anfang der PC-Bewegung nicht unbegründet. Die unmenschliche Rassentrennung etwa oder die Benachteiligung der Frauen in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft passten nicht in die liberale Nachkriegszeit der amerikanischen Gesellschaft. Daher war eine diesbezügliche politische Änderung durchaus sinnvoll und notwendig.

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Sprachregelung. Cartoon: Jugoslav Vlahovic

Siegreiche Revolutionen, wie das in der Vergangenheit in Frankreich oder Russland zu beobachten war, stürzen zwar die alte Herrschaft, setzen sich dann aber selber auf die Stühle der Tyrannen und "fressen" sich gegenseitig auf (man denke etwa an Robespierre oder Trotzki). So war es auch im Verlauf der PC. Anfang 1980 haben Studenten der Universität von Kalifornien verlangt, dass nicht länger mehr die "Werke von toten, weißen europäischen Männern" unterrichtet würden. Ironischerweise waren damit die großen Philosophen der deutschen und französischen Aufklärung gemeint. Statt von Kant und Voltaire wollten die Studenten lieber von "weiblichen und außereuropäischen Autoren" hören.

Gegen diesen absurden Missbrauch einst durchaus berechtigter Forderungen nach Gleichheit und Gerechtigkeit wandten sich seit Anfang der neunziger Jahre namhafte amerikanische Journalisten, wie zum Beispiel Richard Bernstein, Sohn europäischer Migranten, der am 27. Oktober 1990 in der "New York Times" die sinnlosen Auswüchse der PC mit "Orthodoxie", "Faschismus", "Fundamentalismus", ja sogar mit "Tyrannei" gleichsetzte. Bernstein qualifizierte die "Bildungsinhalte der amerikanischen Reformbewegungen seit den sechziger Jahren eindeutig als negativ".

Sprach- und Denkpolizei

Auch in deutschsprachigen liberalen Medien, wie in der "Süddeutschen Zeitung", wurden die Auswüchse der "Politischen Korrektheit" kritisiert. So schrieb Christine Brink am 3. November 1991 über "Multi-kultureller Joghurt": "In amerikanischen Universitäten greift ein neuer Sprach-Terror um sich." Der "Spiegel"-Reporter Matthias Matussek sah 1993 in einer New Yorker Ausstellung der Fotografin Nan Goldin einen "Schauprozess" und schrieb: "Ein Kampfbegriff der Black-Power-Bewegung aus den sechziger Jahren macht erneut Karriere: political correctness". "Der Spiegel" entdeckte damals an amerikanischen Universitäten eine "Sprach- und Denkpolizei radikaler Minderheiten, die Vorlesungsverzeichnisse . . . kontrollieren." In der linksliberalen Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" äußerte sich Dieter E. Zimmer kritisch: "PC oder: Da hört die Gemütlichkeit auf"; sicherheitshalber schickte die Redaktion diesem Artikel jedoch die Bemerkung voraus, dass Zimmers "Thesen" in der Zeitung "sehr umstritten seien". Ein feiges Zugeständnis an den Zeitgeist.

Zu den dümmlichen Auswüchsen einer missverstandenen Emanzipation gehört auch das immer mehr in den Medien verwendete sogenannte "Binnen-I". Ob man von "Arbeitnehmern" und "Arbeitnehmerinnen" oder von "ArbeitnehmerInnen" schreibt, beeinflusst den Arbeitsmarkt überhaupt nicht. Diese neumodische Schreibform ist genauso sinnlos wie alle anderen Vorschriften der "positiven Diskriminierung". Ich frage mich, was daran denn "positiv" sein soll, wenn das Geschlecht einer Person und nicht deren Fähigkeiten bei der Besetzung von Posten in Politik und Verwaltung entscheiden? Ist das nicht im Grunde "Rassismus – neu"?

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Konzerte wie "Rock against Racism" (London 2008) sind "politisch korrekt". Doch diese Korrektheit löst kein Problem. Foto: epa/ Nick Rain

Feministische Vertreterinnen der PC üben sich gerne in Kollektivlügen, indem sie die weiblichen Sprachformen nur bei positiven Inhalten anwenden. So meiden sie beispielsweise ängstlich das Wort "TerroristInnen". Sie sprechen und schreiben nur von "Terroristen" – stets ohne das Binnen-I. Bei gemischt-geschlechtlichen Opfergruppen werden in ORF-Nachrichten Frauen oft hervorgehoben; bei Tätergruppen allerdings nie.

Diskriminierung

Die Neuschaffung politisch korrekter Bezeichnungen, wie die positive Diskriminierung oder das Verschweigen weiblicher Übeltäter, beseitigt ebenfalls weder den Rassismus, noch hebt sie Ungleichheiten auf. Oft erreicht sie eher das Gegenteil: Die Empörung über die verlogene und diktatorische Realitätsverweigerung stärkt nämlich rassistische, diskriminierende Einstellungen. Jeder neue PC-Begriff diskriminiert die eigene, alte Bezeichnung einer bestimmten Volksgruppe. Statt diese zu schützen, was ja tun zu wollen die PC-Verfechter unermüdlich betonen, fördern sie gegenläufige Tendenzen.

Die Verfechter der "Politischen Korrektheit" wollen herkömmliche Sprachformen und andere Meinungen als die ihre verbieten. Als wär’s ein Kapitalverbrechen, wenn man sich nicht an die PC-Normen hält, wird einem vorgehalten: "Das darf man heute nicht mehr sagen!"

Gewiss, hinter dem abwertenden Wort "Nigger" steckt purer Rassismus. Also nicht "Nigger" und auch nicht "Negro", obwohl Letzteres ein spanisches Lehnwort ist und keine Diskriminierung enthält. Eine Zeitlang durfte man "Black" sagen, dann nur mehr "Afro-American". Dass es sich auch dabei (wenn auch ungewollt) durchaus um Rassismus handelt – indem man Menschen nach ihrer Herkunft bezeichnet –, das fiel den PC-PropagandistInnen nicht auf. Also: "Afro-American" in den USA, "Euro-Afrikaner" in Europa, und vielleicht "Afro-Afrikaner" in der alten Heimat, um damit die Minderheit der auf diesem Kontinent lebenden Weißen ab- und auszugrenzen.

Was darf man heutzutage nicht mehr sagen? Zum Beispiel "Zigeuner". Die jahrhundertelang so bezeichneten Menschen darf man nur mehr "Roma und Sinti" nennen. Und das, obwohl es in dieser Volksgruppe unzählige andere Stämme, wie beispielsweise die Lovara, gibt. Wie viel ehrlicher verhält sich da die offizielle Vertretung der immerhin über 100.000 ungarischen Zigeuner, die sich auch offiziell "Zigeuner-Selbstverwaltung" nennt, und deren Vertreter unter diesem Namen in den gesetzgebenden Körperschaften sitzen. Da in Mittel- und Westeuropa bekanntlich wenige Eskimos leben, stört es hierzulande nicht sonderlich, dass man sie korrekterweise nur mehr "Inuit" nennen darf.

Skurrile Wortprägungen

Die Methode der "Politischen Korrektheit" soll nicht nur ethnischen Minderheiten Schutz bieten. In der progressiven Pädagogik ist es heute beispielsweise verboten, von "schwer erziehbaren Kindern" zu sprechen. Zuerst sollte man die lieben Jugendlichen, die andere halbtot prügeln, "verhaltensauffällig" nennen. Jetzt darf man aber auch das nicht mehr. Wie skurril der PC-Erfindergeist ist, beweist die Tatsache, dass solche Jugendlichen korrekterweise jetzt "verhaltensoriginell" zu nennen sind. Wirklich originell.

Umberto Eco hat es auf den Punkt gebracht, indem er sagte: Die "Politische Korrektheit" ist überhaupt nur dazu da, um das einer Sache zugrunde liegende, aber ungelöste Problem sprachlich zu kaschieren.

Eco hat Recht. Die PC fragt nicht, ob man "Neger" liebt oder nicht, ob man "Zigeuner" akzeptiert oder nicht, ob man "Eskimos" für Rohfleischesser hält oder nicht, sondern sie begnügt sich mit einer oberflächlichen, sprachlichen Kosmetik. Und genau das ist verlogen.

Jeder von uns ist wohl davon überzeugt, dass man Rassismus weder bejahen noch fördern darf. Wer Menschen nach seiner Herkunft, Religion oder Hautfarbe beurteilt, wer Minderheiten menschlichen Respekt verweigert, muss in die Schranken verwiesen werden. Allerdings nicht mit semantischen Verbotstafeln, die genauso sinnlos sind wie die zweisprachigen Ortstafeln in Kärnten, sondern durch Bejahung der eigenen historischen, philosophischen und religiösen Traditionen. Wer die durchaus berechtigten und sinnvollen Begriffe "Volk" und "Heimat" nur deshalb ablehnt, weil sie einst von den Nazis missbraucht wurden, wer die eigene Identifikation verbietet und diese nur Minderheiten und Migranten zugesteht, darf sich nicht wundern, wenn alte Vorurteile, wenn auch im neuen Gewand, immer fort bestehen.

Peter Stiegnitz, geboren 1936, ist Soziologe, Publizist und em. Prof. der Universität Budapest. Sein neues Buch, "Die Luzifer Methode", erscheint demnächst in der edition vabene, Klosterneuburg.

Printausgabe vom Samstag, 14. Februar 2009
Online seit: Freitag, 13. Februar 2009 14:43:00

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