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Artikel aus dem EXTRA LexikonPrint this

Der "homo Touristicus" ist gut erforscht – seine Wünsche und Ansprüche werden von der Tourismusindustrie befriedigt

Reisen bildet – bildet Reisen?

Die Urlaubsreise mit all ihren geläufigen Wunschvorstellungen gehört zu den weit verbreiteten Ritualen des modernen Menschen. Foto: Bilderbox

Die Urlaubsreise mit all ihren geläufigen Wunschvorstellungen gehört zu den weit verbreiteten Ritualen des modernen Menschen. Foto: Bilderbox

Von Ingrid Thurner

Touristische Reisen erfolgen in zeitlichen Zyklen: die jährliche Urlaubsreise im Sommer, eine Ski-Woche in den Semesterferien, über Weihnachten und Neujahr eine Kurzfernreise, zu Ostern eine Studienreise, zu Pfingsten und an den durch Fenstertage verlängerten Wochenenden ein Städtekurztrip, an den gewöhnlichen Wochenenden Tagesausflüge.

Die Reise, ein Ritual

Die kirchlichen Feiertage, zur spirituellen Erbauung und religiösen Betätigung der Gläubigen eingeführt, wurden in den Industriegesellschaften zu Reise- und Urlaubsterminen. Deswegen erwachte das Anthropologeninteresse – und Dean MacCannell und Nelson Graburn betrachten das Reisen als Ritual. Vor dem Aufbruch versorgt man seine Blumen und Haustiere, schließt zusätzliche Versicherungen ab, lässt sich gegen alles Unwägbare impfen, verfasst Testamente – die Reisevorbereitung als Ritual der Loslösung.

Urlaubsreisen sind kalendarische Riten. Der Tourismusindustrie, die sich in anderen Belangen sehr effizient erweist, ist es bisher nicht gelungen, die Reiseströme zu entzerren. Überall auf der Welt ist um Weihnachten Hochsaison, doch ab 10. Jänner stehen die Betten leer, auch dort, wo Weihnachten gar nicht gefeiert wird, wie etwa in islamischen Ländern.

Die Schulferien im Februar, in den siebziger Jahren als Energiesparwoche eingeführt, wurden zu einer Urlaubswoche, in der keineswegs Energie gespart wird. In den Mittelmeeranrainerstaaten (wo schon Frühling ist und die Bäume blühen) trifft man eine Unzahl österreichischer Reisegruppen und viele Lehrer, denn die haben auf jeden Fall frei. Aber der Frühling ist bisweilen auch feucht und kalt und stürmisch; je wärmer die Länder, umso unzureichender die Heizungen, und so mancher bringt von seiner Februarreise statt Erholung einen Schnupfen mit nach Hause.

Die Osterwoche wiederum begann ihre Karriere als Reisezeit mit der Pilgerfahrt nach Rom oder Jerusalem. Aber die politischen Zustände in beiden Destinationen mögen einem eine Reise dorthin derzeit eher verleiden. Im Übrigen wurde aus der Pilgerreise inzwischen die Studienreise – und da bieten sich doch viele andere Ziele an, von China bis Feuerland.

Ende Oktober, Anfang November, vom Nationalfeiertag bis Allerseelen, eröffnet sich ein weiterer spezifisch österreichischer Studienreisentermin. Und wenn sich die restlichen Feiertage arbeitnehmerfreundlich auf die Wochentage verteilen, reichen wenige Urlaubstage für eine ganze Urlaubswoche. So gesehen, ist 2009 allerdings unternehmerfreundlich.

Säkularisierte Pilger

David Lodge, Literaturwissenschafter, Erfinder des angelsächsischen Campus-Romans und ein Meister feinen britischen Humors, der die Wissenschaft belletristisch zu beleuchten und dabei durchaus zu erhellen pflegt, schuf als Romannebenfigur einen Tourismusforscher names Roger Sheldrake, über den seine Kollegen der alten Schule die Nase rümpfen. Aber vom Reisebüroverband wird dieser Sheldrake eingeladen, zu Studienzwecken an einer Gruppenreise nach Hawaii teilzunehmen. Er vertritt die These, Sightseeing sei ein Ersatz für religiöse Handlungen, er betrachtet die Besichtigungsreise als säkulare Pilgerfahrt, Souvenirs als Reliquien oder Devotionalien, Reiseführer als Andachtshilfen (Gebetsbücher). Tourismus sei, behauptet er, die neue Weltreligion, Katholiken, Buddhisten, Atheisten, sie alle eine der Glaube, dass man unbedingt den Parthenon gesehen haben müsse oder die Sixtinische Kapelle.

Was Marx dem Kapitalismus antat und Freud dem Familienleben, das macht Sheldrake mit dem Tourismus: er dekonstruiert ihn. Seiner Meinung nach haben die Leute gar keine Lust auf Urlaub zu fahren, genauso wenig wie sie Lust haben, in die Kirche zu gehen. (Seine) Umfragen hätten ergeben, dass Urlaub eine ziemlich stressige Angelegenheit ist. Es sei kein Zufall, dass der Aufstieg des Tourismus ausgerechnet zu dem Zeitpunkt einsetzte, als der Niedergang der Religion begann: Tourismus ist das neue Opium für das Volk. Mit seinen Forschungen bezwecke er die Rettung der Welt, denn der Tourismus mache den Planeten kaputt. So heißt es in den "Neuesten Paradies Nachrichten" des David Lodge, die wahrlich eine Rarität sind – denn Anthropologie kommt in der Belletristik selten vor.

Gefühl statt Bildung

Was im 17. Jahrhundert als Grand Tour junger (männlicher) Adeliger zur Vervollkommnung der Erziehung beitragen sollte, gilt heute als Frühform des (Bildungs-)Tourismus und lebt, wenngleich eher sinnentleert, in der Maturareise fort. Als Übergangsritual, als Initiation markiert diese nach abgeschlossener Ausbildung das Verlassen der Kindheit, den Einritt ins Erwachsenenleben. Zwar diente sie immer auch dem Amusement, aber die zur Initia- tion gehörende Mutprobe besteht inzwischen anscheinend darin, eine Woche Dauersaufen zu überleben.

In der Aufklärung wurde das Ideal der Bildungsreise vom Bürgertum übernommen, und nach dem Zweiten Weltkrieg bildete sich das Genre der Studienreise heraus. Aber auch die hat sich seit ihren Anfängen tüchtig gewandelt. Während in den sechziger und siebziger Jahren Professoren, Witwen und ältliche Fräuleins dafür berüchtigt waren, an Hand ihrer Reiseführer alles besser zu wissen und noch die kleinste Sehenswürdigkeit, die der Baedeker mit einem Stern veredelt, unbedingt besichtigen zu wollen, genügt vielen Teilnehmern an organisierten Studienreisen heute das dünne Büchlein, das – im Reisepreis inbegriffen – vom Veranstalter verteilt wird.

Die Studienreise mutierte zur Erlebnisreise, und jetzt wird nicht mehr Bildung verkauft, sondern Gefühl, wie den Katalogen, Marketingkonzepten und Werbeeinschaltungen zu entnehmen ist. Die lernbeflissenen Teilnehmer von damals schwitzen nun, je nach Lust und Veranlagung, auf Trekking-Touren, Wanderstudien- oder Fotoerlebnisreisen, und allein reisende Damen jeden Alters lassen sich von den Nachfahren der Papagalli Ruinenausflüge, Tempelbesichtigungen und exotische Nächte versüßen. Noch immer wird diese Variante des Sextourismus selten beim Namen genannt, obwohl sie inzwischen in vielen Entwicklungsländerdestinationen, von Westafrika über Südostasien bis in die Karibik, fest etabliert ist – ein blühender Zweig der Schattenwirtschaft innerhalb der Industrie, die man "die weiße" nennt.

Wo Goethe irrte

Und wo blieb die Bildung? Der "homo touristicus", seine Begierden, Wünsche und Taten sind inzwischen ganz gut erforscht. Ihm widmen sich groß oder kleiner angelegte inner- und außeruniversitäre Forschungsprojekte, NGOs und Organisationen, die von der Schaffung sozial- und umweltverträglicher Reiseformen leben. Tourismusforschung wurde zum Modethema für Kultur-, Sozial- und Geisteswissenschaften, für Theologen, Ökologen, Naturschützer und professionelle Tourismuskritiker, von denen es nicht wenige gibt. Andererseits wurden die Spuren, die der Urlaub hinterlässt, in unzähligen Detailstudien vor Ort erforscht. 924 Millionen Auslandsreisen gab es laut Welttourismusorganisation allein im Jahr 2008 – und das geht nicht folgenlos über die Bühnen.

"Es wandelt niemand ungestraft unter Palmen und die Gesinnungen ändern sich gewiss in einem Lande, wo Elefanten und Tiger zu Hause sind", schrieb Goethe in den "Wahlverwandtschaften" (II, 7, Aus Ottiliens Tagebuche) – der Dichter also, dessen Italienreise (1786 – 1788) als die erste große Bildungsreise gilt.

Dazu ist aber zu sagen: Hier irrte Goethe. Ein paar Ergebnisse, nachzulesen in Diplomarbeiten, Masterarbeiten, Dissertationen und in unzähligen Artikeln in den "Annals of Tourism Research": Der touristische Blick ist einseitig. Bereits vorhandene Vorstellungen werden durch die Reise bestätigt, nicht korrigiert. Die Bereisten werden in stereotypen Bildern wahrgenommen.

Das touristische Bild vom Fremden entsteht im Zusammenwirken aller touristischen Akteure, Reiseführer, Medien, durch Tourismusindustrie und Touristen in gegenseitiger Beeinflussung – und, man möchte präzisieren – in genialer Kooperation. Anders ausgedrückt: Weil die Bilder schon in den Köpfen existieren, müssen sie vor Ort (nach)gemacht werden.

So entstand in Damaskus, Istanbul, Masqat, Kairo, Tunis und anderswo ein Orient wie der, den schon Delacroix und Ingres in ihren Bildern imaginierten, Pierre Loti und Agatha Christie in ihren Romanen, David Lean und Michael Curtiz in ihren Filmen, und die Tourismus-Industrie in ihrer Werbung. Es sind literarische Landschaften, in denen der romantische touristische Blick lustwandelt, imaginäre Geographien, mit deren Erforschung sich Edward Said, John Urry, Christoph Hennig u. a. beschäftigten.

Verpackungskünstler

Die Tourismusindustrie ist eine Traumfabrik, die Tourismusmacher sind Verpackungskünstler, und die Bereisten, deren gelehrige Assistenten, weben fleißig mit an dem bunten Bild, das über sie vermittelt wird, inszenieren sich und ihre Kultur in gängigen Stereotypien, in Souvenirs, Hotelarchitektur, Restaurantdekoration, Design, Folklore, Festivals, Tänzen.

In Casablanca gibt es seit dem Jahr 2004 "Rick’s Cafe" ( http://www.rickscafe.ma ), eine echte, originale, authentische Kopie in Holz, Stuck und Talmi aus dem Film "Casablanca", der 1942 zur Gänze in Hollywood gedreht wurde. In Oman jedoch wurde alles Alte geschleift, dort wird man nicht durch bereits Vorgegebenes im architektonischen Höhenflug behindert, die Reihenhäuschen wirken wie aus Zuckerguss und die Festungsbauten, die bloß vorgeben, aus dem 17. Jahrhundert zu stammen, könnten direkt aus einem Filmstudio hierher verpflanzt sein.

Selbst in Jordanien entsteht allmählich Orient, Lawrence von Arabien (dort El-Orens genannt und aus arabischer Sicht natürlich kein Held, sondern ein Verräter) ist nicht mehr genug. Auch Libyen wird – zu den Oasen, Tuareg, Kamelen und römischen Ruinen – nicht nur eine stattliche Anzahl von Hotels und die Lizenz zum Alkoholausschank brauchen, sondern auch noch ein paar kräftige Orientbilder entwickeln müssen, um endlich ins ganz große Tourismusgeschäft einzusteigen.

Wie enttäuscht sind nämlich die Touristen, wenn sie erfahren, dass es keinen Harem gibt, dass die Polygamie längst abgeschafft ist und auch früher bloß für ein paar reiche Muslime möglich war. Und wenn sie hören, dass islamische Frauen nicht so rechtlos sind, wie die Boulevardpresse es gern darstellt, glauben sie es nicht. Wer europäischen Touristinnen irgendwo in der arabischen Welt heutzutage erzählen will, dass arabische Frauen nicht unbedingt und unentrinnbar genitalverstümmelt, zwangsverheiratet, ehrengemordet werden, wird nur skeptische, zweifelnde Blicke ernten.

Touristen lesen erst ihre Reiseführer und sehen dann nur das, was sie gelesen haben. Man sieht ja nur, was man weiß. Andererseits: Reiseführer schreiben und bebildern das, was Touristen lesen und bebildert sehen wollen, weil sie ja gekauft werden wollen. Touristenerwartungen zu erkennen und Erwartungsbestätigungen zu liefern: das zu können ist der Schlüssel für erfolgreiche touristische Vermarktung.

Dagegen wäre grundsätzlich nichts einzuwenden. Eine gute Sache, der Tourismus: Wenn Reisende eine schöne Reise erleben und durch die Reise den Bereisten ein Leben in Würde und ökonomische Grundsicherung ermöglichen.

Wenn allerdings zwecks Erhaltung von Golfplätzen die Bevölkerung kein Wasser hat, wenn lokale Fischer durch Tauchtourismus ihre Existenzbasis verlieren, wenn Straßen gebaut und Elektroleitungen gelegt werden in Gegenden, in denen bloß Touristen Asphalt und Strom benötigen (Nationalparks), wenn Katastrophenhilfsgelder für Tourismuseinrichtungen zweckentfremdet werden – dann ist sehr viel dagegen einzuwenden, und mit Bildung hat es auch wenig zu tun.

Ingrid Thurner, geboren 1954, ist Lektorin am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien.

Printausgabe vom Samstag, 04. Juli 2009
Online seit: Freitag, 03. Juli 2009 14:35:00

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