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Artikel aus dem EXTRA LexikonPrint this

Die Türkei -ein Exilland deutschsprachiger Prominenz

"Haymatloz"

Von Wolfgang Ludwig

Die Türkei gilt sicherlich nicht als ein klassisches Zielgebiet der europäischen Emigration. Dennoch kamen in der Zeit von 1933 bis 1945 aus dem deutschsprachigen Raum etwa tausend Emigranten, vornehmlich technische Experten, Architekten, Universitätsprofessoren und Künstler an den Bosporus und nach Ankara.

Atatürk, der gerade die Türkische Republik mit seinen Reformen umgestaltete und näher an Europa heranführen wollte, erkannte die Bedeutung des brachliegenden und teilweise schon internierten geistigen Kapitals in Deutschland und Österreich und lud zahlreiche Experten ein, in der Türkei tätig zu werden. Hilfreich bei der Auswahl der Berufungen war ein vom Genfer Pädagogikprofessor und Ständerat Albert Malche (1876 bis 1956) erstellter Katalog gefährdeter deutschsprachiger Wissenschaftler. Aus dieser Liste Malches, der bereits im Auftrag der türkischen Regierung das türkische Hochschulwesen reformierte, wurden die meisten Berufungen, die für viele Betroffene lebensrettend waren, ausgesprochen. Experten wurden aber auch aus anderen Ländern geladen.

Deutschland sah diesem Wissenschaftlerexodus zunächst tatenlos zu, entsandte aber, als die Berufung vorwiegend jüdischer oder systemkritischer Wissenschaftler doch Verdacht erregte, mit Herbert Scurla einen Beamten - zutreffender wäre die Bezeichnung Spion - in die Türkei, der die Aktivitäten der deutschen Experten inspizieren sollte und vergeblich versuchte, die türkische Berufungspolitik zu beeinflussen. Offiziell verhielt sich die Türkei zu Deutschland bis zu ihrem Kriegseintritt auf Seiten der Alliierten kurz vor Kriegsende neutral.

Drei Arten von Ausländern

Berufene Wissenschaftler und Künstler hatten es in der Türkei sehr gut getroffen. Sie erhielten eine bezahlte Übersiedlung und meist einen Fünfjahresvertrag, der oft verlängert wurde. Dazu kamen noch zahlreiche Privilegien und das angenehme Gefühl, gebraucht zu werden und auch im Exil im eigenen Beruf arbeiten zu können. Der in Istanbul als technischer Berater der Stadtverwaltung tätige deutsche Architekt Martin Wagner (1885 bis 1957) bezeichnete seinen Aufenthalt in der Türkei als einen "Wartesaal erster Klasse" - aber doch nur als Wartesaal.

Zum Unterschied von den im Land lebenden, meist mit den Nazis sympathisierenden Reichsdeutschen (die so genannte "Kolonie A"), wurde die Expertengruppe als "Kolonie B" bezeichnet und hatte naturgemäß mit der ersten wenig gemeinsam. Eine dritte Gruppe von Emigranten, die auf eigene Faust versuchte, in der Türkei Fuß zu fassen, hatte es bedeutend schwerer. Handwerkern, Arbeitern, aber auch Akademikern machten ein Berufssperrgesetz, das Ausländern viele Tätigkeiten untersagte, und die türkische Bürokratie das Leben und oft auch das Überleben schwer.

Die allgemeine Unsicherheit - schließlich wurde ein Land nach dem anderen von Hitler überfallen, und man wusste nie genau, ob der Vertrag auch verlängert wurde - spiegelt sich in der geringen Kinderzahl der "Kolonie B" (aus 268 Ehen zwischen 1933 und 1955 entsprangen nur 49 Kinder) wider.

Das aus dem Deutschen stammende Lehnwort "haymatloz" beschreibt diese Situation zwischen zwei Staaten treffend. Mit Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und der Türkei ging es den deutschen Emigranten schlagartig schlechter. Diejenigen, die keine Anstellung hatten, wurden sogar kurzfristig interniert, die weitere Einwanderung unterbunden.

Die "Kolonie B" und die dritte Gruppe hatten untereinander gute Kontakte, und einige, wie z. B. die österreichische Architektin Margarete Schütte-Lihotzky (1897 bis 2000) waren aktiv im Widerstand tätig.

Die meisten der Berufungen in die Türkei erfolgten in den Hochschulbereich. Da das Universitäts- und Forschungswesen unter Atatürk neu geschaffen wurde, benötigte man in vielen Instituten ausländische Fachkräfte sowohl als Ordinarien als auch als Lehrbeauftragte und Assistenten. Eine weitere größere Gruppe stellten die Emigranten in künstlerischen Berufen. Hier sollte, Atatürks Intention entsprechend, eine Verwestlichung des türkischen Kulturbetriebes stattfinden. Eine dritte bedeutende Gruppe waren die Architekten, die für Großbauvorhaben, aber auch für raumplanerische Fragen oder kleinere Bauten ins Land geholt wurden. Auch die türkische Staats- und Privatwirtschaft beschäftigte ausländische Experten.

Bekannte Emigranten

Margarete Schütte-Lihotzky zählte zu den prominentesten Österreicherinnen, die im türkischen Exil tätig waren. Sie war die erste Frau, die in Österreich Architektur studiert hatte und verließ als überzeugte Sozialistin nach kurzer Arbeitstätigkeit in Wien Österreich bereits im Jahr 1926, um am städtischen Hochbauamt in Frankfurt am Main zu arbeiten. Dort entwickelte sie eine arbeitssparende Einbauküche, die unter dem Namen "Frankfurter Küche" berühmt werden sollte.

Im Verlauf der Wirtschaftskrise verlor sie jedoch die Stelle und folgte im Jahr 1930 - inzwischen mit dem Architekten Wilhelm Schütte verheiratet - einer Berufung nach Moskau, um in der Sowjetunion die neu geschaffenen Industriestädte planen und ausbauen zu helfen.

In Magnitogorsk am südlichen Ural beispielsweise, schuf sie unter härtesten Arbeitsbedingungen Kinderkrippen und Kindergärten, denen in der sozialistischen Gesellschaft eine zentrale Bedeutung zukam. 1937 verließen die Schüttes das Land und wollten - Margarete war inzwischen Kommunistin geworden - nicht mehr nach Österreich zurück. Da kam die Berufung in die Türkei gerade recht. In der Türkei plante sie Schulen, besonders die unter Atatürk stark geförderten Mädchenschulen, und Kindergärten. Einige dieser Bauten sind heute noch in Funktion.

Politisch beteiligte sie sich in der Widerstandsbewegung und unternahm im Dezember 1940 in deren Auftrag eine Reise nach Wien. Sie wurde verraten, verhaftet und bis 1945 inhaftiert. Nach dem Krieg war sie kurz in Sofia und wieder in der Türkei tätig, während sie in Österreich aufgrund ihrer politischen Überzeugung kaum Aufträge erhielt. Im hohen Alter doch noch mit Ehrungen versehen, starb sie am 18. Jänner 2000, kurz vor ihrem 103. Geburtstag.

Clemens Holzmeister (1886 bis 1983) wirkte teilweise schon seit 1927 in der Türkei und übersiedelte 1938 nach seiner Entlassung aus der Wiener Akademie wegen seiner den Nazis nicht genehmen Architekturauffassung ständig nach Istanbul, später nach Ankara und kehrte erst 1955 wieder zurück. Er ist der Staatsarchitekt der Türkei und plante, von Atatürk protegiert, elf Staatsbauten (u. a. das Parlamentsgebäude in Ankara) sowie wichtige Büro- und Verwaltungsgebäude in der Türkei, die meisten in Ankara. Daneben war er auch als Hochschullehrer tätig.

Der Deutsche Julius Stern (1904 bis 1994) ist ein Beispiel für die Tätigkeit von mittleren Beamten in der Türkei. Er war zunächst als entsandter Auslandslehrer an der Deutschen Schule in Istanbul beschäftigt, musste als Jude 1936 den Arbeitgeber wechseln und arbeitete fortan als Lehrer in türkischen Schulen. Er verfasste ein türkisches Deutschlehrbuch und war auch in der Unterrichtsverwaltung tätig.

Er blieb nach dem Krieg in der Türkei und konnte als Vorsitzender des Schulvorstandes an die Deutsche Schule zurückkehren.

Auch der erste Nachkriegs-Oberbürgermeister von Berlin Ernst Reuter (1889 bis 1953) war ab 1935 in der Türkei tätig, und zwar als hochgeschätzter Fachmann für Verkehrsfragen und Universitätsprofessor. Er pflegte in Ankara stets mit dem Fahrrad ins Ministerium oder auf die Uni zu fahren, was ihm Kritik wegen seines "beamtenunwürdigen" Verhaltens einbrachte.

Als die Zeitungen jedoch (ob auf Bestellung ist unklar) ein Foto der niederländischen Königin auf dem Rad brachten, war sein Ruf gerettet und die Kritik verstummte. Das Institut für Städtebau der Hochschule für Politik in Ankara heißt heute noch "Ernst-Reuter-Institut".

Der Jurist Ernst E. Hirsch war an der Erstellung des ersten türkischen Handelsgesetzes und Urheberrechts beteiligt, während das Gesetz zur Einkommenssteuer vom späteren Rektor der Universität Frankfurt, Fritz Neumark, stammte. Rosemarie Heyd-Burkart (geboren 1905), Bekannte und Gesinnungsgenossin von Schütte-Lihotzky, baute zusammen mit dem Romanisten Leo Spitzer das romanische Seminar der Universität Istanbul auf. Da die Vorlesungen auf Türkisch gehalten werden sollten, musste sie sich wie die meisten Emigranten in kürzester Zeit die türkische Sprache aneignen. Sie erlernte ihre Sprachbasis während der dreitägigen Schiffsreise von Italien in die Türkei. Das Kinderarztehepaar Erna und Albert Eckstein war maßgeblich daran beteiligt, dass die Kindersterblichkeit in der Türkei von 20% auf 12% (nach dem Krieg) zurückging.

Auch im künstlerischen Bereich fanden Emigranten ein Betätigungsgebiet: Paul Hindemith (1895 bis 1963), in Deutschland als entartet boykottiert, sollte ab 1935 das türkische Musikwesen reformieren, d. h. "europäisieren", oder zumindest eine europäische Parallelkultur neben der türkischen etablieren. Und der ehemalige Intendant der Berliner Oper Carl Ebert (1887 bis 1980) inszeniert ab 1940 in Ankara mit Smetanas "Die verkaufte Braut" und Beethovens "Fidelio" die ersten Opern in der Türkei.

George Tabori (geboren 1914), der ab 1987 im Wiener Theaterleben tätig ist, arbeitete Anfang der vierziger Jahre als (britischer) Journalist in Istanbul. Er ist eigentlich kein typischer "B-Kolonist", verfasst in Istanbul aber den ebendort spielenden Roman "Beneath the Stone the Scorpion", in dem die Gedanken eines ankommenden Ausländers beschrieben werden: "Natürlich ist Istanbul auch falsch, wie jede Schönheit, aber diese Falschheit wurde sorgsam perfektioniert. Es ist der einzige geschichtsträchtige Ort, der mir echt vorkam. Rom ist dagegen ein hässliches Museum mit einigen erlesenen Ausstellungsstücken und viel zu viel Frömmelei, während Paris, Wien oder Den Haag eine schmerzliche Touristenmiene zur Schau tragen."

Eduard Zuckmayer (1890 bis 1972), der Bruder von Carl Zuckmayer, war Direktor der Musikabteilung des Instituts für Lehrerausbildung in Ankara. Er leitete auch verschiedene Chöre und übersetzte deutsche Volks- und Kinderlieder ins Türkische, die somit heute vielen türkischen Kindern geläufig sind.

Beitrag zur "Europäisierung"

Dies sind nur einige Beispiele für das Wirken der Emigranten als Experten, denen eines gemeinsam ist: Sie haben das Leben in der Türkei, den Wünschen Kemal Atatürks entsprechend, nachhaltig geprägt und zur Europäisierung des Landes entscheidend beigetragen. "Europäisierung" bedeutete aber meist Etablierung einer städtischen Parallelkultur, denn in vielen ländlichen Gebieten haben sich so manche traditionellen Strukturen der Türkei bis heute fast unverändert erhalten.

Das Einflussgebiet der Reformen reichte eben nur so weit wie die Eisenbahnschienen, wie es Atatürks Nachfolger, Ismet Inönü, treffend formulierte. Die meisten Experten haben nach dem Krieg das Land wieder verlassen, denn eine richtige Integration in den anderen Kulturkreis ist schwer. Zudem gab es danach auch attraktive Angebote aus anderen Ländern.



Freitag, 25. Jänner 2002 00:00:00
Update: Mittwoch, 01. Juni 2005 18:40:00

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