Ein Brief wie ein Buch
Brandstetter, Alois: Cant läßt grüßen
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Alois Brandstetter. Foto: apa/Beck
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Von David Axmann
Ein "Tractatus pseudo-philosophicus" von Alois Brandstetter.
Alois Brandstetter bürgt für Qualität. Und zwar seit langem schon. Der Mann ist belesen, hat Humor, kann schreiben, und schreibt stets nur das, was er versteht. Wo Brandstetter draufsteht, ist Brandstetter drinnen. Auch diesmal wieder. Ein neues Werk nach altem Rezept: Man nehme ein historisches Faktum und denke, reize, spiele es aus (im Sinne von: bis ans Ende); quasi una fantasia auf realer Grundlage.
Diese ist diesmal aus dem späten 18. Jahrhundert bezogen. 1791 schrieb ein Mädchen aus Klagenfurt namens Maria von Herbert, die Tochter eines aufgeklärten Bleiweißfabrikanten, in Liebeskummer einen Brief an den 68-jährigen Immanuel Kant nach Königsberg, darin inständig um Rat und Hilfe bittend. Anstelle Kants (hier stets Cant genannt, auf dessen angebliche schottische Herkunft anspielend) antwortet ein Amanuensis (Schreiber oder Sekretär) des Philosophen, und zwar in Brandstettischer Manier: ausführlich, ausgiebig, ausschweifend. Ein Brief wie ein Buch.
In einem andeutungsweise den Schreibgewohnheiten vor 200 Jahren nachempfundenen Kunststil, der (wie bei diesem Autor üblich, ja geradezu selbstverständlich) mit Anachronismen durchsetzt ist, belehrt der von seinem Chef dazu "authorisirte Secretär" das liebeskummerreiche Fräulein in Clagenfurth über Cant und die Welt.
Mit Assoziationsfreude und Wortspiellust durchschreitet der gebildete Fernpädagoge die Geistesgeschichte von der Antike bis in seine Gegenwart, ergeht sich dozierend vornehmlich auf den Fachgebieten Philologie und Theologie, dabei in aufdringlicher Regelmäßigkeit lateinische Wörter oder Worte einflechtend und in Klammern deren deutsche Bedeutung setzend, wiewohl Cant ihm "aufgetragen, in meinem Brieftractate an Euch das Lateinische nach Thunlichkeit zu vermeiden".
Ein Trotzkopf und ein Bildungsprotz, der sich’s nicht verkneifen will, seinen Tractatus pseudo-philosophicus mit literarischen Anspielungen bzw. Zitaten zu würzen – von Bachmann, Boethius, Luther, Grillparzer bis Paul Watzlawick und Ludwig Wittgenstein (um nur einige zu nennen). Und der zudem interessante Merksätze und Maximen zur Lebensweisheit in seine didaktische Epistel einstreut, etwa der Art: "Mein Herr sagt . . ., daß er die Literaturgeschichte für die Geschichte der Ausreden halte", oder: "Verstehe einer die Österreicher!"
Kurzum und schließlich gesagt: das ist wieder einmal ein qualitätsvolles Brandstetter-Buch. Als Postscriptum (Nachschrift) aber sei es gestattet, unumwunden zu konstatieren (bemerken), dass der amanuensische Vortrag bey aller Kurtzweyl eine starke Tendenz (Neigung) zur Redundanz (Überreichlichkeit) hat, was doch un peu (ein wenig) ennuyirt (langweilt).
Alois Brandstetter: Cant läßt grüßen. Roman. Residenz Verlag, St. Pölten/Salzburg 2009, 235 Seiten, 21,90 Euro.
Printausgabe vom Samstag, 24. Oktober 2009
Online seit: Freitag, 23. Oktober 2009 13:27:00
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