Hein: In seiner frühen Kindheit ein Garten
Von Peter Mohr
Der Schriftsteller und Dramatiker Christoph Hein, der als Intendant des Deutschen Theaters in Berlin vorgesehen war und nach heftiger Kritik auf dieses Amt verzichtete, hat in seinem neuen Roman auf eines authentisches Ereignis zurückgegriffen. Es geht um die nie restlos geklärten Todesumstände des RAF-Mitglieds Wolfgang Grams, der 1993 auf dem Bahnhof im mecklenburgischen Bad Kleinen bei der Aktion eines Sondereinsatzkommandos ums Leben kam.
Grams heißt im Roman Oliver Zurek (beide sind in Wiesbaden aufgewachsen), dessen später zu lebenslanger Haft verurteilte Lebensgefährtin Birgit Hogefeld taucht als Katharina Blumenschläger auf. Christoph Hein bemüht sich nicht, die Analogien zur Realität zu kaschieren, wenngleich er keine Dokumentation, sondern eine fiktive emotionale Bestandsaufnahme aus der Perspektive von Zureks Eltern liefert.
In seinem 2004 erschienenen Essayband „Aber der Narr will nicht“ hat Christoph Hein von den Intellektuellen gefordert, „gegen den Konsens der Zeit und gegen den allgemeinen Konformismus mit der Macht und den Mächtigen“ anzu kämpfen. Richard Zurek, der Vater des zu Tode gekommenen RAF-Mitglieds, verkörpert diese Maxime in Reinkultur. Der pensionierte Oberstudiendirektor und dessen Ehefrau Rieke streiten – den vorverurteilenden Schlagzeilen der Boulevardpresse ( „Die Mutter eines Monsters“ ) zum Trotz – um die restlose Aufklärung des Falles. Ein Minister trat zurück, der Generalbundesanwalt wurde in den Ruhestand versetzt – für die Zureks mehr als nur Indizien dafür, dass ihr Sohn weder einen Beamten erschossen noch sich selbst das Leben genommen hat. Wie im authentischen „Fall Grams“ werden entlastende Zeugen vor Gericht jedoch als unglaubwürdig bezeichnet.
Christoph Heins Sympathie gilt Zurek senior, der sich auch durch einen drohenden Familienkrach nicht von seiner Wahrheitsfindungsmission abhalten lässt. Tochter Christin, eine gefühlskalte Oberstudienrätin, und deren karrieresüchtiger Ehemann Matthias drohen mehrmals mit Kontaktabbruch. Während Vater Zurek sich Gedanken über seine möglichen Versäumnisse in der Erziehung des Sohnes macht, hatte die Tochter ihren zwei Jahre jüngeren Bruder und einstigen Spielkameraden schon lange vor dessen Tod emotional abgelehnt und gebrandmarkt: „Da hat er uns was Schönes eingebrockt.“
Wie der in gutbürgerlichen Kreisen aufgewachsene Oliver Zurek auf Abwege geriet, warum er zehn Jahre in der Illegalität lebte und einer terroristischen Vereinigung nahestand: dies sind die reizvollen Fragen, die Christoph Heins Roman offenbart. Je mehr man während der Lektüre aus Rückblicken über den Getöteten erfährt, umso stärker festigt sich das Bild eines völlig introvertierten jungen Mannes, der als Kind alle möglichen Dinge im Garten geheimnisvoll vergraben hat, und den seine Eltern erst aus seinen hinterlassenen Tagebüchern kennen lernen. Das Umschlagbild zeigt einen Knaben, der mit Schwung von der Schaukel springt und zu einem Fall ins Ungewisse ansetzt.
Wie im Fall Grams werden auch im Fall Zurek etliche Prozesse geführt und umfangreiche Gutachten angefertigt, die die offizielle polizeiliche Darstellung des Mordes an einem Einsatzbeamten und der anschließenden Selbsttötung in Frage stellen. Gleich Don Quichotte kämpft Richard Zurek gegen die Windmühlen der Justiz und verliert immer stärker den Glauben an die Gerechtigkeit und an seine einstigen Ideale.
Da ihm die volle Rehabilitierung seines Sohnes aber nicht gelingt, schreitet er in der Aula seiner einstigen Schule zu einem großen symbolischen Akt: „Wenn die Wahrheit zu schwach ist, sich zu verteidigen, muss sie zum Angriff übergehen.“ An dieser Stelle hat der Dramatiker Hein allerdings einen allzu idealistischen Plot gesetzt: Der alte Zurek widerruft vor versammelter Schüler- und Lehrerschaft seinen auf die Verfassung abgelegten Amtseid. Selbstaufgabe um der vermeintlichen Gerechtigkeit willen – das wirkt selbst im Schiller-Jahr nicht besonders überzeugend.
Christoph Hein hat die Figur des Richard Zurek allzu sehr vereinnahmt und ihr dadurch jegliche Eigendynamik geraubt. Der Vater als Gerechtigkeitsfanatiker, der an die Unschuld seines Sohnes glaubt, den er zehn Jahre lang nur durch Fahndungsfotos zu sehen bekam? Man hätte sich vom Georg-Büchner-Preisträger Hein, der zuletzt mit „Willenbrock“ und „Landnahme“ uneingeschränkt überzeugte, ein wenig mehr Ambivalenz in der Gestaltung der Figuren erwartet.
Christoph Hein: In seiner frühen Kindheit ein Garten. Roman. Suhrkamp 2005, 271 Seiten
Freitag, 04. März 2005 11:56:58
Update: Mittwoch, 27. April 2005 19:42:00