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Groteske Slapstick-Komödie

Hamilton-Paterson: Kochen mit Fernet-Branca

Von Gerald Schmickl

Ich gebe gerne zu, dass mich ein Roman, dessen erstes Kapitel mit meinem Vornamen beginnt, buchstäblich von Anfang an für sich einnimmt. Obwohl der Gerald, um den es in diesem Kapitel (und zu gut der Hälfte in dem Buch) geht, nicht unbedingt eine Person ist, mit der ich mich rundweg identifizieren möchte.

Gerald Samper ist ein spleeniger englischer Eigenbrötler, der in einem einsamen Haus in der Toskana lebt, wo er einerseits Biografien über Helden der Massenkultur, wie Sportler und Popstars, schreibt, andererseits exzentrische Küchenrezepte ausheckt und ausprobiert, etwa à la "Fischotter mit Langustensauce" oder "Knoblauch-Fernet-Branca-Eis" (die Zutaten werden im Buch fein säuberlich aufgelistet).

Mit der Ruhe ist es vorbei, als im bis dahin leer stehenden Nachbarhaus die Osteuropäerin Marta einzieht. Sie kommt aus dem obskur-fiktiven Staat "Woinowien", entstammt einer mafiösen Familie und ist Komponistin für Filmmusik. Da sie schlecht Englisch spricht, hält Gerald sie vorerst fälschlich für einen minder bemittelten Bauerntrampel, der ihn noch dazu – bei der ersten Einladung in ihr Haus – mit unverschämt derber Kost bewirtet (das Gericht "Schonka" beschreibt er etwa so: "Mit schwungvoller Gebärde setzte sie mir eine dicke Wurst vor, beige wie ein Kondom und von Klumpen so voll wie eine Gefängnismatratze . . . Der Inhalt der Wurst, knallrot vor Paprika, lag vor mir wie eine Anatomielektion" . Lediglich bei Fernet-Branca, dem kräftigen, dunklen Kräuterlikör, treffen sich ihre beiden Geschmäcker sogleich (wobei sich später beide gegenseitig – völlig zu Recht! – der Abhängigkeit von dem Digestiv bezichtigen werden).

Marta hat einen genaueren Blick und eine zutreffendere Einschätzung ihres Nachbarn als umgekehrt, wobei ihre Beschreibungen den seinen nahezu diametral widersprechen. (Einen schwulen, unbeholfenen "Dudi" nennt sie ihn, der sich selbst für einen grandiosen Weltmann hält.) Die Eindrücke, die der eine vom anderen hat, und ihre immer bizarrer werdenden Begegnungen schildert Hamilton-Paterson in wechselnder Kapitelfolge aus der subjektiven Sicht der beiden Figuren. Und es ist wahrlich zum Schießen, wie er das macht.

Es ist hohe britische Humorkunst, die in einem aberwitzig rasanten Parlando zur Anwendung kommt. Nicht nur die zahlreichen Verwicklungen, die sich aus dem zuerst gegenseitigen Verkennen und dem dann allmählichen Einander-Näher-Kommen dieses ungleichen Paares ergeben, sind slapstickhafte Kurzkomödien. Auch die heiter-boshaften Bemerkungen, die über all die Randfiguren fallen, die in die Geschichte hineindrängen - wie italienische Filmregisseure oder amerikanische Pop-Teenie-Idole -, sind vergnügliche Parodien.

Einen solch schwungvollen, heiter-lakonischen Ton kannte man bisher nur vom englischen Dramatiker und Erzähler Alan Bennett (dessen nicht minder vergnüglicher Kurzroman "Handauflegen" übrigens bei Wagenbach gerade neu aufgelegt wurde). James Hamilton-Paterson, 1941 in London geboren und als renommierter Autor und Journalist in erster Linie für seine großen Meeresbücher (wie etwa "Seestücke") bekannt (und für seine Kolumnen, etwa in der Schweizer "Weltwoche"), serviert diesen schwarz-humorigen Ton – fast so edel-bitter wie Fernet-Branca! – auf höchst bekömmliche, ja vollmundige Art und Weise. Hans-Ulrich Möhring steht ihm darin nicht nach und übersetzt den Roman flüssig und flott.

James Hamilton Paterson: Kochen mit Fernet-Branca. Roman. Aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring. Klett-Cotta, Stuttgart 2005, 364 Seiten.

Freitag, 30. September 2005 16:35:36
Update: Montag, 03. Oktober 2005 16:35:00

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