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Aderlass und Zähnebrechen

Ehrlich: Ärzte, Bader, Scharlatane

Von Elisabeth Corazza

Aufzählung Schaurige Historie der österreichischen Medizin.

Es empfiehlt sich, tief durchzuatmen und die Zähne fest zusammenbeißen: Die Geschichte der österreichischen Medizin kann auf den Magen schlagen und ist wegen schlafraubender Nebenwirkungen nicht unbedingt als literarisches Betthupferl anzupreisen.

Da wurden etwa im Mittelalter bei Geburtskomplikationen Kaiserschnitte bei vollem Bewusstsein der Frauen durchgeführt und hatten den zwangsläufigen Tod der Mutter, nicht selten auch des Kindes, zur Folge. Hebammen hatten sich in Acht zu nehmen, nicht in den Verdacht der Hexerei zu geraten. War man aus eigener Kraft nicht im Stande, sich einen fauligen Zahn zu ziehen, hieß es, einen "Bader" oder "Zahnbrecher" auf einem Jahrmarkt aufsuchen. Gelegentlich wurde auch zur Ader gelassen, geschröpft oder künstliche Eiterherde, sogenannte "Fontanellen", angelegt. Unzählige Scharlatane, wie jener von Tirol, kosteten vielen Menschen ihr Vermögen – welches sie für angeblich heilsames "Trinkgold" verschleuderten – und letztlich oft ihr Leben. Detailgenau nachzulesen sind Kriegsgeschehen samt Wundversorgung im Felde und Lazarett, etwa rund um die blutige Abwehr der Türken im 17. Jahrhundert. Dank akribischer Aufzeichnungen des preußischen Feldschers Johann Dietz wissen wir, dass den osmanischen Gegnern die Haut abgezogen, das Fett gebraten, der Penis abgeschnitten und daraus Pseudoheilmittel, sogenannte "mumia", hergestellt wurde – ähnlich wie es bis heute mit Körperteilen von Tiger oder Nashorn geschieht. Da war die im elften Jahrhundert praktizierende Hildegard von Bingen mit ihrer sanften und ganzheitlichen Behandlungsweise von Mensch und Krankheit ein heilsamer Lichtblick in der düstern Medizingeschichte, welche die Autorin bis zur Entstehung der Fakultäten und unserer heutigen, modernen Medizin erforscht hat.

Das Buch muss nicht streng chronologisch gelesen werden, seine Sprache ist weder keimfrei noch medizinisch verschränkt. Eine Vielzahl historischer Details und Hintergründe kann hier nachgeschlagen werden: Die Geschichte der Medizin ist eine wilde Chronologie von Versuch und Irrtum, von Hexerei und Aberglaube, von Betrügern und echten Wissenschaftern.

Kein Genesungsgeschenk.

Ehrlich, Anna: Ärzte, Bader, Scharlatane. Die Geschichte der österreichischen Medizin. Amalthea Verlag, 304 Seiten, 24,90 Euro.


Printausgabe vom Dienstag, 27. November 2007
Update: Dienstag, 27. November 2007 15:26:00


Kommentare zum Artikel:

19.02.2008 17:46:55 Stadtspaziergänge zur Medizingeschichte
Die Autorin des Buches, DDr. Anna Ehrlich, veranstaltet mit ihrem Wienfuehrung-Team regelmässige Stadtführungen in Wien zum Thema Medizingeschichte: April bis Oktober jeden Freitag um 16:30h ab Albertinaplatz. Infos finden Sie auf http://www.wienfuehrung.com
Ehrlich Anna
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