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Literatur als Commonwealth

Bennett, Alan: Die souveräne Leserin

Alan Bennett.Foto: John Timbers

Alan Bennett.Foto: John Timbers

Von Gerald Schmickl

Alan Bennett stellt die englische Queen in einem feinsinnigen Capriccio als "souveräne Leserin" vor.

Die englische Queen diente ja schon verschiedenen Kunstsparten als Inspirationsquelle. War es etwa 2006 Stephen Frears’ Film über die Monarchin, der ihrer Darstellerin Helen Mirren im Jahr darauf den Oscar einbrachte, so öffnete 2007 der englische Dramatiker und Prosaautor Alan Bennett der Königin mit seinem kleinen Büchlein "The Uncommon Reader" die Gemächer der Literatur. Dieses ist nun unter dem Titel "Die souveräne Leserin" auch auf Deutsch erschienen.

Bennett lässt in diesem feinsinnigen, gewitzten Capriccio die Queen den Weg zur Literatur finden. Zuerst noch ganz zufällig, indem ihre Hunde einen Bücherbus der Bezirksbibliothek der City of Westminster, der einmal in der Woche vor dem Palast Halt macht, anbellen. Die Königin besteigt den Bus und beginnt – erstmals in ihrem Leben – sich für Bücher zu interessieren.

Norman, ein Küchengehilfe, der in der Folge rasch zu ihrem persönlichen Diener avanciert, hilft ihr bei der Auswahl der Lektüre. Und ebenso rasch wird die Literatur, von der englischen Klassik bis zur gegenwärtigen Unterhaltungsbelletristik, zur neuen, großen Leidenschaft der Monarchin – und verändert allmählich ihre Gewohnheiten und Tagesabläufe.

Nicht nur vernachlässigt die nun fast pausenlos pflichtbewusst Lesende ihre offiziellen Pflichten, sie bringt auch Staatsgäste mit literarischen Fragen in Bedrängnis. Vom französischen Präsidenten etwa verlangt sie, und zwar zu dessen großem Schrecken, eine Beurteilung des Werks von Jean Genet, was der unkundige, doch gewandte Politiker immerhin mit einigen Proust-Kenntnissen überspielen kann. Dem englischen Premier wiederum gibt sie bei den wöchentlichen Treffen literarische Hausaufgaben mit auf den Weg, die diesen nerven und überfordern.

Der Hofstaat ist alarmiert – und versucht gegenzusteuern. Zuerst wird der literaturbeflissene Page elegant entsorgt (und zwar in einem Institut für Kreatives Schreiben an der Universität von East Anglia), dann der dienstälteste Kammerdiener, obwohl schon schwer senil, reaktiviert, um der Queen ins Gewissen zu reden und sie von den Büchern abzubringen. Es nützt freilich alles nichts, Majestät lassen nicht locker – und überraschen bei einem Bankett anlässlich ihres achtzigsten Geburtstages nicht nur mit erlesenen Zitaten, sondern auch mit einem gewagten Schritt . . .

Alan Bennett, der in den vergangenen Jahren mit skurrilen, von feinem britischen Humor durchzogenen Kurzbüchern erfreute (u.a. "Cosi fan tutte, "Handauflegen" oder "Vatertage", alle auf Deutsch bei Wagenbach erschienen), legt auch mit der "Souveränen Leserin" eine kurzweilige, mit erquickenden Bonmots und entlarvenden Dialogen gespeiste Satire vor, deren Fiktion gar nicht so abgehoben ist. Warum etwa sollte die Queen nicht über den Zusammenhang von Literatur und republikanischer Verfassung in geistreicher Weise reflektieren? "Der Reiz des Lesens lag in seiner Indifferenz: Literatur hatte etwas Überhebliches. Büchern war es egal, wer sie las oder ob sie überhaupt gelesen wurden. Vor ihnen waren alle Leser gleich, auch sie selbst. Die Literatur, dachte sie, ist ein Commonwealth; Bücher darin die Republiken."

Alan Bennett: Die souveräne Leserin. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Wagenbach Verlag, Berlin 2008, 115 Seiten, 15,40 Euro.

Printausgabe vom Samstag, 20. September 2008
Online seit: Freitag, 19. September 2008 17:26:00

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