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"musst versuchen, rauszukommen"

Haslinger: Phi Phi Island.

Tsunami-Warntafel auf einem thailändischen Strand.  Foto: epa

Tsunami-Warntafel auf einem thailändischen Strand. Foto: epa

Von Gerald Schmickl

Aufzählung Nach Überwindung einiger Widerstände hat Josef Haslinger über sein Tsunami-Erlebnis einen packenden Bericht geschrieben.

Der Tsunami, der diese Woche die Salomonen-Inseln im Südpazifik überflutete, hat die Erinnerung an die große Tsunami-Katastrophe im Dezember 2004 wieder wachgerufen. Obwohl dieses Ereignis durch zahlreiche Berichte in Zeitungen und Fernsehen nahe an einen herangetragen worden ist, hat man sich doch kaum vorstellen können, wie es wirklich war – vor allem für jene, die es nur knapp überlebt haben. Nach der Lektüre von Josef Haslingers Buch "Phi Phi Island" kann man es sich sehr genau vorstellen.

Der österreichische Schriftsteller, der mit seiner Familie 2004 den Weihnachtsurlaub auf der thailändischen Insel verbracht hatte, ist dem Unglück knapp entronnen, sehr knapp, denn alle vier – Josef, seine Frau Edith und die beiden 18-jährigen Zwillinge Sophie und Elias – waren bereits im Wasser, ja eine Zeitlang sogar unter Wasser, bevor sie allesamt wieder auftauchten und mit relativ geringen Verletzungen davonkamen.

Haslinger wollte dieses Buch vorerst gar nicht schreiben, und mit diesem Eingeständnis beginnt es auch: "ein paar monate lang war ich ziemlich sicher, dass ich dieses buch nicht schreiben würde, schon deshalb nicht, weil ich oft danach gefragt wurde: du arbeitest doch nicht etwa an einem tsunami-buch? – nein, keine angst."

Angst hatten aber nicht die anderen, sondern der Autor. Nun hat er das Buch aber doch geschrieben – und das ist gut so. Nicht nur, weil Josef Haslinger damit seine eigenen Blockaden überwunden hat, sondern auch deswegen, weil er darin ein höchst detailreiches Bild von den damaligen Zuständen vermittelt, von dem Chaos, der Verzweiflung, der Trauer, aber auch von der Hilfsbereitschaft unter den Überlebenden (und welche Unterschiede sich dabei etwa zwischen Europäern und Asiaten zeigten). Und davon, wie es ihm selbst ergangen ist, mit welchen Gefühlen, Gedanken und Ängsten er konfrontiert war – und es bis heute ist.

Haslinger ist ein Jahr nach der Katastrophe zusammen mit seiner Frau noch einmal auf Phi Phi Island zurückgekehrt, um seine Erinnerungen für diesen "Bericht" aufzufrischen – und um sich mit der Insel des Schreckens zu versöhnen, was ihm nach eigenen Angaben auch gelungen ist. Das Bungalow-Resort, in dem die Haslingers 2004 gewohnt hatten, wurde vom Tsunami voll erfasst und komplett zerstört. Nur ein Verwaltungsgebäude, ein Swimmingpool und das auf acht Betonsäulen ruhende Dach des Speisepavillons sind übrig geblieben. Rund die Hälfte der Urlauber wurde getötet. Die Haslingers retteten sich zu einem benachbarten Hotel – und schließlich auf dessen unversehrtes Flachdach, wo sie knapp zwei Tage verbrachten, bevor sie via Krabi und Bangkok, auf manch krummen Wegen, schließlich zurück nach Wien gelangten.

Schockartige Erkenntnis

Die dramatischsten Augenblicke seines Lebens schildert Josef Haslinger so: "in diesem moment erfasste mich die angst, dass es nicht zu schaffen war. und dann der klare gedanke: das ist jetzt das ende. diese erkenntnis kam zwar schockartig, aber ihr folgte keine verzweiflung. Es war eher eine art bedauern darüber, dass ich nicht anders sterben darf, sondern hier im dreck verrecken muss, es war das gefühl eines absolut unwürdigen endes. mit bedauern meine ich eine art melancholischen abschiedsblick, weil ich mir vom leben ein falsches bild gemacht hatte. Weil ich gedacht hatte, dass es um irgendetwas gehe. nun sah ich mich ein teil des dreckes werden, der mich umgab, und ich wusste, dass ich in wirklichkeit nie mehr gewesen war. und dann der entschluss, bis zum ende zu kämpfen. solange du dich rühren kannst, sagte ich mir, musst du versuchen, hier rauszukommen."

Er schafft es, aber die schlimmsten Momente danach sind die Ungewissheit, ob es seine Frau und seine Kinder auch geschafft haben. Die Frau taucht bald neben ihm auf, aber die Kinder bleiben vorerst verschollen. Schließlich sehen sie Sophie auf einer gegenüberliegenden Terrasse stehen – und einige Minuten später, mit großer Erleichterung, auch Elias. Die Eindrücke der Geschwister gibt Haslinger in zwei kurzen Kapiteln wieder (Elias: "während ich durch das blut lief, hatte ich einen song von coldplay im ohr: we live in a beautiful world. dieses lied lief in meinem kopf wie in einer endlosschleife." )

Die durchgängige Kleinschreibung ist übrigens keine literarische Marotte des Autors, sondern sein unfreiwilliger "bescheidener persönlicher beitrag zur deutschen rechtschreibreform" , da sein linker kleiner Finger, dessen Sehnen beim Überlebenskampf unter Wasser durchtrennt worden waren, verkrümmt geblieben ist – sodass er damit die Umschalttaste nicht mehr bedienen kann. Er nennt ihn nunmehr seinen "Tsunami-Finger" .

Man ertappt sich bei der Lektüre dieses Buches mitunter bei der Frage, ob man davon auch so gefesselt und berührt wäre, handelte es sich dabei um keinen Bericht, sondern um einen Roman. Dass er eine Katastrophe packend erzählen kann, hat Josef Haslinger schließlich ja schon im "Opernball" gezeigt. Und er hat, wie er zu Beginn des Buches zugibt, auch kurz daran gedacht, "nicht direkt von mir selbst zu schreiben, sondern die geschichte literarisch zu verarbeiten" .

Zum Glück hat er es nicht getan, denn vermutlich hätte das Buch dann nicht solche Intensität, Glaubwürdigkeit und Direktheit entwickelt. Literarisch gelungen ist es doch – und Haslinger bestärkt einem in dem nicht unangenehmen Gefühl, dass es trotz aller medialen Konkurrenz noch immer die Dichter sind, die uns die Welt in all ihrem Glück und Schrecken besonders nahe zu bringen wissen.

Josef Haslinger: Phi Phi Island. Ein Bericht. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2007, 204 Seiten, 18,40 Euro.

Printausgabe vom Samstag, 07. April 2007
Online seit: Freitag, 06. April 2007 12:00:30

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