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Sedlaczek am Mittwoch

Binnen-I-Tüpferlreiten

Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch".

Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch".

Von Robert Sedlaczek

So hat der ironische Titel einer Kolumne von Doris Knecht im "Kurier" gelautet. Ich möchte die darin enthaltenen Argumente in Form eines offenen Briefes beantworten.

Liebe Doris Knecht! Ich schätze Ihre Kolumnen, egal wo sie erscheinen. Sie sind eine Journalistin, die es versteht, Probleme aus dem Alltagsbereich zuzuspitzen. Meist bin ich Ihrer Meinung. Wir scheinen ähnliche gesellschaftspolitische Vorstellungen zu haben.

Umso mehr hat es mich gewundert, dass Sie letzte Woche unter dem Titel "Binnen-I-Tüpferlreiten" die von der Gemeinde Wien initiierte Umfrage an den Schulen kritisiert haben. Sie haben gemeint, die Fragebögen hätten nach dem Gender Mainstreaming verfasst sein sollen – ein hässlicher Ausdruck, aber die Sache kommt ja auch aus England und offensichtlich hat man noch nicht das passende deutsche Wort gefunden.

"Wie kommst du mit deinen Lehrern aus?" Diese Frage führt Ihrer Meinung nach deshalb an der Lebensrealität der Volksschüler vorbei, weil es an vielen Volksschulen nur Lehrerinnen gibt. Wie könnte der Satz nach dem Prinzip des Gender Mainstreaming lauten: "Wie kommst du mit deinen LehrerInnen aus?" Das wäre das notorische Binnen-I. Es lässt sich leicht schreiben, aber schwer sprechen. Nur Stimmakrobaten kriegen es hin, das Binnen-I so in die Länge zu ziehen, dass sie dazwischen einen Knacklaut einschieben können: Lehrer-innen. Eine andere Variante wäre: "Wie kommst du mit deinen Lehrerinnen und Lehrern aus?" Da würde dann das von Ihnen zitierte neunjährige Mädchen sagen: "Seid ihr wuki? Wir haben nur Lehrerinnen!" Eine andere Variante könnte lauten: "Wie kommst du mit deiner Lehrerschaft aus?" Das ist geschlechtsneutral. Aber ist es gutes Deutsch? Vermutlich würde das Mädchen sagen: "Klingt geschwollen!"

Die Meinungsforscher wissen also, warum sie es in einem Fragebogen nur so und nicht anders formulieren: "Wie kommst du mit deinen Lehrern aus?" Die Mehrheit der Mädchen, und auch die Buben, werden wissen, dass es sich dabei um eine verallgemeinernde Form handelt, die sowohl männliche als auch weibliche Personen umfasst. Die Wissenschafter sprechen von einem generischen Maskulinum.

Der Einwand, Frauen seien beim generischen Maskulinum nicht mitgemeint, kann ganz leicht entkräftet werden. Nehmen wir an, die Neunjährige fährt mit der Straßenbahn und liest das Schild: "Es ist verboten, während der Fahrt mit dem Fahrer zu sprechen!" Nur ein minderbemitteltes Kind wird annehmen, dass dieses Verbot bei Fahrerinnen nicht gilt.

Bei der Verbindung zweier Funktionsbezeichnungen zu Komposita wird es ganz kompliziert. So müsste der Begriff "Schülervertreter" in "Schülerinnen- und Schüler-Vertreter sowie Schülerinnen- und Schüler-Vertreterinnen" oder "Schülerinnen- und Schülervertreterinnen und -vertreter" umgeformt werden.

Ich entnehme diese Beispiele der Website "Wikipedia", wo unter mehreren Stichwörtern die Für und Wider zum Gender Mainstreaming aufgelistet sind. Radikale Feministinnen gehen so weit, auch den Satz "Mädchen sind die besseren Schüler" abzulehnen, weil der Begriff "Schüler" sowohl Mädchen als auch Buben umfasst. Das generische Maskulinum müsse aber vollständig beseitigt werden. Bei konsequent angewandter Geschlechtsneutralität würde der Satz so lauten: "Mädchen sind bessere Schülerinnen, als Buben Schüler sind.", "Mädchen sind die besseren SchülerInnen.", "Mädchen sind die besseren Schüler/-innen." oder auch "Mädchen sind die besseren Schulkinder." Ich weiß, dass Sprache diskriminierend sein kann und dass Frauen Opfer dieser Diskriminierung sind. Aber auch hier gilt: Wenn sich die Gesellschaft verändert, wird sich auch die Sprache verändern.

Ihr
Robert Sedlaczek

Printausgabe vom Mittwoch, 21. Oktober 2009
Online seit: Dienstag, 20. Oktober 2009 17:29:11


Kommentare zum Artikel:

22.10.2009 14:10:11 Falscher Eindruck 2
An Herrn Dr.Pohl
Außer der Schlussbemerkung "Eine Meisterleistung des ÖWB!" enthält der Kommentar, dem Sie nicht zustimmen, nur Tatsachen,
obschon "hineingenommen" die Sache besser dargestellt hätte als die Formulierung "hineingeschmuggelt".
Aufmerksamer Leser
22.10.2009 12:58:23 An "Aufmerksamen Leser"
Gemeint war nicht der Artikel, sondern der Kommentar des "i-Tüpfer-Reiters".
H.D. Pohl
21.10.2009 12:00:16 Falscher Eindruck
Im Kommentar "Binnen-I-Tüpferl" wird nirgendwo (nicht einmal zwischen den Zeilen) geschrieben, das Binnen-I werde vom Österreichischen Wörterbuch empfohlen.
Vielleicht hat Herr Dr. Pohl die Ironie "Meisterleistung" fehlinterpretiert?
Dass der österreichische Gesetzgeber und die Regierung u. ä. minder Sprachkundige das Binnen-I verwenden, scheint aber recht dauerhaft tragikomisch zu sein.
Aufmerksamer Leser
21.10.2009 11:09:39 Stimme zu ...
... den Ausführungen Dr. Sedlaczeks, nicht aber dem "i-Tüpferl-Reiter". Das Binnen-I wird vom ÖWB nicht empfohlen, es wird bloß erwähnt. Seine Verwendung widerspricht zwar den Regeln der deutschen Rechtschreibung und wird in von mir betreuten Schriftstücken vermieden, aber es begegnet in vielen amtlichen Schriftstücken bzw. Texten und auch Büchern (oft exzessiv!). Damit wird man leben müssen und es ist zu erwarten, dass diese Mode bald wieder verschwindet. In Deutschland findet man diese Schreibung schon heute viel seltener als früher.
Dr. H.D. Pohl
20.10.2009 19:19:34 Ergänzung
Da es kein "Tüpferlreiten" gibt,
schreibt man nicht "i-Tüpferlreiten" sondern "i-Tüpferl-Reiten".
i-Tüpfer-Reiter
20.10.2009 19:11:26 Binnen-I-Tüpferl
gibt es nicht, da nur ein kleines i ein i-Tüpferl hat.

Nochmals zu erwähnen, der Begriff "Binnen-I" kommt im Österreichischen Wörterbuch - im Unterschied zum WAHRIG, der es verbietet bzw, für falsch erklärt - gar nicht vor.
Nur ins Kapitel über den "Schrägstrich / " hat die Wörterbuchredaktion zu Zeiten Gehrers als zuständige Ministerin "Das große I im Wortinneren" hineingeschmuggelt, dessen Gebrauch, wenn auch im amtlichen Regelwerk nicht vorkommend, nicht dessetwegen den Schluss zulasse, dass er (der Gebrauch des großen I im Wortinneren nicht in Großbuchstaben geschriebener Wörter) fehlerhaft sei. Eine Meisterleistung des ÖWB!
i-Tüpfer-Reiter
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