Pröll ist – das kann in einer mediendominierten Welt nicht laut genug betont werden – ein Mann mit sympathischer, möglicherweise sogar charismatischer Ausstrahlung. Das ist insbesondere im Vergleich zu Molterer signifikant. Er hat die ÖVP-Landesfürsten und Bünde hinter sich, und ist als einziger Schwarzer von den Hetzkampagnen der "Krone" verschont worden. Er ist wie Molterer intelligent und erweckt den Eindruck zuzuhören.
Prölls Kür bedeutet aber auch einen endgültigen Abschied von jenem Kurs, welcher der ÖVP die größten Erfolge seit 1970 eingebracht hat. Sie ist auch dadurch belastet, dass sie von der größten Konkurrenzpartei öffentlich gefordert worden ist. Beides signalisiert primär Schwäche, Identitätsprobleme, ja sogar ein Schuldeingeständnis der Partei.
Pröll hat überdies (so wie Werner Faymann) bisher nur in sehr spezifisch-technischen Bereichen gearbeitet und daher weder in der Außen-, in der Wirtschafts-, in der Ordnungs- noch in der Gesellschaftspolitik sonderliche Kompetenz zeigen können. Schaden könnte ihm auch seine bäuerliche Herkunft. Seit 1949 haben ja alle agrarisch geprägten ÖVP-Chefs der Partei Misserfolge eingefahren. Die (zeitweiligen) Wahlsieger Raab, Klaus, Schüssel hatten hingegen alle Wirtschaftskompetenz.
Pröll gilt vielen auch als Mann, der die ÖVP ein Stück nach links führt. Darauf lässt insbesondere der Perspektivenprozess schließen, in dem sich Pröll besonders für Homosexuellen-Rechte bis hin zur unentgeltlichen Witwer-Pension für schwule Partner exponiert hat. Linke Signale der ÖVP sind aber spätestens seit Sonntag nicht gerade von zwingender taktischer Logik. Pröll wird Wertkonservative und Wirtschaftsliberale erst mühsam zu überzeugen haben, will er sich nicht mit den mageren Überbleibseln des Liberalen Forums begnügen und zumindest die Molterer-Wähler erben.
Ich würde mich sehr täuschen, wenn nicht Jörg Haider – oder auch H.C.Strache – den im Regen stehenden (oder schon ins Abwartehäuschen geflüchteten) Bürgerlichen bald noch mehr unsittliche Angebote machen wird. Über die Zukunft der ÖVP entscheiden nur die Wähler und weder Werner Faymann noch mauschelnde Funktionäre.
Montag, 29. September 2008 23:23:30
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