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Der neue Mann

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Von Andreas Unterberger

So sehr der Wechsel von Wilhelm Molterer zu Josef Pröll in der Luft gelegen ist, so klar ist, dass die ÖVP einen sehr riskanten Weg eingeschlagen hat.

Pröll ist – das kann in einer mediendominierten Welt nicht laut genug betont werden – ein Mann mit sympathischer, möglicherweise sogar charismatischer Ausstrahlung. Das ist insbesondere im Vergleich zu Molterer signifikant. Er hat die ÖVP-Landesfürsten und Bünde hinter sich, und ist als einziger Schwarzer von den Hetzkampagnen der "Krone" verschont worden. Er ist wie Molterer intelligent und erweckt den Eindruck zuzuhören.

Prölls Kür bedeutet aber auch einen endgültigen Abschied von jenem Kurs, welcher der ÖVP die größten Erfolge seit 1970 eingebracht hat. Sie ist auch dadurch belastet, dass sie von der größten Konkurrenzpartei öffentlich gefordert worden ist. Beides signalisiert primär Schwäche, Identitätsprobleme, ja sogar ein Schuldeingeständnis der Partei.

Pröll hat überdies (so wie Werner Faymann) bisher nur in sehr spezifisch-technischen Bereichen gearbeitet und daher weder in der Außen-, in der Wirtschafts-, in der Ordnungs- noch in der Gesellschaftspolitik sonderliche Kompetenz zeigen können. Schaden könnte ihm auch seine bäuerliche Herkunft. Seit 1949 haben ja alle agrarisch geprägten ÖVP-Chefs der Partei Misserfolge eingefahren. Die (zeitweiligen) Wahlsieger Raab, Klaus, Schüssel hatten hingegen alle Wirtschaftskompetenz.

Pröll gilt vielen auch als Mann, der die ÖVP ein Stück nach links führt. Darauf lässt insbesondere der Perspektivenprozess schließen, in dem sich Pröll besonders für Homosexuellen-Rechte bis hin zur unentgeltlichen Witwer-Pension für schwule Partner exponiert hat. Linke Signale der ÖVP sind aber spätestens seit Sonntag nicht gerade von zwingender taktischer Logik. Pröll wird Wertkonservative und Wirtschaftsliberale erst mühsam zu überzeugen haben, will er sich nicht mit den mageren Überbleibseln des Liberalen Forums begnügen und zumindest die Molterer-Wähler erben.

Ich würde mich sehr täuschen, wenn nicht Jörg Haider – oder auch H.C.Strache – den im Regen stehenden (oder schon ins Abwartehäuschen geflüchteten) Bürgerlichen bald noch mehr unsittliche Angebote machen wird. Über die Zukunft der ÖVP entscheiden nur die Wähler und weder Werner Faymann noch mauschelnde Funktionäre.

Montag, 29. September 2008 23:23:30


Kommentare zum Artikel:

01.10.2008 12:05:22 @mike
Die Wähler haben signalisiert, dass sie den bisherigen Kurs der neoliberalen "Reformen" nicht schätzen. Sie sind zu den Parteien gegangen, die eine Abkehr davon versprechen - hier zu den "Rechtspopulisten", in Deutschland zu den "Linkspopulisten".
Pröll ist die letzte Chance der VP, von der Schere zwischen ihrem früheren Image (für das sie von der ländlichen Bevölkerung nach wie vor gewählt wurde) und ihrer Realpolitik etwas abzulenken.
clash
01.10.2008 11:02:59 Falsche Wahl
Josef Pröll war die mit Abstand ungeeignetste Wahl als Parteiobmann. Seine ideologische Ausrichtung steht weit außerhalb der ÖVP, seine Perspektivenrunde ging mehr als nur daneben.
Der Meinung des Dinosauriers Neugebauer, es könne damit nur mehr aufwärts gehen, muss man deutlich entgegenhalten, die ÖVP wird sicherlich erst bei 15% beginnen, über ihre Richtung und die Auswahl ihrer Funktionäre nachzudenken.
Mitras
01.10.2008 01:27:17 Leider nein
Hr. Unterberger, da haben Sie nur bedingt Recht. Ueber die Zukunft und das Ueberleben der OeVP wird zwar nicht Faymann, aber sehr wohl die Funktionaere entscheiden. Waehlen diese die falsche Richtung jetzt, dann wird der Waehler sie nach der naechsten Wahl in die politische Bedeutungslosigkeit senden. Nur insofern haben Sie Recht.
Leopold Koller
30.09.2008 15:36:59 Sg. Herr Unterberger,
verwechseln Sie nicht Wirtschaftskompetenz mit Wirtschaftsbundmitgliedschaft?
Schnabeltierfresser
30.09.2008 15:12:37 Ueberblick
Ein Kommentar mit Ueberblick, der bis zu dreissig Jahre zurueckreicht und viel, viel Wahres enthaelt.

Die Aera Schuessel war die erfolgreichste der vergangenen Jahrzehnte fuer die OEVP, als kleiner Koalitionspartner hat sie immer nur verloren/in Wien wie Oesterreich.

Die momentane weltweite Finanzkrise erfordert eine starke Regierung des kleinen Oesterreich, hier werden wohl die Fakt5en bald jedes Wunschdenken ueberlagern.
Viktor
30.09.2008 09:53:44 Gebt ihm doch zumindest 100 Tage
Die "typisch österreichischen" Reaktionen auf Unterbergers Analyse sind etwas vorschnell. Man wird sehen was Sepp Pröll macht. Dumm ist er nicht, also muss man ihm nicht zwingend die größten Dummheiten, Große Koalition um alles in der Welt, wie in vielen anderen Medien derzeit geschieht unterstellen.
Auch Wolfgang Schüssel galt anfänglich als Befürworter der Großen Koalition, so wie damals fast alle Parteigranden. Und wer glaubt dass alle das BZÖ und die FPÖ gewählt haben weil sie so schön konservative Slogans nachbeten hat die Politik nicht wirklich verstanden. DAs BZÖ steht ja auch nicht gerade für einen Kurs der sich sich gegen Homosexualität wendet, und Straches Aussagen sind zeitweise schon linker als die von Faymann. Pröll ist auf jeden Fall ein Symbol für einen Neustart, schon auf Grund seines Alters.
Georg
30.09.2008 09:40:56 Todestrieb
Der Todestrieb der ÖVP hält offenbar an. Einen zweiten Wolfgang Schüssel hat sie nicht.
schera
30.09.2008 09:19:51 Muss das sein?
Bitte nicht schon wieder einen Bauern, noch dazu einen, der Falter und Profil für Zeitgeist hält
Ignatius
30.09.2008 08:46:02 Wenn viele Wähler
nach rechts abwandern, muß die ÖVP nach links rutschen.
Ist doch logisch ..
mike
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