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Die Top 30 des Jahres 2006

Aus über einhundert Neuerscheinungen aus den Genres Rock, Pop und Singer/Songwriter, die wir im Laufe des heurigen Jahres auf der "music"-Seite vorgestellt haben, haben wir nun nochmals die 30 wesentlichsten ausgewählt. Folgende Autoren waren an der Findung der besten Platten dieses Jahres beteiligt: Francesco Campagner (f. c.), Bruno Jaschke (b. j.), Heimo Mürzl (h. m.), Michael Puchner (m. p.), Judith Regner (j. r.), Gerald Schmickl (g. s.), Uwe Schütte (u. s.), Bernhard Torsch (b. t.).
Die individuellen Wertungen aller Kritiker finden Sie hier.

Ryan Adams: 29 (Universal)

( g. s. ) Ein von Blues, Wehklagen und schmachtenden Balladen durchzogenes Album der Selbsterkundung: Vom Titel gebenden Opener "29" geht Adams Schritt um Schritt, Jahr um Jahr, in seiner Twenty-Biografie zurück, schreitet in neun Kapiteln seine von allerlei Trübnis ("The sadness is mine" heißt ein Song) beladenen Zwanziger ab. Damit schloss der in Jacksonville, North Carolina, geborene 31-Jährige an sein grandioses "Love Is Hell"-Album (2003) an, das die eigene Verletzlichkeit mit ähnlich hoher Intensität erkundete. Unglaublich, welch verschwenderische Fülle der Schmerz aus diesem manischen Songschreiber herauspresst.

Arctic Monkeys: Whatever People Say I Am, That's What I'm Not (Domino/Edel)

( b. j. ) Das Debütalbum der heurigen Shooting-Stars aus Sheffield ist dramaturgisch clever abgestimmt. Am Anfang dominieren pure Aggressivität, Ausgelassenheit und eine Direktheit, der dank der äußerst versatilen Rhythmusachse nichts Einfältiges anhaftet. Ungefähr in der Mitte verblüffen die Arctic Monkeys plötzlich mit schönen Melodien, und gegen Ende demonstrieren Sänger Alex Turner und Jamie Cook unvermutete Eleganz auf ihren Gitarren. "A Certain Romance", das von unerfüllten Sehnsüchten handelt, konzentriert zum Abschluss alle Schönheit, die dieser Platte – auch – innewohnt.

Calexico: Garden Ruin (City Slang/Edel)

( b. j. ) Mit "Garden Ruin" haben Calexico heuer ihre fünfte reguläre CD veröffentlicht. Nach dem Vorgänger "Feast Of Wire", der große Melodien und Texte mit den vertrauten atmosphärisch-dichten, jazz- und latinobeeinflussten Instrumentalstrecken zu einem reizvollen Hybrid vermischte, sind Calexico hier gänzlich zum Songformat konvertiert und gewähren auch der "Rocksau" großzügig Auslauf. Bestimmt nicht abträglich war der neuen Wegrichtung, dass Joey Burns, der auf früheren Calexico-Alben bisweilen kaum mehr als den Eindruck vokaler Pflichterfüllung vermittelte, auf "Garden Ruin" nicht nur zu einem richtigen, sondern sogar zu einem richtig guten Sänger geworden ist.

Cat Power: The Greatest (Matador/Edel)

( g. s. ) Wie man auch mit scheinbar wenig Aufwand eine immense Dichte und Intensität erzeugen kann, zeigte Chan Marshall alias Cat Power heuer auf besonders eindrucksvolle Weise. Die zwölf Songs auf ihrem in Memphis, Tennessee, eingespielten Album "The Greatest" pendeln zwischen entspanntem Soul, munterem Südstaaten-Folk und gehauchten Balladen. Marshalls verhalten-verhallte Stimme kommt zwischen quengelnden Orgeln, leiernden Pianos und gestopften Trompeten hervor – und wirkt so nachhaltig wie langsames Gift. Am Ende ist man ihr hörig, folgt ihr überall hin.

Jarvis Cocker: Jarvis (Rough Trade/Edel)

( b. j. ) Mit relativ konventionellem Pop-Equipment eingespielt, wirkt "Jarvis", das Soloalbum des ehemaligen Kopfes der britischen Pop-Intelligenzler "Pulp", zunächst ziemlich disparat: zwischen Zitat-Pop, Anklängen an Cockers Zwischenspiel mit dem elektronischen Rockabilly-Projekt "Relaxed Muscle" und einigen einfach inszenierten Balladen schwankend. Auf Dauer gewinnt die Platte aber gerade durch dieses Zerfranste und Uneinheitliche an Reiz.

The Dears: Gang of Losers (V2/Rough Trade)

( g. s. ) Eine großartige Band aus Montreal, die in dem allgemeinen Boom kanadischer Gruppen in den letzten Jahren ein bisschen untergegangen ist. Nach dem etwas unsteten, stellenweise grenzgenialen Album "No Cities Left"(2003) erschien mit "Gang of Losers" heuer ein opulentes 12-Gang-Menü, das nichts auslässt, was gut und teuer ist: Sentiments, Melodramatik, aufgedonnerte Sounds - und auf Song Nr. 10, "Ballad of Humankindness", knochentrockene Drums, ein Flügelhorn und darüber die Stimme von Murray Lightburn, die sich bis zum Firmament streckt.

Neil Diamond: 12 Songs (Columbia/SonyBMG)

( f. c. ) Rick Rubin, zuletzt Produzent der "American Recordings"-Serie von Johnny Cash, wollte seit langem eine Platte mit dem amerikanischen Sänger aufnehmen, wusste aber nicht recht, wie ein weitgehend unverfälschter Neil Diamond-Sound klingen sollte, daher wurde im Studio viel experimentiert. Das Ergebnis stellte schließlich nicht nur den gewichtigen Produzenten zufrieden: Der Opener "Oh Mary" präsentiert einen vom Blues und Soul inspirierten Diamond, der seine intimsten Sehnsüchte offenbart. Zwölf akustische Songs (plus zwei Zugaben) lang beweist der Singer/Songwriter, dass er keinerlei süßer Glasur bedarf und sein Handwerk immer noch perfekt beherrscht.

Divine Comedy: Victory for the Comic Muse (Parlophone/ EMI)

( g. s. ) Neil Hannon, nach einer vorübergehenden Band-Phase vor einigen Jahren nunmehr wieder einziger Protagonist seines Projektes "Divine Comedy", hat dieses eigentlich ungeplante neue Album aus jenem Material gefertigt, das er großteils für andere Künstler, wie etwa Jane Birkin oder Charlotte Gainsbourg, geschrieben hat. Es sind große Songs, mit hoher atmosphärischer Dichte, aufwändig arrangiert und doch transparent bis in den kleinsten harmonischen Faltenwurf hinein, und sie erzählen von den Sorgen britischer Ladies und Starlets in hinreißender Dramatik und Melodik .

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Zitiert auf „Modern Times“ Blues und Bibel: Bob Dylan. Foto: David Gahr/SonyBMG

Bob Dylan: Modern Times (Columbia/SonyBMG)

( f. c. ) So lange wie noch nie zuvor, nämlich fünf Jahre, ließ sich Bob Dylan für dieses Album Zeit – und hat damit ein erstaunlich gutes Werk abgeliefert. "His Bobness" klingt nicht mehr nasal und spröde, sondern ansatzweise wie ein echter Crooner, untermalt von einem entspannten Country-Blues-Sound, den seine langjährige Tour-Band souverän darbietet. Dylan singt von Liebe und Schmerz, ähnlich wie vor 32 Jahren auf "Planet Waves". Und er zitiert, wie eh und je, freizügig Blues und Bibel.

Howe Gelb: 'Sno Angel Like You (Thrill Jockey)

( u. s. ) "Giant Sand"-Kopf Howe Gelb zeigt, in welch schwindelnde Höhen der Schönheit sich Popmusik mit einer gehörigen Portion Gospel schrauben kann. Zusammen mit dem kanadischen "Voices of Praise"-Chor nahm er dieses berückende Album auf. Gelbs Gitarre und raue Stimme, nur begleitet von "Arcade Fire"-Drummer Jeremy Gara, liefern das Gegengewicht zum so dichten wie erhebenden Gesang des Chors. Dessen warmer Backgroundgesang verleiht Gelbs gefühlvoller Mischung aus frühem Blues, Folk und Roots zwar keinen Soul, aber eine gehörige Portion Seele.

Grandaddy: The Fambly Cat (V2/Edel)

( b. j. ) Die Amerikaner schärfen auf ihrer leider letzten Platte zum Abschied noch einmal die Kontraste. Fast schroff stehen sich die divergierenden Elemente ihrer Musik gegenüber: die donnernden Punk-Kracher, die in ihrer orchestralen Breite fast feierlich anmutenden Synthesizer-Wellen, die raffinierten, bisweilen ein wenig durchgedrehten Soundspielereien – und natürlich das melodische Genie, hier repräsentiert durch "Summer . . . It's Gone", "Guide Down Denied" oder das lässig auf einem minimalen, fast Disco-artigen Elektronik-Riff daherbrausende "Elevate Myself".

Guillemots: Through The Windowpane (Polydor/Universal)

( g. s. ) Am Mercury-Prize für das beste Album sind die Guillemots heuer nur knapp vorbei geschrammt (den haben sich die Arctic Monkeys geholt), aber alleine die Nominierung zeigt schon, dass dieses britisch/brasilianisch/kanadische Quartett zu den Entdeckungen des Jahres zählt. Und wahrlich: So pathetisch, wunderlich, eigensinnig und gewinnend ist schon lange nicht mehr musiziert worden. Die bunten, lautmalerischen Namen der Bandmitglieder (Fyfe Dangerfield, MC Lord Magrao, Aristazabal Hawkes, Rican Caol) geben die artifizielle Grundstimmung dieses zwischen dem Leichten, Verspielten und dem Feierlichen, Hymnischen mühelos hin und her pendelnden Albums gut wieder.

Hidden Cameras: AWOO (Rough Trade/Edel)

( b. j. ) Der Einstieg ist toll: Im gestreckten Galopp fegt "Death Of A Tune" in ein stimmiges, fast folkloristisches Geigenfinale. Mit High-Speed fährt auch "Lollipop" dahin; sonst allerdings bleibt die Gangart meist bremsbereit, was sich die kanadische Band wegen der grandiosen Melodiebegabung ihres Sängers/Autors Joel Gibb locker leisten kann. Stellenweise sind kleine rhythmische Schlaglöcher eingebaut; die Streicher wiederum scheinen das Ganze öfters Richtung Kammermusik lotsen zu wollen, und darüber hinaus will "AWOO" eine klassische Pop-Platte sein, was ihr schließlich auch noch gelingt.

Frida Hyvönen: Until Death Comes (Secretly Canadian)

( h. m. ) In ihrer Heimat Schweden schon 2005 veröffentlicht, erschien dieses atemberaubende Debütalbum von Frida Hyvönen bei uns erst heuer. Die meisten der zehn Songs bestehen nur aus Hyvönens Gesang und einer schlichten, aber wirkungsvollen Klavierbegleitung. Ihre klare und ausdrucksstarke Stimme (Tori Amos, Kate Bush und Joni Mitchell lassen hörbar grüßen) und die zart-bitteren Texte fügen diesen Erstling zu einem der stimmigsten Singer/Songwriter-Alben dieses Jahres.

Midlake: The Trials Of Van Occupanther (Bella Union/Edel)

( m. p. ) Fünf geschmackssichere Musik-Historiker aus Denton/Texas nehmen sich liebevoll des West-Coast-Folkrocks der Siebziger an. Mit diesem zweiten Album sind Midlake dem erklärten Ziel, alterslose Klassiker zu schreiben, schon sehr nahe gekommen. Mit großer Sorgfalt rühren sie aus bekannten Versatzstücken eine neue Melange an. Probate Mittel sind dabei federleichte Akustikgitarren, butterweiche Pianotöne, bisweilen auch Geigen und Flöten. Vor allem aber ist der mehrstimmige Gesang schlicht zum Niederknien.

Monk: Jeux De Nuit (Sevena-half/Monkey)

( m. p. ) Monk ist ein Trio aus Graz, das mit "Jeux de Nuit" heuer ein zwar unscheinbares, aber beeindruckendes Album veröffentlicht hat. Die drei Musiker widmen sich den entspannten Spielarten des Elektronik-Pop, bei dem Jazz-Anleihen, Beschwingtes und schräge Bläser ebenso wenig fehlen wie sanfte Gitarren, ein Glockenspiel oder ein schluchzendes Cello. Dazu erinnert der mehrstimmige Gesang an die wunderbaren "Stars" aus Kanada.

Oneida: Happy New Year (Jagjaguwar/Sanctuary)

( b. j. ) Der Hammer auf dem grandiosen neuen Oneida-Album "Happy New Year" kommt bei Track 4: "Up With People" kontrastiert eine Kinderlied-artige Melodie mit einem gnadenlosen, aufrüttelnden Dancefloor-Rhythmus, der zeigt, wie intelligent die Band aus Brooklyn ihre individuelle Handschrift, die Kunst der Repetition, einsetzt. Dass Oneida auch Melodien von Pop-Klassiker-Format zu schreiben imstande sind, sollte mit dieser Platte heuer endgültig klar geworden sein.

The Organ: Grab That Gun (Too Pure/Indigo)

( j. r. ) Die fünf Kanadierinnen vollziehen auf ihrem Debüt "Grab that Gun" einen Kniefall vor den düsteren Melodien der Indie-Helden früherer Tage, wie etwa Cure oder Joy Division. Mit tragenden Orgeleinsätzen, marschierenden Drums sowie klaren Bassläufen und Gitarrensounds kreiert das Quintett elf wunderbar wehmütige Popsongs, denen deutlich anzuhören ist, in welchem Erdreich sie ihre musikalischen Wurzeln haben.

Beth Orton: Comfort Of Strangers (EMI)

( u. s. ) Vier Jahre nach "Daybreaker" ist heuer das lange erwartete Nachfolgealbum der im englischen Norwich geborenen Sängerin erschienen. Es ist eine Folk-Gospel-Soul-Platte mit einem geschmackssicheren Schuss Country, aufgenommen in nur zwei Wochen, um den minimalistischen Ansatz nicht zu verwässern. Das ist hervorragend geglückt. "Comfort Of Strangers" ist eine wunderbare Rückkehr zur alten Form von Beth Orton. Und ein idealer Anfang, um die Sängerin kennen zu lernen.

Raconteurs: Broken Boy Soldiers (XL-Records/Edel)

( m. p. ) Die Arbeit des Bassisten und des Schlagzeugers sind bei diesem Quartett gewiss nicht zu unterschätzen, doch die Vorgaben machen Singer-Songwriter Brendan Benson und Jack White, die männliche Hälfte der "White Stripes". Da haben sich zwei gefunden! Ergebnis ist eine Reise zu den Eckpfeilern der Musik-Historie, samt täuschend echter analoger Wärme und Mono-Touch. Straighte Gitarrenriffs à la Pete Townshend treffen auf unwiderstehlichen Harmoniegesang, wie von den Beatles.

Razorlight: Razorlight (Vertigo/Universal)

( g. s. ) Die Band rund um den großmäuligen Sänger und Gitarristen Johnny Borrell hat mit "Razorlight" ein munteres, schlankes Album mit zehn starken, konventionellen Songs vorgelegt, die alle erstaunlich zielstrebig auf die nächstbeste Refrainpointe zusteuern. Neben der Single "In The Morning" und dem programmatischen "Pop Song 2006" hat sich vor allem "America" zu einem nachhaltigen Hit gemausert.

Seachange: On Fire, With Love (Glitterhouse/Hoanzl)

( m. p. ) Vor zwei Jahren war "Lay Of The Land" ein Debütalbum voll juveniler, ja fast brutaler Intensität. Inzwischen haben Seachange ihre weiche Seite entdeckt. Auf dem heuer erschienenen Doppelalbum lassen sie wundervollen Indie-Rock auf filigrane Folk-Finesse treffen. Die Rasselbande aus Nottingham setzt sich zwischen britisch und amerikanisch gezimmerte Stühle und verknüpft Post-Punk-Klänge mit melancholischen Elementen.

Sonic Youth: Rather Ripped (Geffen/Universal)

( u. s. ) Sonic Youth haben ihr fünftes Mitglied Jim O‘Rourke nach drei Alben wieder verloren, dafür ihre spezialverstimmten Gitarren zurückgewonnen. Beides hat auf dem dreizehnten (regulären) Album der New Yorker Lärmartisten seine Spuren hinterlassen. Mit traumwandlerischer Virtuosität schmieden sie ein fesselndes Monument aus komplexen Songstrukturen, neuartigen Soundtexturen und dichten Texten. Der Akzent liegt diesmal mehr auf den Songs als auf dem Sound, was bei 14 fesselnden Stücken kein Nachteil ist.

Stuart A. Staples: Leaving Songs (Beggars Banquet/Edel)

( f. c. ) Schon die ersten Töne des zweiten Solo-Albums von "Tindersticks"-Frontman Stuart Ashton Staples lassen erahnen, was 40 Minuten lang folgen wird: eine Flut purer, in Musik gegossener Melancholie. Staples setzt mit den "Leaving Songs" einen Schlusspunkt hinter sein bisheriges künstlerisches Schaffen. Die zehn Songs erinnern mitunter an Altmeister Leonard Cohen. Ähnlich wie dieser setzt auch Staples mit Maria McKee und Lhasa de Sela auf weibliche Stimmen, die die Depression mit einer Überdosis Bittersüße neutralisieren.

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Mixen Soul, Gospel und „Industrial Rock“ auf verblüffend melodiöse Weise: TV On The Radio. Foto: 4AD/Edel

TV On The Radio: Return To Cookie Mountain (4AD/Edel)

( b. j. ) Das gemischtrassige New Yorker Quintett setzt auf "Return To Cookie Mountain" dort fort, wo es auf "Desperate Youth, Blood Thirsty Babes"(2004) aufgehört hat: Wieder kontrastieren die oft ein wenig verrückten DooWoo-Chöre und die Gospel-artigen Vokal-Arrangements als auflockernder Gegenpol zu den schroffen Gitarren, sich wie Mauern auftürmenden Bläsern und aus Samples generierten Klangbildern, die an "Industrial Rock" erinnern. Dazu kommt ein tiefer Soul-Einfluss, dessen Schwärze weniger mit der Hautfarbe als vielmehr mit der aus Musik und Texten – metaphernreichen politischen Anspielungen, rätselhaft-bedrohlichen Geschichten von Verlieren – resultierenden Stimmung zu tun hat. Alle diese harschen Einzelkomponenten wissen TV On The Radio mit verblüffender melodischer Souveränität zu kitten.

Tom Verlaine: Around & Songs And Other Things (Thrill Jockey)

( u. s. ) Fast 30 Jahre sind vergangen, seit der in New Jersey geborene Thomas Miller, der zu Ehren des symbolistischen Dichters den Künstlernamen Verlaine annahm, mit dem epochalen Television-Debüt "Marquee Moon" (1977) seine singuläre Begabung erstmals demonstrierte, aber auch sein letztes Album ("Warm and Cool") liegt bereits 14 Jahre zurück. Mit seinen beiden neuen Platten, die heuer im Doppelpack erschienen – einem Vokal- und einem Instrumental-Album –, hat Tom Verlaine weniger ein abgeklärtes Alterswerk abgeliefert, als vielmehr seinen Anspruch auf Anerkennung als einer der großen Gitarrenvirtuosen unterstrichen.

Scott Walker: The Drift (4AD/Edel)

( b. j. ) "The Drift" ist ein Hörspiel, das wie eine musikalische Skulptur genossen – oder erlitten – werden kann, je nach Tagesverfassung und aktuellem Aufnahmevermögen des Hörers. Der Beginn pflegt noch lose nachbarliche Beziehungen mit Randbereichen der Pop-Konformität. Doch über den Großteil der 70 Minuten Laufzeit genießt konventionelles Rock-Instrumentarium Schonzeit. Der ehemalige Teenie-Star der Sechzigerjahre geht mit zerklüfteten Klangbildern, orchestralem Großeinsatz, Stimmverfremdungen sowie grantig-tief gestimmten Gitarren, die mit seinem gestresst-verstörten Bariton korrespondieren, unbeirrbar bis an die Grenzen des Hörbaren.

Wrens: The Meadowlands (Absolutely Kosher/BB Island)

( m. p. ) Die Geschichte dieser amerikanischen Band steckt voller Rückschläge und Entbehrungen. Mit gehöriger Verspätung kam dieses Album heuer auch in Europa heraus. Schnell wird klar, dass den Wrens nichts ferner liegt als ein klinisch reiner Schönklang. Das beweisen mitunter mörderisch dreckige Gitarren. Oder die Wucht der Emotionen, die sie einem etwa im besten Song des Albums, "Boys, You Won't", mit dem Mut der Verzweiflung um die Ohren hauen. Trotzdem ist diese Platte ein später Triumph.

Yo La Tengo: I Am Not Afraid Of You And I Will Beat Your Ass (Matador/Edel)

( u. s. ) Ganz im Sinne des drohenden Titels beginnt das neue Album der nun schon über zwei Jahrzehnte bestehenden Alternativ-Formation mit einer über zehnminütigen Krachorgie. Göttlicher Gitarrenlärm, Feedback und Pop, irgendwo zwischen Velvet Underground und der Musik kommender Jahrhunderte. Ein noch längeres Stück, eigentlich eine kleine Rocksymphonie, steht am Ende des Albums. Dazwischen 13 Songs, in denen das Trio aus Hoboken, New Jersey, betörende Popmusik aus ambienten Gitarrensounds, driftenden Keyboardläufen, wunderschönem Harmoniegesang und atmosphärischen Instrumentals bastelt.

Neil Young: Living With War (Reprise/Warner)

( b. j. ) Seit jeher ein begnadeter Trotzkopf, erinnerte sich Neil Young heuer wieder einmal an die Tradition des Protestsongs und spielte mit Bass, Schlagzeug, Trompete und einem hundertköpfigen Chor zur Begleitung seiner oft gegen die Stimme anlärmenden Distortion -Gitarre in drei Wochen zehn Songs ein und stellte diese zuerst auf seiner Website, dann auf jener der Plattenfirma gratis ins Netz. Mittlerweile liegt die Sammlung mit ihren heftigen Attacken gegen US-Präsident Bush auch im traditionellen CD-Format vor. Erstaunlicherweise hat "Living With War", von Young apodiktisch von jeglichem Innovationsdruck befreit, trotz gewohnt grobkantiger Rock-Basis eine gewisse Leichtigkeit. So, als ob sich die Schnelligkeit der Produktion auf die Musik übertragen hätte.

Die Top 30 des Jahres 2006
Platten des Jahres 2006

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