Bitte kein Weihnachtslied!
Jetzt geht es wieder los. Wie in jedem Jahr. Spätestens, wenn der Advent in seine heiße Phase tritt, beginnt das Dudeln. Über der ganzen Stadt hängt, nebst der Dunstglocke von Punsch und Zuckerwatte, eine Klangglocke von Weihnachtsliedern.
Da taratatatammt der "Drummer Boy", da schnulzt ein Bariton in Freistilintonation "White Christmas", ein Knabenchor jinglebellt und ein anderer durchkitscht "Stille Nacht, heilige Nacht" in einer Weise, dass dem Arrangeur ein Ehrenplatz in Satans heißestem Kessel gebührt.
An manchen Stellen der Mariahilfer Straße hat man gar das durch und durch zweifelhafte Vergnügen, mehrere unterschiedliche Weihnachtslieder gleichzeitig hören zu können. Jüngst gelang es mir, die Erfahrung zu machen, wie "taratatatamm" gleichzeitig mit "Stille Nacht" klingt. Ich hätte liebend gerne darauf verzichtet.
Die Katastrophe dabei ist, dass diese teilweise wirklich schönen Weihnachtslieder von ihrer eigentlichen Funktion, nämlich einer naiv-gläubigen Einstimmung auf das Mysterium der Geburt Jesu Christi, entfernt wurden in einen Bereich, der nur noch als Kommerz wahrgenommen wird. Die Lieder werden profanisiert. Letzten Endes stehen sie mit dem Spielzeugladen und dem Damenunterwäschegeschäft in engerer Beziehung als mit dem Mysterium. Und wenn sie dann, spätestens am 24. Dezember, in der Kirche gesungen werden, bringen sie diesen Hauch von Spielwaren und Damenunterwäsche unweigerlich in den Gottesdienst.
Benedikt XVI. ist nicht nur ein kluger Theologe, sondern auch ein sehr musikalischer Papst. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er, vielleicht als er noch Joseph Ratzinger war, diese Klangglocke der Weihnachtslieder als höchst störend empfunden hat. Möglicherweise ist das der Grund, dass er empfiehlt, an die Stelle der Weihnachtslieder den Gregorianischen Choral zu setzen. Die reine Schönheit der Gregorianischen Melodien ist heute der beste musikalische Schmuck der weihnachtlichen Messen.
Die beliebten Weihnachtslieder werden uns damit keineswegs genommen. Zumal wir ohnedies mit ihnen längst übersättigt sind.
Printausgabe vom Samstag, 22. Dezember 2007
Online seit: Freitag, 21. Dezember 2007 19:20:30
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