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Die Dritte Imamekonferenz in Wien brachte viele neue Ideen für die Zukunft der Muslime in Europa

Steiniger Weg für islamische Jugend

Die erfolgreiche holländische Anwältin Famile Arslan sieht als Muslima Chancen in Europa. Foto: Beig

Die erfolgreiche holländische Anwältin Famile Arslan sieht als Muslima Chancen in Europa. Foto: Beig

Von Stefan Beig

Aufzählung Experten fordern mehr Offenheit von Muslimen.
Aufzählung Trotz der Islam-Skepsis in Europa sehen sie auch Chancen für die Zukunft.

Wien. Als Moslem in Europa zu leben, fällt einigen Jugendlichen schwer. "Wir sind mit einer nationalen Identität konfrontiert, die Minderheiten ausschließt", meint Farid Hafez, Mitarbeiter am Institut für Rechtsphilosophie der Uni Wien und Lehrbeauftragter für Orientalistik. "Muslime werden noch immer als Fremde betrachtet." Hafez war einer der Redner der Dritten Imamekonferenz letztes Wochenende in Wien. Jugend war ein zentrales Thema.

"Die Mehrheit junger Muslime in Europa kennt die Herkunftsländer ihrer Eltern und Großeltern nur von den Ferien", berichtet Dudu Kücükgöl von der Muslimischen Jugend Österreich (MJÖ). "Die Jugendlichen sehen sich als Österreicher, Briten, Franzosen oder Italiener. Aber sie werden nicht als solche akzeptiert wegen ihrer islamischen Identität." Ihre Isolierung und die öffentliche Islam-Debatte erzeugten innere Konflikte: "Moslem und Europäer zu sein, erscheint unmöglich."

Kücükgöl, die auch einen Workshop zur Jugend in Europa leitete, verweist auf eine EU-weite Studie zu Islamfeindlichkeit. "Ich bin deutscher Staatsbürger", wird dort ein deutscher Moslem zitiert. "Wenn Sie die Deutschen fragen, so würden mich viele wohl als Türken mit deutschem Pass beschreiben. Diesen Ausdruck höre ich oft, weil ich keinen typisch deutschen Namen habe und kein Christ bin; für viele ist das etwas, was es unmöglich macht, richtiger Deutscher zu sein." Farid Hafez sieht eine andere Entwicklungen in den USA: "Sie betrachten sich als Amerikaner. Nationale Identität ist in den USA weniger stark mit religiöser Identität verbunden. Österreicher zu sein, bedeutet hingegen weiß und katholisch zu sein."

Negativ sieht Hafez die Entwicklung der letzten Jahre: "Heute ist die Islamophobie Mainstream in allen Parteien, nicht nur in der Politik, sondern auch in der Gesellschaft." Noch pessimistischer ist Amer Albayati, Journalist und Gründer der Initiative Liberaler Muslime in Österreich: "Viele Österreicher hassen den Islam. Eine Tatsache, die viele nicht wahrhaben wollen. Sie betrachten unbewusst das Christentum als ihre Kultur – nicht als ihre Religion."

Albayati hält in dieser Situation den politischen Islam für besonders gefährlich: "Die Führungspersönlichkeiten des politisch organisierten Islam in Europa sind nicht bereit, die europäische Realität zu akzeptieren. Sie wollen der Gesellschaft ihre Kultur aufzwingen. Das ruft massive Gegenwehr hervor. Islamische Drohgebärden wie die Islamophobie-Keule gegen kritische Stimme müssen aufhören. Wenn die islamischen Organisationen so weitermachen, wird es in zehn Jahren zu gewalttätigen Reaktionen auf Muslime kommen." Albayati kritisiert auch, dass die "Europäische Islamische Konferenz" (EIC) die Imamekonferenz mit der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich organisiert hat. Denn die EIC zählt er zum problematischen politischen Islam.

Gegen die Verschlossenheit

"Wir brauchen eine neue Terminologie, ansonsten grenzen wir uns ein", zeigte sich Orientalist Hafez durchaus selbstkritisch. "Diese Verschlossenheit erzeugt Misstrauen." Reformen bei islamischen Organisationen forderte auch Kücükgöl von dem MJÖ. Derzeit vernachlässigen viele die Jugend. Im Schlussdokument der Imamekonferenz wird eine "wertschätzende Haltung gegenüber Jugendlichen" gefordert.

Wie will man solche Ziele umsetzen: "Der Imam hat eine wichtige Rolle", hebt Zekirija Sejdini hervor, der am Privaten Studiengang angehende heimische Islamlehrer unterrichtet und Mitorganisator der Konferenz war. "Man kann den Imam als einen Multiplikator nützen. Durch eine Imame-Ausbildung kann man viel erreichen. Es wäre gut, die Imame hier in Österreich auszubilden."

"Interaktion mit Beratern und der Community ist für Imame wichtig", betont die niederländische Anwältin Famile Fatma Arslan, die Imame bei rechtlicher Beratung für Muslime begleitet. Arslan sieht etliche Probleme der Muslime in Europa in Zusammenhang mit deren Migrationshintergrund: "Die meisten Muslime in den Niederlanden kommen – ebenso wie in Deutschland und Österreich – aus ländlichen Gegenden in der Osttürkei, wo das Bildungsniveau oft niedrig ist. Da haben es besonders Frauen sehr schwer. Denn sie müssen sich zweimal emanzipieren: Innerhalb ihrer Herkunftscommunity und in der Aufnahmegemeinschaft. Lange Zeit gab es für Migrantinnen keine Rollenbilder. Ich versuche heute, junge Muslime zu inspirieren und ein Vorbild zu sein."

Bildung beginnt bei Eltern

Arslan profitierte vom Bildungsbewusstsein ihrer Eltern: "Mein Vater ist Analphabet, aber er wollte, dass ich eine gute Bildung in der Schule bekomme – eine Ausnahme." Arslan, die mit vier Jahren aus der Osttürkei in die Niederlande kam, betont freilich: "In der Türkei hätte ich nie diese Bildung bekommen können wie in den Niederlanden." Das Migrantendasein habe auch Vorteile: "Ich kann mich sowohl in der östlichen Türkei als auch in Europa anpassen. Ebenso lernt man als Migrant, Empathie zu entwickeln. Man hat einen anderen Überblick, eine andere Sensibilität, um sich in Situationen einzufinden. Man nimmt vieles nicht als selbstverständlich wahr, das macht einen zum Denker. Man überprüft die eigene Position ständig. Identität ist nicht nur eine Frage der Nationalität. Es geht vielmehr darum, sich zu fragen, wo man in dieser Gesellschaft steht."

Mit einem europäisch-islamischen Leben hat die Juristin kein Problem: "Jetzt, wo die Stimmung gegenüber dem Islam so kritisch ist, ist es toll, Muslima zu sein. Das fördert die Selbstkritik. Es ist eine sehr produktive Phase, in der wir kreative Lösungen finden. Deshalb sind wir hier."

Bleibt abzuwarten, ob sich so viel differenziertes Nachdenken über dem Islam in Europa auch in der Realität wiederfinden wird.



Printausgabe vom Dienstag, 18. Mai 2010
Online seit: Montag, 17. Mai 2010 19:23:00


Kommentare zum Artikel:

17.05.2010 23:27:05 Toll, nich...
Toll, Muslim zu sein?
Eigenartige Anschauung. Von Leuten, die durch ein Kopftuch provozieren, das bekanntlich rein politische Aussagezwecke hat. Von Leuten, die einem Verein angehören, der Mitglieder nach pakistan zur "Ausbildung" schickt. Wirklich toll, so etwas.

Moslems werde nur dann als Fremdkörper betrachtet, wenn sie sich selbst aus der Gesellschaft ausschließen. Manche mögen es so. Die Gesellschaft eben weniger.
andreas.sarkis
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