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Wiener und US-Forscher: Fruchtwasserstammzellen könnten statt embryonalen Stammzellen Krankheiten heilen

Ersatzmaterial für geschädigte Organe

Markus Hengstschläger leitet die Abteilung für medizinische Genetik der Medizinuni Wien. Foto: Martin Vukovits

Markus Hengstschläger leitet die Abteilung für medizinische Genetik der Medizinuni Wien. Foto: Martin Vukovits

Von Eva Stanzl

Aufzählung Neue Wege in der Stammzellforschung.
Aufzählung Genetiker Markus Hengstschläger im Interview.

"Wiener Zeitung":Sie haben gemeinsam mit dem Wiener Reproduktionsmediziner Wilfried Feichtinger und dem US-Mediziner Antony Atala bewiesen, dass adulte (quasi ausgewachsene) Stammzellen aus Fruchtwasser ein ähnliches Entwicklungspotential haben wie embryonale Stammzellen. Was bedeutet das konkret?

Markus Hengstschläger: Embryonale Stammzellen werden aus zwei Tage alten Embryonen gewonnen. Im Labor können sie sich durch Zugabe von Wachstumsfaktoren in alle Arten von Zellen entwickeln: Fügt man Nerven-Wachstumszellen hinzu, bilden sich Nervenzellen. Fügt man etwas anderes hinzu, werden sie zu Haut-, Blut- oder Bauchspeicheldrüsenzellen. Würde man diese jungen, gesunden Zellen in den Körper transplantieren, könnte man damit vielleicht einmal Diabetes oder Parkinson heilen. Diese Hoffnungsträger der Medizin haben aber zwei Nachteile: Sie neigen zur Bildung von bösartigen Tumoren und es müssen zu ihrer Gewinnung Embryonen verbraucht werden.

Fruchtwasserstammzellen sind zwar prinzipiell adult, weil sie erst ab der 16. Schwangerschaftswoche entnommen werden. Aber sie sind so wie embryonale Stammzellen noch sehr wandlungsfähig: Sie sind – im Vergleich zu Stammzellen aus Nabelschnurblut – noch undefinierter. Zudem müssen dafür keine Embryonen verbraucht werden, sie entarten sie nicht und sie können sich sehr schnell zu allen Arten von Zellen entwickeln.

Sind sie so hochwertig wie embryonale Stammzellen?

Nach dem, was wir bisher gesehen haben, sind sie hochgradig ähnlich.

Welche Erkrankungen können Sie damit heilen?

Das Ganze befindet sich im präklinischen Stadium aber wir können beginnen, uns therapeutische Möglichkeiten für die Zukunft zu überlegen. Ein visionäres Beispiel: Eine werdende Mutter muss laut Mutter-Kind-Pass zur Ultraschall-Untersuchung. Der Gynäkologe stellt fest, dass das Kind Spina Bifida hat – einen offenen Rücken. Es folgt eine Abklärung, ob die Ursachen genetische sind. Dazu erfolgt eine Fruchtwasserpunktion im Spital, bei der Stammzellen isoliert werden könnten, mit denen der Genetiker bereits Haut herstellen könnte, die er dem Kind nach der Geburt transplantieren könnte.

Könnte sich dadurch die Zahl der genetischen Tests vor der Geburt erhöhen?

Wenn überhaupt, darf es eine Fruchtwasserpunktion nur bei medizinischer Indikation geben.

Könnten Frauen ihr Fruchtwasser einfrieren lassen?

Das kann durchaus sein, ist aber keine aktuelle Empfehlung. Zudem muss für alles die richtige Methode gefunden werden. Für ein Kind mit offenem Rücken wäre es zu spät, wenn man das Fruchtwasser bei der Geburt entnimmt und danach erst beginnt, Haut zu züchten.

Die Tatsache, dass zur Gewinnung von embryonalen Stammzellen Embryonen verbraucht werden müssen hat hierzulande zu einem Verbot der Forschung an embryonalen Stammzellen geführt. Macht Ihre Methode die ethische Diskussion obsolet?

Theoretisch vielleicht einmal. Vielerorts ist die Diskussion aber kein Thema. US-Forscher sehen es eher so, dass sie die Methode nehmen, die für die jeweilige Krankheit die beste ist.

Wissen

Da zur Gewinnung von Embryonalen Stammzellen menschliche Embryonen verbraucht werden, ist die verbrauchende Forschung an dem Hoffnungsträger der Medizin in Österreich verboten (nur importierte Zelllinien dürfen verwendet werden). Die Medizin hat Alternativen entwickelt in der Hoffnung, den Traum von zellulären Therapien ähnlich gut verwirklichen zu können wie vielleicht embryonale Stammzellen. Sie setzte zunächst auf adulte Stammzellen aus Nabelschnurblut, die einige Lösungen bringen. Da es sich dabei aber bereits um junge Blut-Zellen handelt, können sie sich nicht in jede Richtung entwickeln. Forscher präsentierten auch eine Methode, bei der ausgewachsene Hautzellen in pluripotente Stammzellen zurückverwandelt werden können. Allerdings benötigt sie den Eingriff der Rückverwandlung.

Die Wiener Forscher erhoffen sich nun von den Stammzellen aus Fruchtwasser Fähigkeiten embryonaler Stammzellen ohne Eingriffe. "Zudem erübrigt sich das ethische Manko der verbrauchenden Embryonenforschung", betont Gynäkologe Wilfried Feichtinger.

Printausgabe vom Mittwoch, 25. November 2009
Online seit: Dienstag, 24. November 2009 17:18:00

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