Beim Wort genommen
Das Sommerloch und seine "Aufreger"
Von Herbert Kaspar
Dass sich immer wieder Vertreter aus der Gruppe der professionell Beleidigten finden, ist bekannt; zuletzt, weil ein Eiserzeuger es gewagt hatte, eine Eis-Sorte "Mohr im Hemd" zu nennen. Man könnte darüber zur Tagesordnung übergehen, fänden sich nicht immer wieder in den Medien bereitwillige Transporteure, die derartige Belanglosigkeiten erst zu einem Thema machen. Besonders raffiniert inszenierte das der "Standard" am letzten Wochenende, der sowohl einen Pro- als auch einen Kontra-Kommentar brachte, was den Vorteil hat, dass man sich selbst nicht deklarieren muss, das Thema aber dennoch ausführlich spielen kann; denn es fand sich jemand, um das "unauffällige und selbstverständliche Funktionieren des sprachlichen Rassismus" zu beklagen. Auch die "ZIB 2" vom Montag war sich nicht zu schade, dem Thema Sendezeit zu widmen.
Die Gutmenschen, die Medien und die Firma Eskimo freuen sich: die Einen haben ihren Auftritt sowie eine Story gehabt, die Anderen haben ihre Gratisreklame bekommen. Genauso funktionierte es beim zweiten großen "Aufreger" dieser Tage: bei den atheistischen "Es gibt keinen Gott"-Plakaten. Eine ganze Seite etwa widmete allein der "Kurier" letzten Sonntag diesem Thema. Der Zeitung ist dabei gar nicht aufgefallen, wie bereitwillig sie das Geschäft der Initiatoren besorgt. Der "Kurier" zitierte den Auftraggeber, der treuherzig aus der Schule plauderte: "Die Kampagne kostet 1000 Euro. Mehr Geld haben wir nicht" – brauchen sie auch nicht, denn es gibt ja genug Schreiber, die gratis redaktionellen Raum widmen.
Dass "Kronen Zeitung" und "Standard" in einträchtiger Unkenntnis strafrechtlicher Bestimmungen die Causa "Bawag" mit Veranlagungen der Bundesfinanzierungsagentur gleichsetzen, wurde schon berichtet. Das hat wohl die Strafrechtsexperten der bunten Illustrierten "News" nicht ruhen lassen, wo ein Herr Martin Kubesch neulich schwadronieren durfte: "Arigona und Natascha – zwei Frauen, ein Verbrechen".
Das Sommerloch sollte man für so einen Irrwitz nicht verantwortlich machen; die journalistische Qualität ist auch in den anderen Jahreszeiten nicht viel besser.
Printausgabe vom Donnerstag, 30. Juli 2009
Online seit: Mittwoch, 29. Juli 2009 18:49:00
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