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Artikel aus dem EXTRA LexikonPrint this

Warum der Mensch das „Rätseln" einfach nicht lassen kann

33 senkrecht, vier Buchstaben

Von Christine Herner

Die sagenhafte chinesische Prinzessin Turandot gab jedem ihrer Freier drei schwere Rätsel auf; wer nicht alle drei richtig beantworten konnte · und das war meist der
Fall · verlor seinen Kopf. Wäre nicht endlich Prinz Kalaf aufgetaucht und hätte alle drei Lösungen gewußt, so wäre Turandot unverheiratet geblieben und hätte mit ihrem grausamen Treiben womöglich
halb China entvölkert.

Auch in unserem eigenen Kulturkreis gab es in alten Zeiten · jedenfalls weiß es so der Mythos · eine ziemlich blutrünstige Quizmasterin: die Sphinx von Theben, ein Fabelwesen mit Frauenkopf und
geflügeltem Löwenleib. Sie tötete kurzerhand die Vorübergehenden, die ihr kompliziertes Rätsel nicht lösten. Als es Ödipus schließlich doch gelang, war die Sphinx so darüber erschrocken, daß sie von
einem Berg stürzte und im Tal zerschellte. Lohn für Ödipus: Er wurde König von Theben.

Wäre das Rätselraten heute auch noch so gefährlich, herrschte wohl kaum die Rätsellust, die man in Österreich und dem Nachbarland Deutschland antrifft; und das, obwohl es keine schönen Königstöchter
und keine Königreiche mehr zu gewinnen gibt. 1992 hatte eine Umfrage ergeben, daß in Deutschland die Zahl der Rätselliebhaber wesentlich größer ist als die der Fußballfanatiker. In 58 Prozent aller
Haushalte wurden damals Kreuzworträtsel gelöst. Das erstaunlichste Ergebnis dieser Umfrage war aber: Je höher das Einkommen, desto häufiger wurden die geistigen Turnübungen gemacht.

Kein Grund anzunehmen, daß sieben Jahre später gerade den Österreichern der Spaß am Rätseln vergangen sein sollte, wo es doch eine der ältesten kulturellen Betätigungen der Menschheit ist. Die ersten
schriftlich fixierten Rätsel stammen nämlich schon von den alten Indern, um etwa 1000 v. Chr.; in der „Rigveda" schrieben sie ihre ausgeprägte Rätselweisheit in Sanskrit nieder.

Das moderne Kreuzworträtsel (und das Schwedenrätsel, bei dem die Fragen in den Kästchen stehen), das die Hitliste der Beliebtheit anführt, ist freilich erst im vergangenen Jahrhundert erfunden
worden, von einem, der vermutlich viel Zeit zum Tüfteln hatte: dem englischen Gefängnisinsassen John Walres. Aber erst in diesem Jahrhundert, nämlich 1925, veröffentlichte die „Morning Post"
eine Sonderseite mit Kreuzworträtseln und machte es damit weltweit populär.

Das klassische Kreuzworträtsel verlangt nicht so sehr eigene Denkleistung, es fragt Wissen ab, und geschäftstüchtige Buchverlage brachten im Laufe der Zeit ganze Bibliotheken voller Rätsel-Lexika
heraus, die dieses Wissen bereithalten. Wem „Gnu" und „Ara" oder „Lebensbund mit drei Buchstaben" langweilig geworden sind, sollte zum kryptischen Kreuzworträtsel greifen; wieder war es in England,
wo es entwickelt wurde, und zwar in der hochangesehenen „Times", während die ursprünglichen Kreuzwort- oder Schwedenrätsel längst von Firmen mit speziellen Computerprogrammen erstellt werden,
ist jedes kryptische Rätsel ein einmaliges Geistesprodukt, das der Fantasie eines findigen Kopfes entsprungen ist. Das Geheimnis liegt hier nämlich nicht mehr im Lösungswort, sondern in seiner
Verschlüsselung. Das zu suchende Wort ist zwar ein einfacher Begriff, aber draufzukommen kann sehr vertrickt und vertrackt sein. Eine echte Herausforderung für Geistesathleten, denn es verlangt ein
Um-die-Ecke-Denken, ein freies Assoziieren und Spielen mit Möglichkeiten: „14 Waagerecht, drei Buchstaben: Je Fran das Cisco, desto dann auch das", oder „33 Senkrecht, vier Buchstaben: je
Führung das Team, desto steht dies Wort ihm!" Klingt wahrlich kryptisch, und Herr Duden wird sich im Grab umdrehen bei solch spielerischer Verballhornung der ehrwürdigen deutschen Sprache: Das
Zeit- und das F.A.Z.-Magazin machten die kryptischen Kreuzworträtsel auch im deutschsprachigen Raum beliebt, aber eine Blüte wie im angelsächsischen Raum hat es bei uns nie erlebt,
vielleicht weil bei uns die Spezies des Rätselmachers eher selten zu finden ist: Witzig und intelligent soll er sein, fantasievoll und gebildet, Typ „pensionierter Studienrat", „junger, verspielter
Assistenzprofessor" oder „eigenwilliger Bibliothekar".

Die Rätsel der Dichter

Auch die Dichter sind heute dünn gesät, die sich herablassen, ein Rätsel in poetische Worte zu kleiden. Die Dichter der Antike hatten Spaß daran: Homer, Hesiod, Pindar, Heraklit, Platon, Herodot
und wie sie alle hießen. Bei den Griechen bedeutete Rätsel oder Fangfrage dasselbe wie „Fischernetz", nämlich „gryphos"; oder „ainigma" (von „ainos", die „in Bildern redende Fabel"). Ins Netz einer
solchen Frage ging angeblich Homer; jedenfalls verbreitete der griechische Philosoph Heraklit (550 bis 480 v. Chr.) folgende Legende: Die Pythia des Orakels von Delphi hatte Homer vor einem
Kinderrätsel gewarnt. Er aber vergaß die Warnung und erinnerte sich erst wieder daran, als Fischerjungen ihm das Rätsel aufgaben: „Was wir fingen, ließen wir zurück, was wir nicht fingen, tragen
wir mit uns." Homer fand die Auflösung nicht, verfaßte aber sogleich sein Grabgedicht, weil er sich an den Orakelspruch erinnerte. An so eine banale Antwort wie „Läuse" hatte der Dichterheros
nicht gedacht.

Besonders wichtig für die europäische Rätseltradition wurde der römische Dichter Symphosius. Seine „Hundert Rätsel" sind wahrscheinlich Ende des 5. Jahrhunderts vor Christus entstanden. Darin
fragte der Dichter in dreizeiligen Hexametern und in der Ichform nach alltäglichen Dingen. Jedenfalls beeinflußte dieser Symphosius alle späteren Rätseldichter bis hin zu den Humanisten. Noch 1650
wurde in Nürnberg ein Buch mit dem Titel „Der Poetische Trichter" gedruckt. Es gab anhand von zehn Symphosius-Rätseln eine Anleitung zur Herstellung von Rätselsprüchen.

Nicht einmal die Bibel blieb von Rätseln verschont. Im Alten Testament sind zwei Rätsel enthalten, die ebenfalls in die literarische und volkstümliche Rätseltradition Europas eingegangen sind. Da ist
einmal das Rätsel-Tribunal am Hof des weisen Königs Salomon (I. Buch der Könige, Kap. 10): „Die Königin von Saba hörte vom Ruf Salomons und kam, um ihn mit Rätselfragen auf die Probe zu
stellen . . . Salomon gab ihr Antwort auf alle Fragen. Es gab nichts, was dem König verborgen war und was er ihr nicht hätte sagen können . . ." Was sie ihn so alles gefragt hat, wissen wir nicht.
Die Heilige Schrift vermerkt nur, daß der Königin ob Salomons Weisheit der Atem stockte und sie sagte, „deine Weisheit und deine Vorzüge übertreffen alles, was ich gehört habe . . ."

Das zweite Bibel-Rätsel stammt vom starken Simson. Er gab es bei einem Hochzeitsfest den Philistern auf: „Vom Fresser strömt Futter, vom Starken quillt Süßigkeit hervor." Was mag das sein?
Es ist ein getöteter Löwe, in dessen Kadaver dann ein Bienenschwarm Honig ansammelt. Das Simson-Rätsel wurde später ein Vorbild für die sogenannten Halsrätsel des Mittelalters, die so manchem zum
Tode Verurteilten Leib und Leben retteten. Dabei wurde das Rätsel in eine Erzählung von einem Verurteilten oder Verbrecher eingebaut.

„Es ist ein rundes Loch . . ."

In der volkstümlichen Rätseltradition fand so ziemlich alles Platz, was es an Themen gibt, das sieht man an der Kapiteleinteilung des „Straßburger Rätselbuchs" von 1505. Es handelt „Von
Gott, Von den heyligen . . . Von dreck . . . Von Fischen . . . von hunden . . . Von den Handtwercken . . ." Jedenfalls hatte auch das obszöne Rätsel seinen festen Platz. (Sogar in der altindischen
Athara-Veda war es schon vertreten.) Und in den hessischen Spinnstuben machte es noch bis in die Vorkriegszeit die Runde, wie Volker Schupp, Herausgeber des Deutschen Rätselbuchs, anmerkt. Die
tabuisierte Sexualität eignete sich wohl besonders gut für die andeutende und doch verhüllende Bildsprache des Rätsels. Christian Friedrich Hunold (1681 bis 1721): „Wer glücklich rathen kan: Der
thu es sonder Lachen/ in Hamburg wird man es fast alle Tage machen:/ Es ist ein rundes Loch mit Haaren wohl versehn/ darnach der Appetit der Männer pflegt zu stehn/ des Leibes bester Theil pflegt
sich mit ihm zu paaren/ und fast ein jeder wünscht mit Freuden nein zu fahren/ das eng zusammenhält/ und hübsche Wärme giebt/ in diesem Loch ist man bey Jungfern sehr beliebt."

Nein, nicht was Sie denken! Die Perücke ist gemeint! Zeitweise artete die Rätsellust gar in eine richtige Volksseuche aus. Ende des 18. Jahrhunderts hat dies den Dichter Johann Peter Hebel zu
einer bitteren Klage veranlaßt: „Das Scharadenwesen ist hier zur Sucht geworden. Drechslers Kaffeehaus (in Karlsruhe) sah eine Zeitlang aus wie eine Börse. Wo man hinsah, zog einer ein Papierlein
aus der Tasche oder hatte eins in den Händen und studierte dran oder tauschte eins mit dem Nachbarn aus." Und Volker Schupp schreibt: „Der gichtkranke Tieck wurde durch das ,tolle Treiben` von
seinem Mittagstisch vertrieben, schien aber kein rätselfreies Gasthaus finden zu können, weshalb er schließlich mit Hebels Runde vereinbarte, daß man erst zum Nachtisch mit dem Stellen von Scharaden
(ein zu erratendes, meist zusammengesetztes Wort wird in seine Bestandteile zerlegt, deren Sinn umschrieben oder bildlich dargestellt wird) anfangen dürfe. Aber der Witz ließ sich nicht unter-

drücken, das Gelächter brach immer wieder den Vertrag."

Über das Wesen des Rätsels haben sich bereits antike Philosophen Gedanken gemacht, wie zum Beispiel Aristoteles in seiner „Rhetorik". Er schrieb, alles Rätselhafte liege stets in einer Metapher;
das Rätsel füge Unvereinbares zusammen und rede doch von Wirklichem. Und Klearchos, der Aristoteles-Schüler, meinte: „Das Auflösen von Gryphen steht durchaus der Philosophie nicht so fern, wie man
gewöhnlich meint, so haben schon die Alten gerade hierin eine Probe der Bildung erkannt. Denn dergleichen Fragen legten sie sich bei den Gelagen vor . . ."

Auch die Barockdichter sahen im „Rätselreim" ein vollwertiges dichterisches Genre, und der Philosoph und Theologe Johann Gottfried Herder, der sich im 18. Jahrhundert mit altjüdischen Rätseln
beschäftigte, rechnete die Rätsel „zum Heiligtum jeder einzelnen Sprache".

Und heute? Die Schillers und Goethes, die einst Rätsel in Versen verfaßten, gibt es nicht mehr (abgesehen von einigen Ausnahmen). An die Stelle des literarischen Rätsels sind Kreuzworträtsel und
Fernsehquiz getreten. Beide sind, so Volker Schupp, „Skelette von literarischen Rätseln", und nach denen sind wir offenbar ganz verrückt. Warum?

Als ob uns das Leben nicht schon genügend Problemnüsse zu knacken gäbe! Woher dann noch die Lust, bei manchem gar Sucht, zu selbstauferlegten Denkhürden? Vielleicht glaubt da mancher gar, im
Kreuzworträtsel die Weltformel gefunden zu haben. Immerhin: Alles kommt darin vor, alles ist mit allem verbunden. Und wenn man die Fragen löst, hat man der chaotischen Welt um einen herum ein klein
wenig Struktur abgerungen; zumindest kann man sich das einreden. Denn das „Urrätsel" zu lösen (Woher komme ich, wohin gehe ich?) hat man bislang nicht geschafft, und so ganz ohne Erfolgserlebnis
dazustehen, ist auch nicht sehr erbaulich. Wie schön also, wenn man wenigstens im kleinen Rahmen ein Kästchen weiterkommt (und wenn nicht, darf es ein Geheimnis bleiben).

Außerdem, und das ist auch nicht zu verachten, bringen wir beim Rätselraten unsre sonst eher vernachlässigte rechte Gehirnhälfte auf Trab und die Alphawellen in Schwung. Originelle Ideen sind
gefragt, die Fähigkeit, Entdeckungen zu machen, lädt uns emotional auf; wir dürfen plötzlich wieder denken, wie wir als kleines Kind gedacht haben.

Die Oase des Glücks

Rätselraten ist spielen, und Spiel ist mehr als nur eine Randerscheinung, mehr als nur ein Mittel zur Erholung und Entspannung. Spielen ist ein existenzielles Grundbedürfnis. Johan Huizinga hat in
seinem Buch „Homo ludens" analysiert, daß jede Kultur in Form von Spiel entsteht und daß echte Kultur ohne einen gewissen Spielgehalt nicht entstehen kann. Der Autor stellt den Homo ludens auf
eine Stufe mit dem Homo sapiens und dem Homo faber. Das Spiel ist Selbstzweck, und ganz allein darin liegt die Befriedigung. Niemand muß, jeder kann spielen oder rätseln. So hat jeder die
Möglichkeit, aus dem eigentlichen, harten Leben heraus · und in eine „Oase des Glücks" einzutreten.

Johan Huizinga glaubt auch, daß das Spiel für das soziale Leben der Gemeinschaft unentbehrlich ist. Kehrt das Spiel regelmäßig wieder und begleitet den Lebensablauf in Form von Festen und Kulten, so
schafft es geistige und soziale Verbindungen, die eine gemeinsame Kultur begründen.

Die alten Völker pflegten die Rätselspiele bei festlichen Gelegenheiten, wie man in dem Plutarch zugeschriebenen „Gastmahl der Sieben Weisen" nachlesen kann. Es wurden sogar regelrechte
Rätselwettkämpfe ausgetragen, wie Herodot von einem ägyptischen und einem äthiopischen König berichtet. Daß Rätselgespräche zwischen Fürsten auch später noch üblich waren, zeigt die historische
Begegnung der beiden Universalgebildeten, des Stauferkaisers Friedrich II. und des ägyptischen Sultans Saladin im Jahre 1228. Was für eine Vorstellung, Clinton und Jelzin, Klima und Schröder
lieferten sich weltweit übertragene Rätselduelle! Nirgendwo wären originelle Lösungen mehr gefragt als gerade in der Politik!

Johan Huizinga beklagt, daß der Spielfaktor im 19. Jahrhundert mehr und mehr in den Hintergrund trat und dem Nützlichkeitsdenken, der industriellen Umwälzung und der Entwicklung der Technik wich. Die
Vorherrschaft von Arbeit und Erziehung ließen immer weniger Raum für spielerische Elemente. Heute hat sich die Entwicklung noch verschärft. Die zahllosen Quizsendungen im Fernsehen haben mit dem
einstigen Denksport nichts zu tun, weil sie meist nur gespeichertes Wissen abfragen. Außerdem: Früher zeichnete sich das Spielen dadurch aus, daß alle daran teilnahmen. Heute sind die meisten
„Teilnehmer" nur als Zuschauer vor dem Fernseher dabei. Das soziale Element des Spiels fehlt völlig. Wer heute in Gesellschaft ist, erzählt eher Witze oder Kalauer. Die echten Rätselfans sind mehr
und mehr zu einem unzusammenhängenden Klub einsamer Herzen geschrumpft, die in der U-Bahn, im Kaffeehaus oder auf der Wohnzimmercouch Kreuzworträtsel lösen. Oder sich an den Computer setzen und
„Adventure-Spiele" lösen: Rätselspiele mit mehreren · verborgenen · Ebenen, wobei sich die nächste Ebene nur dann erreichen läßt, wenn zuvor der richtige Handgriff getan, das Schlüsselwort gefunden
oder zum passenden Werkzeug gegriffen wurde. Weitgehend von der Außenwelt abgeschirmt, rätseln Computerfreaks hochkonzentriert über Stunden und Tage, Wochen und Monate. Aus purer Langeweile? Sicher
steckt mehr dahinter.

Freitag, 12. Februar 1999 00:00:00
Update: Dienstag, 01. März 2005 16:51:00

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