Vom Abtauchen, Auflegen und Abheben in einer Wiener Disco
Tanzschuppen mit Tradition
Von Lisa Grotz
Es gibt viele Gerüchte um die "Camera Obscura", dem einstmaligen "Mondscheinkeller", das "San Remo" der 60er Jahre, aus dem sich Mitte der 80er der Camera-Club formierte, kurzum "Camera" und unter den Insidern Centrum oder "CA" genannt. Es gibt Probleme wie überall im aussterbenden und wieder erblühenden Diskothekengewerbe - und sie ist nach wie vor eine richtige Diskothek, die "Camera", ein Tanzschuppen mit Tradition, kein Clubbing-Treff, kein After-Work-Hip-Hop-de Luxe-Dance-Floor.
Wer den Einsturz der Klassenschranken zu schätzen weiß, geht dorthin, um zu tanzen und weil ihm garantiert ist, dass Alter, Nationalität, Geschlecht, Beruf und Berufung keinerlei Kontrolle, keinen Demütigungen unterliegen.
Die "Camera" verkörpert ein Stück Zeitgeschichte, ihre eigene Legende zu Lebzeiten und Karl, der dortige Geschäftsführer (Familienvater, vier Kinder) spricht von einer verschworenen Gemeinschaft und bringt es auf den Punkt lapidarer Souveränität: "Wir machen die Leute doch brav! All die Frustrierten, all diejenigen, die keinen Zugang zur Welt des Jet-Set haben, all die Cleveren, die mit der Wiener 'Adabei-Gesellschaft' hadern: Bei uns müssen sie sich nicht verstellen."
Selbstdisziplin allerdings ist im Eintrittspreis inkludiert. Kein Betrunkener kommt vorbei an Peter, Herbert und Karl, den Türstehern. Und seit Extasy in der Szene boomt, ist man vorsichtig geworden. Kontrollverlust ist einzig auf der Tanzfläche angesagt, wo Angst, Kränkung und dem verinnerlichten Abstand zur etablierten Gesellschaft körperlich Ausdruck verliehen werden darf. Und der DJ Thomas sorgt dafür, dass auch die ältere Generation auf ihre Kosten kommt.
Ein Gespräch zwischendurch
Wiener Zeitung: Okay, Thomas, du hast mir erzählt, dass du seit elf Jahren in der "Camera", auflegst.
Thomas: Ich habe zunächst in der "Titanic" aufgelegt und dann bin ich davon in Kenntnis gesetzt worden, dass in der "Camera" ein DJ gesucht wird: Es handle sich um einen Notstand, wurde mir gesagt. Für mich war dort zunächst eine Szene, mit der ich mich nicht anfreunden konnte, ältere Leute zwischen 30 und 40. Na ja, ich war damals eben erst 21.
W. Z.: Hatte die Musik damals noch das 68er-Flair?
Thomas: Nein, man spielte dort mehr Soul, Funk und Jazz. Keine wirklich rhythmische Musik, mehr den Salsa-Stil. Ich galt als ambitioniert, wollte jedoch eigentlich nie DJ sein.
W. Z.: Was war dein Ziel?
Thomas: Na ja, ich hab damals schon Gitarre gespielt und insgeheim an eine Laufbahn als Musiker gedacht, kombiniert mit Gesang. Schon als Kind war ich von der Musik fasziniert, mein Vater hat in einer Plattenfirma gearbeitet als Plattendrucker. Wir hörten sehr viel Rock- und Jazzmusik zuhause. Mein Vater war ein ausgesprochener Fan von Gruppen wie "Traffic", den "Rolling Stones" und den "Beatles". Auch "Fats Domino" mochte er. Als Bub war das für mich eher befremdend, heute liebe ich diese Musik natürlich.
W. Z.: Hast du dich bei deinem "Camera"-Einstieg mit den DJs dort auseinander gesetzt?
Thomas: Na klar. Was ich nicht kannte, hab ich mir gekauft und mich damit beschäftigt. James Brown wurde damals gespielt und die Stones, aber nicht die zeitgemäß gängige Musik, Popmusik.
W. Z.: Was meinst du damit?
Thomas: Sprachgesangmusik. Heute heißt das Hip-Hop. Ich steh auf deutschen Hip-Hop, auf Rap, auch auf den souligen. Wir in der "Camera" schauen, dass wir keine Trendmusik machen, keine Techno-Musik. Wir wollen dieses Publikum nicht, die Adabei-Szene, die Schicki-Mickis. Auch nicht die Kids mit ihrem Goa-Kult, dem Goa-
Rave, der sich Anfang der 90er entwickelt hat. All die Leute, die damals nach Indien gefahren und auf diesem Goa-Beat hängengeblieben sind, die kann ich nicht so ernst nehmen. Im "Subzero" z. B. spielen sie Goa-Rave. Das ist ein ganz sympathischer Schuppen, wo ich früher auch als DJ gejobt habe.
W. Z.: Legst du heute ausschließlich in der "Camera" auf?
Thomas: Ja, ich bin dort angemeldet und man erwartet das von mir. Ich gehöre gewissermaßen schon zum Inventar. Ich vertrete es auch voll und ganz, für die Musik der Schwarzen einzustehen.
W. Z.: Erfüllst du Musikwünsche?
Thomas: Ja schon, bloß keinen Kommerz. Keinen Hip-Hop de Luxe.
W. Z.: Ich erinnere mich an eine virtuose James-Brown/Tom-Jones-Einspielung . . .
Thomas: Es soll möglichst nicht willkürlich ankommen. Sound und Thema sollen miteinander zu tun haben.
W. Z.: Was mir durch und durch geht beim Tanzen ist dieser Refrain "Lord Have Mercy On My Soul".
Thomas: Der stammt von der Gruppe "Dub Tribe Sound System" und wir vertreten ja auch die Devise "Our Roots Are In Africa". Damit kann ich mich identifizieren, das ist eine gute, eine groovige Musik. Und dieser Sound wird auch verlangt. Das ist der klassische "Camera-Sound".
W. Z.: Während meiner Jugend waren die DJs Kultfiguren, in Bezug auf ihr
Outfit, ihre Selbstdarstellung. Heute geht es mehr um das technische Know-how, verbunden mit Geschmack. "Sympathy For The Devil" von den Stones fällt mir spontan ein, mit dem Song oder dem Refrain "I'm a Man Of Wealth and Taste". You seem to be . . .
Thomas: A man of inner Wealth and taste? Klar, wäre ich gerne.
W. Z.: Würdest du dich manchmal als Person gerne noch stärker zur Geltung bringen?
Thomas: Ich glaube, ich bin der Typ, auf den man relativ spontan zugehen kann . . .
W. Z.: Aber du setzt dich nicht bewusst in Szene?
Thomas: Das hängt auch von meiner persönlichen Verfassung ab. Ich hab da durchaus eine gewisse Risikobereitschaft. Spontanes Improvisieren ist schon angesagt. Was unser Interview betrifft, hab ich auch eine Weile nachgedacht. Dann hab ich mir selbst einen Klick gegeben und mir gesagt: Thomas, du bist DJ in der "Camera", steh dazu . . . Nebenbei fülle ich Bewertungsbogen aus zu CDs, die ich zugeschickt bekomme für eine Firma aus der Branche.
W. Z.: Wann gab es für dich den Bruch, eine Zäsur als DJ?
Thomas: Der Bruch kam 1995/96, als die Szene immer schneller wurde, mit "Detroit Garbage". Es geht die Sage, dass ein Deutscher DJ in Detroit angefangen hat, Techno zu spielen, der Sven Väths. Er hat erst in Deutschland gewirkt, wo er sich allerdings nicht so durchsetzen konnte und ging dann in die Staaten, wo er erfolgreich war. Das alles hat mich mehr oder weniger nur gestreift. Tanzen wollte ich dazu nicht. Außerdem gehört Extasy zu dieser Szene und das ist ein Stoff, der mich überhaupt nicht interessiert. Es gibt auch andere, naturgegebene Mittel, die den Hirnstoffwechsel anregen. Ich glaube nicht, dass man Extasy braucht, um mittels Musik in einen Trancezustand zu verfallen.
W. Z.: Nun stellt sich doch die Frage, ob man Haschisch nicht legalisieren sollte? Darüber kann ich leider nicht entscheiden. Diese Möglichkeit, zu tanzen, mit dem Boden auf dem man sich bewegt, verwurzelt zu sein und im Geiste abzuheben, das hab ich in der "Camera" wieder gelernt, wohl wissend, dass man mit dem Intellekt allein nur wenig bewirkt, oder, um mit Bob Marley zu sprechen, "Listen to the Music, You can't get it with your Mind".
Thomas: Ja, das ist unsere Philosophie und der Reggae gehört für mich ganz wesentlich dazu: "Legalize it and Rasta Men won't criticize it."
Musik bis in die Knochen
Thomas, obschon selbst erst 32 Jahre jung, kennt die Rock/Pop-Geschichte par coeur (in- und auswendig und vom Herzen her). So finden mitunter Nächte in der "Camera" statt mit Zyklen von Eric Burdon ("Tobacco Road"), von "Sweet Smoke", von den "Stones" und Jimi Hendrix, Zyklen mit einem raffinierten Remix aus Richard Strauss und Tanika Tikkaram ("Twist in my sobriety").
Wer dazu tanzt, braucht keine Drogen. Kenner dieser Nummern singen sie wortgetreu mit: Blicke werden ausgetauscht und hin und wieder tanzen Paare den klassischen Rock 'n' Roll.
In anderen Nächten hört der Besucher den traditionellen "Camera-Sound: "Jestofunk" ("Love in a gold dimension" oder "Mother Earth"). Und "Jestofunk" heißt so viel wie "from Jazz to Funk", Soul included.
"Jeder Zugang zur Welt ist gleich-gültig", sagt mir mein Freund Charles. Gefragt ist, wer sich liebesfähig zeigen kann, wer sich auf eye-communication versteht. Die Verständigung ist ansonsten ohnedies gewährleistet: Im "Café Tralala" von 11 bis 21.30 Uhr und auch des nachts, wenn das Café zum upstairs-dance-floor wird, wenn es zum Reden, zum Schachspielen und zum deutsch-türkischen Meinungsaustausch verleitet, wenn die Tunesier und die Schwarzen von der Elfenbeinküste oder aus Ghana französisch sprechen und Dialektfärbungen aus ganz Österreich zu hören sind.
Günther Wouk, einst Musiker und Akteur der "Hallucination Company", später Bassist bei Harry Stojka, kehrt die Scherben der versehentlich zu Bruch gegangenen Gläser zusammen, ohne jeden Dünkel. Eine Hand wäscht die andre, die Familie hält zusammen. Im Übrigen ist das Personal der "Camera" einer Einladung zu einem Drink nicht abgeneigt: Ein Freigetränk pro Nacht ist doch verdammt wenig.
So übersteht Christine, eine der guten weiblichen Geister des Hauses (nebst Daniela mit Kindern und Marcella aus Rumänien), anstrengende Nächte mit Brennnesseltee aus der Thermosflasche und schaut frohlockend der Gartenarbeit in ihrem Domizil am Wechsel entgegen.
Festtage werden zu Festnächten, insbesondere zu Zeiten der Wiener Festwochen. Und nicht zuletzt geht es auch in der "Camera" um die Kultur des Bewahrens alter Schätze, wie überall in Wien, ob im "Dorotheum", in der Kaisergruft oder auf dem Zentralfriedhof, wo Falco sein Ehrengrab hat. Punkt zwölf setzt zu Sylvester in der "Camera" der "Donauwalzer" ein.
Kein Gast mit dunkler Sonnenbrille darf unkontrolliert hinabsteigen in einen groovigen Keller, ohne die Türsteher zu passieren. Harte Drogen sind in der "Camera" weder erwünscht noch käuflich zu erwerben. In diesem Punkt geht Karl, der Geschäftsführer, mit jedem Mitglied seiner Zweitfamilie d'accord.
Wer sich kein Flugticket leisten kann, obschon längst reif für die Insel, kann abheben in der "Camera" mit Musik bis in die Knochen.
Freitag, 03. August 2001 00:00:00
Update: Dienstag, 01. März 2005 14:58:00