Das neue Deutsch der Wiener Eltern
"Gehen wir zu die Vögel?"
Von Andrea Wolf
Man spricht Hochdeutsch. Man will ja schließlich das Beste für sein Kind. Und das Beste ist, so scheint es besonders in Wien, natürlich das Hochdeutsche. Aber nicht nur das österreichische Hochdeutsch mit seinem "dialektalen Humus" bezüglich Aussprache und Wortschatz, wie es der Germanist Wolfgang Pollak nennt, sondern - zu diesem Ergebnis kommt man zumindest, wenn man sich auf Wiener Spielplätzen und in Kindergärten umhört - das bundesdeutsche, sprich norddeutsche Hochdeutsch.
Sprache, dieser Eindruck drängt sich geradezu auf, darf kein Erkennungszeichen sozialer Herkunft mehr sein und kann um so deutlicher eines werden. Die überkorrekt-künstliche Aussprache durch die überdeutliche Realisierung aller Buchstaben einerseits, und die teilweisen Schwierigkeiten bei der "Übersetzung" ins Hochdeutsche anderseits enthüllen die sozialen Wurzeln aber viel eher, als daß sie sie verbergen. Beim umgangssprachlichen "Gemma zu die Vögl" stellt sich die Fallfrage nicht.
Grammatikalische Nieten sind Teil der Umgangssprache, des Dialekts. Es ist aber, als bisse man auf eine Alufolie, wenn man hört: "Gehen wir zu die Vögel?" oder "Gehe mit die Schuhe da runter." Alles schon gehört. "Host da wehgetaun?" ist grammatikalisch sogar richtig. So hat man's gelernt, so sagt man's, ohne darüber nachzudenken.
Beim Nachdenken wird's bei vielen happig, und nicht selten verläßt dann ein "Hast Du dich wehgetan?" den Schön-Sprech-Mund.
Stimmung wird nicht nur im Erzählenden wieder-erzeugt, sondern auch im anderen erzeugt. Diese Stimmung hält man vor allem sich selbst, letztendlich aber auch dem Kind vor - gerade weil spontanes Erzählen in dem Deutsch, mit dem man - zumeist - nicht aufgewachsen ist, nur schwer möglich ist. In Wien ist es nicht nur verpönt, den (in fast ganz Österreich) geächteten Wiener Dialekt zu sprechen, sondern darüber hinaus wird auch jeder andere mit Kindern gesprochene Dialekt - zumindest in großen Teilen Wiens - mit Unverständnis bis Verwunderung quittiert. Nur wenn man sich als Besucher oder Besucherin dieser Stadt ausweist, kann man darauf hoffen, daß das eigene, nicht hochdeutsche Deutsch als charmant gefunden wird, nicht aber, wenn man Bewohnerin dieser Stadt ist. Vor allem beim Wiener Dialekt tauchen Mundl-Bilder auf. Aber wer will schon Mundl sein, auch wenn man's ist.
Diese Gleichsetzung des Wiener Dialektes mit einem bestimmten Verhalten und der Zugehörigkeit zur Unterschicht kann wohl im wesentlichen für diese Berührungsängste - zumindest in Wien selbst - verantwortlich gemacht werden. Und Elisabeth T. Spira liefert in ihren "Alltagsgeschichten" den scheinbar letztgültigen Beweis für die unauflösliche Verzahnung von Wiener Dialekt und Proletentum.
Wenn man schon selbst mit dem Dialekt aufwachsen hat müssen, dann sollen es wenigstens die eigenen Kinder besser haben. Also werden sie möglichst von diesem als primitiv, unschön und abstoßend empfundenen Dialekt ferngehalten. So kann es passieren, daß in den Bezirken innerhalb des Gürtels Mütter anfangen, bestimmte Spielplätze zu meiden, auf denen man noch ab und zu solche Kuriosa wie Kinder oder Jugendliche, die Wiener Dialekt sprechen, finden kann. (Vor allem sind es ja "ausländische" Jugendliche, die, um Zugehörigkeit zu demonstrieren, sich eines sehr breiten Wiener Dialektes bedienen.)
Vor nicht allzu langer Zeit wurde ich Zeugin eines Vorfalls, bei dem sich eine Mutter an ein Kind, das vorher ein deutlich hörbares "Arschloch" von sich gegeben hat, gewandt hat, um ihm zu verbieten, solche Wörter in Anwesenheit ihres eigenen Lieblings zu verwenden. Dieses fast paranoide Verhältnis vieler Eltern zu Schimpfwörtern möchte ich ebenfalls als Teilphänomen dieser Berührungsangst zum Dialekt, also zum unfeinen und möglicherweise aufstiegshemmenden Identitätsfaktor, werten. Man stammt vom Land, teilweise aus der tiefsten Provinz, man stimmt gegen den Beitritt zur Europäischen Union, um einem Verlust der (nicht näher bestimmten) österreichischen Identität entgegenzuwirken, kämpft prinzipiell für das föderalistische Prinzip, mitunter auch für einen Sprachföderalismus, aber: Mit den eigenen Kindern spricht man Hochdeutsch.
Wenn man sich doch für die Anwendung des eigenen, nicht hochdeutschen Deutsch gegenüber den eigenen Kindern entscheidet, steht nicht selten - vor allem bei der gebildeten Mittelschicht - eine genaue Abklärung der Vor- und Nachteile dieser Handlungsweise dahinter. So erzählte mir am Spielplatz eine akademisch gebildete Mutter, sie und ihr Mann haben sich bei Sprachwissenschaftern erkundigt, ob es für ihr Kind von Nachteil sei, wenn es im Kärntner Dialekt aufwachse. Erst nachdem ihr der Sprachwissenschafter diesbezügliche Bedenken genommen hatte - allerdings mit dem Zusatz, daß sie natürlich grammatikalisch korrekt sprechen müsse -, trauten sie sich, mit ihrem Kind kärntnerisch zu reden. Dort, wo es nicht einmal mehr einer Überlegung bedarf, ob mit den Kindern Hochdeutsch gesprochen werden soll oder nicht, geht man immer häufiger noch einen Schritt weiter: man redet mit Kindern in einer Fremdsprache, vorzugsweise in Englisch, auch wenn man es nicht wirklich beherrscht. Das eigene Kind soll es schließlich einmal besser haben als man selbst.
Als Zeichen dafür, daß man nichts, aber auch gar nichts mit der (Wiener) Dialekt sprechenden (Unterschichts-) Bevölkerung zu tun hat, schämen sich manche hier geborenen Wiener und Wienerinnen auch nicht, vor- und zuzugeben, daß sie diesen Dialekt gar nicht verstehen. Je nach Bildungsgrad und Intelligenz finden sie den Dialekt interessant bis abstoßend, aber immer schwingt Stolz in ihrer Stimme mit, wenn sie sich davon distanzieren können. Daß ich aber noch nie von jemandem gehört habe, er oder sie verstehe ein Kabarett nicht, das sich in Österreich, um die Wirkung der vorgeführten Nummern zu steigern, fast ausschließlich des Dialektes, auch des Wiener Dialektes bedient, liegt wohl daran, daß das Kabarett ja prinzipiell die anderen unter die Lupe nimmt.
Die Angst vor dem Dialekt ist groß. Die in Wien Geborenen wollen den Wiener Dialekt nicht sprechen, da er ausschließlich als negativer Soziolekt beurteilt wird; die außerhalb von Wien Geborenen wiederum wollen ihren Dialekt in Wien nicht sprechen, da sie dann nur allzuleicht als aus der Provinz stammend identifiziert werden können. Und das will man ja schließlich auch nicht. Also spricht man Hochdeutsch. Denn die sogenannte Hochsprache ist städtisch, gescheit und fein. Wenn man aber unbedingt und bewußt gescheit und fein sein will, bleibt das Gefühl oft auf der Strecke, geht Spontaneität, Wärme und Farbe der Sprache verloren. Muttersprache ist auch die Sprache des Gefühls. Wo sie verleugnet wird, geht zwangsläufig ein sehr wesentlicher Teil der Identität verloren. Für die meisten Österreicher und Österreicherinnen, die jetzt zur Elterngeneration gehören, die noch kleine Kinder haben, war das Hochdeutsche nicht die Primärsprache. Das dürfte sich für die nächste Generation ändern. Denn diese wächst, vor allem in städtischen Gebieten, bereits mit einem mehr oder weniger stark ausgeprägten Hochdeutsch österreichischer Färbung auf.
Schon ist das Spektrum der Ermahnungen um einen Punkt erweitert: Kinder in Wien werden öfter - und teilweise sogar von wildfremden Menschen - dazu ermahnt, doch schön, das heißt, hochdeutsch zu sprechen. Das fundamentalste "Brauchtum", die Sprache, wird einem alles beherrschenden Aufwärts- und Bildungsstreben geopfert, und das in allen Schichten. Der Bildungsexhibitionismus läßt grüßen.
Wo das "Schön-Sprechen" wichtiger wird als das Vermitteln von Inhalten und Gefühlen, wird zwangsläufig Distanz geschaffen; monotones, teilweise stakkatoartiges Sprechen ist oft die Folge. Ob grammatikalisch richtig oder falsch, nicht nur die Sprachmelodie, "eines", wie Wolfgang Pollak es nennt, "der intimsten Phänomene der Sprache, Resonanz im tiefsten und gleichsam wörtlichsten Sinne des Wortes", verändert sich, sondern auch bestimmte Wörter entschwinden aus dem alltäglichen Sprachgebrauch, weil sie nicht ins Hochdeutsche übertragbar sind oder, weil sie ganz einfach als zu unfein gelten: "schiach" wird zu "häßlich" oder "grausig", die Kinder sind nicht "grantig", sondern "schlecht gelaunt", man geht prinzipiell (und eigentlich aus unerfindlichen Gründen) nicht "heim", sondern ausschließlich "nach Hause, durch die Türe" und "um die Ecke" (als wäre "ums Eck" schon zu unfein); Metaphern werden vermieden, da sie teilweise nur im Dialekt ihre Wirkung entfalten können.
Oder stellen Sie sich einmal eine 1:1-Übersetzung folgender Metapher ins Hochdeutsche vor: "Der hot brennt wia a Lusta..."
Die Mannigfaltigkeit verschwindet, Gleichförmigkeit überall - nicht nur in der schriftlichen, sondern auch in der mündlichen Form. Hand in Hand mit der Verwendung der Hochsprache gegenüber Kindern geht das allseits beliebte "Weißt Du?" am Ende eines Satzes. Das Bemühen vieler Eltern, selbst in den absurdesten und komischsten Situationen nur verständnisvoll bis nachsichtig zu lächeln, erscheint nachgerade absurd. Wo manchmal schallendes Gelächter angebracht wäre, wird unermüdlich erklärt, korrigiert, belehrt, in einem schönen Deutsch und mit einem gnadenlosen abschließenden "weißt Du?!". Als hätte Lachen mit Kindern und teilweise auch über Kinder etwas Unzüchtiges.
Dialekt oder Hochsprache, das ist in Österreich für viele ein Thema. Der österreichische Schriftsteller Ernst Hinterberger hat einmal in einem Radiointerview gemeint, er weigere sich, Hochdeutsch zu sprechen, da er es nie gelernt habe und nicht klingen wolle wie ein Fußballer. Ein anderer österreichischer Schriftsteller, nämlich Norbert Gstrein, hat, ebenfalls in einem Radiointerview, sinngemäß gesagt, er spreche nur mehr Hochdeutsch, da sein Dialekt, der tirolerische Dialekt, zu arm an differenzierten Ausdrucksweisen sei.
Natürlich ist es nicht der Dialekt, der schuld ist an der Ausdrucksarmut. Eine Meinung übrigens, die Herr Gstrein mit vielen Menschen - vor allem aber den Sprachchamäleons - teilt. Die Kriegsgeneration hat sich für ihre Kinder materiell aufgeopfert, in der Hoffnung, ihnen ein besseres Leben zu garantieren. Die Auflehnung der Kinder gegen die Eltern setzte genau da an: man gibt und gab demonstrativ allen materiellen Werten eine Abfuhr. Die jetzige Elterngeneration versucht nicht, ihren Kindern - im Sinne einer Sprachbildung, der das Herz nicht verloren gegangen ist - einen möglichst großen passiven Wortschatz der deutschen Sprache beizubringen und die Aktivierung dieses Wortschatzes den anderen Sozialisierungsinstanzen zu überlassen, sondern sie opfert lieber gleich einen Teil ihrer Lebensgeschichte: ihren Dialekt.
Was, wenn die Kinder dann erst recht "schiach", nämlich Dialekt oder Umgangssprache, sprechen werden, als Zeichen des Protests gegen die Werte, für die ihre Eltern stehen? Denn wenn es ums Rebellieren gegen Eltern geht, sind Kinder sehr feinfühlig und wissen sehr genau, wo und wie sie ihre Eltern am ehesten treffen können. Wenn man den Aussagen mancher Wiener Lehrer und Lehrerinnen glauben darf, dann ist jetzt schon bei den über Zehnjährigen eine übertrieben große Lust am Gebrauch von mitunter recht deftigen Schimpfwörtern festzustellen. Vielleicht sind das nur die Vorboten eines Protests gegen die künstliche Sprechweise der Eltern?
Aber noch bleibt die Hoffnung, daß nur in Hör- und Sichtweite von anderen so schön gesprochen, so milde geschimpft, so ewig verständnisvoll gelächelt, so herzlos gefreut und so immerzu belehrt wird. Vielleicht wird die eigene Wohnung doch noch als das genützt, was sie sein sollte: ein Hort der Entspannung, in dem auch der Dialekt oder die Umgangssprache Platz haben, ohne daß gleich die Angst auftaucht, das Kind werde deshalb in der Schule versagen.
Dienstag, 19. Mai 1998 16:43:00
Update: Dienstag, 01. März 2005 16:57:00