Louis Feuillade - das Genie des frühen Kolportagefilms
Ein liebenswerter Unterhalter
Von Robert Schediwy
Wer als interessierter Laie an Stummfilm denkt, assoziiert vor allem die großen Stars und kaum die - nicht schauspielernden- Regisseure: Man erinnert sich an Namen wie Charlie Chaplin, Buster Keaton, Harold Lloyd, die Keyston Cops - vielleicht auch an den eleganten französischen Komödianten Max Linder.
Es gibt allerdings viel an frühem Kinomaterial, das nicht mit der Magie oder der "vis comica" einzelner Schauspieler verknüpft ist, und das dennoch unglaublich interessant ist.
Louis Feuillade (1873 bis 1925), der etwa 20 Jahre für die Firma Gaumont als Regisseur tätig war, hat zwar etliche in ihrer Zeit beliebte Schauspieler "gemacht": die Kinderstars "Bébé", "Bout de Zan" und "Bouboule", den Komiker René Levesque und andere. Sie sind aber heute im großen und ganzen vergessen.
Dafür hat der von den Propagatoren des "Kunstfilms" der zwanziger Jahre viel gescholtene Kommerzregisseur Louis Feuillade in den letzten Jahren immer mehr an Interesse gewonnen. Dem Meister der in abenteuerlichem Tempo heruntergedrehten Kolportageserien wie "Fantomas", "Les Vampires" oder "Barrabas" wurde im vergangenen Herbst ein Schwerpunkt beim renommierten Stummfilmfestival von Pordenone-Sacile eingeräumt. Die Firma Gaumont konnte zudem von ihrer restaurierten Videoversion von "Fantomas" aus 1913 bereits 5.000 Stück am französischen Markt absetzen und plant als nächstes eine ähnliche Edition der "Vampire". Stummfilm ist, als Nischenprodukt für Cineasten, also durchaus auch kommerziell verwertbar.
Wer war Louis Feuillade? Er wurde in Lunel, einer kleinen Stadt in Südfrankreich geboren und kam 1898 in der Hoffnung auf literarischen Ruhm nach Paris. Die Realität hieß aber zunächst: die Hungerleiderexistenz eines erfolglosen Journalisten. Ende 1905 gelang es Feuillade allerdings, Drehbücher an die aufstrebende Filmfirma Léon Gaumonts zu verkaufen, und 1907 wurde er künstlerischer Direktor von Gaumont, eine Position, die er bis zu seinem Tod innehatte. Feuillade forderte 1910, im Prospekt seiner Serie "Le film esthetique" die Anerkennung des Film als "eigene und totale Kunst" - aber er verstand es vor allem, ein breites Publikum zu fesseln. Seine Filmfolgen mit den Kinderkomödianten "Bébé" (1910) und "Bout de Zan" (1912) machten Furore, "Fantomas" und "Les Vampires" wurden zu Kultserien - letztere vor allem wegen der Schauspielerin "Musidora" (Jeanne Roques) im eng anliegenden schwarzen Trikot, die die erotischen Fantasien der Halbwüchsigen von 1915 anregte.
Was ist nun das Eigentümliche, das Feuillades Werk auszeichnet? Wir sind es gewohnt, vielleicht in Erinnerung an manche Groteskkomiker und an die expressionistisch beeinflussten "hochkulturellen" Filme der zwanziger Jahre, den Stummfilm als "Reich der Übertreibung", der allzu "sprechenden" Gestik und Mimik zu sehen. Louis Feuillade ist aber gerade ein früher Verfechter möglichst "natürlichen" Agierens - was er insbesondere im Umgang mit seinen Kinderstars unter Beweis stellte. Komik und Dramatik entsteht hier aus der Situation, ohne dass die Schauspieler extrem "aufzudrehen" haben.
Die Situationen bei Feuillade haben es freilich "in sich". Ein paar Beispiele: da verdreht eine ausnehmend hübsche junge Dame den Männern im Spazierengehen im wörtlichsten Sinn den Kopf,("Une dame vraiment bien" 1908), so dass allerhand komische Katastrophen entstehen, wie sie heute noch ein "Mr. Bean" zu inszenieren pflegt. Ein Streit zwischen geschiedenen Eheleuten um das Sorgerecht fürs Kind wird zugunsten der Wiedervereinigung der Familie entschieden, da Tochter und Mutter auf Knien den Vater um Versöhnung bitten, als dieser mit 2 Detektiven sein "geraubtes" Kind von der Mutter holen will ("La Possession de l'Enfant" 1909). Grelle Effekte und große Gefühle waren also nicht gerade das, was Louis Feuillade sorgsam vermied. Freilich rühmten ihm seine Bewunderer stets nach, dass er auch noch die unwahrscheinlichsten Situationen psychologisch nachvollziehbar zu machen verstand.
Spektakuläre Dekors
1909 wandten sich Feuillade und sein Boss Léon Gaumont dem "ästhetischen Film" mit spektakulären Dekors und Motiven zu (wohl auch aus Gründen der internationalen Verkaufbarkeit des Produkts - der französische Film stand damals ja noch im Kampf mit Hollywood um die Welthegemonie, und da konnte allzu viel Lokalkolorit schaden). Der "Sohn Locustas" ist so ein Ausstattungsfilm: da bestellt sich Kaiser Nero bei der Giftmischerin Locusta einen schnell wirkenden "Giftwein" für seinen gehassten Rivalen Britannicus. Aber durch einen Zufall gerät der Sohn Locustas, ein fröhlicher Zecher, an die für Britannicus reservierte Amphore Wein: Er stirbt in den Armen der Mutter und Nero entfernt sich mit fettem Lachen ("Le Fils de Locuste" 1911, koloriert).
Die Gruppe der Filme "So ist das Leben" ("La vie telle qu'elle est" ab März 1911) scheint wieder aus den vergleichsweise hohen Kostüm- und Dekorkosten des "ästhetischen Films" zu erwachsen: Feuillade macht aus der Not eine Tugend und proklamiert Lebensnähe, reale Schauplätze etc. Da geht es dann etwa (wie in "Le Trust" aus 1911) um eine Erfindung synthetischen Kautschuks, die der Boss eines Gummikartells einem selbständigen kleineren Industriellen bzw. dessen Ingenieur abluchsen will. Reales Büroleben der Jahrhundertwende wird hier mit Kolportagehandlung (Entführung, Verhör vor einer maskierten Gaunerjury) verknüpft.
In dieser Richtung sollten Feuillades größte Triumphe liegen. Fantomas, der "Überverbrecher", der eine ganze Stadt in Atem hält, der sich perfekt verkleidet, auftaucht und verschwindet, wie es ihm beliebt, begeisterte 1913-14 nicht nur das breite französische Publikum, sondern auch junge Intellektuelle wie Blaise Cendrars, Jean Cocteau und Guilleaume Apollinaire.
Im Krieg (1915-16) war es die Serie über die Verbrecherorganisation "die Vampire", die die Massen faszinierte. Dabei entsprach das Tempo und die Rücksichtslosigkeit, mit der Feuillade drehte, durchaus den Gepflogenheiten der klassischen Populärkultur, von der Theaterschmiere zur heutigen Soap Opera. Man wollte gerade bei den "Vampiren" einer Konkurrenzserie der rivalisierenden Firma Pathé (bzw ihrer amerikanischen Tochterfirma), den "Mystères de New York" zuvorkommen, und stellte die Werbung stark auf die (im Film selbst gar nicht so prominent auftretende) "Musidora" im schwarzen Einbrechertrikot ab - offenbar als bewusstes Gegenbild zur "guten" Pearl White der Pathéserie.
Ein Hauptproblem war allerdings für den (wegen einer Herzattacke als Offizier dienstfrei gestellten) Feuillade die beschränkte zeitliche Verfügbarkeit seiner vom Militär oft nur kurzzeitig freigestellten Schauspieler. Aber er wusste sich zu helfen. Da wurde eben rasch ein "Obervampir" durch einen anderen ersetzt - und als auch dieser wieder zum Militär musste, wurde er im Film auf die Guillotine geschickt, und hohnlachend erschien ein Dritter "Satanas", der sich als der wahre Bandenchef deklarierte, der bisher im verborgenen geblieben war (Musidora, die natürlich nicht eingezogen wurde, blieb als "Wanderpokal" und Geliebte der diversen bösen Obermachos der Serie ein verbindendes Element wie ihr Gegenspieler, ein eifrig recherchierender Journalist und sein komischer Helfer.)
Die unwahrscheinlichen Intrigen und Verwicklungen der Vampirserie entspannten das vom Krieg bedrückte Massenpublikum, zugleich aber gab es doch auch Ansätze dazu, die furchtbare Realität ansatzweise mitzuverarbeiten. So betäubt "Satanas" in einer Folge der Serie eine feine Abendgesellschaft zu Beraubungszwecken mit Giftgas - und er verfügt sogar über einen privaten kleinen Granatwerfer, mit dem er unliebsame Lokale oder Schiffe zu zerstören vermag.
Seine letzte große Kriminalserie drehte Louis Feuillades nach dem Krieg: "Barrabas" (12-teilig) aus 1920 steckte voller technischer Symbole der Moderne, aber auch voll 20er-Jahre-Verruchtheit (es gab darin etwa Tango-tanzende Lesben und kokainschnupfende Gäste eines Nobelhotels). Die Serie machte den Schauspieler Gaston Michel kurzfristig zum Star - und bewirkte dadurch indirekt seinen Tod (er wurde nämlich im kalt-regnerischen Lissabon von einer begeisterten Menge durch die Straßen getragen und starb wenige Tage später an einer Lungenentzündung).
Kinder als Darsteller
Die vielleicht sympathischste Seite des Filmschaffens von Louis Feuillade aber waren seine Filme mit Kindern. Offensichtlich hatte er zu Kindern einen "guten Draht" und verstand es auch, ihre natürliche Komik zu nützen. "Wenn Sie wollen, dass sich ein Film gut verkauft, nehmen Sie ein Kind unter die Schauspieler auf", sagte er einmal zu seinen Mitarbeitern.
"Bout de Zan", der stets zu Streichen aufgelegte Gassenbub stiehlt einmal in der verrufenen Gegend des Pariser Festungsgürtels einen kleinen Elefanten eines Wanderzirkus - ein andermal erschreckt er eine ihm übel gesonnene Hausmeisterin mit einem telefonischen Eifersuchts- und Morddrama, das sich als bloße Theaterprobe herausstellt. Und nach dem Krieg (in "Le Garcon de Paris", 1923) taucht der inzwischen 15-jährige René Poyen (ehemals "Bout de Zan") in einem klassenversöhnenden Rührfilm auf, in dem er als fischender Lehrbub die kleine Cousine jenes Generalssohns vor dem Ertrinken rettet, der seine Schwester, die kreuzbrave Heimstenotypistin verführt hat.
Das gerettete kleine Mädchen, "Bouboule" war der letzte von Feuillades kleinen Stars - ein Kind von wirklich herzerfrischender Anmut und Natürlichkeit. Nach einigen Filmen entschied sie sich allerdings , die Schule interessanter zu finden als die Schauspielerei und Louis Feuillade, der seine Schauspieler stets optimal zu motivieren verstand, weilte auch nicht mehr unter den Lebenden, um Bouboule umzustimmen.
Louis Feuillade, der sich ein Leben lang gutmütig der Diktatur des notorisch geizigen und autoritären Léon Gaumont gebeugt hatte, wurde von den Surrealisten wegen der unprätentiösen Natürlichkeit seiner Schauspielerführung geliebt, von Henri Langlois in seiner Cinematheque francaise (ab 1936) gesammelt und von Leuten wie Truffaut, Godard oder Bunuel hoch geschätzt.
Francois Truffaut, dessen sehr menschlicher und kinderfreundlicher Humor Feuillade vielleicht besonders nahe steht, hat Feuillades Platz in der Geschichte des Kinos mit jenem von Alexandre Dumas in der Literatur verglichen.
Heute wird speziell Musidora, die Darstellerin der "Irma Vep" (ein Anagramm für Vampire) auch feministisch wiederentdeckt. Die interessante, auch als Schriftstellerin und Regisseurin hervorgetretene Schauspielerin wurde zum Sexidol der "Vampires", obwohl ihre Auftritte im halb transparenten schwarzen Cat Suit der Hoteldiebin eigentlich eher kurz waren (aber oft werden ja gerade solche eher kurzen Filmpassagen zum Mythos, wie man etwa am Auftritt Marilyn Monroes über dem Warmluft speienden U-Bahn-Gitter belegen kann).
Man sollte übrigens Louis Feuillade nicht allzu sehr hochstilisieren. Wahrscheinlich war er doch vor allem ein liebenswerter, illusionsloser und unprätentiöser Massenunterhalter zu einem Zeitpunkt, als die französische Filmindustrie den Kampf gegen das bereits übermächtige Hollywood noch nicht ganz verloren hatte. Auf die Schelte von hochgeistigen Intellektuellen wie Louis Delluc und André Antoine antwortete Feuillade Anfang der 20er Jahre, er scheue sich nicht, für seine populären Kolportageserien sentimentale Szenen einzubauen:
"Sie rümpfen die Nase über Métro-Angestellte, die ihre Schundromane verschlingen, während sie Fahrkarten entwerten. Ich erinnere mich, dass diese Leute unser erstes Publikum waren, auf Jahrmarktständen, wo zwischen den Ringern und der Tierschau schlechte 5-Minuten-Komödien auf einer improvisierten Leinwand gezeigt wurden. Diese Zuschauer, unsere ,ersten Getreuen', erlebten die Geburt des Kinos. Ihre Bedürfnisse sind einfach, aber stark. Sie wollen lachen und weinen. Sie wollen um alles in der Welt Geschichten. Wir haben dieses Publikum zu befriedigen. Wir haben seine Gefühlswelt zu respektieren und den Weg zu ihr zu finden." (Zitiert nach: Le Giornate del Cinema Muto, Katalog S 33f.)
Über Louis Feuillade ist anlässlich der Stummfilmschau von Pordenone ein Sonderheft der französischen Filmzeitschrift "1895" erschienen.
Die große Biografie von Francis Lacassin "Maitre des Vampires et des Lions - Louis Feuillade", Paris 1995, erscheint voraussichtlich im März 2001 in erweiterter Neuauflage.
Freitag, 19. Jänner 2001 00:00:00
Update: Dienstag, 01. März 2005 15:02:00