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Artikel aus dem EXTRA LexikonPrint this

Ein Gang durch das Labyrinth von Roms Katakomben

Heilige Unterwelten

Von Walter M. Weiss

An einem heißen Sommertag und am besten zu Mittag muss man hinabsteigen zu den Wurzeln der Ewigen Stadt! Dann verstärkt der Kontrast zwischen der gleißend hellen Hitze oben und der düsteren Kühle unter Tag noch den grandiosen Eindruck, den dieses Weltwunder hinterlässt. Man stelle sich vor: ein Wegenetz mit einer Länge von 875 Kilometern, vor fast 2.000 Jahren mit einfachen Werkzeugen in den vulkanischen Tuffstein gegraben! Dazu hunderte senkrechte Luftschächte und abermillionen von Nischengräbern, zum Teil wunderhübsch bemalt oder mit Marmor ausgelegt! Es mag viele unterirdische Totenstädte geben auf dieser Welt. Aber so gewaltig und geschichtsträchtig wie die Katakomben von Rom sind mit Sicherheit keine.

Viele Geschichten, falsche und wahre, ranken sich um dieses mythenumsponnene Labyrinth. Hartnäckig wird zum Beispiel bis zum heutigen Tag selbst in seriösen Büchern gerne kolportiert, die Katakomben hätten den verfolgten Christen von Anfang an als geheime Andachts- und Zufluchtsstätten gedient - eine These, die von Historikern längst widerlegt wurde.

In Wahrheit hat nämlich bereits die älteste bekannte Gesetzessammlung, das berühmte Zwölftafelgesetz aus dem vierten vorchristlichen Jahrhundert, den Römern untersagt, "den toten Menschen in der Stadt einzuäschern und zu begraben". Dementsprechend haben sie die Grabstätten extra muros, jenseits der Stadtmauern, entlang der Konsularstraßen angelegt.

Bereits unter Kaiser Trajan, um 100 n. Chr., ist die Bevölkerung allerdings so angewachsen (die Annalen sprechen von bis zu zwei Millionen), dass die bisherigen Friedhöfe aus allen Nähten platzten. Zumal die meisten Zuwanderer Juden und Christen aus dem Osten waren, die im Gegensatz zu den Heiden an eine Auferstehung glaubten, und deshalb weder bereit waren ihre Leichname zu verbrennen und in raumsparenden Urnen zu bestatten, noch ihre Gräber aufzulösen. Verschärft wurde die Platznot zusätzlich durch die neue Mode der reichen Römer, sich im Gebiet der Nekropolen Landgüter und Villen anzulegen. Die Folge war eine Explosion der Bodenpreise, die logische Konsequenz: die Ausbreitung in die Tiefe.

Den Anfang machten einzelne wohlhabende Familien, indem sie für ihre Verwandten unterirdische Grüfte schufen und nebenbei auch gleich den Platz für die Gräber der Märtyrer stifteten. Ihre enorme Ausdehnung erhielten die Katakomben aber erst im 4. und 5. Jahrhundert. Denn nachdem Kaiser Konstantin durch das Toleranzedikt von Mailand das Christentum quasi zur Staatsreligion erklärt hatte, war es zu einer Welle von Übertritten gekommen. Und die Angehörigen des neuen Glaubens wünschten nichts sehnlicher, als so nahe wie möglich an den Gebeinen ihrer Heiligen bestattet zu sein, um im Jenseits in die Gunst ihrer Fürsprachen zu kommen.

Relativ rasch gingen die privaten Friedhöfe in das Eigentum der nun offiziellen Kirche über. Die Märtyrergräber wurden zu Wallfahrtstätten, die Pilger aus ganz Europa anlockten. Im 9. Jahrhundert jedoch - unterirdische Bestattungen fanden schon längst keine mehr statt - verloren die Katakomben mit einemmal ihre Bedeutung. Die Reliquien wurden auf Geheiß der Päpste in die Kirchen der Stadt überführt (und zum Teil mit horrenden Profiten verschachert). Ihre bisherigen Ruhestätten verfielen und gerieten in Vergessenheit.

Erst um 1600 stieß ein gewisser Antonio Bosio auf einige der verschütteten und von Gestrüpp überwucherten Eingänge. Er rüstete sich mit Seilen, Lebensmitteln und Gewehren aus, und verbrachte den Rest seines Lebens mit der Erforschung der finsteren Totenstädte. Und zwar, wie er in seinem Tagebuch gestand, in der ständigen Angst sich zu verirren und "die heiligen Orte mit seinem 'unwürdigen' Leichnam zu verunreinigen".

Streng wissenschaftlich untersucht wurden die Entdeckungen Bosios freilich erst seit Mitte des vorigen Jahrhunderts. Erst damals fanden Archäologen etwa heraus, dass die Verstorbenen nicht in Särgen, sondern bloß in Leinentücher gewickelt und mit Kalk bestreut in ihren Felsnischen bestattet wurden. Und dass die Ton- oder Marmortafeln, mit denen man diese Nischen verschloss, einen offiziellen Stempel der Steuerbehörde trugen, der Staat also von der Existenz der Katakomben gewusst haben muss.

Heute sind über 150 Kilometer der Irrgänge im Detail erforscht, und rund eine Million Gräber freigelegt. Für Besucher zugänglich sind von den insgesamt 80 Katakomben allerdings nur ganze sieben. Die bekannteste und zugleich älteste christliche Anlage ist die Katakombe des heiligen Kalixtus (San Callisto). Ihr Eingang liegt im Südwesten der Stadt, in unmittelbarer Nähe der kopfsteingepflasterten Via Appia Antica. Sie ist über zehn Kilometer lang und fünf Geschosse tief. In ihrem komplizierten Netz von Gängen findet man noch viele unversehrte Zeugnisse aus der Entstehungszeit - die eingeritzten oder aufgemalten Symbole der frühen Christen etwa wie Anker, Tauben, Fische und Christus-Monogramme, die Öllämpchen aus Ton, die den Totengräbern und Trauergemeinden den Weg wiesen, und einige wenige jener Verschlusstafeln aus Marmor, die zum größten Teil von Plünderern gestohlen wurden, und zum kleineren heute im Museo Pio Cristiano im Vatikan zu bewundern sind.

Ausgezeichnet kann man auch noch die verschiedenen Formen der Gräber erkennen: die Loculi - jene meist namenlosen rechteckigen Hohlräume, die zu Hunderttausenden endlose senkrechte Reihen bilden; die vornehmeren Arkosolien - Nischengräber mit geschlossenen Särgen; und die Cubiculen - regelrechte Kammern mit mehreren Gräbern. Die Kunstführer vermerken als Höhepunkte des Rundgangs die "Papstkrypta", in der neun Stellvertreter Christi aus dem Dritten Jahrhundert bestattet sind, die "Krypta der Hl. Cäcilia" mit ihrer schönen frühbarocken Marmorstatue von Carlo Maderno, und die sogenannten "Cubiculen der Sakramente", die mit entzückenden Malereien aus der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts dekoriert sind.

Von der Kallixtus-Katakombe führt ein ebenso kurzer wie netter Spaziergang zur Grabanlage des heiligen Sebastian. Ihren Besuch sollte man aus mehreren Gründen nicht versäumen: Zum einen, weil es zu den markanten Erinnerungen an eine Rom-Reise gehört, in jenem kleinen Tal herumgewandert zu sein, das die Menschen der Antike ad catacumbas tauften und somit zum Namenspatron sämtlicher Katakomben dieser Welt machten.

Zum anderen, weil sich hier die Memoria Apostolorum befindet, eine mit hunderten frühchristlichen Graffiti übersäte Gedenkstätte für die Apostel Petrus und Paulus, deren Überreste zwischenzeitlich an eben dieser Stelle aufbewahrt worden sein sollen. Außerdem erinnert gleich beim Entree eine Bernini-Büste daran, dass der später heiliggesprochene Soldat Sebastian, der sein Martyrium unter dem Pfeileregen der diokletianischen Häscher erlitt, hier seine letzte Ruhe fand. Und zum Drüberstreuen stehen nahe dem Ausgang noch drei eindrucksvolle heidnische, aus Ziegeln gemauerte Mausoleen und eine Loggia, in der seinerzeit Totenbankette abgehalten wurden.

Ganz in der Nähe, in der Via delle Sette Chiese, lässt sich die Katakombe der Flavia Domitilla, einer Nichte des Kaisers Domitian, erkunden. Sie ist die Weitläufigste von allen und verfügt über hübsche, beinah rokokohaft anmutende Grabmalereien und eine stattliche, 1.500 Jahre alte Basilika. Am anderen Ende der Stadt, im Norden, harrt die Priscilla-Katakombe eines Besuchs. Sie hat eine kunstgeschichtliche Sensation zu bieten - nämlich das älteste Marienbildnis der Welt. Und nicht vergessen darf man schließlich auch die vatikanische Nekropole unter dem Petersdom. Immerhin machte die Basilika des Konstantin, deren Mauerreste man dort noch erkennen kann, dieses ehemals periphere Stadtviertel zum Nabel der christlichen Welt. Und einige der Ziegel, die heute noch dort herumliegen, haben vielleicht gar einst das nackte Erdgrab des Apostel Petrus notdürftig bedeckt, der an dieser Stelle um das Jahr 65 hingerichtet worden sein soll.

Die schönsten Katakomben

KATAKOMBE DES HL. KALIXTUS: Via Appia Antica, 110; Tel.: 513 67 25.

DOMITILLA-KATAKOMBE: Via delle Sette Chiese, 283; Tel.: 51 10 342.

PRISCILLA-KATAKOMBE: Via Salaria Nuova, 430; Tel.: 83 84 08..

KATAKOMBE DES HL. SEBASTIANUS: Via Appia Antica, 136; Tel.: 78 87 035.

VATIKAN-NEKROPOLE und PETRUSGRAB: Petersdom/ Città del Vaticano; Tel.: 698 53 18.

Freitag, 09. November 2001 00:00:00
Update: Dienstag, 01. März 2005 14:57:00

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