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Artikel aus dem EXTRA LexikonPrint this

Bei den Alkoholschmugglern in den Bergen zwischen Irak und Iran

"Mercedes" voll Whisky

„König der Schmuggler“: Manur Kanadie organisiert die Touren.

„König der Schmuggler“: Manur Kanadie organisiert die Touren.

Hoch oben, in den irakischen Bergen, verpacken die kurdischen Schmuggler die Kisten mit dem alkoholischem Inhalt in Kunststoffsäcke.

Hoch oben, in den irakischen Bergen, verpacken die kurdischen Schmuggler die Kisten mit dem alkoholischem Inhalt in Kunststoffsäcke.

Von Erwin Decker (Text und Fotos)

Die Abendsonne beleuchtet den verschneiten Gipfel des Berges mit dunkelrotem Licht. In der Senke unterhalb des Gipfels, an der Westseite, auf 2148 Meter Höhe, ist es schon dunkel. Auf der von den letzten Strahlen der Abendsonne beleuchteten Seite des Berges liegt der Irak, auf der anderen Seite, wo es schon finster ist, der Iran. In der Senke unterhalb des Gipfels sind 28 Maultiere angebunden – und genauso viele Männer stehen um sie herum. Kartons werden in Plastiksäcke genäht, die Lastsättel der Maultiere überprüft. Ein Pickup wird entladen. Kaum einer der Männer redet. Es ist inzwischen dunkel geworden und die Temperatur fällt auf minus fünfzehn Grad. Es ist eine gut organisierte Gruppe von Männern, die Alkohol in den Iran schmuggeln. Nacht für Nacht bringen sie Whisky, Bier und Sekt auf gefährlichen Wegen durch die Berge, über die Grenze. Der Besitz, der Handel und vor allem der Konsum von Alkohohl sind in dem Mullah-Staat streng verboten und werden hart bestraft. Aber offensichtlich wollen immer mehr Iraner trotz Verbot ein Glas Bier oder Whisky genießen.

Die Maultiere haben einen Futtersack umgebunden, damit sie sich vor der langen und beschwerlichen Reise stärken können. Die Männer sind Kurden von beiden Seiten der Grenze. Sie kennen die Berge wie sonst niemand. Zu Zeiten von Saddam Hussein führten sie dort einen erbitterten Krieg, seitdem schmuggeln sie Alkohohl. Nur wenige der Schmuggler trinken selbst Bier. Mit Allrad angetriebenen Pickups werden die Dosen und Flaschen auf schmalen und verschneiten Pisten so weit wie möglich den Berg hinaufgeschafft und dann auf die Maultiere geladen. Die Wege hat Saddam Hussein während des Krieges gegen den Iran anlegen lassen. Das gesamte Gelände rechts und links ist vermint. Niemand wohnt hier, in der Todeszone zwanzig Kilometer vor der Grenze.

75 Kilo pro Maultier

Mansur Kanadie ist der Chef der Schmuggler. Er hat sich am Umschlagplatz auf der irakischen Seite eine Schützhütte gebaut, von der aus er den Schmuggel organisiert. Per Satellitentelefon steht er mit seinen Abnehmern im Iran in Verbindung. Alles ist gut organisiert. Die Männer packen ihre Maultiere in der beginnenden Dunkelheit. Die Tragelast eines Tieres beträgt 75 Kilogramm. Das sind fünf Kartons mit je 24 Dosen Bier. Es ginge mehr auf den Sattel, aber der Weg erfordert sehr viel Kraft von den Mulis. Kanadie will kein zusätzliches Risiko eingehen, denn wenn es unterwegs Probleme gibt und die Männer mit den Tieren fliehen müssen, ist eine zu schwere Ladung hinderlich; Bier und Schnaps gehen dann meist verloren. Die Bier-Kartons sind zusätzlich noch einmal in Kunststoffsäcke eingenäht, zum Schutz vor Schnee und Regen oder wenn das Maultier stürzen sollte. Mansur Kanadie nennt sein Maultier voller Stolz "Mercedes" . Es kann 200 Kilogramm tragen und ist sehr trittsicher in den Bergen unterwegs. "Ich lade nur Whisky auf meinen ‚Mercedes‘, es ist die teuerste Fracht, aber der Verdienst ist am höchsten." Er kauft die Flasche im Irak für 35 Dollar und verkauft sie im Iran für 100. Auf dem Schwarzmarkt in Teheran wird sie für 300 gehandelt.

Die Verdienstspanne ist hoch. Aber auch das Risiko. Die iranischen Grenztruppen machen Jagd auf die Alkoholschmuggler. Wenn sie nachts die beladenen Maultiere sehen, wird ohne Vorwarnung sofort geschossen. Jeder der Männer ist bewaffnet. "Wenn wir angegriffen werden, schießen wir zurück. Wir wissen, was uns blüht, wenn wir gefangen genommen werden: lebenslang ins Gefängnis oder die Todesstrafe. Lieber im Kampf sterben, als der iranischen Religionspolizei in die Hände fallen! Nicht selten verliere ich die gesamte Fracht und die Tiere. Jeder meiner Männer kennt das Risiko. Dafür verdienen sie gut bei mir" , sagt Mansur Kanadie.

Im vergangenen Jahr starben über 500 Alkoholschmuggler an der iranischen Grenze. Einige sind abgestürzt oder traten auf eine Mine. Die meisten kamen jedoch bei den Gefechten mit den iranischen Alkoholjägern um. Jeden Tag wird eine andere Route gewählt, damit die Iraner ihnen nicht auflauern können. Manchmal dauert die Tour nur einen Tag, manchmal sind die Schmuggler auch sieben Tage unterwegs.

Am Verladeplatz am Berg Kabo ist es inzwischen stockdunkel geworden; es sind nur noch die Lichtkegel einiger Taschenlampen zu sehen. Während Mansur Kanadie die Ladungen jedes einzelnen Tieres überprüft, stehen einige Männer um ein kleines Feuer aus brennenden Kartons herum. Es wird für die nächsten drei Tage das letzte Mal sein, dass sie sich wärmen können. In der Nacht werden sie marschieren und tagsüber müssen sie sich in den Schneehängen verstecken. "Die größte Nachfrage meiner iranischen Geschäftspartner besteht im Moment nach ‚ladies dream drinks‘. So nennen sie im Iran Sekt, der ausschließlich von Frauen getrunken wird. Auf dem Schwarzmarkt in Teheran kostet eine Flasche des Damengetränks 450 Dollar. Ich bekomme auf der anderen Seite 250 Dollar dafür. Im Irak kostet er mich 40" , sagt Kanadie. Er erzählt freimütig, dass er eine Frau mit zwei Kindern im Iran hat – und eine mit drei Kindern in einem kurdischen Dorf im Irak. Er kümmert sich um beide Frauen und wohnt jeweils dort, wohin die Schmuggeltour ihn gerade führt. Obwohl er im Iran in Abwesenheit zum Tod verurteilt worden ist, hält ihn das nicht von weiteren Touren ab. Sein Körper ist gezeichnet von einigen Schussverletzungen als Folge von Gefechten an der Grenze. Sie nennen ihn den "König der Schmuggler". Die Bezeichnung trägt er mit Stolz.

Das Thermometer ist inzwischen auf minus zwanzig Grad gefallen und der Wind hat auf Sturmstärke zugelegt. Die Männer ziehen die Kapuzen über ihre Köpfe und Handschuhe an. Die erste Gruppe von zehn Maultieren macht sich mit ihren bewaffneten Führern auf den Weg über den Kabo. "Heute haben wir gute Chancen, dass wir keinen Kontakt mit den iranischen Soldaten haben. Bei so kaltem Wetter und dem Sturm bleiben sie lieber in ihren Quartieren und trinken Tee. Zumindest bisher war es immer so" , sagt Mansur Kanadie voller Optimismus.

Einige der iranischen Posten bekommen von ihm regelmäßig Bier und Whisky, damit sie ein Auge zudrücken. Verlassen kann er sich darauf jedoch nicht, denn wenn neue Soldaten oder Vorgesetzte kommen, nützt die Bestechung nichts. Mansur Kanadie verlässt den Verladeplatz als Letzter. Der iranische Geschäftspartner erfährt erst kurz vor dem Ziel, wo er die Ware abholen kann. "Ich traue ihm, aber ich befürchte, dass er, falls er auffliegt, unter der Folter alles erzählt."

Edelwhisky für Mullahs

Die Bezahlung der Alkohollieferung erfolgt über iranische Geschäftsleute im irakischen Sulemaniya. "Die Bezahlung läuft immer unproblematisch ab. Die Iraner sind mehr als dankbar, dass wir ihnen den Alkohol liefern. Die Nachfrage steigt von Monat zu Monat" , erzählt der Schmugglerkönig. Immer wieder werden auch einige Flaschen teuren Edelwhiskys bestellt. Er soll angeblich für Mullahs in Teheran sein. Mansur Kanadie geht auf einen kaum zu erkennenden Trampelpfad bis zum höchsten Pass des Kabo-Berges. Die Leine aus Nylon ist lang, aber er hält sie kurz. Nur im Falle eines Sturzes oder Abrutschen des Tieres wird nachgelassen, um zu retten, was noch möglich ist. Sein "Mercedes" hat 2000 Dollar gekostet. Das ist weit und breit die höchste Summe, die je für ein Maultier bezahlt wurde. "Wenn drei Transporte gut gehen, ist das Geld wieder herinnen. Das Tier ist mein ganzer Stolz. Ich brauche keinen echten Mercedes für meine Arbeit, den kaufe ich mir vielleicht, wenn ich einmal mit dem Schmuggel in den Bergen aufhöre" , sagt der Besitzer des wertvollen Tragtiers.

In rund einem Kilometer Entfernung sieht man seine Männer mit ihren Lasttieren silhouettenhaft über einen Bergkamm ziehen. Der Weg bis zu den durstigen Kehlen in Teheran ist noch weit und riskant.

Erwin Decker , geb. 1956, berichtet als freier Journalist aus dem Irak.

Printausgabe vom Samstag, 15. April 2006
Update: Freitag, 14. April 2006 17:18:00

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