Drei Neuerscheinungen zur Biographie von James Joyce
"Ulysses" in Feldkirch
Von Andreas Weigel
James Joyce, the complete Recordings - Marc Dachys trotz einiger Mängel empfehlenswerte Edition vereint auf einer Audio-CD die zwei verbliebenen Tondokumente von James Joyce: Seine 1924 in Paris aufgenommene, stark rauschende Lesung der Moses-in-Ägypten-Episode aus dem "Äolus-Kapitel" des "Ulysses" und die 1929 in Cambridge aufgenommene, nahezu völlig rauschfreie Lesung von "Anna Livia Plurabelle" (ALP) aus "Finnegans Wake". Die beiden legendären Aufnahmen dauern knapp 13 Minuten (Äolus-Episode: 4'12", ALP: 8'32") und bilden das akustische Vermächtnis von Joyce.
Leider bietet das 116 Seiten starke, englischsprachige Booklet keine Information über die Entstehungsgeschichte der beiden Aufnahmen. Dabei hat die "Ulysses"-Verlegerin Sylvia Beach, die Joyces Stimme für die Nachwelt aufbewahrt hat, in ihrer Autobiographie "Shakespeare and Company. Ein Buchladen in Paris" festgehalten, mit welchen Schwierigkeiten diese "Zwei Schallplattenaufnahmen" verbunden waren:
"1924 ging ich zum Pariser Büro von His Master's Voice und fragte, ob sie eine Lesung von James Joyce aus dem Ulysses auf Platten aufnehmen wollten. Man schickte mich zu Piero Coppola, der die musikalischen Aufnahmen betreute, aber His Master's Voice war nur dann bereit, die Joyce-Lesung aufzunehmen, wenn es auf meine Kosten geschah. Die Platte würde nicht ihr Zeichen tragen und auch nicht in ihren Katalogen geführt werden."
Vermutlich fehlt Silvia Beachs Text in der CD-Dokumentation, weil sie auch die schlechte Tonqualität der "Ulysses"-Aufnahme erwähnt. Aber selbst auf die unwahrscheinliche Gefahr hin, dass ihre unverblümte Selbstkritik den erhofften Verkaufserfolg schmälert, hätte ihr Bericht über die Entstehung der beiden Aufnahmen berücksichtigt werden müssen. Schon aus Gründen der Redlichkeit: schließlich verdanken wir die beiden Aufnahmen vor allem ihrem Engagement.
Im Booklet fehlen zudem der Abdruck der beiden vorgelesenen Textpassagen, zwei Seiten aus dem "Ulysses" und drei Seiten aus "Finnegans Wake", sowie der Hinweis auf die entsprechenden Seitenzahlen. Wegen dieser Lieblosigkeit muss, wer den Text mitlesen will, erst einmal den Beginn der beiden Passagen im englischsprachigen "Ulysses" bzw. in "Finnegans
Wake" suchen, so diese beiden Werke überhaupt zur Hand sind.
Hörenswerte Rarität
Für seine erste Plattenaufnahme hat Joyce, der zuerst einen Teil des "Sirenen"-Kapitels vortragen wollte, schließlich John F. Taylors Moses-in-Ägypten-Rede aus der "Äolus-Episode" auswendig gelernt. Als Silvia Beach wissen wollte, wieso er ausgerechnet diese unscheinbare Passage ausgewählt habe, erklärte er, dass sie die einzige sei, die sich leicht aus dem "Ulysses" herauslösen lasse, sehr deklamatorisch und daher für den Vortrag gut geeignet sei.
Für die Äolus-Aufnahme waren zwei Termine erforderlich, weil der erste Mitschnitt durch ein schmerzhaftes Augenleiden Joyces beeinträchtigt wurde, das seine Konzentration gestört hat.
Nachdem die Aufnahme wiederholt und 30 Schallplatten gepresst und bezahlt worden waren, hat "His Master's Voice" im Lauf der Jahre die Original-Matrizen beider "Ulysses"-Aufnahmen verschlampt, weshalb spätere Kopien nur von stark abgespielten Schallplatten angefertigt werden konnten. Auch aus diesem Grund lässt die akustische Qualität der Äolus-Lesung ein wenig zu wünschen übrig. Aber Rauschen hin und Rumpeln her - die historische Aufnahme ist und bleibt Joyces einzige Lesung aus dem "Ulysses", kurz: eine hörenswerte Rarität.
Darüber blieb die Aufnahme nicht folgenlos. Ihre mangelhafte Tonqualität missfiel dem mit Silvia Beach befreundeten Schriftsteller Charles Kay Ogden, der zuvor schon Georg Bernard Shaw auf Schallplatte aufgenommen hatte, so sehr, dass er selbst eine bessere Joyce-Aufnahme anfertigen wollte. Er lud daher im August 1929 Joyce in das Tonstudio der Orthological Society nach Cambridge ein, wo jener tadellose Mitschnitt von Joyces ALP-Vortrag entstand, dessen faszinierend musikalischer Sing-Sang so bezaubert, dass man ihn gerne wieder und wieder hört.
Von den zuvor erwähnten Lücken abgesehen, enthält das schön gestaltete Büchlein, das ein paar illustrierende Fotografien vertragen hätte, Marc Dachys Einleitung über die intensive Freundschaft zwischen Eugene Jolas (1894 bis 1952) und James Joyce. Dachy rückt dabei Jolas und die besondere Bedeutung seines englischsprachigen Top-Avantgarde-Magazins "transition" für die Moderne in den Mittelpunkt.
Denn bis heute ist Jolas trotz seiner zahlreichen Verdienste als Übersetzer (etwa von Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz") sowie als Gründer und Herausgeber von "transition", das zwischen 1927 und 1938 das maßgebliche englischsprachige Forum für die Crème de la crème der europäischen
Moderne war, nahezu unbekannt geblieben, was sich dank Dachys Edition hoffentlich bald ändern wird.
Auf Dachys Einführung folgt Jolas' autobiographischer Rückblick auf seine langjährige, enge Freundschaft mit Joyce, dessen "Work
in Progress" namens "Finnegans
Wake" dank der Vermittlung von Silvia Beach in "transition" häppchenweise vorveröffentlicht wurde:
"Ich wusste, auf Jolas würde man sich als Freund verlassen können, und der Name James Joyce würde andererseits beim Lancieren einer neuen Zeitschrift eine große Hilfe bedeuten. Dass es zur Zusammenarbeit mit dem ihm so freundschaftlich gesinnten Ehepaar Maria und Eugene Jolas kam, war sicher einer der größten Glücksfälle in Joyce's Leben."
Joyce und Vorarlberg
Österreichische Joyce-Fans dürfen sich freuen, dass durch die gemeinsame Edition von Jolas' Joyce-Porträt mit den sehr attraktiven Tondokumenten vermutlich bald weltweit bekannt wird, dass das Schicksal von Joyces Roman "Ulysses" 1915 am Bahnhof Feldkirch entschieden wurde. Zur Erinnerung daran wird am 16. Juni 2004, dem 100. Bloomsday, in Feldkirch eine Fußgänger-Unterführung offiziell in "James Joyce Passage" umbenannt werden.
Die besondere Rolle, die Feldkirch in Joyces Leben gespielt hat, wäre verborgen geblieben, hätte ihn nicht der Zufall 17 Jahre später erneut in diese Stadt geführt, in der Maria und Eugene Jolas 1932 ihre Ferien verbrachten.
Während seines mehrwöchigen Feldkirch-Aufenthaltes hat Joyce intensiv an "The Mime of Mick, Nick and the Maggies", dem Beginn des zweiten Buches von "Finnegans Wake" gearbeitet, rund zwei Dutzend Briefe, Postkarten und Telegramme geschrieben und mit den Jolas sowie ihren Vorarlberger Freunden und Bekannten Wanderungen, Gebirgsausflüge und Konzertbesuche unternommen.
In der Folge hat Jolas den grotesken Zauber eines sonderbaren Rituals überliefert, das die besondere Bedeutung betont, die Joyce dem Bahnhof Feldkirch zuerkannt hat:
"Um halb acht abends eilte er plötzlich zum Bahnhof, wo der Paris-Wien-Express täglich zehn Minuten hielt. Er ging dann ruhig auf dem Bahnsteig auf und ab. 'Dort drüben auf den Schienen', sagte er eines Abends' wurde 1915 das Schicksal des 'Ulysses' entschieden.' Er deutete an, dass in dieser österreichischen Grenzstadt während des Ersten Weltkriegs ein Unglück um ein Haar seine Ausreise in die Schweiz vereitelt hätte. Wenn der Zug schließlich einlief, stürzte er sich auf den nächsten Wagen, um die französischen, deutschen und jugoslawischen Beschriftungen zu studieren; dabei befühlte er die Buchstaben mit den sensitiven Fingern des fast Blinden. Dann fragte er mich gewöhnlich nach den Leuten, die ein- oder ausstiegen, und versuchte, etwas von ihren Unterhaltungen mitzukriegen. Wenn der Zug seine Fahrt fortsetzte, schwenkte Joyce auf dem Bahnsteig seinen Hut, als ob er einem lieben Freund eine gute Reise wünschte."
Jolas hat dieses Faktum erstmals 1941 in seinem "My friend James Joyce" betitelten Nachruf erwähnt, der 1948 und 1963 in einem Sammelband nachgedruckt wurde. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde diese Passage 1959 bekannt, da Richard Ellmann sie in seiner bis heute maßgeblichen Joyce-Biographie ausführlich zitiert.
Ein wenig mehr Details über den gemeinsamen Sommeraufenthalt in Feldkirch bot 1990 Marc Dachy. Er hat unter dem Titel "Eugène Jolas sur James Joyce" die Joyce-Passagen von Jolas' Autobiographie ins Französische übersetzt und als Buch veröffentlicht, das aber seit langem vergriffen ist und nun dank des Booklets durch das englischsprachige Original ersetzt wird.
Der Künstler als Freund
Eugene Jolas hat zwischen 1939 und seinem frühen Tod, 1952, immer wieder an seiner Autobiographie geschrieben, weshalb von einzelnen Kapiteln unterschiedlich detaillierte Fassungen existieren. Seine Erinnerungen an Joyce reichen von 1924 bis 1939, als Joyce in Paris an "Finnegans Wake" gearbeitet hat und Eugene und Maria Jolas sehr enge Vertraute der Familie Joyce waren.
Basierend auf dieser teils privaten, teils beruflichen Beziehung zeichnet Jolas ein Porträt des Künstlers als naher Freund. Er widmet sein Augenmerk dabei vor allem jenen Aspekten, die zum besseren Verständnis von Joyce und seinem schwierigen Werk beitragen.
Joyce scheute und verabscheute Interviews, weil er sein Privat- und Familienleben verbergen und als Autor hinter seinem Werk verschwinden wollte. In diesem Sinn wahrt Jolas' behutsamer Einblick - so weit als möglich - Joyces Privatsphäre, obwohl er gemeinsam verbrachte Abende, Ausflüge, Gespräche und Wanderungen, kurz, den Alltag und dessen fallweise Verwandlung in Literatur wiedergibt.
Dabei überliefert er auch allerlei Schnurren und bringt anhand von Anekdoten einige von Joyces Abneigungen und Vorlieben in Sachen Kino, Literatur, Musik, Oper, Theater oder Wein auf den Punkt. Laut Jolas missfielen Joyce, der sehr gerne ins Kino ging, etwa alle Spielarten amerikanischen Stummfilmhumors, vor allem der (von seiner Tochter Lucia verehrte) Charlie Chaplin, abenso wie der Komiker "Schnoozle" (Jimmy Durante, 1893 bis 1980).
Vergnügt schildert Jolas auch einige Schwierigkeiten beim Druck von "Work in Progress" ("Finnegans Wake"). Joyces umfangreiche Einfügungen in die Druckfahnen strapazierten die Geduld des französischen Druckers so, dass dieser seiner Verzweiflung immer öfter durch den Aufschrei "Joyce, alors!" Luft machte, was den Autor amüsiert hat: "Joyce chuckled when I told him that his name was being used as an objurgation." (Joyce kicherte, als ich ihm erzählte, dass sein Name wie eine Verwünschung gebraucht würde.)
Ähnlich erheitert reagierte Joyce auf jenen Traum, in welchem ihm Molly Bloom erschienen ist, um ihm ihren Überdruss entgegen zu schreien: "And as for you, James Joyce, I've had enough of you." (Und was dich betrifft, James, Joyce, so habe ich genug von dir.)
Seine schriftstellerische Qualität beweist Jolas bei der ergreifenden Beschreibung jener Sommertage des Jahres 1939, die durch Deutschlands Überfall auf Polen und die folgende Mobilisierung verdüstert wurden. Vor dem Hintergrund des jäh endenden Friedens wirkt Jolas' kontrastreiche Schilderung des aus dem Lot geratenden Alltags beklemmend. Die sorgenvolle Trauer lässt keinen Zweifel aufkommen, dass bald alles vom Krieg gezeichnet sein wird. Hastig finden Abschiede statt, von denen sich einige als endgültig erweisen: Im Alter von 58 Jahren stirbt am 13. Jänner 1941 gegen 2 Uhr morgens James Joyce im Zürcher Exil an den Folgen einer Notoperation.
Mit den Joyce-zentrierten Passagen berücksichtigt die vorliegende Edition aus nahe liegenden Gründen nur einen Bruchteil von Jolas' lesenswerter Autobiographie, die 1998 unter dem Titel "Man from Babel" posthum veröffentlicht wurde. Sie spannt den Bogen von Jolas' Geburt in Union Hill, New Jersey, über seine Kindheit in Elsass-Lothringen und seine journalistischen Lehrjahre in Amerika bis zu seinem journalistischen Engagement im Nachkriegsdeutschland, wo er an der Entnazifizierung und Demokratisierung der Presse sowie dem Aufbau der ersten deutschen Nachrichtenagntur, DANA, mitgewirkt hat.
Das Ehepaar Jolas genoss dank der Jahre währenden intensiven Zusammenarbeit Joyces blindes Vertrauen. Es ist daher erfreulich, dass Anfang August mit Maria Jolas' (1893 bis 1987) gleichfalls posthumer Autobiographie "Woman of Action" eine weitere, viel versprechende Nachlass-Veröffentlichung aus Joyces Umfeld erscheinen wird.
Marc Dachy (Hrsg.): James Joyce, the complete Recordings. Audio-CD mit 116 Seiten starkem, englischsprachigem Booklet. Sub Rosa. Aural Documents SR 60.
Eugene Jolas: Man from Babel. Henry
McBride Series in Modernism and Modernity. Yale University Press, 352 Seiten.
Maria Jolas: Woman of Action. A Memoir and Other Writings. Herausgegeben von Mary Ann Caws. University of South Carolina Press, 160 Seiten.
Freitag, 11. Juni 2004 00:00:00
Update: Dienstag, 01. März 2005 12:14:00