Das letzte Buch des Philosophen Paul Feyerabend ist nun auf Deutsch erschienen
Ein Plädoyer für die Vielfalt
Von Peter Markl
Als er die letzten Kapitel seiner Autobiographie schrieb, war ihm klar, dass ihm nur noch Tage oder Wochen blieben. Er lag halbseitig gelähmt mit einem inoperablen Hirntumor im Krankenhaus und es gab kaum mehr Hoffnung, dass er mit dem Buch zu Ende kommen konnte – ein "einfaches, flüssig geschriebenes und verständliches Buch" , die Summe dessen, was er Grazia Borrini sagen wollte. Paul Feyerabend hatte sie 1983 in Berkeley getroffen, als sie in seinem Seminar auftauchte. Die Begegnung hat sein Leben geprägt. Er hätte – so schrieb er in seiner Autobiographie "Zeitverschwendung" – ohne sie "nie gelernt, was es heißt, einen Menschen zu lieben".
Grazia Borrini hatte Physik studiert, sich aber dann auf die brisante Problemzone konzentriert, in der sich Entwicklungshilfe, Umweltschutz und soziale Fragen überschneiden. Sie und Feyerabend haben 1989 in Berkeley geheiratet, aber erst wenige Monate vor seinem Tod beschlossen, eine gemeinsame Wohnung einzurichten. Nach 35 mitunter auch sehr turbulenten Jahren – Feyerabend war in Berkely der Schwarm der revolutionären Jugend gewesen – hatte er seine Laufbahn für beendet erklärt, 1990 seine Professur in Berkely und 1991 die Professur in Zürich aufgegeben. 1993 begann er sein "berufliches Verschwinden" zu inszenieren: "Keine Aufsätze mehr schreiben, ein kurzes Buch beenden, hin und wieder Vorträge halten und das Honorar für Reisen mit Grazia verwenden".
Österreicher in England
Das schmale Buch – oder das, was nach Feyerabends Tod am 11. Februar 1994 davon schon vorlag – ist nun in deutscher Übersetzung und Bearbeitung, mit einem Vorwort von Grazia Borrini-Feyerabend, im Wiener Passagen Verlag erschienen: "Die Vernichtung der Vielfalt. Ein Bericht". Es wurde eine Collage aus dem unvollendeten Manuskript und einer Reihe von Aufsätzen, in denen Themen weiter ausgeführt werden, die Feyerabend im ersten Teil bereits aufgegriffen hatte. (Das Original ist 1999 unter dem Titel "The Conquest of Abundance. A Tale of Abstraction versus the Richness of Being" von Bert Terpstra herausgegeben worden.) Als Ian Hacking im Jänner 2000 in der "London Review of Books" einen Band mit dem Briefwechsel zwischen Paul Feyerabend und Imre Lakatos besprach, schrieb er: "Was englischsprachige Autoren betrifft, wird die Wissenschaftsphilosophie immer noch von Ideen inspiriert, die von Emigranten auf der Flucht mitgebracht wurden". England hat Flüchtlinge aus Österreich bekommen, unter ihnen Karl Popper und Otto Neurath (um von Wittgenstein, der ja kein Flüchtling war, abzusehen) später dann Imre Lakatos aus Budapest und Paul Feyerabend aus Wien. Ian Hacking fügt an: "Die Vereinigten Staaten bekamen die Deutschen, unter ihnen Rudolf Carnap und Hans Reichenbach. Die Deutschen, die nach den USA gingen, waren eine ernste, etwas steife und würdige Gruppe, zumindest in ihren Veröffentlichungen. Sie werfen bis heute einen Schatten von feierlicher Rechtschaffenheit über die amerikanische Wissenschaftsphilosophie. Diejenigen, die (wie Feyerabend und Lakatos) aus Österreich-Ungarn kamen, waren dagegen ein wilder Haufen: sie fühlten sich nirgends richtig wohl, aber sie empfanden England als das beste Refugium."
Lakatos war aus Ungarn geflüchtet und ein Staatenloser geblieben, ohne Reisepass, ausgestattet einzig mit einem Britischen Reisedokument. Feyerabend war kein "Flüchtling" im eigentlichen Sinn des Wortes, und doch war er unbehaust und nirgends heimisch geworden, selbst dann nicht, als er am Ende seiner Karriere in Meilen am Zürichsee wohnte, wo die ETH Zürich die halbe Miete bezahlte und ( "mit Ausnahme des Bettes" ) die Möbel bereit gestellt hatte.
Um ein im Kreis um Popper einst beliebtes Spiel wieder aufleben zu lassen: Es gibt von "Feyerabend" mindestens drei verschiedene Versionen. Da gibt es den (heute nur mehr wenigen bekannten) Paul Feyerabend, der 1945 im Krieg mit 21 Jahren das Opfer einer Rückgratverletzung wurde, die ihn zwang, den Rest seines Lebens auf Krücken zu gehen und täglich Medikamente gegen die ihn nie verlassenden Schmerzen einzunehmen. Er war auf vielen Gebieten außerordentlich begabt und unruhig. Selbst in seinen letzten Jahren hat ihn das Gefühl nicht verlassen, die intensive Beschäftigung mit jedem Gebiet, dem er sich eine Zeit lang widmete, habe den Nachteil, dass für andere, nicht weniger interessante Gebiete keine Zeit mehr blieb. Hätte er doch an der London School of Economics Poppers Assistent werden sollen oder Bert Brechts Angebot annehmen, es als Regieassistent bei ihm zu versuchen? Oder einfach seine Stimme weiter ausbilden und Opernsänger werden sollen? Oder doch Physiker oder Mathematiker oder Wissenschaftshistoriker? (Welchem Gebiet er sich dann wirklich zuwandte, hing sein Leben lang davon ab, aus welcher Ecke er herausgefordert wurde).
Er hatte auch Glück, weil er sehr früh in Alpbach Karl Popper und durch dessen Vermittlung Diskussionspartner von Weltrang in Philosophie und Physik traf. Er wäre nicht lange mit ihnen im Gespräch geblieben, wenn hinter seinem Auftreten nicht eine von ihm eher versteckte, aber ungeheure Arbeitsleistung gestanden wäre. (Darin war sehr österreichisch: er mochte bei harter Arbeit nicht gern ertappt werden.) Dennoch erarbeitete er sich die Physik und die Mathematik auf einem Niveau, das nur wenige Philosophen erreichen.
Es waren vor allem seine Arbeiten über die Philosophie der Quantenmechanik, die ihn aus der großen Zahl der Wissenschaftsphilosophen hervorhoben und ihm jenen akademischen Respekt verschafften, den Feyerabend II dann eine Zeit lang mit Vergnügen strapazierte.
Feyerabend II war ein Idol der revolutionären Jugend in Berkely. Es war der Autor, der 1975 in seinem Buch "Wider den Methodenzwang" in gängigen Slogans eine "anarchistische" Erkenntnistheorie verkündete, die er dann in den Jahren bis 1988 in immer neuen Versionen unter verschiedenen Titeln weiter ausarbeitete und dabei immer radikaler formulierte.
"Anything goes"
Es war in diesen Jahren, in denen er schrieb: "Die Idee, dass die Wissenschaft nach ein für alle Mal festgelegten methodischen Regeln betrieben werden kann, und so auch betrieben werden sollte, ist sowohl unrealistisch als auch gefährlich. Alle Methodologien haben ihre Grenzen und die einzige Regel, die überlebt, ist die Regel ‚Alles ist erlaubt‘". Er zweifelte an der Möglichkeit, mit rationalen Argumenten eine hinreichend klare Grenze zu ziehen zwischen modernen Wissenschaften und mythischen Vorstellungen und sah in beiden ideologische Momente. Er schrieb: "Weil es dem Einzelnen überlassen bleiben sollte, eine Ideologie zu akzeptieren oder abzulehnen, muss die Trennung zwischen Kirche und Staat ergänzt werden durch die Trennung zwischen Staat und Wissenschaft, dieser jüngsten, gefährlichsten, aggressivsten und dogmatischsten religiösen Institution." Die Furcht vor Beifall von der falschen Seite hat ihn in diesen Jahren wenig geplagt. Am Ende dieser Periode hielten ihn seine Gegner, die er sich mit einiger Sorgfalt schuf, für einen stimulierenden, kenntnisreichen und unterhaltsamen intellektuellen Clown.
Was Feyerabend später über das Ende dieser Periode geschrieben hat, legt die Vermutung nahe, dass er es müde geworden war, immer wieder den Feyerabend II zu geben, auch wenn der bei den Studenten so viel Beifall fand. Grazia Borrini schreibt, dass er im letzten Lebensjahrzehnt nur mehr mit gemischten Gefühlen las, was er vorher vor allem über die Rolle von Wissenschaft, Mythen und Relativismus geschrieben hatte – sein Buch "Erkenntnis für freie Menschen" wollte er nicht wieder gedruckt sehen. Die Begegnung mit Grazia Borrini und ihrer so ganz anderen Welt voll drängender, nicht wegzuredender Probleme hat zu anderen Gewichtungen geführt und seine Welt verändert.
So entstand Feierabend III, der die wenigen Bruchteile des Buchs für Grazia und die diesem beigefügten Essays geschrieben hat. Natürlich sind der humanistische Impuls geblieben, das Lob der kulturellen Vielfalt und das Misstrauen gegen die Allianz von Wissenschaft und politischer Macht – vor allem dort, wo sie die Repression anderer Kulturen fördert.
Jetzt sieht er die Rolle der Wissenschaft anders: "Doch ohne wissenschaftlichen Sachverstand können wir nichts unternehmen. Unsere Welt ist durch den materiellen, spirituellen und intellektuellen Zusammenprall mit der Wissenschaft und den auf der Wissenschaft aufbauenden Technologien verändert worden. Wir benötigen Wissenschaftler, Techniker und wissenschaftsergebene Philosophen, Soziologen und so weiter, um mit den Konsequenzen fertig zu werden."
Bei aller Vielfalt der wieder aufgegriffenen und unter neuen Aspekten neu diskutierten Probleme – von der Philosophie der Vorsokratiker über die Erfindung des perspektivischen Sehens zur Geschichtlichkeit selbst der abstraktesten Theorien der Naturwissenschaften, von seiner neuen Sicht des Realismus zum besonderen Status der wissenschaftlichen Weltsicht im Vergleich zu anderen Sichtweisen – hat das Buch doch ein zentrales Thema: die Klage über den Verlust, den der Weg zu abstraktem Wissen unvermeidlich mit sich bringt.
In den Naturwissenschaften wird der Weg in die Abstraktion erzwungen durch die Begrenzung des Erkenntnisapparats, der im Lauf der Evolution bei den Versuchen, sich geänderten Lebensbedingungen anzupassen, entstanden ist. Auch wenn Menschen dabei die kognitiven Fähigkeiten erworben haben, sich abstrakte Theorien mit immer größerem empirischen Gehalt ausdenken zu können, so ist es nur die mesokosmische Welt der mittleren Dimensionen, die direkt erlebbar geblieben ist. Die noch nie vorher erreichte Problemlösungskapazität der modernen Naturwissenschaften hat ihren Preis: sie bringt eine "Vernichtung" der Vielfalt aller der Weltanschauungen mit sich, die ihr Zentrum in der unmittelbaren Erfahrung eigenen Erlebens haben. Zur Ideologie überhöht, können Naturwissenschaften beim emotionalen Erleben anderer Menschen mit ihrer eigenen Kultur und ihrer von unmittelbar erlebbaren Emotionen getönten anderen Sicht der Welt zu einem Hindernis werden.
Ein humaner Skeptiker
Die Erfahrung der Begegnung mit Grazia Borrini und ihrer Welt hat dieses Thema noch weiter ins Zentrum von Paul Feyerabend Denken gerückt und eine Vielzahl anderer Themen in neuem Licht erscheinen lassen. In den Jahren nach Feyerabends Tod ist sichtbar geworden, was eine Zeit lang durch aggressive gegenseitige Polemik verdeckt war – nämlich wie ähnlich er Karl Popper war. Auch wenn die Tatsache, dass seine Arbeiten so sehr um Popper'sche Themen kreisen, einfach nur durch zeitbedingte Anlässe hervorgerufen sein kann, so sind die Themen und Thesen seines letzten Buches – etwa in Bezug auf Realismus oder die zeitgebundene Vorläufigkeit auch des naturwissenschaftlichen Wissen – von Poppers Denken nicht weit entfernt. Sein letztes Buch ist das bewegende Vernächtnis eines großen humanistischen Skeptikers, der misstrauisch geblieben ist gegen die großen Worte, und voll von der Faszination des nicht ideologisch verengten Denkens in seinem ganzen Facettenreichtum.
Paul K. Feyerabend: Die Vernichtung der Vielfalt. Ein Bericht. Herausgegeben von Peter Engelmann. Aus dem Englischen von Volker Böhnigk und Rainer Noske. Passagen Verlag, Wien 2005, 344 Seiten.
Peter Markl ist Professor für Analytische Chemie an der Universität Wien.
Erkenntnistheorie
Printausgabe vom Samstag, 11. März 2006
Update: Freitag, 10. März 2006 16:38:00