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Artikel aus dem EXTRA LexikonPrint this

Die USA im 21. Jahrhundert -Ein Sittenbild

Konservativ und innovativ

Von Reinhard Heinisch

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind ein Land, in dem sich Zukunft und Vergangenheit auf seltsame Weise zu vermischen scheinen. Nirgendwo sonst auf der Welt sind Technik und Wissenschaft so hoch entwickelt - und in kaum einem anderen Land haben Universitäten und Forschungseinrichtungen eine derartig große Bedeutung. Amerikaner sind als fortschrittsverliebt und technologievernarrt bekannt, dennoch gibt es einiges, das nicht ganz in dieses Bild einer hypermodernen Gesellschaft hineinpassen will. Etwa die Religosität. In allen anderen hochentwickelten Ländern bewirkte der Prozess der Modernisierung unweigerlich eine Säkularisierung der Bevölkerung und somit eine Abnahme der Religiosität. Nicht so in den Vereinigten Staaten, wo diese seit Mitte der 70er Jahre im Steigen begriffen ist. Etwa 90 Prozent der Bevölkerung stufen sich als gläubig ein, und zwei Drittel davon gehen regelmäßig in die Kirche. Beinahe ebenso viele glauben an die Existenz des Teufels, und in vielen Bundesstaaten finden sich in den Schulbüchern neben der Evolutionslehre Hinweise auf die Schöpfungsgeschichte, was im progressiveren Pädagogik-Jargon neuerdings "Intelligent Design" (also die Schaffung der Erde durch eine höhere Intelligenz) heißt.

Der Vormarsch der Religiosität, der nur durch die in der Verfassung verankerte Trennung von Kirche und Staat einigermaßen eingedämmt wird, ist allenthalben merkbar; in der politischen Rhetorik ebenso wie in öffentlichen Debatten etwa zum Thema Abtreibung und Genforschung. Der religiöse Konservatismus führt mitunter zu absurd anmutenden Entwicklungen, wie die jüngste Flut an Gesetzesvorlagen, in denen Föten volle Bürgerrechte eingeräumt werden sollen, sodass das Ende des legalen Schwangerschaftsabbruches in den USA wohl nur noch eine Frage der Zeit zu sein scheint.

Begegnung mit Jesus

Der Vormarsch des religiösen Fundamentalismus zeigt sich zudem an der breiten Bewegung der "born-again Christians", zu denen sich auch Präsident Bush zählt. Nicht wenige dieser (in einer "persönlichen" Begegnung mit Jesus) Wiedergeborenen glauben sowohl an den kommenden Endkampf zwischen Gut und Böse als auch an die so genannte "Rupture", das vermeintliche plötzliche Verschwinden einzelner Menschen, die von Christus direkt heimgeholt werden. Diesem Glauben entspricht auch die Überzeugung, dass das Ende der Welt und somit das Reich Gottes dann nahe sind, wenn Israel als Staat wieder erstanden ist. Aus diesem Grund wird der Existenzkampf des jüdischen Staates gerade von rechten Christen mit Begeisterung unterstützt und hat für sie wichtige Symbolkraft. Einschlägige Bücher wie die "Left Behind"-Serie haben Auflagen von mehr als 40 Millionen Exemplaren und tragen zur Beliebtheit des Präsidenten bei, der sich mit Bedacht einer entsprechenden Rhetorik bedient (z. B. "Achse des Bösen").

Da Südstaatler wahlaritmetisch die besseren Chancen haben, in hohe politische Ämtern gewählt zu werden, und da im Süden die Religiosität am ausgeprägtesten ist, bestimmt diese Ideenwelt immer stärker den Mainstream des Landes. Der entscheidende Vorteil der Religion in den USA gegenüber Europa ist, dass sie ohne dominante Institutionen auskommt, als buntes Nebeneinander von Kirchen, Gruppen, Sekten und Konfessionen existiert, in denen jeder, vom radikalen Moslem bis zum papsttreuen Konservativen, irgendetwas für sich findet. Auf diese Weise vermischen sich Individualismus und Pluralismus zu einer breiten Palette demokratischer Wahlmöglichkeiten.

Die in Europa stets skeptisch betrachtete Religiosität der Amerikaner hat jedoch auch andere Seiten: Sie bildet einen persönlichen Wertekompass und trägt den Gemeinschaftsgeist der meisten Menschen, die sich aktiv in ihren Communities betätigen. Beinahe 75 Prozent der Amerikaner engagieren sich in gemeinnützigen Vereinen oder sind sonstwie für ihre Mitmenschen aktiv. Unbemerkt von Sendern wie MTV verbringen zehntausende junge Studenten ihre Semesterferien jährlich damit, in Organisationen wie "Habitat for Humanity" Häuser für Obdachlose und Bedürftige zu bauen. Kaum jemand würde bei einer Bewerbung einen Lebenslauf vorlegen, in dem nicht ein gemeinnütziges, soziales Engagement ausgewiesen wäre.

Hoher Stellenwert "Familie"

Nahtlos an die ausgeprägte Religiosität der Amerikaner fügen sich die traditionellen Vorstellungen von Familie. In kaum einem anderen modernen Industrieland wird so früh geheiratet, hat die konventionelle Familie einen so hohen Stellenwert und gibt es dermaßen viel Nachwuchs. Während Modernisierung und Sozialstaat in der übrigen westlichen Welt die Geburtenraten dramatisch senkten und die Emanzipationsbewegung die Heiratsquote reduzierte, sind diese Trends in den USA deutlich schwächer. Trotzdem ist die Beschäftigungsquote von Frauen höher und sind deren Karrierechancen deutlich besser als in Europa (mit Ausnahme Skandinaviens), wobei man das weibliche Geschlecht in Nordamerika schon seit langem in untypischen Rollen sehen konnte, etwa als Bauarbeiterinnen, Mechanikerinnen oder Pilotinnen. Besonders Frauen, die sowohl die europäische als auch die amerikanische Arbeitswelt kennen, schätzen die Aufstiegschancen im Beruf und die vergleichsweise sexismusfreie Atmosphäre am Arbeitsplatz.

Religion und traditioneller Familiensinn kollidieren in den USA jedoch mit einem anderen wesentlichen Merkmal der amerikanischen Gesellschaft: Das ist die Toleranz dem Individuum gegenüber und die relative Großzügigkeit im persönlichen Umgang miteinander, welche wiederum unkonventionelle Lebens- und Partnerschaftsformen ermöglichen und somit das scheinbar paradoxe Nebeneinander von Schwulen-Hochzeiten und altbackenen sexuellen Moralvorstellungen. Während in Europa individuelles Verhalten oft durch Konventionen, Bräuche oder Vorschriften allgemein normiert ist, stehen in den USA bei allem Konformismus dem Individuum große Freiräume zur Verfügung.

Individuelle Freiheiten

Staatliche Regelungsmaßnahmen bezüglich der eigenen Person sind den Amerikaner fremd - und sie wundern sich immer wieder über diesbezügliche Vorschriften in Europa, angefangen von der Meldepflicht bis hin zur Namensgebung oder der gesetzlich verordneten Mülltrennung.

Da es den Begriff der Staatsräson in den USA nicht gibt, fällt es der öffentlichen Hand schwer, selbst solche Aktivitäten (z. B. Waffengebrauch) zu untersagen, die anderswo als gemeingefährlich oder schlicht als Torheit und Exzess gelten würden. Der Staat sei nicht dazu da, das Volk zu erziehen, sondern sollte dessen Durchschnittswillen umsetzen, selbst wenn dieser noch so töricht ist. Diese Toleranz gilt auch für "Motorschlitten"-Begeisterte, die zu bestimmten Zeiten massenweise durch Naturschutzgebiete rasen dürfen, und jene, die sich private Waffenarsenale zulegen. Eine Ausnahme hingegen bilden Handlungen, die von der Gemeinschaft (Community Standards) als unmoralisch empfunden werden, wie bestimmte Sexualpraktiken, Prostitution, Glücksspiel, Drogenkonsum usw., wobei sich traditioneller Puritanismus mit neuen Jugendschutzbestrebungen und Anti-Sexismuskampagnen verknüpft.

Der vielleicht beklagenswerte Umstand, dass dem Individuum in seiner Torheit wenig Grenzen gesetzt sind, hat andererseits den Vorteil, dass der radikale Gleichheitsgrundsatz und die bestehenden Freiräume der amerikanischen Gesellschaft von bestimmten Gruppen genützt werden können, die anderswo stets an den Rand gedrängt werden. Dazu zählen Behinderte, Ausländer und Immigranten ebenso wie ältere Menschen.

Sehr behindertenfreundlich

Beispielsweise sind Körperbehinderte wohl in keinem Land so akzeptiert und integriert wie in den USA. Dies geht oft so weit, dass etwas nicht gebaut werden kann, da die strenge behindertenfreundliche Bauordung so viele Auflagen vorsieht, dass das Projekt unfinanzierbar oder aus räumlichen Gründen (Rampe, Aufzüge, Behindertentoiletten auf jeder Etage) undurchführbar ist. Viele öffentliche Verkehrsbetriebe organisieren parallel zu ihren normalen Bussen und U-Bahnen ein eigenes Behinderten-Transportwesen. Universitäten müssen zudem gewährleisten, dass auch Schwerstgelähmte am Unterricht teilnehmen können und berücksichtigen, dass selbst Studenten mit Konzentrationsstörungen einen Anspruch auf spezielle Prüfungsbedingungen haben, nur damit Hochschulen nicht in den Ruf geraten, zu wenig "inclusive" zu sein.

Ein weiterer zukunftsweisender Charakterzug der amerikanischen Gesellschaft ist die traditionelle Offenheit und Toleranz gegenüber Einwanderern, was mittlerweile dazu geführt hat, dass die USA die multikulturellste und ethnisch komplexeste Gesellschaft der Erde haben. Wenige Europäer wissen, dass die USA mit 42 Millionen Latinos nach Mexiko und Spanien heute bereits das drittgrößte Spanisch sprechende Land der Welt sind. Beinahe eine Million Immigranten werden jährlich offiziell aufgenommen - und einer von drei heute lebenden Amerikanern wurde anderswo geboren. Beispielsweise ist der Vizejustizminister und Verfasser der neuen Anti-Terroristen-Gesetze gebürtiger Vietnamese mit starkem Akzent.

Die guten Aufstiegschancen für Minderheiten und Neuzuwanderer, selbst wenn diese aus den unteren Bildungsschichten kommen, werden durch einschlägige Studien belegt, wie jene über bosnische Flüchtlinge, von denen manche Familienmitglieder in Europa Aufnahme fanden und andere in den USA. Letztere sind durchwegs dabei, den amerikanischen Traum zu verwirklichen, besitzen längst die Staatsbürgerschaft, haben sich ein Haus auf Kredit gekauft, Arbeit gefunden und leben weitgehend in Normalität, während der Bruder oder Cousin in Deutschland noch immer in einem Schwebezustand zwischen alter und neuer Heimat verharrt und als jugoslawischer Hilfsarbeiter eine Randexistenz in der fremden Gesellschaft führt.

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Im Jahre 2015 werden die bisherigen ethnischen Minderheiten den Anteil der Weißen auf unter 50% gedrückt haben. In Kalifornien ist dies bereits der Fall, und in Texas und Florida, den beiden anderen Riesenstaaten, wird es bald so weit sein. Vom friulanischen Bergkäse Montasio über kroatischen Ajvar bis zur mexikanischen Mole Poblano und den verschiedensten asiatischen Dim Sums ist das Angebot an Lebensmitteln selbst im Hinterland ebenso vielfältig wie jenes an internationalen Konsumartikeln und Restaurants.

Ebenfalls erstaunlich ist das relativ friedliche Zusammenleben der Menschen unterschiedlichster Traditionen. Zur Osterzeit türmen sich die italienischen Panettone in den Geschäften gleich neben dem jüdischen Matze für das Passafest. Egal ob Mardi Gras, Fastenzeit, Ramadan, Cinco de Mayo, St. Patrick's Day oder Chinese New Year - jede Gruppe begeht ihre eigenen Feierlichkeiten und Feste in aller Offenheit und im Geiste gegenseitiger Toleranz, oft genug verfolgt vom neugierigen Interesse der anderen. Es gibt kaum einen Politiker oder Meinungsmacher, dem nicht die Begriffe "Diversity" und "Inclusiveness" über die Lippen kommen, alles andere gälte als politisch höchst inkorrekt. Zwar mag einiges daran geheuchelt sein, und zweifellos ist auch der Rassismus fester Bestandteil der amerikanischen Geschichte - im Gegensatz zu Europa jedoch hat sich in den USA längst die Meinung durchgesetzt, dass Multikulturalität und Diversität mehr Vor- als Nachteile bringen und Voraussetzung für den wirtschaftlichen und technologischen Vorsprung des Landes sind. Verschiedenheit bedeutet mehr Komplexität, was sich wiederum in unterschiedlichen Zugängen und entsprechenden Problemlösungen und daher mehr Innovation niederschlägt.

Richtungsweisend ist auch der Umgang mit älteren Menschen. Während man in Europa vielfach in die Frühpension abgeschoben wird - oder zu verstehen bekommt, dass man einem Jungen die Arbeit wegnimmt, beginnen viele Amerikaner mit 50 oder 60 ihre dritte oder vierte Karriere. Seit die altersbedingte Zwangspensionierung vom Obersten Gerichtshof als "Age Discrimination" aufgehoben wurde, da sie gegen den Gleichheitsgrundsatz verstoße, begegnet man vielen älteren Menschen, die eine Teilzeitarbeit oder einen neuen Beruf dem beschaulichen Pensionistendasein vorziehen. Die Integration all dieser gesellschaftlichen Gruppen in den Wirtschaftsprozess erhöht insgesamt die Beschäftigungsquote und steigert somit die Wertschöpfung des Landes.

Die großen Freiräume, die dem Individuum in den USA zur Verfügung stehen, verleiten aber auch vielfach zu deren Missbrauch. Da dem amerikanischen Gesetzgeber jedoch oft die Hände gebunden sind, um individuelles Verhalten zu normieren, fungieren die Gerichte als alternatives Regulativ. Die berüchtigte Klagewut der Amerikaner ist eine direkte Konsequenz daraus. Wo die Obrigkeit keine klaren Schranken setzt, tun dies oft Gerichtsurteile, sodass eine Flut von Regelungen das Ergebnis von Musterprozessen sind (man denke etwa an die Anti-Raucherbestimmungen, siehe dazu auch Artikel auf Seite 5). Doch finden auch vor Gericht individuelle Freiheit, Religion und Familiensinn besonderes Gehör, mit oft kuriosen Ergebnissen, wie etwa dann, wenn Großeltern per Gerichtsbeschluss ihr Besuchsrecht bei den Enkelkindern einfordern oder verbieten wollen, dass die Mutter mit diesen woanders hinzieht. In einem aktuellen Verfahren in Florida beispielsweise setzten sich moslemische Frauen gegenüber der Behörde mit ihrer Forderung durch, auf ihren Ausweis- und Führerscheinfotos nicht mehr zeigen zu müssen als die Augenschlitze auf den züchtig verhüllten Gesichtern. Das Individuum soll eben nach seiner Fasson glücklich werden.

Ein Monat fürs Militär

Dennoch gibt es in der gesellschaftlichen Entwicklung Bereiche, in denen die Zeit stehengeblieben oder sich gar rückwärts zu bewegen scheint. Neben Religiosität und konventionellem Familienbegriff fallen vor allem der drakonische Strafvollzug inklusive Todesstrafe, die rückschrittliche Sozial-und Umweltgesetzgebung sowie das traditionelle Staatsverständis samt Fahnen- und Militärkultur darunter. In welchem anderen westlichen Land würde der Gesetzgeber dem Militär einen Kalendermonat widmen (der Mai ist in den USA "Military Appreciation Month")?

Der Gegensatz zwischen Modernität und Vergangenheit ist jedoch nur ein scheinbarer und lässt sich weitgehend auf dieselben typisch amerikanischen Bestimmungsfaktoren der gesellschaftlichen Wirklichkeit zurückführen. Hier wäre zunächst einmal die enorme Kontinuität der politischen Entwicklung zu nennen, die noch verstärkt wird duch die Common Law Tradition. Als Land weitgehend ohne politische Zäsuren, wenn man vom Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert absieht, werden in den USA Dinge tradiert und mitgeschleppt, die in Europa mit seinen zahlreichen Neubeginnen und Revolutionen wie 1918, 1945 oder 1989 längst beseitigt wurden. Beispielsweise bestehen die verkorkst anmutenden Moral- und Anti-Sodomie-Gesetze vieler Bundesstaaten seit den Anfängen der Republik. Diese könnten nur aufgehoben werden, wenn sich genügend Lokalpolitiker dafür stark machen würden - doch wem würde es im Wahlkampf einfallen, mit einer "platform for oral sex" in die Wahl zu ziehen?

Näher am Volksempfinden

Da im Common Law Richterentscheide und Geschworenenurteile neues Recht schaffen, sind diese zwangsläufig näher am Volksempfinden und daher strukturkonservativer als die Gesetzgebung durch "aufgeklärte", aber etwas abgehobene politische Eliten, wie dies im europäischen Parlamentarismus der Fall ist. Die enorme Größe der USA und deren relative Isoliertheit von internationalen Entwicklungen tun ein Übriges, sich verstärkt auf die eigene Tradition zu besinnen.

Trotz seines Strukturkonservatismus' kann das politische Modell der USA insgesamt rascher auf neue Herausfordungen reagieren als das europäische. Denn einerseits garantieren hier Kontinuität und Konventionen die politische Stabilität, daher kommt man mit einem geringeren formalen Regelwerk aus - die amerikanische Verfassung ist nicht zufällig die kürzeste der westlichen Welt. Andererseits können Konventionen und Richtersprüche sich jederzeit ändern und neuen Gegebenheiten angepasst werden. Eine der Hauptaufgaben des Obersten Gerichtes ist es ja, die Verfassung im Lichte des gesellschaftlichen Wandels neu zu interpretieren - beispielsweise wurde der Schwangerschaftsabbruch 1973 nicht per Gesetz, sondern per Gerichtsentscheid legalisiert. Auf diese Weise erklärt sich das scheinbar paradoxe Nebeneinander von Konvention und Innovation.

Nahtlos fügt sich der Umstand an, dass das politische System der USA wesentlich populistischer ist als das europäische. Viel mehr öffentliche Ämter (vom Richter über den Staatsanwalt bis zum Sheriff) unterliegen einem Wahlverfahren. Amerikanische Politiker sind gezwungen, viel mehr auf die Bevölkerung zu hören als etwa ein österreichischer Parlamentarier, der eher seiner Partei und dem Klubzwang gehorchen muss als seinem Wahlbezirk. Im US-System geht es stets um die Umsetzung des kleinsten gemeinsamen Nenners des Volkswillens, wobei wiederum das Grundprinzip gilt: das Volk hat immer Recht, auch wenn es Unrecht hat. Ein mächtiger Militärapparat, niedrige Steuern und eine schwach regulierte Wirtschaft sind auf jeden Fall populärer als deren Gegenteil. Vor allem bei der Verbrechensbekämpfung erhöhen Härte und schwere Strafen die Wahlchancen für Politiker und Richter, da die Durchschnittsbevölkerung Experimenten mit Resozialisierung oder neuem Strafvollzug naturgemäß skeptisch gegenübersteht. In Europa ist weit mehr das Denken verhaftet, dass aufgeklärte Eliten dem etwas "einfältigen" Volk den rechten Weg weisen sollen (man nehme etwa den Prozess der Europäischen Einigung).

Die stark verwurzelte Doktrin der uneingeschränkten Volkssouveränität bringt die USA ja auch ständig auf Kollisionskurs mit internationalen Institutionen und Verbündeten. Die Wir-sind-wir-Mentalität, gepaart mit einem tiefen Misstrauen gegenüber der UNO, der Welthandelsorganisation und selbst dem Internationalen Olympischen Kommitee, entspringen ebenfalls dem Grundglauben, dass nur das amerikanische Volk berechtigt ist, über Amerikaner zu bestimmen. Die ablehnende Haltung gegenübert dem Internationalen Strafgerichtshof war daher vorprogrammiert - und Appelle, doch auf die "Weisheit" internationaler Gremien zu hören, verkennen den Umstand, dass das "eigene Volk" immer Recht zu haben hat - eben auch jenes, ins offene Messer zu laufen. So lange beispielsweise vier von fünf Amerikanern den Kampf gegen den internationalen Terrorismus als das vordringliche nationale Ziel sehen, wird die Innenpolitik dem entsprechen.

Erstaunlich reformfreudig

Trotz scheinbarer Ignoranz und Strukturkonservatismus ist das amerikanische politische System äußerst reformfreudig, wenn es darauf ankommt. Denn schlägt der Volkswillen einmal um ("the ground shifts"), können binnen kürzester Zeit erstaunliche Änderungen bewirkt werden, von denen Länder wie Österreich, Deutschland oder Japan, die seit einem Jahrzehnt im Reformstau stecken, nur träumen können. Die Reagan-Revolution, die Debatte angesichts der Staatsverschuldung in den 90er Jahren oder die Stimmung nach dem 11. September sind Beispiele dafür. Zwar bedürfen politische Entscheidungen breiter Mehrheiten, doch wenn diese einmal zu Stande gekommen sind, haben politische Minderheiten, abgesehen von den ihnen zustehenden Rechten und Freiräumen, keine Möglichkeit mehr, diese Entwicklung aufzuhalten.

Getreu dem Motto "the winner takes it all" werden politische Änderungen exzessiv und aggressiv vorwärts getrieben, bis sich die politische Großwetterlage wieder einmal ändert ("new realignment"). Zur Zeit schwingt das Pendel radikal nach rechts. Denn in welchem anderen westlichen Land würden zwölf Millionen Kindern unterer Einkommensschichten die Steuervergünstigungen gestrichen werden, damit 1,6 % der reichsten Haushalte ihre Dividenden abschreiben können? Oder wo sonst würden gerade die besonders umweltfeindlichen Privatfahrzeuge mit über 6 Tonnen Gewicht steuerlich begünstigt werden?

Seit Anfang der 80er Jahre ist die Mehrheit der amerikanischen Wähler rechts von der politischen Mitte angesiedelt, daher hat sich der Konservatismus im Laufe der Zeit auf allen Ebenen durchgesetzt. In den beiden Jahrzehnten zuvor war das Land in die liberale Gegenrichtung gependelt. Dass der Demokrat Clinton später zweimal mit etwa 43% relativer Mehrheit die Präsidentschaft schaffte, hatte mehr mit seinem politischen Genie als mit einer politischen Trendwende zu tun, doch auch er musste sich stets mit konservativen Mehrheiten im Kongress abmühen. So haben sich von der Umweltgesetzgebung bis zum Strafvollzug, von der internationalen Politik bis hin zur Wirtschaftspolitik die konservativen Tendenzen voll durchgesetzt.

"Jobs" als oberstes Ziel

Dies kommt nicht von ungefähr, denn im Großen und Ganzen belegen Umfragen, dass die Mehrheit der Amerikaner ihr Wirtschafts- und Sozialsystem allen anderen Modellen vorziehen. Und das nicht nur, weil sich die Durchschnittsbürger ihres - international gesehen - extrem hohen Lebensstandards bewusst sind, sondern vor allem, weil in der wirtschaftspolitischen Zielsetzung "Jobs", also ein möglichst hohes Beschäftigungsniveau, an vordester Stelle stehen. Diesem Ziel hat man durch Deregulierung and Lockerung der Sozialgesetzgebung Rechnung getragen, denn Arbeitslosenzahlen wie in Deutschland oder Frankreich hätten in den USA bereits eine Revolution ausgelöst. Auch diesem Umstand liegt wieder ein sehr traditionelles oder, wenn man will, altmodisches Werteverständnis von Arbeit als Lebensinhalt und Persönlichkeitsbestimmung zu Grunde.

Vieles am scheinbaren Widerspruch zwischen fortschrittlich und vorsintflutlich ist eine Folge von Amerikas langer politischer Kontinuität, seinem Wertesystem, gepaart mit den scharfen, systemimmanenten, ideologischen Pendelbewegungen. Die Radikalität, mit der diese Entwicklungen ablaufen, mögen im kompromissfreudigen und zentristisch-orientierten Europa erschrecken, wo politische Mäßigung zum guten Ton gehört. Doch vermag das amerikanische System gerade durch seine Radikalität und Schärfe immer wieder von sich aus eine politische Dynamik zu entfachen, die für neue Herausforderungen innovative Lösungen findet. In den USA versteht es die Politik stets auf Neue, nationale Ziele zu artikulieren, die dann in einem gemeinsamen Kraftakt umgesetzt werden. Das mag oft sehr martialisch klingen ("war on poverty", "war on terrorism" . . .), doch am Ende stehen klare Resultate, für die sich die Führung dem Wähler gegenüber verantworten muss.

Wenn man sieht, wie schwer es den konsensorientierten politischen Systemen anderswo fällt, Schwung zu entwickeln, um die angestauten wirtschaftlichen, sozialen und sicherheitspolitischen Probleme in den Griff zu bekommen, dann mag die rauere amerikanische Gangart vielleicht gar nicht so schlecht sein.

Reinhard Heinisch ist Professor für Politikwissenschaft an der University of Pittsburgh.

Freitag, 18. Juli 2003 00:00:00
Update: Dienstag, 01. März 2005 12:16:00

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