Ein Vergleich des europäischen und des amerikanischen Wirtschaftssystems
Welches Modell ?
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Da in Amerika Arbeitskräfte viel billiger sind, gibt es in Supermärkten– im Gegensatz zu Europa – keinen Personalmangel. Bedienstete kümmern sich ums Einpacken, um Einfkaufswagen und zur Not auch um die Kinder. Dafür verdienen sie weniger und sind oft deutlich weniger qualifiziert und effizient. Foto: Begsteiger
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Von Reinhard Heinisch
Leider finden Diskussionen über die Modernisierung der Wirtschaft in Mitteleuropa auf einem betrüblich niedrigen Niveau statt, wobei die meisten Aussagen um die Begriffe "Neoliberalismus" und "Amerikanisierung" kreisen. Während Börsenanalysten die Wettbewerbsvorteile des US-Modells unreflektiert preisen, glauben deren Gegner, wie die deutsche Partei "Die Linke", die Welt wäre 1970 stehen geblieben. Die verängstigen Bürger aber denken, dass bei jeder notwendigen Reform der amerikanische "Turbokapitalismus" vor der Tür stünde. Dabei ist der Kapitalismus made in USA nicht immer so "Turbo", wie sich dies in diversen Managermagazinen liest. Das amerikanische Wirtschaftsmodell produziert nämlich auch erstaunliche Unzulänglichkeiten.
Ineffizienzen in den USA
Wenn man in den USA lebt, hat man sich an viele Ineffizienzen des täglichen Lebens längst gewöhnt. Etwa an den freundlichen Herrn im Fachgeschäft, der keine Ahnung hat, was er eigentlich verkauft; oder an die Kassiererin, die die Waren des eigenen Supermarktes oft nicht kennt und bei der Herausgabe des Wechselgeldes manchmal überfordert wirkt. Man schmunzelt über den Kellner, der auf die Frage nach dem Weinangebot meint, "Rote" und "Weiße" zu haben, um sich im Nachsatz als Bierliebhaber zu outen. Man ist glücklich, wenn man auf Flughäfen oder in Konferenzzentren auf Personal trifft, das des Englischen einigermaßen mächtig ist. Besonders berüchtigt sind Telefonate mit Versicherungen, Körperschaften und großen Firmen, deren Sachbearbeiter in Indien oder gar im Gefängnis sitzen, oder deren Sprachschatz Volksschulniveau vermuten lassen.
Diese Ineffizienzen des täglichen Lebens, die eine Folge mangelnder Ausbildung sind, summieren sich natürlich zu gewaltigen Beträgen, die die Wirtschaft jährlich verschmerzen muss. Dies ist die Kehrseite der liberalen Leistungsgesellschaft, in der Stärken und Schwächen sich genau umgekehrt verhalten zur sogenannten koordinierten Marktwirtschaft, wie es sie in den meisten kontinentaleuropäischen Ländern gibt.
Prinzipiell hat ein Wirtschaftssystem wie das amerikanische, in dem die Ausbildungszeiten kürzer und die Menschen weniger spezialisiert sind, Flexibilitäts- und Mobilitätsvorteile. Man kann Leute rascher umschulen, weil diese eher bereit sind, Neues zu lernen und nicht in bestimmten Denk- und Handlungsschablonen verhaftet sind. Andererseits bewirkt das US-Modell auch, dass man im unteren Dienstleistungsbereich oft auf die am schlechtesten ausgebildeten Arbeitskräfte trifft. Denn diese, im US-Jargon "Bottom Feeders" genannt, bleiben mangels Aufstiegsmöglichkeiten dort hängen.
Im Folgenden geht es nicht darum, die Mängel des amerikanischen Wirtschaftssystems vorzuführen, sondern es soll aufgezeigt werden, dass das kontinentaleuropäische wie das angloamerikanische Modell systemimmanente Schwächen aufweist, die sich aus deren Stärken in anderen Bereichen ergeben. Und weil jedes System gelernt hat, seine spezifischen Nachteile anderswo zu kompensieren, ist es erfolgreich. Doch eben deswegen ist es problematisch, Teilaspekte des jeweils anderen Modells unreflektiert übernehmen zu wollen und zu glauben, man könne fremde Vorteile ohne deren zwangsläufige Nachteile importieren.
In der liberalen US-Ökonomie sind alle wirtschaftlichen Akteure prinzipiell Konkurrenten. Dies betrifft nicht nur Firmen oder Arbeitgeber und Arbeitnehmer, sondern selbst die Gewerkschaften untereinander. Im permanenten Wettbewerb setzten sich zumeist die Besten durch, was Effizienzvorteile mit sich bringt. Jedoch ist dies nur ein Teil der Wahrheit. Diese Situation des win or lose führt zu einem Klima, in dem man keinem anderen Akteur wirklich trauen kann ( "Low Trust Environment" ).
Deshalb versuchen alle Handelnden ihre Positionen abzusichern, wobei sie eine Strategie der Risikominimierung verfolgen. Eine Firma investiert in der Regel möglichst wenig in die Ausbildung ihrer Arbeitnehmer, damit diese mangels Schutzbestimmungen nicht von der Konkurrenz abgeworben werden. Andererseits haben Dienstnehmer keinen besonderen Anreiz, eine langfristige Ausbildung in Kauf zu nehmen, da man jederzeit ohne Vorwarnung entlassen werden kann. Kollektiv gesehen, führt dies zu einer Unterinvestition an Humankapital. In bestimmten Gebieten, wie in der Hochtechnologie, Forschung und Medizin, machen die USA dieses Manko durch gezielte Immigration wett. Dass in anderen Bereichen gewisse Standards eingehalten werden, garantiert die sprichwörtliche Klagewut der Amerikaner. Allein 20 Prozent der Kosten im Medizinbereich werden für Rechtsschutzversicherungen, Gerichtsprozesse und Entschädigungszahlungen verwendet; nicht gerade eine ökonomische Form der Wirtschaftsregulation.
Bei einfacheren Berufen und angelernten Tätigkeiten liegt die Schwelle für den Arbeitseintritt jedoch extrem niedrig. Behörden prüfen bloß die gröbsten Sicherheitsbestimmungen, und jeder, der glaubt, Mechaniker, Friseur oder Bäcker zu sein, kann auf die Kunden losgelassen werden. Für Steuerberater und dergleichen gibt es ein paar Kurse, und viele Sekretärinnen sind beispielsweise nebenbei Notare. Zwar treibt dieses learning on the job Kunden manchmal zur Verzweiflung, nur muss man fairerweise feststellen, dass beinahe jeder, der will, irgendeine Arbeit findet. In Mitteleuropa hingegen wären die meisten dieser nur mangelhaft kompetenten Personen wahrscheinlich arbeitslos.
Rasches Umschulen
In beiden Systemen ist die wirtschaftliche Flexibilität von großer Bedeutung, allerdings entsteht sie auf verschiedene Weise; im US-System durch das rasche Umschulen der Mitarbeiter sowie durch Heuern und Feuern von Arbeitskräften. Das heißt, amerikanische Unternehmen nützen die Möglichkeit, sich kurzfristig genau jene Fähigkeiten aus dem Arbeitsmarkt herauszuholen, die eine Firma im Moment benötigt. Dies hat einerseits den Vorteil, dass sich US-Konzerne rasch auf neue Gegebenheiten einstellen können. In unserer – durch Interessengruppen koordinierten – Marktwirtschaft herrschen andere Spielregelen. Weil eben die Auflagen so hoch sind und es so schwierig ist, sich der Arbeitskräfte wieder zu entledigen, versucht man die Besten und Belastungsfähigsten einzustellen und sie möglichst nachhaltig zu schulen. Denn man will sie so flexibel wie möglich verwenden können. Im Stundenvergleich sind Europäer daher wesentlich produktiver als Amerikaner, was die dadurch wettmachen, dass sie viel länger arbeiten. Die Arbeitskraft in Kontinentaleuropa ist somit wesentlich kostspieliger, daher geht man mit ihr sparsamer um. Das heißt, wenn möglich wird sie ganz eingespart und durch Maschinen ersetzt. Gerade das hohe Lohnniveau in Europa ist ja auch ein permanenter Anreiz zur Innovation.
Allerdings sind die hohen Kosten des Faktors Arbeit auch ein Jobkiller: Besonders bei angelernten Tätigkeiten und im unteren Dienstleistungsbereich krankt das mitteleuropäische Modell daran, dass im Vergleich mit den USA die kürzeren Arbeitszeiten, die höheren Sozialabgaben und der bessere Kündigungsschutz die Arbeitskräfte viel teurer macht, gemessen an ihrer Produktivität. Daher greift man hier gern auf billigere ausländische Arbeitskräfte zurück. Wo dies nicht geht, versucht man überhaupt ohne Personal auszukommen. Dieser Umstand erklärt etwa die Personalarmut in österreichischen Supermärkten. In den USA dagegen trifft man bereits am Eingang auf einen freundlichen Mitarbeiter, dessen einzige Aufgabe darin besteht, die Kunden mit "hello" zu begrüßen.
Selbstverständlich sind die meisten Kassen geöffnet und die Bediensteten kümmern sich ums Einpacken, die Einkaufswagen und zur Not auch noch um die Kinder. Die Lebensmittel werden auf Wunsch zum Auto getragen und selbst beim Ein- und Ausparken ist jemand behilflich. Im Vergleich zu Europa ist ein kleiner US-Supermarkt ein echtes Jobwunder, freilich um den Preis, dass diese Angestellten viel weniger verdienen als europäische und oft weniger qualifiziert und daher weniger effizient sind.
Seine relative Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit erhält das US-Wirtschaftssystem auch über die alles entscheidenden Aktienmärkte. Die ständige Beobachtung des Kursniveaus und die notwendigen Anpassungen der Firmenstrategien bei Underperformance bedingen schnellere Reaktionszeiten amerikanischer Konzerne. Allerdings bewirkt die im Shareholder-Kapitalismus wichtige vierteljährliche Berichtspflicht über die Ertragssituation eher kurzfristige Unternehmenstrategien, was im Hinblick auf längerfristige Ziele, wie die Eroberung von Marktanteilen und neue Produktentwicklungen, von Nachteil sein kann.
Mangelhafte Infrastruktur
Ein anderes Problem des US-Systems ist die mangelhafte Investition in die öffentliche Infrastruktur, was bei der Überflutung von New Orleans angesichts unzureichender Dämme der staunenden Weltöffentlichkeit vor Augen geführt wurde. Längst kennt der in den USA Lebende die Schlaglöcher auf den Straßen, die, notdürftig geflickt, jedes Jahr wieder aufreißen. Man weiß um die chronische Finanzarmut der Städte – die musealen Wahlmaschinen oder der Zusammenbruch des Stromnetzes vor zwei Jahren erlangten internationale Berühmtheit. Die mangelnden Investitionen in die öffentliche Infrastruktur erklären sich daraus, dass aus der Sicht der Unternehmen (und auch vieler Bürger) zu hohe Ausgaben für das Gemeinwohl sich nicht rechnen. Zwar leuchtet auch US-Managern ein, dass schneefreie Straßen und pünktliche Verkehrsmittel die Produktivität erhöhen, doch wälzt man die Widrigkeiten der Verkehrsinfrastruktur großteils einfach auf die Arbeitnehmer ab, die eben entsprechend mobil sein müssen, wollen sie ihren Job behalten. Die übrigen Mängel der öffentlichen Infrastruktur werden durch Investitionen in die private (so gut es geht) kompensiert, was dem einzelnen Unternehmen dann doch konkrete Wettbewerbsvorteile bringt.
Die unternehmerische Antwort auf überfüllte Verkehrswege und den beklagenswerten Straßenzustand sind eine bessere Logistik, größere Trucks, effizientere Be- und Endladeterminals und neuerdings Tele-Commuting, wobei der Arbeitnehmer seine Büroarbeit gleich zu Hause verrichten kann. Natürlich bedingt die vergleichbar schlechte öffentliche Infrastruktur in jedem Fall volkswirtschaftliche Wettbewerbsnachteile gegenüber der internationalen Konkurrenz. Doch die USA leben einerseits ganz gut mit ihren großen Handelsbilanzdefiziten, denn nach wie vor wird aus dem Ausland stark in den Dollar investiert. Andererseits ist Amerika immer noch viel stärker vom eigenen Markt und daher viel weniger von Exporten abhängig als beispielsweise Deutschland oder Österreich.
US-Konzerne müssen, weil der Sozialstaat fehlt, zumeist Sozialleistungen, Krankenversicherung und Pension für ihre Angestellten mitfinanzieren. Dies kommt den Unternehmen zwar teuer, ist aber dennoch bei weitem nicht flächendeckend. Viele der Nicht- und Unterversicherten werden in den teuren Spitälern allerdings trotzdem behandelt. Die Kosten trägt die Allgemeinheit über die hohen Prämien der Privatkrankenversicherungen, deren Löwenanteil wieder die Arbeitgeber zu zahlen haben. So geben die USA einen höheren Anteil des Bruttosozialproduktes (14 Prozent) für Gesundheit aus als jedes andere westliche Land, ohne jedoch alle Einwohner entsprechend zu versichern.
Es ließen sich noch viele weitere Vor- und Nachteile beider Wirtschaftsmodelle aufzählen. Beide sind historisch gewachsen und entsprechen den bestehenden kulturellen und politischen Gegebenheiten. Die USA sind eine dynamische Einwanderer- und Aufsteigergesellschaft, wo hohe Arbeitslosenquoten wie in Europa politisch nie geduldet würden. Dafür ist die Öffentlichkeit bereit, auch viel niedrigere Löhne und geringere Sozialleistungen zu akzeptieren, denn in der Regel erreichen die Allermeisten doch ein Leben in materiellem Wohlstand. In Kontinentaleuropa hingegen war das größte politische Trauma der Klassenkonflikt. Daher entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg Stabilitätsmodelle, die auf einen Interessensausgleich, hohe Sozialstandards und eine Berechenbarkeit der Bedingungen ausgerichtet waren.
"Knowledge Economies"
Die Zukunft gehört weder dem amerikanischen bzw. neoliberalen Modell, noch dem kontinentaleuropäischen, sondern den sogenannten Knowledge Economies . Weniger das Hiring-and-Firing, sondern die Ausrichtung der Wirtschaft auf Wertschöpfung durch Wissen, Kreativität und permanente Innovation sowie das Eingehen auf sich ändernde Kundenbedürfnisse sind der Schlüssel zum Erfolg. Nach dem Prinzip des innovate and delegate liegt die größte Wertschöpfung im Entwickeln, Finanzieren und Vermarkten von neuen Produkten und weniger in deren Herstellung, die man den neuen Industrieländern überlassen wird müssen. Eine Produktion wird sich in Hochlohnländern nur rechnen, wenn sie hoch spezialisiert oder hoch effizient ist.
Die Herausforderung für die europäischen Marktwirtschaften ist daher nicht, das amerikanische Modell und damit auch dessen Ineffizienzen zu importieren, sondern das eigene System so weiter zu entwickeln, dass es diesen neuen Bedingungen gerecht wird. Dies bedeutet, wesentlich mehr als bisher in Forschung und Entwicklung zu investieren, und zu versuchen durch intelligente Zuwanderungspolitik ausländische Talente einzubürgern.
Globalisierung ist eine Tatsache, Amerikanisierung jedoch nicht. Beide Wirtschaftsmodelle müssen ihre jeweiligen Stärken und Schwächen auf die neuen Bedürfnisse einstellen. Es wäre daher hoch an der Zeit, für eine intelligentere Wirtschaftsdiskussion zu plädieren. Wer Amerikanisierung mit Globalisierung gleichsetzt, verunsichert die Menschen und gibt zu erkennen, dass er weder die eigene noch die US-Wirtschaft wirklich versteht.
Reinhard Heinisch, geboren 1963 in Klagenfurt, ist Professor für Politikwissenschaft an der University of Pittsburgh.
Freitag, 13. Jänner 2006 11:46:59