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Artikel aus dem EXTRA LexikonPrint this

Über die lange Konjunkturwelle namens "Kondratieff"

Zukunftswissenschaft

Von Peter F. N. Hörz

Wenn in der Nacht zum 1. Jänner 2001 die Sektflaschen entkorkt werden und abermals - und diesmal zum kalendarisch richtigen Zeitpunkt - der Eintritt in das neue Millennium gefeiert wird, dann werden sich vielerorts gemischte Gefühle einstellen: Zumindest abseits der rauschenden Feste oder am Morgen danach wird sich ein Hauch von Besinnlichkeit in die Partylaune einschleichen. Schließlich sind Jahreswenden, stets ein Anlass zum Rückblick und zu einem Versuch der Vorausschau. Ein kurzer Blick auf die Meilensteine technischer, wirtschaftlicher und kultureller Entwicklungen des vergangenen Jahrhunderts mag ein Gefühl dafür vermitteln, was die Zukunft bringen könnte. Wie werden die Schlüsseltechnologien aussehen, die die Menschheit im 21. Jahrhundert im doppelten Wortsinn beschäftigen werden, und wie wird die Kosten-Nutzen-Bilanz dieser Technologien unter Berücksichtigung aller Technikfolge-Parameter ausfallen? Wie werden die Zukunftsbranchen aussehen, in die der clevere Anleger schon heute investieren sollte? So fragen Bänker und Vermögensberater.

Die Zukunft beschäftigt unsere Psyche; der Gedanke an sie kann Zuversicht vermitteln oder düstere Prognosen hervorbringen, ganz nach der individuellen Gefühlslage des Gedankenträgers. In vielen Fällen gehen gelassene Katastrophenstimmung, euphorischer Aufbruch und stille Verstörung ein eigenartiges, quasi manisch-depressives Amalgam ein. In jedem einzelnen von uns mische sich "die Hoffnung auf das Neue und der Schrecken vor dem Neuen auf eine wundersame Weise", konnte man zur Jahreswende 1997/98 in der "Frankfurter Allgemeinen" lesen.

"Zukunft ist kein Schicksal, sondern das, was man daraus macht, für sich selbst und die kommenden Generationen", hat uns der noch im alten Jahrtausend verstorbene Zukunftsforscher Robert Jungk wissen lassen. Eine flotte Wendung, die Optimismus versprüht, wo ein labiler Indifferenzzustand zwischen "Hurra - alles wird wunderbar" und "Wehe wehe . . ." die Gefühlswelt bestimmt.

Jungks Botschaft ist nicht völlig falsch. Aber sie ist auch nicht völlig richtig, denn der Stoff, aus dem Geschichte gemacht wird - und alle Geschichte ist auch einmal Gegenwart gewesen - konstituiert sich aus dem Geflecht zahlreicher zweck- und damit zukunftsgerichteter Einzelinteraktionen unterschiedlicher Individuen und Gruppen. Und aus der "Verflechtung der Willensakte und Pläne von vielen Menschen" ergeben sich nach Norbert Elias "Strukturen und Prozesse (. . .), die keiner von den in sie verwickelten Menschen gewollt oder geplant hat". Vor dem Hintergrund dieser Einsicht freilich geriete jede Form der Zukunftsprognose zum Kaffeesatz-Orakel. Und dennoch: Strategien, seien sie nun militärischer, wirtschaftlicher oder politischer Natur sind nie völlig aus der Luft gegriffen, sondern fußen auf logischen Schlüssen und auf der Basis des empirischen Wissens der jeweiligen Strategen.

Mag Zukunft also auch nicht en detail voraussehbar sein, so vermittelt der konsequente Umgang mit der Empirie und die Kontextualisierung des empirischen Wissens doch zumindest eine Ahnung davon, was in Zukunft passieren wird oder vorsichtiger formuliert: was passieren könnte. Und weil es für uns alle stets interessant ist zu wissen oder wenigstens zu ahnen, was geschehen wird, beschäftigen sich immer wieder unterschiedliche Wissenschaftler mit der Zukunft auf der Basis empirischer Befunde. Nicht zuletzt gilt dies für die Ökonomen, welche als Volkswirte Prognosen und Handlungsempfehlungen für die Politik und die Allgemeinheit, als Betriebswirte indessen Szenarien für ihr Unternehmen oder Strategien für ihre Anleger erstellen.

Einen Ansatz für diese Szenarienbildung hat uns der sowjetische Ökonom Nikolai D. Kondratieff, Kommunist der ersten Stunde und doch ein marktwirtschaftlich orientierter Wirtschaftwissenschaftler, hinterlassen: In einer angesehenen deutschen Fachzeitschrift hatte Kondratieff, der, liberal wie er war, 1938 dem Stalinismus zum Opfer fiel, im Jahre 1926 einen Aufsatz über "Die langen Wellen der Konjunktur" vorgelegt. Hierin veröffentlichte Kondratieff seine Erkenntnisse, wonach die kurzen, bis zu drei Jahre langen, und mittleren, bis zu elf Jahre dauernden Konjunkturzyklen von langen Konjunkturwellen mit einer Dauer von etwa 40 bis 60 Jahren überlagert seien.

Empirische Befunde, die in der Folge wiederholt aufgegriffen und weiterentwickelt worden sind. Etwa von Joseph A. Schumpeter in dessen Werk über Konjunkturzyklen und in jüngster Vergangen-heit - vor dem Hintergrund krisenhafter Erscheinungen in der Marktökonomie der westlichen Welt - von Leo A. Nefiodow, einem deutschen Vordenker ökonomischer Entwicklungen und Informationstechnologien.

Wechselwirkungen

Die besondere Stärke der Theorie der langen Konjunkturwellen besteht vor allem darin, dass sie einen ganzheitlichen Zugang zu mannigfaltigen Zeitphänomenen in marktwirtschaftlichen Systemen ermöglicht. Zu Recht verweist Nefiodow darauf, dass Kondratieffs Konzept die einzige Theorie sei, "mit der die Wechselwirkungen zwischen der technologischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung überzeugend erklärt werden können". Dabei ist nach Nefiodow jede der bislang fünf nachgewiesenen langen Konjunkturwellen durch die Impulse ein(ig)er Basisinnovation(en) ausgelöst worden: Wurde die erste Kondratieff-Welle durch die Erfindung der Dampfmaschine ausgelöst, so konstituierte sich der zweite lange Konjunkturzyklus auf Grund der im 19. Jahrhundert entstandenen Eisenbahnnetzwerke.

Der dritte Kondratieff wurde bestimmt von den Anwendungen der Elektrizität und der chemischen Industrie, während die vierte Langwelle dem Autoboom der fünfziger und sechziger Jahre geschuldet war. Der fünfte Kondratieff schließlich baut auf die Nutzungsformen der Informationstechnologien auf.

Jede dieser Konjunkturwellen - dies ist leicht nachvollziehbar- hat die Gesellschaft und Kultur ihrer Zeit gründlich durcheinandergewirbelt, hat neue Arbeitsformen und Berufe, neue Lebensweisen und Konsumformen hervorgebracht. Der erste und zweite Kondratieff-Zyklus machte Bauern zu Arbeitern, der dritte bescherte uns u. a. das hellerleuchtete, bunte Nachtleben in den Städten und das unzerbrechliche Kaffeegeschirr. Im vierten Kondratieff entwickelte sich der Massenverkehr und der fünfte Kondratieff stellte den Computer ins Zentrum unserer Alltage.

Allein schon die Durchschlagskraft des Terminus "Informationsgesellschaft" als zwischenzeitlich selbstverständliche Zustandsbeschreibung westlicher Sozietäten, welche plötzlich durch das missverständliche und doch nicht völlig aus der Luft gegriffene Adjektiv "postindustriell" charakterisiert werden, belegt den nachhaltigen Wandel unserer Lebenswelt infolge der Innovationen aus der Computerindustrie. Ein Wandel, der sich in den neuen Maschinen abbildet - also in der Hardware: PC samt Peripheriegerätschaft, Telefax, computergesteuerten Werkzeugmaschinen, Industrierobotern, medizinischen Geräten, Laptops und Mobiltelefonen.

Abbildungen, die zweifellos die Kultur der am fünften Kondratieff beteiligten Regionen nachhaltig verändert haben oder noch im Begriff sind, diese zu verändern. In der Arbeitswelt bedeutet dies etwa: Auflösung hierarchischer Strukturen; Ausführung einfacher Arbeitsschritte durch Maschinen; verringerter Bedarf an minder qualifizierten Befehlsempfängern und verstärkter Bedarf an qualifizierten Mitdenkern; Verlagerung der wichtigen Arbeitsschritte in Büros, Konferenzzimmer und Kongresshallen, wachsende Bedeutung von Heimarbeit; abnehmende Bedeutung der Erzeugung von materiellen Gütern und zunehmende Wichtigkeit des Informationsmanagements.

Der Wendepunkt steht bevor

Soweit so gut möchte man sagen. Doch, welche Veränderungen dürfen wir erwarten, wenn die Produktivitätsreserven des fünften Kondratieff erschöpft sind und der Grundbedarf an computergestützten Produkten ausgereizt ist? Nach Nefiodow wird der Hoch- und zugleich Wendepunkt der fünften Kondratieff-Welle am Anfang des 21. Jahrhunderts erreicht sein. Der Abstieg der aktuellen Konjunkturphase steht uns also unmittelbar bevor. Schon seit den neunziger Jahren hat sich das Wachstum auf dem Markt der Informationstechnik verringert, die Produktivitätsreserven, die durch die Informationstechnik noch erschlossen werden können, werden kleiner und alle nennenswerten Branchen, für welche die Informationstechnik in Frage kommt, sind mit den entsprechenden Produkten im Grunde ausgestattet. Dennoch prophezeit Nefiodow eine weitere Bedeutungszunahme für den Informationsmarkt. Allein: Die Information dürfte sich zunehmend zum Wissen weiterentwickeln. Entscheidend also wird in erster Linie das zielführende Management mit Informationen, die gedankliche Vernetzung, die Interpretation und Analyse von Informationen, die selektiv wahrgenommen werden und zu produktivitätssteigernden Anwendungen gelangen müssen, um ein prosperierendes Wirtschaftsleben und eine neue, sechste Kondratieff-Welle in Gang zu setzen.

Neben der Umwelt(sanierungs)technologie und der Biotechnologie sieht Nefiodow die Produktivitätsreserven für die nähere Zukunft vor allem dort, wo differenzierte Information gefragt ist und dort, wo es gilt, die Folgekosten sozialer Schieflagen und psychischer Defizite zu kompensieren.

Dort, wo Arbeitsabläufe optimiert werden sollen, weil die gefragte Teamfähigkeit gestört ist, dort wo sich die kreativen Potentiale der Mitarbeiter nicht vollumfänglich entwickeln können, dort wo die Unternehmenskultur verbessert und damit neue Leistungsanreize geschaffen werden sollen, und dort, wo das Wissen um kulturelle Praxen und psychische Bedürfnisse die Kommunikation effizienter gestalten könnten, dort wird sich - der Logik von Nefiodow folgend - ein neuer Markt auftun, der sich von den bisherigen Märkten deutlich unterscheidet: Im sechsten Kondratieff werden weniger die verfügbaren Bodenschätze über den Wohlstand der technisierten (post-)industriellen Gesellschaften entscheiden, und auch die technischen Wissenschaften werden nicht mehr die bisherige zentrale Rolle bei der Wertbildung und Wertschöpfung spielen. Entscheidend werden vielmehr jene Arbeitsfelder sein, welche physische und psychische Gesundheit produzieren und jene Berufe, welche für das Wissen um Gesellschaft und Kultur verantwortlich sind.

Aus- und Weiterbildung, Gesellschafts- und Kulturanalyse, körperliches und seelisches Wohlbefinden (Wellness), Kunst und Kulturpfle-ge - all diese Bereiche könnten, so lässt sich aus Nefiodows Überlegungen folgern, Kandidaten für die zentralen Impulse zur Konstitution einer neuen langen Konjunkturwelle sein, denn auf all diesen Feldern leiden die abendländischen Gesellschaften unter gewaltigen Defiziten.

Noch freilich gibt es keine Warenbörsen für das Produkt "seelische Gesundheit", noch ist die Nachfrage nach sozial- und kulturwissenschaftlicher Expertise auf dem Consulting-Markt nicht voll entwickelt. Noch fließt allzu viel Risikokapital in Bereiche, die jenseits dessen liegen, was im sechsten Kondratieff zunehmend wichtig werden dürfte. Noch investiert man lieber in Wertpapiere auf dem Automobilsektor als in Opernhäuser, Vorstadtbühnen oder Volkshochschulen. Auf dem Feld des Sozial-, Kultur-, Bildungs- und Wissenschaftssponsoring indessen kündigt sich bereits auf leisen Sohlen an, was künftig zentrale Bedeutung haben wird: Investitionen in Bildung und Wissenschaft, Gesundheit und Soziales, Kunst und Kultur.

Literaturhinweise:

KONDRATIEFF, NIKOLAI D.: Die langen Wellen der Konjunktur. In: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 56 (1926).

NEFIODOW, LEO A: Der fünfte Kondratieff. Strategien zum Strukturwandel in Wirtschaft und Gesellschaft. Frankfurt/M./Wiesbaden 1991.

NEFIODOW, LEO A: Der sechste Kondratieff. Wege zur Produktivität und Vollbeschäftigung im Zeitalter der Information. 4. überarb. Aufl., St. Augustin 2000 (zuerst 1996).

Freitag, 29. Dezember 2000 00:00:00
Update: Dienstag, 01. März 2005 15:02:00

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