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Artikel aus dem EXTRA LexikonPrint this

Neuerscheinungen zum Thema "Wien" - ein Überblick

Die Stadt im Spiegel der Bücher

Von Hermann Schlösser

Wien-Bücher gibt es in großer Zahl, und alljährlich kommen neue hinzu. Doch ist das kein Schaden. Eine vielfältige und facettenreiche Stadt wie Wien kann Beschreibungen und Abbildungen in großer Zahl vertragen, und je verschiedener sie voneinander sind, desto besser ist es für den Betrachter. Wer eine Stadt aus unterschiedlichen Blickwinkeln anschaut, wird ihr am ehesten gerecht.

Als Einstieg empfiehlt sich die Historie, also zum Beispiel der Bildband "Wien - die Metropole in alten Fotografien". Vom späten 19. Jahrhundert bis in die 50er Jahre des 20. reicht hier die Bildauswahl. Gebäude und Verkehrsmittel werden gezeigt, vor allem aber rücken die Menschen ins Bild, die sich in dieser Stadt einst bewegten, arbeiteten und sich vergnügten.

Während dieser schöne, großformatige Bildband zu einer Reise in die Vergangenheit einlädt, befasst sich das kleinformatige Taschenbuch "Wien verstehen" vor allem mit aktuellen Perspektiven und Problemen. Die beiden Autoren, Heinz Fassmann und Gerhard Hatz, sind am Wiener Institut für Geografie und Regionalforschung tätig, und ihr Zugang zur Stadt ist wissenschaftlich: "Die Bezirke innerhalb des Gürtels gelten als gute, teilweise sogar als sehr gute Wohnbezirke, wobei jedoch ein zentral-peripher abfallender Gradient auffällig ist."

Wer sich von Sätzen dieser Art nicht abschrecken lässt, wird manche Probleme Wiens tatsächlich "verstehen". Das Buch ist als Führer zu verwenden, der Wege ins moderne Wien zeigt, kann aber auch als Sachbuch gelesen werden. Ausführlich analysieren die Verfasser die architektonische, bevölkerungspolitische und ökonomische Lage Wiens. Sie stellen eine Stadt vor, die einerseits von den baulichen Zeugnissen ihrer großen Vergangenheit geprägt ist, die aber andererseits vor einem gewaltigen Modernisierungsschub steht, den es vernünftig zu organisieren gilt. Wie beides unter einen Hut zu bringen wäre - das erklären die Verfasser anhand ausgewählter Stadtbezirke und Bauwerke. Ihre Befunde entsprechen weitgehend der Lagebeurteilung der Wiener Stadtregierung. Das Geleitwort zum Buch stammt denn auch von Rudolf Schicker, dem Stadtrat für Stadtentwicklung und Verkehr.

Während "Wien verstehen" einen sachbezogenen Zugang zur aktuellen Baupolitik der Stadt ermöglicht, porträtiert der Schriftsteller Ernst Molden seinen Geburts- und Wohnort mit poetischen Mitteln. Als neugieriger Stadtgänger wandert er bei Tag und bei Nacht durch die Wiener Bezirke, die er in dichterischer Selbstherrlichkeit "Distrikte" nennt. Den Schaustellerball in Transdanubien kennt er so gut wie den FKK-Strand in der Lobau oder die "Zauberklingel" im ersten Bezirk. Er ist gut Freund mit dem Hausmeister Franz und schwärmt für eine schöne junge Greißlerin, die sich noch Zeit für ihre Kunden nimmt. Und weil er ein Dichter ist, weiß er sogar, dass manche Wiener Charaktere in Wirklichkeit Engel sind.

Die Fotografien von Nikolaus Similache ergänzen Moldens verspieltverträumte Wien-Geschichten aufs Schönste. In ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Fotos hält der Fotograf bizarre und skurrile Momente aus dem Wiener Leben fest. Molden tritt als literarischer Einzelgänger auf, die Anthologie "Wien - Eine literarische Einladung", die Margit Knapp bei Wagenbach in Berlin herausgegeben hat, sammelt dagegen Texte mehrerer Autoren und Autorinnen. Manche von ihnen stammen aus Wien, andere hielten sich als Gäste in der österreichischen Hauptstadt auf. Moderne Klassiker der WienLiteratur wie Ernst Jandls Gedicht "Wien, Heldenplatz" stehen neben Reminiszenzen des Oberösterreichers Erwin Einzinger, der unter anderem davon berichtet, wie er als junger Mann nach Wien gefahren ist, um "The Who" in der Stadthalle zu hören. Es müssen nicht immer die Lipizzaner oder die Sängerknaben sein, die einen Reisenden dazu animieren, nach Wien zu fahren.

Zum Schluss noch ein Blick in ein Buch, in dem Wien nicht die Hauptrolle spielt: In seinem sehr beeindruckenden Fotoband "Euro-Outskirts" dokumentiert der französische Fotograf Rafael Font Vaillant die Randgebiete der großen Metropolen: Bahntrassen, Autobahnzubringer, Schrottplätze, Mülldeponien - also all die riesigen Nutzflächen, die jede Großstadt braucht, die aber zur Imagewerbung untauglich sind. Font Vaillant hat seine Bilder in Amsterdam, Berlin, Brüssel, Kopenhagen, Lissabon, London, Madrid, Paris, Rom und Wien aufgenommen. Wer in diesem Band blättert, wird bestürzt feststellen, dass sich die Bilder aus Wien von denen aus Paris oder Amsterdam nicht wesentlich unterscheiden. Das ist zwar zum Glück nicht die einzige Wahrheit über Wien, aber halt doch auch eine.

Hans Petschar/Herbert Friedlmeier (Hg.): Wien - die Metropole in alten Fotografien. Ueberreuter Verlag, Wien 2004, 303 Seiten.

Heinz Fassmann/Gerhard Hatz: Wien verstehen. Wege zur Stadt. Bohmann Druck und Verlag, Wien 2004, 312 Seiten.

Ernst Molden: Wien. Hinweise zum Umgang mit einer alten Seele. Mit Fotografien von Nikolaus Similache. Deuticke Verlag, Wien 2004, 165 Seiten.

Margit Knapp (Hg.): Wien. Eine literarische Einladung. Mit Illustrationen von Franziska Schaum. Wagenbach Verlag, Berlin 2004, 114 Seiten.

Rafael Font Vaillant: Euro-Outskirts. A hundred photos on the Edge of ten European Capitals. Editions Vilar, Ivry-sur-Seine 2004, 107 Seiten.

Freitag, 19. November 2004 00:00:00
Update: Dienstag, 01. März 2005 12:13:00

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