Höllenfahrt am Nachmittag

Text & Photos: M. Winterer

Gestaltung & Produktion: C. Hasil

Die Kunsteisbahn Innsbruck-Igls ist ein wahnwitziger Bau.
In einer Röhre aus Eis und Beton rasen die Sportler mit über hundert Sachen ins Tal. Die bange Testfahrt eines blutigen Laien.

Jetzt ist die Angst am größten. Kurz vor dem Start. Ein nichtsahnender Laie steht vor einem raketenförmigen Geschoss auf Kufen - einer Mischung aus einem Formel-1-Boliden und dem Projektil eines Jagdgewehrs. Es erinnert eher an ein Folter- als an ein Sportgerät.

Grinsend spricht der Pilot von Höchstgeschwindigkeiten weit über die hundert Kilometer pro Stunde und extremen Fliehkräften in den Kurven. Doch seine Stimme verschwimmt. Die letzten beiden Angstzigaretten werden wie in Trance geraucht. Mit weichen Knien steigt man in den Sarg aus Carbon. Schnell noch irgendwo festgekrallt und los geht’s.

Anders als im Profi-Sport wird der Bob nicht von vier muskulösen Sprintern im Laufschritt angeschoben, die ihre athletischen Körper in einem hochkomplexen Bewegungsablauf möglichst windschlüpfrig ins Gerät schmeißen. Heute reicht es langsam und im Sitzen los zu rattern, es wird ohnehin ziemlich schnell viel zu schnell werden.

Doch Wettkämpfe werden meist in dieser Phase entschieden. Wenige Hundertstel schlechtere Startzeiten bewirken oft Rückstände von Zehntelsekunden im Ziel – eine Welt in einem Sport, in dem zwischen Sieg und Niederlage nur Hundertstel entscheiden. Aus diesem Grund setzt man als Hintermänner meist Leichtathleten ein, schubkräftige Sportler, die dem Bob beim Start die nötige Beschleunigung mitgeben.

Das Tempo wird höher. Rasant zieht die verschneite Winterlandschaft vorbei. Nach zwei Haarnadelkurven erfolgt der erste vorsichtige Blick am Piloten vorbei auf die Bahn. Eine vage Vorstellung, was einen nun wirklich erwartet, beginnt sich zu formieren. Der Bob kracht über das holprige Eis.

Im Fernsehen scheinen die Gefährte wie auf Schienen talwärts zu schießen, doch man spürt viele kleine Unebenheiten unmittelbar in der Wirbelsäule. Keine Federung dämpft die Erschütterungen, die ohne Umweg in den untrainierten Körper fahren.

Das nächste Teilstück führt durch eine sanfte Rechts-links-Kombination am sogenannten Damenstart vorbei. Das Kratzen der Kufen steigert sich zu einem regelrechten Dröhnen - ein unverkennbares Indiz dafür, immer schneller zu werden.

Auf Eis, Beton und Ammoniak

Bis zu 130 Kilometer pro Stunde erreichen Profis in der Kunsteisbahn Innsbruck-Igls. Sie ist ein aberwitziges Bauwerk aus Eis und Beton. In Schlangenlinien zerschneidet sie die Landschaft auf einer Länge von 1270 Metern. Waren es in der Anfangszeit des Bobsports noch Waldwege, die seitlich mit Schneebanden abgesichert wurden, so fährt man heute in einer künstlich angelegten, teuren High-Tech-Bahn.

„Die Instandhaltung der Bahn kostet am Tag um die tausend Euro“, sagt Robert Manzenreiter, Verantwortlicher der Bob-, Rodel- und Skeletonbahn. Um die 5500 Quadratmeter große Fläche zu vereisen, wird Ammoniak durch ein 80 Kilometer langes Röhrensystem gepumpt. Das giftige Gas entzieht dem Beton Wärme, wodurch aufgespritztes Wasser auf dem unterkühlten Untergrund unmittelbar zu Eis gefriert.

Auf dem Fundament aus Eis, Beton und Ammoniak nimmt die Geschwindigkeit zu. Überraschender Weise verhält es sich mit der Angst genau umgekehrt. Denn je schneller der Bob, desto größer wird auch die Gleichgültigkeit über das, was nun passieren wird. Man hat es sowieso schon längst nicht mehr in der eigenen Hand.

Ein Hauch von Euphorie steigt hoch. Zumindest so lange, bis der Schlitten abrupt nach links in den sogenannten Kreisel einbiegt.

Der Helm wählt die andere Richtung und touchiert mit der rechten Kante des Chassis. Die geballte Härte der Zentrifugalkraft wird spürbar. Und sie lässt nicht mit sich reden, geschweige denn wieder los.

Wie Salat in der Schleuder drückt es den Bob und die Köpfe seiner Insassen in der 360-Grad-Kurve nach außen. Das Gefährt steigt die sechs Meter hohe Steilwand empor. Es ist unmöglich, gegen die Kräfte der Physik anzukämpfen, sie bringen den Körper in die Position, in der sie ihn eben haben wollen.

Enorme körperliche Belastungen

Profi-Bob-Fahrer sind durchtrainierte Menschen. Kein Wunder, ihre Körper müssen Belastungen von bis zu 5g standhalten – der fünffachen Erdbeschleunigung also. Wiegt ein Fahrer 90 Kilo, so wirken in schnellen Kurven 450 Kilogramm auf seine Schultern. Durch die sitzende Position wird das Gefühl der Körperschwere verstärkt. Das Blut sackt in die Beine, die Durchblutung des Gehirns lässt nach. Bei 4g können Sehstörungen, bei über 5g Bewusstlosigkeit einsetzen.

Kreiselausfahrt. Für den Bruchteil einer Sekunde lässt sich der Kopf wieder aufrichten, um in nächsten Moment auf die linke Seite zu klappen. Wie ein Torpedo schnellt der Bob durch Kurve acht und neun.

„Kurve neun ist die anspruchsvollste der gesamten Strecke, sie ist ganz schwer zu fahren. Durch die Fliehkraft treibt es dem Bob zweimal die Steilwand hinauf. Lenkt der Pilot zu spät ein, kommt er auch zu spät wieder aus der Kurve und er kommt unweigerlich zu Sturz“, erklärte Reinhard Poller, Generalsekretär des Österreichischen Rodelverbands und ehemaliger Bob-Profi in der vorangegangenen Besichtigung.

Der Pilot meistert die Kurven, ohne die Bande zu berühren.

An den Piloten stellt der Bobsport wohl die größten Anforderungen. Mittels Lenkseilen steuert er den Schlitten durch den Kanal, stets bemüht auf Ideallinien zu bleiben.

Er muss extrem gute Reflexe, ein ausgeprägtes Reaktionsvermögen und hohe feinmotorische Fähigkeiten besitzen. Schon kleinste Lenkfehler können bei hohen Geschwindigkeiten zu fatalen Stürzen führen.

Die große Linkskehre lässt einem den Atem stocken. Wieder gleitet der Bob die Eiswand hinauf, höher und höher, bis er in die Gerade einfällt. Das Dröhnen wird zum Rauschen. Irgendwo hier durchbricht das Projektil die 100-Stundenkilometer-Marke.

Gefährlicher Kampf um Höchstgeschwindigkeit

Zu schnelle Eisrinnen waren in der Geschichte des Sports immer wieder ein Problem. Die Veranstaltungsorte schienen sich mit Höchsttempi regelrecht überbieten zu wollen.

Dieser gefährliche Wettkampf endete bei den Olympischen Winterspielen im amerikanischen Vancouver 2010 mit einer Tragödie. Mit 144 Kilometer pro Stunde verunglückte der georgische Rodler Nodar Kumaritaschwilis in der Bahn von Whistler tödlich. Seither werden neu gebaute Strecken wieder langsamer geplant.

Es wird fast unwirklich leise im Helm. Mit dem Wissen, es in wenigen Sekunden geschafft zu haben, weicht die Angst einem absurden Hochgefühl. Das Labyrinth – eine hastige Kombination aus drei flachen Kurven – durchschlägt man fast unbewusst.

Die Geschwindigkeit ist längst zu hoch, um die Dinge außerhalb des Bobs wahrzunehmen. Die gewaltige Zielkurve vermittelt noch ein letztes Mal die ganze Macht der Schwerkraft. Waagrecht saust der Bob an leeren Zuschauerräumen vorbei.

Bei den Olympischen Spielen 1976 standen hier tausende Menschen. Auf dem historischen Hang des Patscherkofels holte der DDR-Pilot Meinhard Nehmer sowohl im Zweier- als auch im Viererbob überraschend die Goldmedaille.

Zwei Jahre zuvor war der Eiskanal fertiggestellt worden. Er ersetzte zwei ältere separierte Rinnen für Rodel- und Bobrennen. Somit konnten erstmals weltweit beide Bewerbe auf einer einzigen Bahn ausgetragen werden.

Aufgrund ihrer hohen Bau- und Wartungskosten gibt es derzeit weltweit nur 17 Kunsteisbahnen, die im Weltcup genützt werden können. Das nächste Großereignis in Igls wird die Bob- und Skeleton-Weltmeisterschaft im Februar 2016 sein.

Nach 58 läppischen Sekunden überfährt der Schlitten die Ziellinie. Dass die Strecke bereits längst wieder steil ansteigt, realisiert man im Inneren des Geräts jedoch nicht. Es fühlt sich immer noch recht flott an.

Erst als der Bob von mehreren Männern angehalten wird, scheint der Ritt über die olympische Kunsteisbahn Innsbruck-Igls vorbei zu sein. Man ist fast versucht laut „nochmal“ zu rufen, bis die Hals- und Rückenwirbelsäule dem Gehirn unmissverständliche Signale senden, lieber den Mund zu halten.

Die Siegeszigarette im Auslauf wird betont lässig geraucht. Sie schmeckt wesentlich besser als noch wenige Minuten zuvor.