)
Seit genau 40 Jahren ist am 9. Mai Europatag. Was schätzen junge Menschen an der EU? Und was stört sie?
Der Nationalfeiertag am 26. Oktober wird Jahr für Jahr gebührend begangen. Alle Kinder haben schul- und die meisten Erwachsenen arbeitsfrei, rot-weiß-rote Fahnen werden an die Hausfassaden gehängt, rund um den Wiener Heldenplatz demonstriert Österreich mit Leistungsschauen von Bundesheer, Polizei und Rettungsorganisationen seine Wehrhaftigkeit und Resilienz. Im Gegensatz dazu fällt der Europatag am 9. Mai in Österreich eher nicht auf.
- Kennst du schon?: EU-Budgetsünder mit Ansage
Dabei gibt es ihn schon seit 40 Jahren. 1986 wurde er eingeführt, um an den 9. Mai 1950 zu erinnern, als Frankreichs Außenminister Robert Schuman die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl vorschlug und damit den Grundstein für die heutige EU legte. Am heutigen 9. Mai ist ab 15 Uhr der Wiener Stephansplatz Schauplatz des Europe Day Festival. Neben Auftritten von Bundespräsident Alexander Van der Bellen, EU-Kommissar Magnus Brunner und anderen Spitzenpolitiker:innen gibt es auch viel Live-Musik von Jungen für Junge mit den Künstler:innen AVEC, Anna Ullrich, Julian Le Play, Endless Wellness und dem Voyage Voyage DJ Team.
Was Europa ebenfalls verbindet, ist der Eurovision Song Contest:
)
Aber wissen die jungen EU-Bürger:innen in Österreich den Europatag zu würdigen? Nun, zumindest sind laut einer market-Umfrage 71 Prozent der österreichischen Bevölkerung stolz, Europäer:innen zu sein – wobei die Zustimmung bei den Älteren sogar noch größer ist.
Allerdings haben andere Umfragen gezeigt: Der österreichische Nationalstolz ist mit über 80 Prozent noch ungleich größer als der Europa-Stolz. Was aber macht für die Jungen die Europäische Union aus? Was schätzt die Gen Z an ihr? Und was stört sie? Die WZ hat sich umgehört.
Lisa (21):
✔Ich finde, die EU ist grundsätzlich etwas Gutes. Europa ist ein Kontinent von lauter kleinen, eher machtlosen Ländern. Deshalb finde ich es gut, wenn man im wirtschaftlichen, politischen und sozialen Bereich zusammenarbeitet. Das sorgt für Stabilität.
❌Ein großes Problem ist die Unübersichtlichkeit. Es ist für viele schwer zu verstehen, wie die EU funktioniert und wie sie aufgebaut ist. Es ist eine sehr große Organisation und dementsprechend undurchschaubar.
Noah (20):
✔ Was ich an der EU schätze, ist die gemeinsame wirtschaftliche Sache, aber auch, dass man sich nach außen als Union präsentiert. Ich finde es sehr spannend, dass dieser Gedanke der europäischen Einigung schon im 18. Jahrhundert entstanden ist.
❌ Was stört mich? Hmm … Vor allem, weil ich aus Luxemburg komme und hier in Wien studieren kann, fällt mir eigentlich gar nichts ein, was ich schlecht an der EU finde. Ein Leben ohne die EU könnte ich mir nicht vorstellen. Gerade als kleines Land hängt meine Heimat Luxemburg von der EU ab und hat von ihr stark profitiert.
Sara (26):
✔ Die EU hat sehr viele Vorteile, auch für junge Menschen. Programme wie Erasmus oder die Reisefreiheit machen vieles einfacher. Es ist gut, dass es die EU gibt und dass sie eine Art europäisches „Wir“ geschaffen hat.
❌ Ein großer Nachteil ist die umständliche Bürokratie, wo ein paar Staaten einander gegenseitig hemmen und lahmlegen können. Und im Endeffekt wirkt es oft, als würde zwar sehr viel geredet, aber ohne Resultate. Und die Grenzpolitik etwa in der Balkan-Region geht gar nicht. Wir schmücken uns mit Menschenrechten, während wir Drittstaaten dafür bezahlen, dass sie auf schlimmste Art und Weise Menschen zurückhalten, die unter unwürdigen Bedingungen in von der EU finanzierten Lagern leben.
David (18):
✔ Wir haben einen großartigen Binnenmarkt. Hätten wir den nicht, würde das zu einer wirtschaftlichen Katastrophe führen.
❌ Die EU hat aber großen Reformbedarf. Es gibt viele Regulierungen, die Unternehmen dazu bringen, aus Europa in die USA oder nach China abzuwandern, was natürlich zum Verlust von vielen Arbeitsplätzen führen kann.
Amelie (20):
✔ Für mich persönlich war es vorteilhaft, als ich von meinem türkischen Pass auf den österreichischen wechseln konnte, dass ich dann bequem innerhalb der EU reisen konnte.
Paulé (26):
✔ Intern ist es schon sinnvoll, nicht gegeneinander zu arbeiten. Ich sehe auch für mich persönlich viele positive Dinge: die Reisefreiheit oder auch Rechte, die ich einklagen kann.
❌ Ich finde es sehr schade und auch besorgniserregend, dass die Grenzen innerhalb der EU wieder aufgebaut werden. Und die Außenwirkung der EU ist sehr problematisch. Ich glaube, sie führt auch dazu, dass wir uns nicht mit der kolonialen Vergangenheit Europas auseinandersetzen. Dabei wäre das dringend notwendig. Dem Rest der Welt ist klar, dass hinter der Außenpolitik der EU imperialistische Bestrebungen stehen. Da braucht man sich nur das Mercosur-Abkommen anzuschauen mit dem Narrativ, dass wir im Wettbewerb mit China und den USA stehen und deshalb aus anderen Ländern günstig Ressourcen rausholen müssen. Ich finde das grundverkehrt. Man sollte sich weniger darauf fokussieren, ein ökonomischer Akteur zu sein, und mehr darauf achten, wie man das Leben innerhalb der EU gestaltet, und versuchen, soziale Ungleichheit zu verringern.
Auch die Musiker:innen, die am Europatag auftreten, haben eine differenzierte Meinung von der EU.
AVEC (30):
✔ Am wichtigsten an der Europäische Union ist für mich ihr Friedensprojekt: Sie hat Zusammenarbeit dort geschaffen, wo Europa früher von Konflikten geprägt war. Besonders schätze ich außerdem die Freizügigkeit, durch die Menschen einfacher leben, arbeiten und reisen können.
❌ Am meisten stört mich an der Europäische Union ihre oft langsame und komplizierte Entscheidungsfindung, bei der wichtige Reformen Jahre dauern können.
Anna Ullrich (34):
✔ Ich liebe an der EU, wie sie Menschen verbindet und kreative Freiheit über Grenzen hinweg ermöglicht. Das ist gerade in der Musik unglaublich wertvoll. Am wichtigsten finde ich die Reisefreiheit.
❌ Am schwierigsten finde ich die oft langsamen, bürokratischen Prozesse.
Julian Le Play (24):
✔ Für mich ist die EU einer der wenigen verbleibenden Garanten in der westlichen Welt für Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Datenschutz und die Verteidigung unserer Demokratie. Ich schätze es, dass sie unsere unterschiedlichen Kulturen und Lebensweisen nicht als trennend, sondern vereinend lebt.
❌ Am meisten stört mich tatsächlich das Einstimmigkeitsprinzip und eine gewisse Trägheit, die damit kommt. Wir müssen in dieser sich schnell verändernden Welt schneller und manchmal auch entschlossener reagieren und dürfen da nicht von einzelnen destruktiven Mitgliedern ausgebremst werden. Nur als gemeinsame EU – und eben nicht in Einzelkämpfernationen – können wir sicherstellen, dass unsere Art, frei zu leben, nicht gefährdet wird.
Freiheiten und Benefits, aber mühsame Bürokratie und Stillstand
Fazit: Gerade junge Menschen in Österreich, die ein Leben ohne die Europäische Union gar nicht kennen, wissen durchaus zu schätzen, welche Freiheiten, Benefits und auch Sicherheit ihnen die Staatengemeinschaft bringt. Sie nehmen aber gerade dieses große politische Projekt auch als sehr behäbig war. Vielleicht auch mit Blick auf die dauernden Blockaden etwa durch Ungarns scheidenden Premier Viktor Orbán würden sie sich mehr Reformen und weniger Stillstand wünschen.
Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.
Infos und Quellen
Daten und Fakten
Die Anfänge der EU gehen auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zurück. Am 18. April 1951 unterzeichneten zunächst sechs Staaten den Gründungsvertrag der Europäischen Gemeinschaft (EG) für Kohle und Stahl, der am 23. Juli 1952 in Kraft trat. Die Gründungsmitglieder Belgien, Bundesrepublik Deutschland (BRD), Frankreich, Italien, Luxemburg und Niederlande schufen eine Montanunion ohne Zölle. Indem die Wirtschaft dieser Länder miteinander noch stärker verwoben wurde, sollten Gründe für weitere Kriege wegfallen. Federführend war damals der französische Außenminister Robert Schuman, der als einer der Gründerväter der Europäischen Union gilt. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte bekam die EG immer mehr Mitglieder, öffnete mit dem Schengener Übereinkommen ab 1985 die Binnengrenzen zwischen den Mitgliedstaaten und wurde mit dem Vertrag von Maastricht 1992 zur Europäischen Union (EU), die nun politisch eine immer größere Rolle spielte. 1995 trat Österreich der EU bei, die heute 27 Mitglieder hat, von denen 21 auch eine Wirtschafts- und Währungsunion (Eurozone) bilden.
Damit hat sich weitgehend das erfüllt, was sich bereits die Aufklärer:innen des 18. Jahrhunderts wünschten. Als Vorbild sahen sie unter anderem am 4. Juli 1776 gegründeten Vereinigten Staaten von Amerika (USA). Schon davor hatte der französische Philosoph Abbé de Saint-Pierre im Jahr 1713 in seinem Werk „Projet pour rendre la paix perpétuelle en Europe“ („Projekt für einen ewigen Frieden in Europa“) einen europäischen Bund souveräner Fürsten vorgeschlagen, der Konflikte friedlich lösen sollte. 1795 entwarf der deutsche Denker Immanuel Kant in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ die Idee eines Völkerbundes freier Republiken, um Kriege zu verhindern. Auch seine Zeitgenossen Jean-Jacques Rousseau und Voltaire setzten sich mit der Frage einer europäischen Identität und einer föderativen Ordnung auseinander. Doch die Idee einer europäischen Einigung stand im Widerspruch zum englischen, französischen, österreichischen, preußischen und russischen Großmachtstreben, das in mehreren großen Kriegen (etwa dem Siebenjährigen Krieg von 1756 bis 1763 oder dem Spanischen Erbfolgekrieg von 1701 bis 1714) gipfelte – wobei genau diese Kriege der Grund waren, warum sich die großen Philosophen eine europäische Einigung wünschten. Umso wichtiger ist das Friedensprojekt der Europäischen Union einzuschätzen.
Quellen
- Aktivitäten zum Europatag in Österreich
- Programm zum Europatag in Wien am 9. Mai (ab 15 Uhr)
- Geschichte und Pioniere der EU
)
)
)
)
)