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Achtung, dieses Medikament verändert deine Darmflora

6 Min
Unser Mikrobiom baut sich ab der Geburt auf. Nun könnte es eines Tages darüber entscheiden, welche Medikamente wir verschrieben bekommen.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser

Diesen Warnhinweis sucht man bisher auf Beipackzetteln vergeblich. Dabei beeinflusst ein Drittel aller Medikamente das Mikrobiom – oft mit Folgen für Wirkung und Nebenwirkungen. Forschende arbeiten an einer Medizin, die diesen Faktor mit einbezieht.


Wir sind nie allein. In uns leben Trillionen von Bakterien, Pilzen, Keimen, Viren und Bazillen, die den Stoffwechsel, das Immunsystem und das Gemüt beeinflussen. Ohne dieses Mikrobiom würde der Körper nicht funktionieren.

Wir sind außerdem immer in der Unterzahl. Denn unsere Geschichte mit dem Mikrobiom beginnt mit der Geburt: Es baut sich ab dem Moment auf, an dem wir zur Welt kommen. Insbesondere eine ausgeglichene Zusammensetzung unserer Bakterien im Darm hält uns gesund. Nun könnte es eines Tages darüber entscheiden, welche Medikamente wir verschrieben bekommen.

„Ein Drittel der Medikamente, die Menschen einnehmen, enthält Chemikalien, die Veränderungen des Darm-Mikrobioms auslösen“, sagt der Biologe Michael Wagner von der Universität Wien zur WZ. Das könne schädlich sein, weil das Darm-Mikrobiom dadurch verarmen würde. Wagner will es in Balance halten. Mit seinem Team hat er sich der Erforschung der Wechselwirkungen zwischen Arzneimitteln und unserer nützlichen Bakteriengemeinschaft verschrieben. Das Ziel: eine neue personalisierte Medizin, die auf diese abgestimmt ist.

Warum ist das sinnvoll? Weil jedes Mikrobiom einzigartig ist und daher jedes Medikament, das es beeinflusst, bei unterschiedlichen Menschen anders gelagerte Wirkungen, Neben- und Wechselwirkungen auslösen kann.

Schon bei der Geburt geht es los

Wie kommen wir zu dieser Einzigartigkeit? „Beim Weg aus dem Mutterbauch nehmen Babys das Vaginalmikrobiom der Mutter über den offenen Mund auf. Das ist ein pulsierender Vorgang mit Wehen und Kontraktionen, der den Kontakt mit dem Mikrobiom verstärkt, welches wichtig ist, um die Muttermilch zu verdauen. Die Mutter bereitet diese Erstausstattung schon während der Schwangerschaft vor“, sagt die Mikrobiologin Christine Moissl-Eichinger von der Universität Graz zur WZ. Muttermilch enthält spezielle Zucker, von denen sich unsere nützlichen Mikroben ernähren, und so baut sich eine stabile Zusammensetzung auf, die innerhalb von Familien und sogar über Generationen weitergegeben wird. (Siehe Infos und Quellen.)

Wenn ab dem Alter von vier bis sieben Monaten feste Nahrung im Spiel ist, baut sich unsere nützliche Bakteriengemeinschaft noch einmal um. Bis zum ersten Lebensjahr lernt das Immunsystem, welche Bakterien, Pilze, Keime, Viren und Bazillen zu einem selbst gehören und welche nicht, sprich welche dem Körper guttun und welche ihm schaden. Es akzeptiert dabei all jene Mikroben, die es schon kennengelernt hat, und lernt, auch mit anderen Bakterien und Allergenen umzugehen. „Wenn das Abwehrsystem das nicht lernt, können später zum Beispiel Allergien auftreten. In den ersten Lebensjahren geht es daher um möglichst viel Kontakt zu Mikroben“, erklärt Moissl-Eichinger: „Zwar sollte man Kinder auf keinen Fall absichtlich Krankheitserregern aussetzen, aber mit Pflanzen und Tieren im Freien zu sein hilft“, sagt sie.

Komplex wie ein fertiges Puzzle

So weit, so hilfreich. Ansonsten ist das gesunde Mikrobiom so komplex wie ein fertiges Puzzle. Jeder Mikrobentyp hat seine Funktion, es gibt keine Lücken. Doch die Puzzleteile können im Laufe des Lebens durcheinandergeraten. Dann fehlen wichtige Funktionen und Erkrankungen können entstehen. Die Ursachen werden erforscht. „Wenn wir ein erkranktes Mikrobiom mit einem gesunden vergleichen, können wir bisher nur 40 Prozent der Gründe erklären. Sport, Ernährung, die Art des Aufwachsens in Stadt oder Land, der Wohnort, von wie vielen und welchen Personen wir umgeben sind oder ob wir ein Haustier haben, tragen dazu bei“, erläutert Moissl-Eichinger. (Infos und Quellen)

Wie die WZ berichtete, gehen fast alle Erkrankungen mit Veränderungen in der Zusammensetzung des Mikrobioms einher. Und da würden nicht zuletzt Medikamente die Bakteriengemeinschaft in und auf uns „in fast allen Fällen“ beeinflussen, wie die Forscherin meint.

Machen Medikamente selbst krank? Michael Wagner sagt nein. Allerdings sollten sie nur dann eingenommen werden, wenn sie wirklich benötigt werden. Von Antibiotika bei jeder Verkühlung rät er ab, diese seien vielmehr bei hartnäckigen Infekten – wie schwerem Husten und Schnupfen – mit bakterieller Ursache sinnvoll.

Ein Viertel der Jungen nimmt Medikamente ein

Von Antibiotika über Psychopharmaka und Schmerzmittel bis hin zu Tabletten gegen chronische Erkrankungen: In Österreich nimmt nahezu ein Viertel der jungen Menschen unter 29 Jahren täglich Arzneimittel ein. Verteilt über alle Altersgruppen ist es fast die Hälfte. Bisher hatte man angenommen, dass Gründe für Wirksamkeit, Verträglichkeit und Nebenwirkungen in der genetischen Veranlagung liegen, was eben doch nicht der Fall ist.

Wagner und sein Team mischen Stuhlproben mit unterschiedlichen Medikamenten, um zu erforschen, wie die Wirkstoffe die Lebensgemeinschaften der Darmbakterien unter sauerstofffreien Bedingungen, so wie sie im Darm gegeben sind, verändern.

Die Erkenntnisse: Ein Breitbandantibiotikum hinterlässt seine Spuren über Jahre in der mikrobiellen Population im Darm. Was im Fall dieses Bakterien-Vernichters logisch erscheinen mag, überrascht bei Tabletten etwa gegen Diabetes oder Parkinson. Denn auch Nicht-Antibiotika schwächen die natürliche Schutzfunktion des Darms, sodass sich krankmachende Bakterien leichter dort ansiedeln können. Manche Arzneimittel gegen die neurodegenerative Erkrankung Parkinson etwa binden Eisen, was einen Eisenmangel im Dickdarm erzeuge und Krankheitserregern, die an einen niedrigen Eisengehalt angepasst seien, Tür und Tor öffne. Auch manche Antidepressiva, die die Botenstoffe im Gehirn gezielt beeinflussen, würden die Darmbakterien durcheinanderbringen. Und nicht zuletzt würden einige Medikamente, die gegen zu viel Magensäure genommen werden, ebenso wie solche gegen Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse mit der Bakteriengemeinschaft im Darm interagieren.

Die Beziehung ist keine Einbahnstraße

Die Beziehung ist jedoch keine Einbahnstraße. Medikamente verändern das Mikrobiom – doch das Mikrobiom verändert auch die Medikamente. „Es entstehen komplexe Wechselwirkungen zwischen den Chemikalien und den Mikroben, die auch zur Folge haben können, dass die Arzneistoffe gar nicht wirken“, erläutert Wagner. „In manchen Fällen verändern die Bakterien die pharmazeutischen Mittel, indem sie sich mit ihnen vollpumpen, sie verstoffwechseln und chemisch umbauen. Andere Wirkstoffe sind giftig für die Bakterien, wieder andere werden von ihnen gefressen. „Dieses komplexe Netzwerk aus Chemie, Mikrobiomforschung und dem Menschen, das im Darm neue Produkte entstehen lässt und die Mikroben-Konzentration verändert, wollen wir verstehen.“

Vielleicht wird deshalb eines Tages nicht mehr nur Blut abgenommen, sondern auch eine Stuhlprobe analysiert, bevor ein Medikament verschrieben wird. „Wenn ich weiß, welcher Mikrobiomtyp Sie sind, kann ich besser vorhersagen, welche Mittel bei Ihnen wirken werden, und welche Nebenwirkungen sie bei Ihnen auslösen. Damit kann geholfen werden, eine personenspezifische Medikamentenauswahl zu treffen“, erklärt Wagner. Und statt eines allgemeinen Beipackzettels bekommt dann jeder einen eigenen – abgestimmt auf das Mikrobiom, das sie oder ihn seit der Geburt begleitet.


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Christine Moissl-Eichinger, geboren 1976 in Vilsbiburg, ist eine deutsche Mikrobiologin mit den Forschungsschwerpunkten mikrobielle Ökologie, menschliches Mikrobiom und Archaeen. Sie ist Professorin für Interaktive Mikrobiomforschung an der Medizinischen Universität Graz und wissenschaftliche Ko-Direktorin des Cluster of Excellence „Microbiomes drive Planetary Health“, einem Forschungsverbund des Wissenschaftsfonds FWF von 30 Projekten in Österreich.
  • Michael Wagner, geboren 1965 in München, ist ein deutscher Mikrobiologe und Hochschullehrer mit den Forschungsschwerpunkten Mikroorganismen, Ökosysteme und Stoffkreisläufe. Er ist Professor für Mikrobielle Ökologie an der Fakultät für Lebenswissenschaften der Universität Wien, leitet das Department für Mikrobiologie und Ökosystemforschung und ist wissenschaftlicher Ko-Direktor des Cluster of Excellence „Microbiomes drive Planetary Health“.

Daten und Fakten

  • Unser Mikrobiom lebt in uns und hält uns gesund. Es ist kein Organ, das wir besitzen, sondern ein Ökosystem, das uns bewohnt, und das wir unser Leben lang pflegen – oder schädigen. Insbesondere im Darm spielt es für die Energieverwertung, die Verdauung und sogar die Psyche eine große Rolle. Fast alle Erkrankungen gehen mit Veränderungen seiner Zusammensetzung einher, die ein Ergebnis der Lebensweise sind.
  • Kaiserschnitt: Babys nehmen bei der Geburt auf dem Weg aus dem Mutterbauch das Vaginalmikrobiom der Mutter auf, das die Erstausstattung an nützlichen Bakterien darstellt. Lange gab es Befürchtungen, dass Kinder, die nicht vaginal, sondern per Kaiserschnitt geboren werden, einen Nachteil bei ihrer mikrobiellen Ausstattung haben. Es stellte sich jedoch heraus, dass das Stillen solche Nachteile wieder aufheben kann, weil wichtige Mikroben auch über die Muttermilch weitergegeben werden.
  • Brutkasten: Bei Frühgeborenen im Brutkasten ist die Mikrobiom-Entwicklung verzögert. Es gibt Milchprodukte mit Probiotika, mit denen versucht wird, die Muttermilch nachzubauen. „Das ist zwar nicht so perfekt wie die Muttermilch, weil die Muttermilch individuell spezifisch ist wie der Fingerabdruck der Mutter ist, und diese Passgenauigkeit kriegt man mit Produkten nicht perfekt hin. Aber es funktioniert trotzdem gut, wie man an Frühgeborenen sieht, die in vielen Krankenhäusern Probiotika bekommen“, sagt Christine Moissl-Eichinger.
  • Familie und Haustiere: Der unbewohnte Darm ist wie ein Magnet, der alles aus der Umgebung aufnimmt, und je vielfältiger diese Umgebung ist, umso besser kann sich die Anpassung entwickeln. Familien, Wohngemeinschaften und Paare passen ihr Mikrobiom aneinander an. Auch ein Haustier verstärkt die mikrobiomtechnische Verbindung, weil innerhalb von Familien und Lebensgemeinschaften alle das Tier streicheln.
  • Prozessiertes Essen: Hochprozessiertes Essen aus der Packung ist an die direkte, einfache Aufnahme des Körpers angepasst. Für das Mikrobiom ist es keine Nahrung, weil die Ballaststoffe fehlen.
  • Energy Drinks werden zumeist schon im Dünndarm, wo das Koffein absorbiert wird, aufgenommen. Das hat einen leichten Einfluss auf die Verdauung und durch den Koffeinzusatz muss man vielleicht häufiger schnell aufs Klo. Aber mit den Darmbakterien, die im Dickdarm angesiedelt sind, haben diese Getränke wenig zu tun.
  • Mikronährstoffe: „Auch Mikronährstoffe sind ein Thema für den Dünndarm, der im gesunden Zustand kaum Mikroben enthält. Sie kommen nicht im Dickdarm an, weswegen sie keinen Benefit für unser Mikrobiom haben“, stellt Moissl-Eichinger klar.
  • Probiotika: Dazu gibt es verschiedene Berichte. Manche Personen geben an, von ihnen zu profitieren, andere empfinden keinen Benefit. Studien zufolge re-etabliert sich das eigene Mikrobiom jedenfalls nach Durchfall oder Antibiotika-Einnahmen wieder besser, wenn man Probiotika einnimmt.
  • Fiber Maxxing, bei dem man so viele Ballaststoffe wie möglich aufnehmen sollte, macht hingegen wissenschaftlich durchaus Sinn. Die WHO setzt ihre tägliche Ballaststoff-Empfehlung relativ hoch an mit 25 Gramm pro Tag, „und da muss man sich schon bemühen, das zu schaffen“, sagt Moissl-Eichinger. Sie empfiehlt viel Gemüse und Vollkornprodukte.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

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