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Ein toxischer Social-Media-Trend begeistert Millionen, gilt, historisch betrachtet, als neuester Schrei, stammt aber in Wirklichkeit aus dem frühen 19. Jahrhundert.
Der Mann ist Ernährer, Beschützer, Anführer. Er steht hierarchisch über der Frau, ihre Meinung oder Gefühle haben für ihn kaum Bedeutung. Wobei der Mann selbst kaum Emotionen zeigt, sich nie aus der Ruhe bringen lässt, abweisend-kühl auf andere wirkt und zielgerichtet nach Geld, Macht und Status strebt. Er strahlt eine natürliche Autorität aus und hat, ohne viel machen zu müssen, seine Partnerin „im Griff“.
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Was das sein soll? Ein Männerbild, das so genannte „Alpha Males“ in sozialen Medien verbreiten. Eine belächelte Randerscheinung sind sie nicht, denn die Zahl der Follower geht in die Millionen. Und es ist genau die Vorstellung von hegemonialer Männlichkeit, die der amtierende US-Präsident Donald Trump verkörpert und die ihm geholfen hat, von einer Mehrheit der US-Amerikaner:innen gewählt zu werden.
Aber woher kommen eigentlich die Ideen, die Typen wie Andrew Tate – eine allseits bekannte Ikone der Alpha-Male-Bewegung – verbreiten?
Schuld ist die Industrielle Revolution
„Alphamänner“ vertreten Werte und Vorstellungen, die in der bürgerlichen Welt des 19. Jahrhunderts entstanden sind und noch lange danach prägend waren. Das Konzept beruht auf der Aufteilung der Welt in einen außerhäuslichen Bereich des Geldverdienens, wo Konkurrenz herrscht, Härte und Durchsetzungsvermögen gefragt sind. Auf der anderen Seite steht der Raum, in dem es um Kindererziehung, gemütliche Ausgestaltung des Heims, Liebe und Geborgenheit geht. Welt Nummer eins ist dem Mann zugeordnet, Welt Nummer zwei der Frau, wobei der Mann in dieser bürgerlichen Ordnung als Oberhaupt der Familie alle wesentlichen Entscheidungen trifft.
Das Konzept der Arbeitsteilung je nach Geschlecht ist auf eine Sozialordnung zugeschnitten, wie sie im Zuge der industriellen Revolution entstanden ist, als Begriffe wie Konkurrenz und kapitalistisches Leistungsstreben gesellschaftspolitisch zentral wurden. Historiker:innen haben herausgefunden, dass vor dieser tiefgreifenden Veränderung – also noch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts – die Aufgabenbereiche zwischen Mann und Frau nicht fix aufgeteilt waren und die Frau in der Familie dem Mann nicht automatisch untergeordnet war. Die Rollen im Haus waren vielmehr gleichwertig verteilt.
Sehnsucht nach der großen Idylle
Zu einer Renaissance des altbackenen Familienbildes kam es in den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts, als nach den Verwüstungen des Zweiten Weltkrieges die Sehnsucht nach Sicherheit, Geborgenheit und Übersichtlichkeit groß war. Die klassische Idylle damals bestand aus einer Zwei-Generationen-Familie in einem kleinen Haus mit Garten und zwei Kindern (möglichst ein Bub und ein Mädchen). Mit einer Ehefrau, die sich um den Haushalt kümmert und einem Gatten, der die Nummer eins ist, das Geld herbeischafft und sich nach getaner Arbeit zufrieden am wärmenden heimatlichen Herd eine Tabakpfeife ansteckt.
Ein Szenario, das damals schon hoffnungslos antiquiert, aber noch lange in den Köpfen der Menschen präsent war. Eine gesellschaftspolitische Konserve, die jetzt gerade in der radikalen Spielart der „Alpha Males“ neu aufgeschüttelt wird und nebenbei dazu beiträgt, dass die USA politisch um Jahrzehnte zurückgeworfen werden.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Andrew Tate, Jahrgang 1986, ist ein US-amerikanischer Unternehmer und war früher Kickboxer. Er erlangte als Influencer in den sozialen Medien große Bekanntheit und fällt durch chauvinistische und frauenfeindliche Äußerungen auf.
- Die Industrielle Revolution umfasst den Prozess der Einführung der Massenproduktion in Fabriken und die damit verbundene Ablösung der Agrarwirtschaft um 1750 in Großbritannien. Damit einher gingen radikale gesellschaftliche Veränderungen wie etwa die Entstehung eines Proletariats, das in Armut lebte. Es etablierten sich gleichzeitig klassische bürgerliche Werte wie Leistungsbereitschaft, Konkurrenzdenken und Streben nach ökonomischem Erfolg. Das Verhältnis zwischen den Geschlechtern änderte sich im Bürgertum ebenfalls grundlegend: Der Mann war berufstätig, die Frau wirkte ausschließlich im Privaten.
- US-Präsident Donald Trump hält mit seinen frauenverachtenden und sexistischen Einstellungen nicht hinterm Berg, wurde 2024 trotzdem von 45 Prozent der Frauen, die zu den Urnen schritten, ins Amt gewählt. Seinen Unterstützerinnen gefällt laut diversen Umfragen unter anderem, dass Trump angeblich „ehrlich“ sei, er sei „ein Mann, auf den man sich verlassen kann“ und „authentisch“. Viele Trump-Wählerinnen finden auch, dass es in den USA „heute an starken Männern fehlt“.
Quellen
- Wissenschaftlicher Artikel von Reinhard Spree: Geschlechterverhältnis und bürgerliche Familie im 19. Jahrhundert
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